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Informations sur cette contribution
| Autor(en): | Musial, Bogdan |
| Titel: | Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen |
| Ort: | Berlin |
| Verlag: | Propyläen Verlag |
| Jahr: | 2008 |
| ISBN: | 978-3-549-07335-3 |
| Umfang/Preis: | geb.; 586 S.; € 29,90 |
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jörg Ganzenmüller, Historisches Kolleg München
E-Mail: <Joerg.Ganzenmueller
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24.04.2009 Lehmann, Maike <mlehmann
Forscher/innen-Verzeichnis
Replik von B.Musial zur Rezension 'Kampfplatz Deutschland'
07.05.2009 Lehmann, Maike <mlehmann
Forscher/innen-Verzeichnis
Zu B.Musials 'Kampfplatz Deutschland' - Eine Entgegnung von J.Ganzenmüller
Im Folgenden veröffentlicht die Redaktion eine Stellungnahme von Jörg Ganzenmüller zur Replik Bogdan Musials auf seine Rezension von 'Kampfplatz Deutschland' (H-Soz-u-Kult, 17.04.2009, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de
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Von: Jörg Ganzenmüller, Historisches Kolleg München
E-Mail: <Joerg.Ganzenmueller
Bogdan Musials Entgegnung auf meine Rezension gibt einen lebendigen Eindruck von seinem Buch „Kampfplatz Deutschland“ wider: Sie spiegelt seine Form der Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, seine einseitige Interpretation der Quellen sowie seinen sorglosen Umgang mit Begrifflichkeiten. Diese drei zentralen Kritikpunkte möchte ich an dieser Stelle noch einmal erläutern.
Erstens: Musial blendet weite Teile der Forschung aus. Seine Neuinterpretation der Kollektivierung oder des stalinistischen Terrors ignoriert beinah vollständig die zahlreichen Arbeiten zu diesen Themen. Und selbst die Forschung zu seinem eigentlichen Untersuchungsgegenstand, der sowjetischen Militärstrategie der dreißiger Jahre, rezipiert er nur partiell. Dabei zeigt eine Reihe von Studien auf breiter Quellenbasis, wie Michail N. Tuchatschewski zunächst als Stabschef der Roten Armee, später als Volkskommissar für Verteidigung, die noch aus dem Bürgerkrieg stammende sowjetische Militärstrategie an eine moderne Operationsführung anpasste.[1] Kern dieser strategischen Neuausrichtung war die Überzeugung, dass man Bewegungskriege, in denen Panzern und der Luftwaffe eine entscheidende Bedeutung zufiel, als die Grundlage künftiger militärischer Erfolge ansah. Dementsprechend verfolgte Tuchatscheswkis Strategie der „tiefen Operation“ das Ziel, die Linien des Gegners zu durchbrechen, zu umfassen und dann vernichtend zu schlagen. Nicht Rückzug, sondern Offensive wurde somit zum Schlagwort der sowjetischen Kriegsplanung.
Die sowjetische Führung verband diese militärstrategische Ausrichtung zusätzlich mit einer politisch-ideologischen Wunschvorstellung. Die Gegenoffensive sollte den Krieg sofort auf den Boden des Gegners tragen und die sowjetische Bevölkerung vor den Folgen des unmittelbaren Kriegsgeschehens bewahren. Zusätzlich hoffte man, mit Arbeiteraufständen die Heimatfront des Gegners zu unterminieren. Die von Musial angeführte Rede Lew Mechlis’ vom 10. Mai 1940 belegt genau diese Strategie und eignet sich gerade nicht als Beleg für die sowjetische Absicht, einen Angriffskrieg zu führen. Musial zitiert in seiner Entgegnung aus diesem Dokument u. a. den Satz: „Die Rote Armee wird aktiv operieren, die totale Zerschlagung und Vernichtung des Feindes anstreben, die militärischen Aktivitäten auf das Territorium des Gegners verlegen.“ Man kann Kämpfe nur auf das Territorium des Gegners „verlegen“, wenn sie bereits auf dem eigenen stattfinden. Allein in diesem Satz kommt also jene Strategie der offensiven Verteidigung zum Ausdruck.
