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Zeitgeschichte (nach 1945)

Zwangsarbeiterentschädigung

 

Informationen zu diesem Beitrag

Eizenstat, Stuart E.: Unvollkommene Gerechtigkeit. Der Streit um die Entschädigung der Opfer von Zwangsarbeit und Enteignung. München: C. Bertelsmann Verlag 2003. ISBN 3-570-00680-8; 478 S.; € 24,90.

Spiliotis, Susanne-Sophia: Verantwortung und Rechtsfrieden. Die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2003. ISBN 3-596-16044-8; 315 S.; € 13,90.

gruppe offene rechnungen (Hrsg.): The Final Insult. Das Diktat gegen die Überlebenden. Deutsche Erinnerungsabwehr und Nichtentschädigung der NS-Sklavenarbeit. Münster: Unrast Verlag 2003. ISBN 3-89771-417-5; 276 S.; € 14,00.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Mark Spoerer, Wirtschafts- u. Sozialgeschichte, Universität Hohenheim
E-Mail: <spoereruni-hohenheim.de>

ZitierweiseMark Spoerer: Rezension zu: Eizenstat, Stuart E.: Unvollkommene Gerechtigkeit. Der Streit um die Entschädigung der Opfer von Zwangsarbeit und Enteignung. München 2003, in: H-Soz-u-Kult, 26.08.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-121>.

Mark Spoerer: Rezension zu: Spiliotis, Susanne-Sophia: Verantwortung und Rechtsfrieden. Die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft. Frankfurt am Main 2003, in: H-Soz-u-Kult, 26.08.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-121>.

Mark Spoerer: Rezension zu: gruppe offene rechnungen (Hrsg.): The Final Insult. Das Diktat gegen die Überlebenden. Deutsche Erinnerungsabwehr und Nichtentschädigung der NS-Sklavenarbeit. Münster 2003, in: H-Soz-u-Kult, 26.08.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-121>.

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09.09.2003 Ulmer, Martin <Ulmer-Martint-online.de>
Sammelrezension zur Zwangsarbeiterentschädigung


11.09.2003 Spoerer, Mark <spoereruni-hohenheim.de>Clio-online Forscher/innen-Verzeichnis
Sammelrezension zur Zwangsarbeiterentschädigung

Die Redaktion von H-Soz-u-Kult hat mir freundlicherweise die Möglichkeit eingeräumt, eine Replik auf die Kritik von Martin Ulmer zu schreiben. Der einzige Aspekt, der mich an Ulmers Kritik wirklich stört, ist, mit der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft in eine Ecke gestellt zu werden. Herrn Gibowski und Frau Spiliotis, deren Buch ich recht kritisch, aber fair besprochen zu haben meine, würde dies wohl ein amüsiertes Lächeln entlocken.[1]

Ansonsten kann ich nur konstatieren, dass Martin Ulmer und ich ein anderes Wissenschafts- und Politikverständnis haben. Wissenschaftlich trennt uns die Einstellung zur Redundanz. Die in „Final Insult“ wiedergegebenen Zeitzeugenberichte sind erschütternd, aber die dort geschilderten Umstände der Zwangsarbeit sind nun seit mindestens Anfang der 1990er Jahre wirklich hinlänglich bekannt, und zwar auch in der Politik. Neues – und das könnte es selbst auf dem schon fast überforschten Gebiet der Zwangsarbeit im Dritten Reich durchaus noch geben – findet sich in diesem Band nicht.

Auch im Politikverständnis trennen uns Welten. Ich war und bin am Rande über historische Gutachten am deutschen und österreichischen Entschädigungsprozess beteiligt. Selbst wenn alle Beteiligten am selben Strang gezogen hätten, wären die praktischen Schwierigkeiten schon riesig gewesen. Es zogen aber nicht alle Beteiligten am selben Strang, und daher sind einige der in „Final Insult“ vorgetragenen Kritikpunkte völlig berechtigt – wie ich auch in der Rezension schrieb. „Deutsche Erinnerungsabwehr“ (so im Untertitel) mag daher durchaus die Haltung einiger Interessengruppen zutreffend beschreiben. Von „Nichtentschädigung“ für KZ-Arbeit zu sprechen ist aber angesichts einer Entschädigungssumme von über 5 Mrd. EUR grotesk, und die Einschätzung als „final insult“ wird wohl unter den Opfergruppen, die die Autor/inn/en im Auge haben, eine Minderheitsmeinung sein.[2] Insofern fällt der Vorwurf der „Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit“ auf die Autor/inn/en zurück, die es sich sehr leicht mit ihren Maximalforderungen machen. Abgesehen von der Frage, wie denn eine wirklich angemessene Entschädigung hätte aussehen sollen (10.000 EUR pro Opfer? 100.000 EUR? Auch für Nachkommen? Und für die Distomo-Opfer? Und für alle anderen Opfer deutscher Gräueltaten und deren Nachkommen?) wäre eine deutlich über 5 Mrd. EUR hinausgehende Entschädigungssumme politisch kaum durchsetzbar gewesen. „The Final Insult“ ist ein durchweg unausgewogenes, polemisches und streckenweise unwissenschaftliches Buch, das der menschlichen und politischen Komplexität des Problems nicht annähernd gerecht wird. Man darf sich dann nicht wundern, wenn man polemisch rezensiert wird.

Mark Spoerer

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Wiedergabe meiner Kritik an der Stiftungsinitiative in der Frankfurter Rundschau vom 19.2.2000, meinen Artikel ebda. vom 3.3.2000, ferner die Kritik der Stiftungsinitiative an meiner Arbeit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29.2.2000 und meinen Leserbrief vom 4.3.2000. Auf wissenschaftlicher Ebene: Mark Spoerer, Moralische Geste oder Angst vor Boykott? Welche Großunternehmen beteiligten sich aus welchen Gründen an der Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 3 (2002), S. 37-48; ders., Zwangsarbeit im Dritten Reich und Entschädigung. Verlauf und Ergebnisse einer wissenschaftlichen und politischen Diskussion, in: Sächsisches Staatsministerium des Innern (Hg.), Fremd- und Zwangsarbeit in Sachsen 1939–1945, Halle 2002, S. 89-106.
[2] Dies könnten sehr wohl andere, in der deutschen Öffentlichkeit leider kaum beachtete Opfergruppen tun. Nicht von Deutschland, wohl aber von Österreich entschädigt werden Zwangsarbeiter aus Westeuropa und Italien; weder von Deutschland noch von Österreich entschädigt werden Kriegsgefangene, insbesondere aus der Sowjetunion und Italien. Vgl. Mark Spoerer; Jochen Fleischhacker, The Compensation of Nazi Germany's Forced Labourers: Demographic Findings and Political Implications, in: Population Studies 56 (2002), S. 5-21.

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