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Europäische Geschichte

B. Musial: Stalins Kriegspläne gegen den Westen

 

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Informations sur cette contribution

Autor(en):Musial, Bogdan
Titel:Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen
Ort:Berlin
Verlag:Propyläen Verlag
Jahr:2008
ISBN:978-3-549-07335-3
Umfang/Preis:geb.; 586 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jörg Ganzenmüller, Historisches Kolleg München
E-Mail: <Joerg.Ganzenmuellerhistorischeskolleg.de>

CitationJörg Ganzenmüller: Rezension zu: Musial, Bogdan: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. Berlin 2008, in: H-Soz-u-Kult, 17.04.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-042>.

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24.04.2009 Lehmann, Maike <mlehmannuni-bremen.de>Clio-online Forscher/innen-Verzeichnis
Replik von B.Musial zur Rezension 'Kampfplatz Deutschland'

Hiermit veröffentlicht die Redaktion die Replik von Bogdan Musial auf die Rezension seines Buches 'Kampfplatz Deutschland' vom 17.04.2009, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=11444&type=rezbuecher>.
In einer gesonderten Email folgt die Reaktion des Rezensenten Jörg Ganzenmüller.

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Von: Bogdan Musial
Email: <bmusialarcor.de>

In der Rezension meines Buches „Kampfplatz Deutschland“ erhebt Jörg Ganzenmüller schwerwiegende Vorwürfe, wie zum Beispiel „methodische Defizite“, „vorgefasste Meinung“, Unkenntnis der Forschung und Missachtung „der grundlegenden Regeln der Quellenkritik“. Man möchte meinen, dass der Rezensent wenigstens versuchen würde, diese diffamierenden Vorwürfe mit konkreten Beispielen zu belegen. Das ist jedoch nicht geschehen.
Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass Ganzenmüller mein Buch nur oberflächlich gelesen hat. Auch ignoriert er die dort zahlreich angeführten Quellen. Und dies, gepaart mit einer starken Meinung bzw. Voreingenommenheit sind möglicherweise die Ursachen für die von Ganzenmüller formulierten, teilweise kuriosen Vorwürfe. Hier einige Beispiele:

Unbestritten ist, dass die Sowjetunion mit Stalin an der Spitze ab 1927/28 massiv aufrüstete, und dass im Jahre 1930 diese Aufrüstung enorme Dimensionen annahm. Ebenfalls unbestritten ist, dass damals der UdSSR keine Kriegsgefahr drohte. Ich vertrete nun die These, dass Stalin und seine Genossen die Sowjetunion auf einen ideologisch bedingten Eroberungskrieg vorbereitetet haben. Dies habe ich mit zahlreichen von mir angeführten Quellen belegt, u. a. mit Äußerungen Stalins und seiner engsten Vertrauten, die man kaum anders deuten kann.

Ganzenmüller blendet jedoch diese Quellen in seiner Rezension geradezu systematisch aus, wie beispielsweise das Protokoll der Sitzung des Hauptkriegsrates der Roten Armee vom 4. Juni 1941. Während der Sitzung wurde der von Stalin angeordnete Übergang von der „pazifistischen“ zur „offensiven“ Propaganda erörtert. Teilgenommen haben daran u. a Andrei Schdanow und Georgi Malenkow, beide enge Vertraute von Stalin.
Während der Besprechung erklärte Schdanow: „Die Kriege mit Polen und Finnland waren keine Verteidigungskriege. […] Bereits Lenin hat während des I. Weltkrieges im Aufsatz ‚Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa‘ gesagt, falls es notwendig ist, wird das siegreiche Proletariat gegen die kapitalistischen Staaten auch mit kriegerischen Mitteln auftreten. Die Politik der Offensive hatten wir auch früher. Wir ändern jetzt nur die Parole. Wir haben begonnen, den Leitsatz von Lenin zu realisieren.“

Malenkow bestätigte Schdanow und erklärte, dies sei die „Wende in der Propaganda und nicht in der Politik.“ (S. 448 f.). Das ganze Protokoll habe ich bereits im Jahre 2006 (in deutscher Übersetzung) in der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ 2006/1, S. 58-60 veröffentlicht. Ganzenmüller blendet dieses Schlüsseldokument aus.