Diese Strategie hatte zweierlei Folgen: Erstens musste die Rote Armee massiv aufgerüstet werden, da ihr die Voraussetzungen für einen solchen Bewegungskrieg fehlten. Zum anderen plante der Generalstab fortan nicht den Rückzug der Roten Armee in die Weite des russischen Raumes, sondern die Offensive. Alle diese Planungen, und dies unterschlägt Musial, gehen jedoch von einem Angriff aus, den man durch eine Gegenoffensive erwidern wollte. Musial hat keine der hier knapp zusammengefassten Studien benutzt. Er ignoriert diese Planungen schlichtweg und deutet jede Quelle, in der er die Stichworte „Offensive“ oder „Angriff“ findet, als schlagenden Beleg für die Angriffsplanungen der Roten Armee.
Zweitens: Musial missachtet die allgemeinen Regeln der Quellenkritik. Dies lässt sich an seiner Interpretation des ebenfalls in seiner Entgegnung zitierten Protokolls des Hauptkriegsrates der Roten Armee vom 4. Juni 1941 exemplarisch veranschaulichen.[2] Dieses Dokument gibt die Diskussion von hochrangigen sowjetischen Funktionären über die künftige Ausrichtung der Propaganda innerhalb der Roten Armee wider. Die Notwendigkeit für einen solchen Schritt wird klar benannt: Die internationale Lage hatte sich nach dem Sieg der Wehrmacht in Frankreich grundlegend verändert. Zudem hatte die Sowjetunion im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes Ostpolen in sein Herrschaftsgebiet inkorporiert, sich die baltischen Staaten einverleibt sowie einen Angriffskrieg gegen Finnland geführt. Für die sowjetische Führung stellte sich nun die Frage, ob und inwieweit man sich aus dem Krieg in Europa noch heraushalten konnte. Andrei Schdanow, Mitglied des Politbüros, formulierte dies so: „Zwischen Frieden und Krieg – ein Schritt.“ Aus dem Dokument wird nicht klar ersichtlich, ob man einen deutschen Überfall erwartete oder selbst einen Angriff wagen würde.
Beides schien möglich. Zum einen stand aus sowjetischer Sicht zu befürchten, dass die Briten ihren Widerstand aufgeben würden und Hitler sich dann nach Osten wenden könnte. Zum anderen bestand das Kalkül des Hitler-Stalin-Paktes gerade darin, dass sich die „kapitalistischen Staaten“ gegenseitig aufreiben würden und die Sowjetunion am Ende als „lachender Dritter“ eingreifen könnte. Seit 1939 stand eine Expansion der Sowjetunion in Richtung Westen also durchaus auf der Agenda Stalinscher Außenpolitik. Das von Musial angeführte Dokument ist Ausdruck dieser Politik. Schdanow begründet unter anderem damit die Notwendigkeit einer Wende in der parteipolitischen Arbeit: „Wir sind stärker geworden, wir können offensivere Aufgaben stellen. Die Kriege mit Polen und Finnland waren keine Verteidigungskriege. Wir haben den Weg der offensiven Politik bereits eingeschlagen.“
Musial sieht in diesem Dokument jedoch nicht nur den Beleg für eine offensive Ausrichtung der sowjetischen Außenpolitik seit 1939, der man nun die parteipolitische Arbeit innerhalb der Roten Armee anpassen wollte. Er führt diese Dokumente vielmehr als Beleg dafür an, dass die Sowjetunion bereits seit 1919 einen Angriffskrieg gegen den Westen geplant habe. Dies versucht er mit der Aussage Schdanows zu belegen, dass bereits Lenin gesagt habe, dass das siegreiche Proletariat gegen die kapitalistischen Staaten auch mit kriegerischen Mitteln auftreten werde. Und weiter: „Die Politik der Offensive hatten wir auch früher. Wir ändern jetzt nur die Parole. Wir haben begonnen, den Leitsatz von Lenin zu realisieren.“
