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Frühe Neuzeit

J. Wallmann: Der Pietismus

 

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Informations sur cette contribution

Autor(en):Wallmann, Johannes
Titel:Der Pietismus. Ein Handbuch
Ort:Stuttgart
Verlag:UTB
Jahr:2005
ISBN:3-8252-2598-4
Umfang/Preis:243 S.; € 12,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Hedwig Richter, Universität zu Köln
E-Mail: <herichtergmx.de>

CitationHedwig Richter: Rezension zu: Wallmann, Johannes: Der Pietismus. Ein Handbuch. Stuttgart 2005, in: H-Soz-u-Kult, 31.07.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-074>.

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07.09.2006 Richter, Hedwig <herichtergmx.de>
Re: Antwort auf Michael Kannenberg


05.09.2009 Kannenberg, Michael <oekolampadweb.de>Clio-online Forscher/innen-Verzeichnis
Re: Rez. FNZ J. Wallmann, Der Pietismus

Im ersten Moment denkt man: Aha, wie schön! Eine Profanhistorikerin liest und rezensiert ein kirchenhistorisches Standardwerk der Pietismusforschung. Doch, oh je! Auf den zweiten Blick stellt man fest, dass die Rezensentin wohl nicht die Richtige war, um die auch von ihr beklagte „Mauer zwischen Profan- und Kirchenhistorikern“ ein wenig abzutragen. Und diese Mauer behindert nach wie vor die gegenseitige Wahrnehmung. Leider ist auch Hedwig Richter ihr Opfer geworden. Ich greife drei Punkte heraus.

Zur Pietismus-Definition: Dass es innerhalb der kirchenhistorischen Pietismusforschung seit einiger Zeit eine heftige Debatte über die Definition des Pietismusbegriffes gibt, hat Richter zwar wahrgenommen, bei den Zuordnungen tut sie sich aber schwer. So beruft sich der von ihr rezensierte Johannes Wallmann für seine engere Definition natürlich nicht auf Albrecht Ritschl (nicht „Ritschel“!), einen Theologen des 19. Jahrhunderts. Denn der hatte in seiner „Geschichte des Pietismus“ [1] ja gerade eine Erweiterung und Ausdehnung des Pietismusbegriffes vorgenommen. Wallmann plädiert vielmehr für eine Begrenzung des Pietismusbegriffes im engeren Sinn auf die um 1670 beginnende religiöse Erneuerungsbewegung, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihr Ende gefunden habe. Über diese Eingrenzung kann und muss man streiten. Man sollte ihr aber nicht vorwerfen, sie falle „hinter den weiteren Pietismusbegriff des neuen Standardwerks ‚Pietismus und Geschichte’ zurück“. Wallmanns engere Definition zielt auf einen Epochenbegriff. Das neue vierbändige Standardwerk „Geschichte des Pietismus“ [2] -– so der korrekte Titel – legt dagegen einen funktionalen Begriff zugrunde, der den Pietismus als Frömmigkeitsbewegung zu fassen sucht. Die Frage ist also nicht, wer hier hinter wen zurückfällt, sondern wer den Personen, Verhältnissen und Phänomenen, die mit dem Begriff Pietismus jeweils erfasst werden sollen, eher historische Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Und damit zur Gerechtigkeit unter Historikern und Historikerinnen: Natürlich ist es ein Problem, dass vor allem die mittlerweile in die Jahre gekommene kirchenhistorische Pietismusforschung – vornan Johannes Wallmann und Martin Brecht – die Pietismusgeschichte als Geschichte von Männern und ihren Ideen betrieben hat. Hedwig Richter moniert das zu Recht, andere haben das auch schon getan [3]. Umso unverständlicher ist mir, dass sie meint, Johannes Wallmanns Pietismus-Handbuch gegen Ulrike Gleixners „Historische Anthropologie der Frömmigkeit“ [4] ausspielen zu müssen. Wo Wallmann nach der Theologie vor dem Hintergrund der Biographie fragt, ermittelt die Historikerin Gleixner in gleichsam archäologischer Feinarbeit die Biographien (von Männern und Frauen und Familien!) hinter der Theologie und widmet sich damit der kulturellen und kommunikativen Dimension von Religion. Ihr einen „vor allem deskriptiven und wenig analytischen“ Ansatz vorzuwerfen, ist allzu billig, wenn man gleichzeitig Gleixners immensen Beitrag zur Quellenerschließung verschweigt. Richters unnötiger Seitenhieb ist weder angemessen noch gerechtfertigt.