Auch übersah Ganzenmüller die Rede von Lew Mechlis vom 10. Mai 1940, dem damaligen Chef der politischen Verwaltung der Roten Armee, die ich auf Seite 421 anführe. Mechlis erklärte dort; „Unser Krieg mit der kapitalistischen Welt wird ein gerechter, progressiver Krieg sein. Die Rote Armee wird aktiv operieren, die totale Zerschlagung und Vernichtung des Feindes anstreben, die militärischen Aktivitäten auf das Territorium des Gegners verlegen. […] Die Rede ist von aktiven Handlungen des siegreichen Proletariats und der Werktätigen […], von solchen Handlungen, in denen die Initiative für den gerechten Krieg unser Staat und seine Arbeiter- und Bauern-Rote-Armee ergreifen.“

Die hier angeführten Äußerungen sind meines Erachtens unmissverständlich genug, zumal sie eine von sehr zahlreichen in meinem Buch angeführten Belegen, Fakten, Ereignissen und Indizien sind. Ganzenmüller geht hingegen weiterhin von einer angeblichen Kriegsparanoia Stalins und seiner Genossen aus, der nur deswegen massiv aufrüstete, weil er überzeugt gewesen wäre, dass der UdSSR eine unmittelbare Kriegsgefahr gedroht hätte. Dabei wirft er mir Missachtung der Quellenkritik vor. Allerdings habe ich das Problem der sowjetischen Propaganda der Kriegsbedrohung in meinem Buch ausführlich besprochen (S. 197-203). Aber darauf geht Ganzenmüller nicht ein. Die imaginäre Kriegsgefahr instrumentalisierten Stalin und seine Anhänger aber, um „innere Feinde“ zu bekämpfen, die Partei zu mobilisieren und eben die massive Aufrüstung zu rechtfertigen. Auch geheimdienstliche Berichte, die auf Stalins Schreibtisch in den 1920er- und 1930er-Jahren landeten, warnten zu diesem Zeitpunkt vor keiner Kriegsbedrohung, im Gegenteil.

Ganzenmüller wirft mir auch einen „unreflektierten oder bewusst fahrlässigen Umgang mit den Begrifflichkeiten“ vor: „Musial versucht Begriffe aus der NS-Forschung auf die stalinistische Sowjetunion zu übertragen.“ Ganzenmüller nimmt Anstoß daran, dass ich vom „Vernichtungskrieg“, den Stalin geplant hatte, schreibe. Auch kritisiert er, dass ich von den sowjetischen „KZs“ schreibe. Diese Begriffe verwendeten die sowjetischen Täter allerdings selbst als internen Terminus technicus, und zwar Jahre bevor Hitler an die Macht gekommen war.

Den Begriff „Konzentrationslager“ (konzlager´, deutsche Abkürzung KZ) finden wir oft in den einschlägigen Berichten und Beschlüssen der sowjetischen Täter aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Darauf verwies ich in meiner Arbeit ausdrücklich (S. 265). Auch andere Historiker verwenden den Begriff „sowjetische Konzentrationslager“, wie beispielsweise Jörg Baberowski in seinem Buch „Der Rote Terror“ (S. 126) oder etwa Richard Overy, der in dem Buch „Die Diktatoren“ auf Seite 790 schreibt: „Die Geschichte der sowjetischen Konzentrationslager begann wie die soviele anderer Wahrzeichen der sowjetischen Diktatur im russischen Bürgerkrieg.“

Michail Tuchatschewski war der Vater der sowjetischen Konzeption des Blitz- und Vernichtungskrieges, er formulierte sie in einer Reihe von Denkschriften (mindestens acht), die er in den Jahren 1929-1930 verfasste. Die wichtigste von ihnen war die Denkschrift vom 11. Januar 1930, in der Tuchatschewski von der „totalen Vernichtung“ der gegnerischen Kräfte schreibt und zwar unter massenhaftem Einsatz von Panzern, Flugzeugen sowie unter „massivem Einsatz von chemischen Kampfmitteln“. Stalin segnete diese strategische Konzeption ab und ließ Vorbereitungen dazu von Tuchatschewski realisieren (S. 305-347).

