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Zeitgeschichte (nach 1945)

K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus

 

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Informations sur cette contribution

Autor(en):Holz, Klaus
Titel:Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft
Ort:Hamburg
Verlag:Hamburger Edition, HIS Verlag
Jahr:2005
ISBN:3-936096-59-7
Umfang/Preis:113 S.; € 12,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Matthias N. Lorenz, Wissenschaftlicher Assistent für Germanistische Literaturwissenschaft, Universität Bielefeld
E-Mail: <matthias.lorenzuni-bielefeld.de>

CitationMatthias N. Lorenz: Rezension zu: Holz, Klaus: Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft. Hamburg 2005, in: H-Soz-u-Kult, 25.01.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-1-056>.

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26.01.2006 Rensmann, Lars Peter <rensmannrz.uni-potsdam.de>
Re: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus


27.01.2006 Hohls, Rüdiger <hohlsrgeschichte.hu-berlin.de>
Redaktionsnotiz: Rez. ZG: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus


01.02.2006 Holz, Klaus <k.holzevstudienwerk.de>
Re: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus


04.02.2006 Globisch, Claudia <Claudia.globischsoziol.phil.uni-erlangen.de>Clio-online Forscher/innen-Verzeichnis
Re: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus


16.02.2006 Lorenz, Matthias N. <matthias.lorenzuni-bielefeld.de>
Re: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus


18.02.2006 Ulmer, Martin <Ulmer-Martint-online.de>
Re: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus


21.02.2006 Kloke, Martin <wendmarfreenet.de>
Re: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus


25.02.2006 Frindte, Wolfgang <wolfgang.frindteuni-jena.de>
Re: K. Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus

Anmerkungen zur Holz-Rensmann-Debatte

„O Schilda, mein Vaterland!“[1], könnte man im 150. Todesjahr Heines ausrufen oder eher mit Paul Feyerabend feststellen, dass man „(...) sich auf die Wissenschaftler einfach nicht verlassen [kann]. Sie haben ihre eigenen Interessen, die ihre Deutung der Evidenz und der Schlüssigkeit dieser Evidenz färben, sie wissen nur sehr wenig, geben aber vor, weitaus mehr zu wissen, sie verwenden Gerüchte, als handele es sich um wohl bestätigte Tatsachen, fromme Wünsche, als handele es sich um grundlegende Prinzipien des wissenschaftlichen Denkens, und selbst die sehr detaillierten Forschungsergebnisse beruhen auf Annahmen, die die Wissenschaftler oft nicht kennen und deren Inhalt und Reichweite sie nicht verstehen (...)“[2].
Da streiten sich zwei nicht nur in Deutschland bekannte und ausgewiesene Antisemitismusforscher und ihre Anhänger und inzwischen lachen sich die Antisemiten hier und anderswo schlapp.

Der Antisemitismus ist die kalkulierte Inszenierung der Vernichtung der Juden als Juden. Nicht einzelne Jüdinnen und Juden sind das Ziel der kalkulierten Inszenierung; die Antisemiten verweigern den Juden die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz als Mitglieder sozialer Gemeinschaften. Darin zeigt sich die historische Kontinuität des Antisemitismus – trotz der verschiedenen Formen seiner Modernisierung, auf die eben auch Klaus Holz und Lars Rensmann in ihren Arbeiten hingewiesen haben. Ein probates Mittel, um mit antisemitischen Inszenierungen die Rahmenvorstellungen und –erwartungen eines Publikums zu treffen und Identifikationshilfen bereit zu stellen, ist bekanntlich der inszenierte und dramatisierte Einsatz von allgemein bekannten, weil tradierten Symbolen, Metaphern und Mythen. So reicht die inszenierte Argumentation von der „mammonistischen Welt“, um die Mythen von der „jüdischen Weltverschwörung“, dem „raffenden Juden“ etc. zu aktivieren, Mythen, an die sich Antisemiten gut anzuschließen vermögen. Auch die rhetorisch geschickte Verknüpfung antisemitischer Stereotype mit der Kritik an der israelischen Regierungspolitik besitzt offenbar Anschlussfähigkeit. Dies aus theoretisch unterschiedlicher Sicht gezeigt zu haben, zeichnet, so meinte ich bisher, die wissenschaftlichen Arbeiten von Holz und Rensmann gleichermaßen aus. So hat Klaus Holz in „Nationaler Antisemitismus“ u.a. gezeigt, dass zur Semantik des nationalistischen Antisemitismus auch die Camouflage der Judenfeindschaft in öffentlichen Diskursen (z.B. durch antizionistische Argumentationen) gehört. Und Lars Rensmann hat in seiner beeindruckenden Arbeit belegen und erklären können, dass und warum eine solche Camouflage eben auch die Semantik des linken, antizionistischen Antisemitismus charakterisiert. Auch zahlreiche sozialwissenschaftliche Befunde haben ja seit einigen Jahren derartige Verschleierungen der Judenfeindlichkeit belegen können.[3] Auch unsere eigenen Studien zeigen in diesem Sinne die positiven Zusammenhänge zwischen traditionellem Antisemitismus, sekundärem Antisemitismus (Schluss-Strichdebatte), Anti-Israelismus und Antizionismus.[4] Dass auch solche Personen, die sich in klassischer Weise im linken politischen Lager verorten, antiisraelische und antizionistische Äußerungen zur Bestätigung ihrer Vorurteile nutzen bzw. im öffentlichen Raum auf Anti-Israelismus und Antizionismus als ersatzweise antisemitische Kommunikation zurückgreifen, haben nicht nur deutsche Studien illustriert. Wären das nicht Brücken, auf denen man sich im wissenschaftlichen Streit und in wissenschaftlicher Weise begegnen könnte?

