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Ausstellungen

Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Irmgard Zündorf <zuendorfzzf-pdm.de>
Datum, Ort:02.12.2011-04.03.2012, Deutsches Historisches Museum
Veranstalter:Deutsches Historisches Museum; Kuratoren: Ursula Breymayer, Elke Kupschinsky, Bernd Ulrich, Andreas Bernhard
Titel:Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald
Herausgeber:Breymayer, Ursula; Ulrich, Bernd für das Deutsche Historische Museum
Ort:Dresden
Verlag:Sandstein Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-942422-70-3
Bemerkungen:243 meist farb. Abb.
Umfang/Preis:320 S.; € 38,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Susanne Kiewitz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Berlin, Max-Planck-Gesellschaft
E-Mail: <s.kiewitzgmx.de>

Dass das zurückliegende Jahr 2011 das Jahr der Wälder war, hat die deutsche Öffentlichkeit nur wenig bemerkt. Einen Beitrag dazu leistet das DHM mit der Anfang Dezember eröffneten Ausstellung „Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald“. Die Schau schlägt einen großen Bogen über 300 Jahre Kultur- und Naturgeschichte des Waldes, wie er sich spätestens seit der Romantik mit dem Attribut „deutsch“ versehen herausbildete. Dass die kulturelle Wahrnehmung und Inszenierung nur mit Blick auf den Wald als Wirtschafts- und Lebensraum zu verstehen ist, schicken die Kuratoren voraus. Kein leichtes Unterfangen – handelt es sich doch beim „Wald“ nicht nur um einen der artenreichsten und veränderlichsten mitteleuropäischen Naturräume, sondern auch um ein Hauptmotiv der Kunst- und Geistesgeschichte, dessen Fülle von Detailelementen und Untermotiven unübersehbar scheint. Angefangen von der teils freundlichen, teils beängstigenden Schar märchenhafter Waldbewohner wie Hexen, Elfen, Zwerge und Räuber bis hin zur Fülle dekorativer Versatzstücken, in denen sich der Wald symbolisch verkörpert. Deren prominentestes Stück, der röhrende Hirsch vor düsteren Fichtenstämmen, gewährleistet als Umschlagmotiv des Katalogs dann auch eine gute Wiedererkennbarkeit.

Dass eine Ausstellung dieser Art zwangsläufig nur Schneisen ins Dickicht der Waldkunst, Waldliteratur und Waldwirtschaft schlagen kann, liegt auf der Hand. Die Auswahl, die das vierköpfige Kuratorenteam getroffen hat, überzeugt aber in hohem Maße, denn sie lockt den Besucher auf die Hauptwege des Motivs, allen voran die romantische Waldlandschaft und ihre Weiterentwicklung in Heimatfilm, Kinderbuch und Fernsehkrimi. Und sie gewährt dabei zum Teil überraschende Seitenblicke, die ahnen lassen, wie heterogen der gedankliche Fundus dieses über Jahrhunderte fruchtbaren Sujets ist. Die Gestaltung, die den Wald in dekorativer Manier – Fliegenpilz und Turteltaube inklusive – adaptiert, ist zwar unterhaltsam, schafft jedoch keine Ebene, die Fülle der Aspekte analytisch besser zu erschließen. Allein dort, wo die Kulisse der Baumstämme zu Gitterstäben, der Wunderwald der Romantik zum Wald der Gewalt wird, greift eine gestalterische Idee und Initiative.

In den Bildern vom Wald dominieren harte Kontraste. Der Wald ist in Literatur und Kunst ebenso Ort des Verbrechens wie Ort der göttlichen Offenbarung. Er birgt Heil und Unheil, Hell und Dunkel, nutzt und schadet. Schon eher am Ende der deutschen Waldgeschichte steht der Heimatfilm. In der Nachkriegszeit beliebte Filme wie „Schwarzwaldmädel“ oder „Der Förster vom Silberwald“ montieren die Elemente des Motivs schablonenartig zusammen und überführen es damit in den Kitsch: der Bergwald bei Sonnenschein oder Gewitterhimmel, die lauschige Lichtung, auf der das Liebespaar erscheint, der Wilddieb auf der Lauer. Der Künstler Christoph Giradet führt in der Filminstallation „Silberwald“ von 2010 das vollendete Klischeebild deutscher Wald ebenso analytisch wie in seiner ganzen Suggestivkraft vor, indem er Szenen deutscher Heimatfilme nach dem Warholschen Wiederholungsprinzip in drei parallel laufende Filmschleifen montiert. Er zeigt damit alle Elemente, die das Motiv über 300 Jahre Kulturgeschichte formte, und man könnte sich dieses Exponat deshalb für die Eingangsinszenierung vorstellen.