Hervorzuheben ist, dass diese Konzeption den „massenhaften Einsatz“ von chemischen Kampfmitteln vorsah. Noch im Jahre 1924 schrieb Trotzki über die künftige sowjetische Kriegsstrategie (S. 110): „Flugzeugeschwader von enormer Traglast und Reichweite transportieren [chemische Waffen] in das tiefe rückwärtige Gebiet und vernichten damit nicht nur die [traditionelle] Front, […] sondern heben den Unterschied zwischen Armeen und der Zivilbevölkerung auf.“ Und Stalin erklärte am 17. April 1940 (S. 423): „Genossen, man muss auf den Gegner mehr Bomben abwerfen, um ihn zu betäuben, um seine Städte in Trümmer zu verwandeln, so erreichen wir den Sieg.“

Ähnlich haltlos ist Ganzenmüllers Kritik an meinen Ausführungen zum bolschewistisch-polnischen Krieg von 1920. Ich schrieb in diesem Zusammenhang keineswegs von einem Präventivkrieg, wie Ganzenmüller behauptet, sondern von einem polnischen Angriff, der einer sowjetischen Offensive zuvorgekommen ist. Die polnische Seite verfügte über genaue Informationen über die sowjetischen Vorbereitungen zu einer großen Offensive, und zwar dank Funkaufklärung, wie wir heute dank neuster Erkenntnisse wissen, was in meinem Buch nachzulesen ist (S. 40). Die von mir aufgefundenen und im Buch angeführten Quellen aus den Moskauer Archiven bestätigten diese bolschewistischen Vorbereitungen.

Ganzenmüller unterstellt mir auch eine „vorgefasste Meinung“, als ich mein Buch niederschrieb. Im Jahre 2004 veröffentlichte ich den Dokumentenband „Sowjetische Partisanen in Weißrussland“ und auf Seite 16 schrieb ich damals: „Am Vorabend des deutschen Überfalls galt in der Sowjetunion die militärisch-strategische Konzeption der ‚offensiven Verteidigung‘.“ Von der Konzeption eines ideologisch bedingten Eroberungskrieges schrieb ich damals kein Wort. Ich war ebenfalls der sowjetischen „pazifistischen Propaganda“ aufgesessen, worauf ich auf Seite 11 meines Buches ausdrücklich verweise. Erst die umfassende und sehr intensive Lektüre einschlägiger Quellenbestände in den Moskauer Archiven hat mich veranlasst, meine Meinung doch zu revidieren.

Auch ich habe in der Vergangenheit einzelne Autoren wegen unwissenschaftlichen Umgangs mit historischen Quellen kritisiert, wie beispielsweise Hannes Heer oder etwa Jan Tomasz Gross. Diese Vorwürfe habe ich aber stets detailliert und ausführlich belegt, widerlegt sind diese bis heute jedenfalls noch nicht. Ganzenmüller schenkt solchen „Kleinigkeiten“ allerdings keine Bedeutung, erhebt aber seinerseits schwere inhaltliche Vorwürfe, die er nicht belegen kann. Seriös ist das mit Sicherheit nicht.

Dr. habil. Bogdan Musial


07.05.2009 Lehmann, Maike <mlehmannuni-bremen.de>Clio-online Forscher/innen-Verzeichnis
Zu B.Musials 'Kampfplatz Deutschland' - Eine Entgegnung von J.Ganzenmüller


22.05.2009 Musial, Bogdan <bogdanbmusial.com>
Zu B.Musials 'Kampfplatz Deutschland' - Eine Entgegnung von B. Musial

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