Zurück zu Wallmann und zum Vorwurf des Spezialismus: Richter wirft Wallmann vor, er unternehme „einiges, das Gärtlein der Pietisterei schön abgegrenzt zu halten vom Treiben der restlichen Wissenschaftswelt“ und spitzt noch zu, „allzu viele seiner Ausführungen“ seien „recht spezialistisch und interessant nur für Eingeweihte.“ Nun, ob eingeweiht oder nicht: was interessiert, entscheidet der Leser oder die Leserin. Und von denen hat Wallmann immerhin schon so viele gefunden, dass der Verlag sein Handbuch preisgünstig wieder aufgelegt hat. Dass die Rezensentin allerdings zu dem von ihr an die Wand gemalten „Sperrbezirk kirchenhistorischer Gelehrsamkeit“ keinen Zugang gefunden hat, liegt vielleicht daran, dass sie sich mit dem Gegenstand des von ihr rezensierten Buches nicht ausführlich genug beschäftigt hat, um für die Rezension ausreichend qualifiziert zu sein. So ist es zum Beispiel keineswegs eine originelle These Wallmanns, den württembergischen Prälaten Johann Albrecht Bengel (1687-1752) als den „Vater der modernen Textkritik“ zu bezeichnen. Und schon gar nicht handelt es sich dabei um ein ironisches Apercu, das den meisten Lesern Wallmanns zu entgehen drohe. Vielmehr handelt es sich schlicht um die prononcierte Zusammenfassung des derzeitigen Kenntnisstandes [5]. Und schließlich ist es reiner Unsinn, wenn Richter behauptet, „die jüdischen Einflüsse auf den Pietismus, auch die kabbalistischen Wurzeln des schwäbischen Theologen Oetinger“ seien „wichtig bei der Untersuchung des süddeutschen kirchlichen Widerstands in der NS-Zeit“ – und damit auch noch begründen will, die Themen der Pietismusforschung dürften nicht den Spezialisten überlassen werden. Wahrscheinlich ist es ganz gut, dass es in allen Disziplinen Spezialisten und Spezialistinnen gibt, die ihre „Gärtlein“ hegen und pflegen – und sich über den Zaun hinweg mit den benachbarten Gärtnerinnen und Gärtnern über ihre Blüten und Früchte und deren Gedeihen austauschen und voneinander lernen. Vielleicht bebauen sie ja eines Tages einen gemeinsamen Garten.

Schade, dass die Rezensentin nicht in der Lage war, beim Abtragen der Mauer zwischen Profan- und Kirchenhistorikern mitzuhelfen, einer Aufgabe, der sich beide Seiten zum beiderseitigen Wohle zu widmen haben.

Anmerkungen:
[1] Ritschl, Albrecht, Geschichte des Pietismus, 3 Bde., Bonn 1880-1886 (Neudruck: Berlin 1966).
[2] Geschichte des Pietismus. Im Auftrag der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus hg. v. Martin Brecht, Klaus Deppermann, Ulrich Gäbler u. Hartmut Lehmann, 4 Bde., Göttingen 1993-2004.
[3] Vgl. Gierl, Martin, Rezension zu: Martin Brecht, Ausgewählte Aufsätze, Bd. 2: Pietismus, Stuttgart 1997, in: Pietismus und Neuzeit 26 (2000), S. 198-204.
[4] Gleixner, Ulrike, Pietismus und Bürgertum. Eine historische Anthropologie der Frömmigkeit. Württemberg 17.-19. Jahrhundert, Göttingen 2005.
[5] Vgl. Jung, Martin H., „Ein Prophet bin ich nicht …“. Johann Albrecht Bengel, Theologe – Lehrer – Pietist, Stuttgart 2002, S. 43-49, bes. 46; und zuletzt: Sheehan, Jonathan, The Enlightenment Bible. Translation, Scholarship, Culture, Princeton u. Oxford 2005, S. 94-114, bes. 95.

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