Sozialwissenschaftler, namentlich jene, die wie ich, nach den psychologischen Hintergründen antisemitischer Dehumanisierungs- und Delegitimierungsinszenierungen zu fahnden versuchen, verlieren sich leicht in den mikro-sozialen bzw. individuellen Details besagter Hintergründlichkeiten. Bernd Marin forderte deshalb schon vor Jahren ein anspruchsvolles Forschungsprogramm, dass sowohl die historische Analyse des Antisemitismus bis zum Holocaust als auch die sozialwissenschaftliche Untersuchung des Ausmaßes, der Art und der Intensität des „nach-faschistischen Antisemitismus“ in Europa und dessen Verknüpfung mit der NS-Vergangenheit und dem Nahost-Konflikt einschließt, um so „die veränderte psychosoziale Dynamik des Antisemitismus der Gegenwart zu erkennen und wirksam zu bekämpfen“.[5] Ein solch anspruchsvolles Forschungsprogramm existiert bisher nicht. Lars Rensmann hat mit seinem Buch „Demokratie und Judenbild“ Grundzüge eines solchen Programms vorgeschlagen. Und das sollte sich doch würdigen lassen und Ausgangspunkt wissenschaftlicher Debatten sein. Ebenso gehört die Holzsche Analyse über die national-antisemitische Semantik sicher zu den eindrucksvollsten Arbeiten, die in den letzten Jahren zum modernen Antisemitismus vorgelegt wurden. Wenn sich die Protagonisten nun aber in den Paraphrasierungen und Reinterpretationen gegenseitiger Vorwürfe verschleißen, schaden sie sich nicht nur selbst, sondern auch der notwendigen interdisziplinären Kommunikation. Eine solche Kommunikation erfordert allerdings auch Klarheit in der Sprache und die Kompetenz, unterschiedliche wissenschaftliche Diskurse bzw. Sprachspiele nicht zu vermischen. Die Auseinandersetzung über den Israelisch-Palästinensischen Konflikt gehört eben zu einer anderen Diskursebene als der Streit über Ursachen und Formen des Antisemitismus. Werden beide Diskursebenen argumentativ verknüpft, muss man sich nicht wundern, eine „antisemitische Wahrnehmungsstruktur“ [6] diagnostiziert zu bekommen.

Inzwischen treffen sich die Antisemiten zur großen Denial Parade in Teheran, während sich jene, deren Profession es sein müsste, den Antisemitismus als das zu entlarven, „(…) was er zu sein vorgibt: eine tödliche Gefahr für die Juden und sonst nichts“[7], in kleinlichen, profilierungssüchtigen Streitereien verheddern. Man gewinnt fast den Eindruck, als gebe es in diesem Lande zu wenig Antisemitismus, dafür aber zu viele Antisemitismusforscher. Es ist hohe Zeit, die wissenschaftlichen Anstrengungen zu bündeln und auf die Gefahren zu richten, die wirklich tödlich werden könnten.

Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Psychologie

Anmerkungen:
[1] Heine, Heinrich, Ludwig Börne – Eine Denkschrift, Heinrich Heine Werke, Band 4, Frankfurt a. M. 1968, S. 411.
[2] Feyerabend, Paul, Erkenntnis für freie Menschen. Frankfurt a. M. 1980, S. 188f.
[3] Bergmann, Werner; Erb, Rainer, Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland 1996, in: Alba, Richard; Schmidt, Peter; Wasmer, Martina (Hgg.), Deutsche und Ausländer: Freunde, Fremde oder Feinde? Empirische Befunde und theoretische Erklärungen, Wiesbaden 2000, S. 401-438; Ahlheim, Klaus; Heger, Bardo, Die unbequeme Vergangenheit. NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeit des Erinnerns. Schwalbach/Ts. 2002; Salzborn, Samuel; Schwietring, Marc, Antizivilisatorische Affektmobilisierung. Zur Normalisierung des sekundären Antisemitismus, in: Klundt, Michael; Salzborn, Samuel; Schwietring, Marc; Wiegel, Gerd (Hgg.), Erinnern, verdrängen, vergessen. Geschichtspolitische Wege ins 21. Jahrhundert, Giessen 2003; Heyder, Aribert; Iser, Julia; Schmidt, Peter, Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus, in: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.), Deutsche Zustände, Frankfurt a. M. 2005, Bd. 2, S. 144-165.
[4] Frindte, Wolfgang; Wettig, Susan; Wammetsberger, Dorit, Old and new anti-Semitic attitudes in the context of authoritarianism and social dominance orientation – two studies in Germany. Peace and Conflict, in: Journal of Peace Psychology, 11(3) 2005, S. 239-266; Frindte, Wolfgang, Vom Antisemitismus und der Banalität der Bösen – ein Pamphlet, Wiesbaden 2006.
[5] Marin, Bernd, Antisemitismus ohne Antisemiten, Frankfurt a. M., Berlin 2000, S. 108.
[6] Rensmann, Lars, Demokratie und Judenbild, Wiesbaden 2004, S. 89.
[7] Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München, Zürich 2001 (Original 1951), S. 38.


12.06.2006 Hohls, Rüdiger <hohlsrgeschichte.hu-berlin.de>
Presseartikel zur Debatte Lorenz, Holz vs. Rensmann

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