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Ausstellungen

crossing munich. Orte, Bilder und Debatten der Migration

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Irmgard Zündorf <zuendorfzzf-pdm.de>
Datum, Ort:10.07.2009–15.09.2009, München
Veranstalter:Kulturreferat der Landeshauptstadt München in Kooperation mit dem Institut für Ethnologie, dem Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie und dem Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität.
Titel:Crossing Munich. Texte zur Migration aus Kunst, Wissenschaft und Aktivismus
Herausgeber:Crossing Munich Ausstellungsgruppe
Ort:München
Verlag:Silke Schreiber Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-88960-108-7
Umfang/Preis:124 S.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Doris Seidel, München
E-Mail: <dorisseidelhotmail.com>

München ist verglichen mit anderen Städten nicht gerade für einen hohen Migrantenanteil in seiner Bevölkerung bekannt. Dabei ist die bayerische Hauptstadt die drittgrößte Einwanderungsstadt in Deutschland, rund ein Viertel der Einwohner hat einen Migrationshintergrund. Dieser vielfach noch unbekannten oder jedenfalls unbemerkten Realität trugen und tragen in den letzten Jahren immer wieder Projekte und Ausstellungen Rechnung, die vom Kulturreferat der Stadt getragen oder zumindest gefördert werden.[1]

Die Ausstellung „Crossing Munich“ widmet sich erneut diesem Thema und versucht einen ganz eigenen Zugang zu finden. Jenseits der aktuellen Debatten nähert sich die Ausstellung in vierzehn künstlerischen Arbeiten auf sehr individuelle Weise historischen und gegenwärtigen Phänomenen der Migration. Das kostenlose, sehr gut gelungene Begleitheft zur Ausstellung fasst das Ausstellungskonzept treffend wie folgt zusammen: „[…] die einzelnen Installationen der Ausstellung „Crossing Munich“ [erzählen] mal mehr historisch, mal mehr gegenwartsbezogen kleine und größere Geschichten von migrantischen Lebensrealitäten, Mobilitätspraktiken, transnationalen Ökonomien und Protesten. Sie erzählen aber auch, wie verschiedene politische und wohlfahrtsstaatliche Institutionen die Bewegungen der Migration über die Jahrzehnte zu steuern, zu stoppen, zu verwalten und zu managen, wie auch zu nutzen und als multikultureller Standortfaktor ins Stadtmarketing zu integrieren versuchen.“

Unter der Projektleitung der beiden Ethnologinnen Andrea Engl und Sabine Hess entstand eine Ausstellung auf drei strukturellen Ebenen. Die Ausstellungsarchitekten Michael Hieslmair und Michael Zinganel gliedern den Ausstellungsraum – die ehemalige Kassenhalle des Münchner Rathauses – durch den Einbau von übermannshohen weißen Kuben. Diese werden genutzt, um einführende Texte zu den vier Ausstellungsschwerpunkte zu präsentieren, ihnen sind jeweils künstlerische Arbeiten zugeordnet, wo sie sich im Raum befinden, wird auf einem Lageplan neben dem Text verdeutlicht. Die beliebig wirkende Platzierung der Installationen und der Textkuben verlangt vom Besucher Eigeninitiative, bei der Zuordnung der einzelnen Kunstprojekte zu den entsprechenden Themenschwerpunkten.

Die zweite und räumlich umfangreichste Ebene umfasst die bereits erwähnten vierzehn Arbeiten, die von sechzehn KünstlerInnen aus München, Wien und Zürich erstellt wurden. Der Charakter der Objekte, die den vier Leitthemen „Stadtbilder – Stadt(t)räume“, „Urbane Politiken“, „Transnationale Ökonomien“ und Kulturproduktionen“ zugeordnet sind, ist sehr unterschiedlich. Es finden sich Multimediainstallationen neben einem Comic, einem Mobile und anderen Umsetzungsformen wie etwa einer Interviewcollage.