Allerdings stammt das besagte Lenin-Zitat aus dem Jahre 1915. Es ist folglich im Kontext des Ersten Weltkrieges entstanden und nicht als außenpolitisches Programm der frühen Sowjetunion zu lesen. Abgesehen von diesem Anachronismus verschweigt Musial, dass es sich bei dem von ihm zitierten Protokoll um eine Diskussion handelt, die durchaus kontrovers geführt wurde. Malenkow kritisierte zum Beispiel den diskutierten Entwurf einer Direktive als „primitiv verfasst, als ob wir morgen Krieg führen müssten“. Und Budjonnyi wirft im Gestus stalinistischer Selbstkritik ein, dass man ja selbst für die bisherige pazifistische Propaganda verantwortlich sei und im Falle einer Wende sich erst einmal selbst dafür rügen sollte. In dieser Diskussion benutzt Schdanow das Lenin-Zitat als Argument für seine Position: Es handle sich bei der anstehenden Direktive um keine Wende in der Politik – die ja tatsächlich bereits 1939 erfolgt war – sondern nur um eine Wende in der Propaganda. In den sowjetischen Führungskreisen war es üblich, die eigene Position durch ein passendes Lenin-Zitat abzusichern. Aus diesem Einwurf Schdanows die Grundlinien sowjetischer Außenpolitik seit 1919 ableiten zu wollen, überstrapaziert die Quelle. Doch genau dieser Umgang mit Quellen kennzeichnet Musials Vorgehensweise. Er wirft jeden Satz, den er in den Akten findet und der seine Ausgangsthese stützt, ins Feld. Er verzichtet dabei sowohl auf eine Kontextualisierung des jeweiligen Dokuments als auch auf jegliche Quellenkritik. Und er unterschlägt alles, was sich nicht in sein einfaches Interpretationsschema pressen lässt.
Auch meinen dritten Kritikpunkt möchte ich aufrechterhalten. Musial übernimmt Begriffe aus der NS-Forschung und verpflanzt sie ohne weitere Erläuterung in den sowjetischen Kontext. In seiner Entgegnung rechtfertigt er dieses Vorgehen damit, dass diese Begriffe zeitgenössisch und von den „sowjetischen Tätern“ verwendet worden sein. Ja, es gab bereits vor 1933 und auch außerhalb von Deutschland Lager, die man „Konzentrationslager“ nannte. „KZ“ ist jedoch nicht – wie Musial behauptet – die harmlose deutsche Abkürzung für ein internationales Phänomen. Der Begriff „KZ“ stand schon bei den Zeitgenossen für die deutschen Konzentrationslager und bezieht sich in der heutigen Wissenschaft explizit auf die nationalsozialistischen Lager. Genauso verhält es sich mit dem Begriff „Vernichtungskrieg“. Auch dieser ist älter und wurde von sowjetischer Seite benutzt. In der Wissenschaft hat sich in den neunziger Jahren jedoch der Begriff „Vernichtungskrieg“ für die deutsche Kriegführung im östlichen Europa, insbesondere in der Sowjetunion, durchgesetzt. Dies kann man nicht ignorieren. Die sowjetische Kriegsplanung und auch die spätere Kriegführung unterscheiden sich grundlegend vom deutschen Vernichtungskrieg im Osten. Man sollte diese Unterschiede auch in einer sauberen Begriffsbildung zum Ausdruck bringen und nicht durch eine identische Bezeichnung verwischen. Indem Musial die Begriffe „KZ“ und „Vernichtungskrieg“ aus ihren jeweiligen Diskussionszusammenhängen reißt und für andere Phänomene benutzt, ohne diese Entscheidung näher zu begründen, stiftet er semantische Verwirrung. Die Aufgabe von Wissenschaft scheint mir das Gegenteil zu sein.
Anmerkungen:
[1] Vgl. David M. Glantz, Soviet Military Operational Art. In Pursuit of Deep Battle, London 1991; Sally W. Stoecker, Forging Stalin’s Army. Marshal Tukhachevsky and the Politics of Military Innovation, Boulder 1998; Lennart Samuelson, Plans for Stalin’s War Machine. Tukhachevskii and Military-Economic Planning, 1925-1941, Basingstoke 2000.
[2] Bogdan Musial hat dankenswerterweise eine deutsche Übersetzung dieses Dokuments abgedruckt, so dass meine Einwände leicht nachprüfbar sind, vgl. Bogdan Musial, „Wir werden den ganzen Kapitalismus am Kragen packen“. Sowjetische Vorbereitungen zum Angriffskrieg in den dreißiger und Anfang der vierziger Jahre, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53 (2006), S. 45-64, hier 58-60.
22.05.2009 Musial, Bogdan <bogdan
Zu B.Musials 'Kampfplatz Deutschland' - Eine Entgegnung von B. Musial
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