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Informations sur cette contribution
| Autor(en): | Wolters, Reinhard |
| Titel: | Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien |
| Ort: | München |
| Verlag: | C.H. Beck Verlag |
| Jahr: | 2008 |
| ISBN: | 978-3-406-57674-4 |
| Umfang/Preis: | 254 S.; € 19,90 |
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Peter Kehne, Historisches Seminar, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
E-Mail: <peter.kehne
Reaktionen / Kommentare
20.12.2008 Oppitz, Peter <peter.oppitz
Kommentar zu der Rezension von Peter Kehne
Reinhard Wolters’ Kritik an der Zuordnung der archäologischen Funde am Kalkrieser Berg erscheint mir sehr zutreffend. Noch deutlicher wird der „Germanicus-Horizont“, wenn die Münzfunde, besonders die Legionsdenare und die Gegenstempel, mit einbezogen werden. Die Auflösung der Marke C.VAL (ligiert) zu Caius Numonius Vala wird von den Kalkriese Protagonisten gern als Argument pro Varusschlacht gebraucht. Dabei verliert man aus den Augen, dass es höchst ungewöhnlich ist für einen Legaten, das Recht zur Kontermarkierung zu bekommen. Weiter muss man sich fragen, mit welchem persönlichen Geld er eine solche Donation bezahlen wollte und welches Interesse er an einer solchen Spende gehabt haben könnte, die letztendlich kaum ihm selbst, sondern dem römischen Reich von Nutzen gewesen wäre. Hätte er das Geld des amtierenden Kaisers verteilt, wäre es seine Pflicht gewesen den Spender zu kennzeichnen, sonst hätte es Ärger wegen einer ungebührlichen Anmaßung geben können. Im Allgemeinen erscheint in Germanien in dieser Zeit um Christi Geburt das Zeichen von Feldherren als Gegenstempel, besonders wenn bei ihnen dringend Geld gebraucht wird. Die Auflösung der Marke C•VAL, die García Bellido gibt [1], zu Legion (Centurie der) V Alaudae, würde ganz zu der kritischen Beurteilung der Funde am Kalkrieser Berg passen, denn die V. Legion war bekanntlich an dem Zug von Germanicus beteiligt.
Leider wurden die Fragen zur Verlaufsrekonstruktion der Varusschlacht von Wolters ausgespart, der Rezensent bemerkt das zwar ebenfalls, aber die Diskussion bleibt weiter offen. Bei Tacitus (ann. 2,7) steht der Satz „Doch hatten sie [die Germanen] vorher den für die Legionen des Varus jüngst errichteten Grabhügel und einen alten, dem Drusus geweihten Altar zerstört.“ In dem Satz sind zwei Zeitangaben enthalten. Die eine (der jüngst, nuper, errichteten Grabhügel) bezieht sich offensichtlich auf den in ann. 1,62 (aus dem Jahr 15 n.Chr.) erwähnten Tumulus. Die andere Zeitangabe (den alten, veterem, dem Drusus geweihten Altar) weist auf ein früheres Jahr hin. Da vor Germanicus kein römischer Feldherr auf dem Varusschlachtfeld war, kann der Altar nur von den Varuslegionen errichtet worden sein (oder noch früher). Er hatte offensichtlich die Kämpfe der Varusschlacht unbeschadet überstanden und war zusammen mit dem Grabhügel zu einer Markierung des Schlachtfeldes geworden. Dieser Altar war sicherlich aus Stein gebaut worden, andernfalls wäre er wohl verbrannt worden oder das Holz wäre inzwischen stark verfault. Der Altar und ebenso die in ann. 1,61 erwähnte Tribüne (tribunali), von der Arminius die Feldzeichen der Römer verhöhnte, gehören eher zum „Inventar“ eines über Wochen erbauten auf Dauer angelegten Lagers, auf keinen Fall zu einem flüchtigen Marschlager. Dort wird so etwas wohl kaum gebraucht. Neben diesen beiden Merkmalen gibt es in ann. 1,61 und 62 eine ganze Reihe Hinweise, die das Kampfgeschehen der Varusschlacht in das Innere eines Kastells lokalisieren. Typisch für die Berichte an beiden Stellen (ann. 1,61–62 u. 2,7) ist die nüchterne, klare, militärisch knappe Sprache, die keinen Verdacht auf eine gezielte Irreführung des Lesers aufkommen lässt.
Wenn wir an die Schilderung von Cassius Dio denken, die von einem beklemmend tragischen Zug der drei Legionen während drei oder vier Tagen berichtet, an denen die Legionäre und ihre Führer verzweifelt um ihr Leben kämpfen und schließlich sogar in hoffnungsloser Lage Selbstmord begehen, sollen wir uns vorstellen und auch noch glauben, dass diese Männer noch eine Tribüne und einen Altar aus Stein errichtet haben. Diese Mitleid heischende, dramatische Darstellung von Dio gerät dann ins Zwielicht. Nicht allein dieser eine Punkt weckt Bedenken. Zusammen mit den vielen Unglaubwürdigkeiten, die Paul Höfer in seinem Buch „Die Varusschlacht, ihr Verlauf und ihr Schauplatz“ (Leipzig 1888) kritisch unter die Lupe nimmt, stellt sich die Frage, ob wir Cassius Dio an dieser Stelle uneingeschränkt vertrauen sollten. Wir haben uns daran gewöhnt, mit Theodor Mommsen den Historiker Lucius Annaeus Florus einen „rhetorisierenden Kompilator“ zu nennen und an seinen Aussagen zu zweifeln. Man kommt nicht umhin auch bei Dio zu fragen, ob sein Patriotismus und seine Begeisterung für die großartigen Leistungen Roms bei allen Passagen eine ausreichende Wahrheitstreue zugelassen hat. Er schrieb selbst den folgenden Satz „Ergänzend soll indessen auch meine persönliche Ansicht nach Möglichkeit hinzutreten, soweit sie eben imstande war, aus der großen Fülle des Gelesenen, Gehörten und Selbsterlebten ein Urteil abzuleiten, das sich von dem allgemeinen Gerede unterscheidet“ (53,19,6). Gustav Adolf Lehmann hat verdienstvollerweise untersucht, welches Vertrauen wir den Texten von Tacitus entgegenbringen können.[2] Diese grundsätzliche Frage ist für Historiker nichts Ungewöhnliches, den sie prüfen immer wieder ihre Quellen auf Verlässlichkeit. Eine solche Studie aus berufener Feder fehlt leider zu Cassius Dio, besonders weil inzwischen die Geschichtswissenschaft nach Theodor Mommsen vielerlei Erkenntnisse gewonnen hat und nicht nur die Vorväter repetiert.
Anmerkungen:
[1] Maria Paz García Bellido, Numismatic documentation on the arrival of Spanish troops in Gallia and Germania during the Augustan and Tiberian period, in: Lehmann, Gustav Adolf/ Wiegels, Rainer (Hrsg.), Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit, Göttingen 2007, S. 161–181.
[2] Gustav Adolf Lehmann, Tacitus und die Dokumente – einige Überlegungen, in: Lehmann, Gustav Adolf/ Wiegels, Rainer (Hrsg.), Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit, Göttingen 2007, S. 419–430.
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