Beispielhaft wird im Folgenden je eine Arbeit den Oberthemen zugeordnet und vorgestellt. Zunächst: „Stadtbilder – Stadt(t)räume“. Zu diesem Thema setzen sich Simone Egger und Dörthe Bäumer mit ihrer Installation aus landläufig „Türkenkoffer“ genannten Kunststofftaschen mit dem Münchner Hauptbahnhof als zentralem Knotenpunkt der Mobilität in der Stadt auseinander. Die Künstlerinnen wollen Mobilität als Gewebe erscheinen lassen – symbolisiert durch den gewebten Plastikstoff. Die rechteckige Form der großen Karotaschen soll modellhaft an Stadtarchitektur erinnern. Außen an den Taschen befinden sich Anhänger mit Schriftzügen und darin Papptafeln mit Texten. Hiermit sollen sowohl die verschiedenen Arten der Mobilität, sowie ihre Orte rund um den Hauptbahnhof durch die Jahrzehnte vor Augen geführt und vorgestellt werden. Dabei ist etwa die Arbeitsmigration des ausgehenden 19. Jahrhunderts Thema. Für die damaligen ArbeitsmirgrantInnen aus dem nahen Umland wurde die Bahnhofsmission gegründet. Nach 1945 wurde im Umfeld des Bahnhofs die „Dolly Bar“ eröffnet, die zunächst Treffpunkt für us-amerikanische Soldaten war und sich alsbald zu einem Anziehungspunkt des Rotlichtmilieus im Bahnhofsviertel entwickelte. Auch Gleis 11, an dem die Mehrheit der rund zwei Millionen „Gast-arbeiter“ in München ankam ist eine Abteilung gewidmet.

Die Installation im Zentrum der Ausstellung macht neugierig, lädt ein, sich zu vertiefen, und überrascht durch einen ungewöhnlich neuen Blick auf die für bekannt gehaltene Infrastruktur im und um den zentralen Bahnhof der Stadt.

Zum Thema „Urbane Politiken“ präsentieren Bernd Kasparek, Philip Zölls und Peter Spillmann ihren Zugang zu den „Münchner Wege“, worunter sie die Facetten, Wandlungen und Besonderheiten der Münchner Migrationspolitik verstehen. Eine „Regierungslaube“ benannte Lattenkonstruktion, die man durchschreiten kann, ist oben und an den Seiten mit beschriebenen Wimpeln, Zeitungsausschnitten und Bildern behängt. Untermalt von einer akustischen Kulisse stellt das Innere Persönlichkeiten, Themen und Vorgehensweisen Münchens durch die Jahrzehnte der Migration vor. Die sehr bunte und auf den ersten Blick eher verspielt und kindlich anmutende Arbeit gibt einen fundierten Einblick in die „Geschichte des Regierens der Migration“ in München.

Carolin Schulz und Clara Giacalone gehen zum dritten Leitthema „Transnationale Ökonomien“ von einem einzelnen kleinen Unternehmen und einigen seiner Mitarbeiter aus. Sie öffnen damit den Blick für ein ganzes wirtschaftliches System, das nicht nur ökonomische Bedeutung hat, sondern auch familiäre Bindungen aufrechterhalten hilft. Eine drei mal sechs Meter hohe Wand mit Mind-Maps, die die Wege und Beziehungen der Akteure und ihrer Handelswaren nach München und nun von München aus nach Afrika und Vorderasien zeigen, wird unten abgeschlossen von Fotografien der Spedition Schulz, die auf den ersten Blick nichts von der globalen Dimension der dort getätigten Geschäfte erahnen lassen. Die beiden Künstlerinnen präsentieren mit ihrer Arbeit einen Mikrokosmos der Globalisierung von unten. Persönliche Dimension erhält die Arbeit „Spedition Schulz“ durch Ausschnitte aus Interviews von drei Personen, die sowohl aus ihrem geschäftlichen, wie auch ihrem privaten Leben in München erzählen. So gelingt auch ein Einblick in afrikanisches Leben in der Stadt.

Unter dem Oberthema „Kulturproduktionen“ widmen sich drei künstlerische Arbeiten dem weiten Feld von multikultureller Folklore bis hin zu einem weltstädtischen Flair, das zunehmend vom Stadtmarketing für seine Zwecke genutzt wird. Beispielhaft sei hier auf eine der drei Umsetzungen verwiesen: Kathrin Reikowski, Karin Bergdolt und Christine Lederer geben mit ihrer Arbeit keine Antwort auf die Frage, was „migrantische“ Literatur sei. Sie laden vielmehr den Betrachter ein, selbst zu entscheiden, ob es eine migrantische Literatur gibt, ob Autoren mit migrantischem Hintergrund sich eigener Formen und Ausdrucksweisen bedienen. Die Arbeit trägt den Namen „SpunkII“ – ein Phantasiewort aus Astrid Lindgrens Pippi-Langstrumpf-Geschichten. Eine Auswahl von Zitaten von Autoren mit migrantischem Hintergrund wird zu einem „Wort-Bild-Alphabet“ verdichtet und durch einige Fotografien ergänzt. Zudem kann der Ausstellungsbesucher einen Schreibblock erwerben, der durch seine Gestaltung wiederum einen neuen Blick auf Zitate ergänzende Bilder und Zeichnungen ermöglicht. Eine Stärke dieser Arbeit ist ihre Offenheit für die Interpretationen des Betrachters.

„Crossing Munich“ versteht sich als Forschungsprojekt. Diesem Forschungsaspekt ist die dritte Ebene der Ausstellung gewidmet. Die so genannte „Forschungsstation“ nimmt zwar deutlich weniger Raum ein, als die künstlerischen Arbeiten, ist aber zentral im Ausstellungsraum platziert. Mehrere Reihen von Sitzbänken, die in ihrer Anordnung an die Gleissituation des Kopfbahnhofs München erinnern sollen, laden ein, sich nieder zu lassen und in die ausliegenden Materialien zu vertiefen. Neben einer kleinen Handbibliothek zu den Themen Migration und Mobilität stehen in Ordnern und Zeitungssammlern Kopien der Materialien, Karten, Bilder und Interviewtranskripte zur Verfügung, die die Forschergruppe in den letzten eineinhalb Jahren zusammen getragen hat. Um die Verbindung von Forschung und Kunst herzustellen, begegnen dem Besucher an mehreren Stellen an den Wänden im Ausstellungsraum schwarz-weiße Tapetenstreifen mit Collagen aus Archivfunden und Bildern; sie sollen wohl weniger zum Lesen einladen, als vielmehr optische Akzente setzen und den sehr vielfältigen künstlerischen Umsetzungen, die meist eindimensionalen Objekte der historischen Archivarbeit gegenüber stellen.

Die Ausstellung wird durch einen Webauftritt[2] und ein umfangreiches Begleitprogramm, das sowohl Diskussionsveranstaltungen als auch Filmvorführungen und Musikdarbietungen umfasst, ergänzt. Außerdem soll sie durch das Kooperationsausstellungsprojekt „zuagroast“[3] und die Arbeit „Favoriten“ von Irena Eden und Stijn Lernout auch über den Ausstellungsraum hinaus wirken. Die Schöpfer von „Favoriten“ machen eine Reise auf dem „Autoput“ möglich, ohne München zu verlassen. Ihr Projekt ist in der Ausstellung dem Oberthema „Stadtbilder – Stadt(t)räume“ zugeordnet und manifestiert sich durch einen Münchner Stadtplan mit farbigen Markierungspunkten. Diese Punkte können Kopfhörer zum Klingen bringen, die am Eingang der Ausstellung zu entleihen sind. Der Interessierte kann sich damit auf den Weg durch die Stadt machen, er wird an Orte geführt, die Bezug zu Menschen haben, die aus den Ländern entlang des „Autoput“ stammen und von sich, ihrem Weg nach München und der Stadt selbst erzählen. Der „Autoput“ bezeichnet den zentralen Weg, die Straße, die als eine Art „roter Faden“ für die „Gastarbeiter“-Migration aus Griechenland, Bulgarien, dem damaligen Jugoslawien und der Türkei diente.

Zusammenfassen lässt sich festhalten, dass der Ausstellungsraum sehr bunt, laut und ungeordnet wirkt. Vielleicht soll dies sowohl die Vielschichtigkeit von Migration in der Stadt als auch die Atmosphäre im öffentlichen Raum symbolisieren und den Bezug zum quirligen Hauptbahnhof herstellen, auf den ja mehrfach in der Ausstellung Bezug genommen wird. „Crossing Munich“ ist somit ein interessantes Experiment auf den beiden Ebenen Forschung und Kunst. Zwar entsteht keine Verschmelzung zwischen beiden Bereichen, sie befruchten sich aber gegenseitig und ermöglichen so ungewohnte Einsichten zu einem historisch aktuellen Thema.

Anmerkungen:
[1] Beispiele hierfür sind: Angela Koch / Pia Lanzinger, Xenopolis. Von der Faszination und Ausgrenzung des Fremden in München, München 2005 und Franziska Dunkel / Gabriella Stramaglia-Faggion, Für 50 Mark einen Italiener, Zur Geschichte der Gastarbeiter in München, München 2000.
[2] <www.crossingmunich.org> (01.02.2010).
[3] „Zuagroast“ ein Fotoprojekt von uebungsraum in Kooperation mit Crossing Munich im Rahmen des EU-Projekts MELT. Die Ausstellung war vom 23. Juli bis 06. August zu sehen; Informationen: <www.uebungsraum.eu/docs/einladung.pdf> (01.02.2010).

ZitierweiseDoris Seidel: Ausstellungs-Rezension zu: crossing munich. Orte, Bilder und Debatten der Migration 10.07.2009–15.09.2009, München, in: H-Soz-u-Kult, 02.02.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=127&type=rezausstellungen>.

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