Doch Giradet und anderen zeitgenössischen Künstlern bleibt der letzte Ausstellungsraum vorbehalten. Am Anfang dagegen empfängt den Besucher wenig originell eine nachempfundene Waldlichtung mit Schutzhäuschen und Waldkarte, neben der ein dendrochronologischer Schnitt aus dem Stamm einer Esche keinen Zweifel daran lässt, dass das DHM auch in dieser Ausstellung seinem geschichtsdidaktischem Auftrag nachkommen wird. Im Jahr 1713 gepflanzt, werden die Jahresringe des Baumes zur Datenleiste von Ereignis- und Naturgeschichte. Auch im Weiteren favorisiert die Ausstellung – anders als der ungleich stärker thematisch-analytisch angelegte Katalog – das chronologische Strukturprinzip mit den bekannten historisch-politischen Zäsuren der deutschen Nationalgeschichte, Reichsgründung und Nationalsozialismus.

Mit dem Blick auf die Forstwirtschaft beginnt der Weg durch den Wald im 18. Jahrhundert. Im Jahr 1713 prägte der sächsische Bergbauexperte Hans Carl von Carlowitz den Begriff der Nachhaltigkeit und formulierte damit ein wegweisendes forstwirtschaftliches Prinzip als Antwort auf die seit der Renaissance zunehmende Ausbeutung der Wälder für Brennholz, Baumaterial oder Grundstoff handwerklicher Produkte aller Art. Der neue Ansatz der Forstwirtschaft, den Wald zu bewahren und nachhaltig zu bewirtschaften, zeugt auch von einer neuen rationellen Naturanschauung, die Natur als Ressource begriff und bei ihrer Nutzbarmachung wissenschaftlich und mit sozialem Weitblick agierte. Als besonderes Exponat und Ausdruck dieser akademischen Aneignung des Waldes zeigt die Ausstellung die Hohenheimer Xylothek, eine Bibliothek, deren 109 Bände nur äußerlich Büchern gleichen, dabei aber als Herbarienkästchen Blätter, Blüten und Rindenproben verschiedener Baumarten enthalten.

Der naturgeschichtliche Buchfundus korrespondiert in geglückter Weise mit der nächsten Ausstellungsstation „Wald-Künste“, die das Verhältnis von Baum und Buch nun auch geistesgeschichtlich angeht: Von Joseph von Eichendorffs waldraunenden Gedichten über die Hausmärchen der Grimms bis zu illustrierten Kinderbüchern des späten 19. Jahrhunderts. Zeitgleich zur Erfindung des romantischen Topos der „Waldeinsamkeit“ durch Ludwig Tieck, begann auch die bildende Kunst sich dem Wald und – ganz neu – seinem Inneren zuzuwenden, Caspar David Friedrichs „Kreuz im Gebirge“ bildet dazu das Leitobjekt. Es spricht für die Ausstellung, dass sie neben diesem für die Motivprägung kanonischem Werk auch Bilder von Carl Blechen und Carl Spitzweg zeigt. Blechen sah 1825 im Wald weniger Heiliges als Unheilvolles, und Spitzweg streute bereits früh eine gute Prise Humor über die neue Mode der bürgerlichen Natursehnsucht. Und vollends ist in Johann Heinrich Hasselhorsts „Wäldches-Tag“ von 1871 die Waldlichtung zum Ort bürgerlicher Massengeselligkeit geworden. Nach der Reichsgründung, so behaupten die Kuratoren zu Recht, erfuhr das Motiv eine breitenwirksame Trivialisierung und belegen dies mit einer Fülle von Exponaten aus der bürgerlichen Wohnzimmerwelt seit dem späten 19. Jahrhundert. Daneben inspirierte der Wald aber auch weiterhin hochkarätige Künstler wie Walter Leistikow oder Max Slevogt.

Das „Dritte Reich“ integrierte den Wald zwar in sein ideologisches Naturprogramm, indem es das in der Natur wurzelnde germanische „deutsche Waldvolk“ dem rastlosen „Wüstenvolk der Juden“ (Katalogbeitrag von Johannes Zechner, S. 234) gegenüberstellte. Doch die 1936 zu Propagandazwecken durchgeführte Ausstellung „Der Wald“ versammelte überraschenderweise auch Werke, die nicht dieser Linie folgen. In Albert Birkles Gemälde schlagen Arbeiter für den Bau der Reichsautobahn mit schwerem Gerät eine breite Schneise der Vernichtung durch einen majestätischen Tannenwald. Die deutsche „Waldanschauung“ war aber bereits spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts voll ausgeprägt. Mit Rückgriff auf Tacitus „Germania“ wurde das Gefecht der germanischen Stämme unter Arminius gegen die römischen Besatzer im Teutoburger Wald zum Ursprungsmythos, und der Wald avancierte als heiliger Hain der Nation zum bevorzugten Ort für Denkmäler, die an Treue und Heldenmut deutscher Kämpfer erinnern sollten.

Wie sehr der Wald auch in anderen Formen stets der politischen Propaganda diente, belegen die Kuratoren kenntnisreich an vielen Beispielen. Der Inszenierung des Waldes als Ort der Macht durch die Mächtigen betrieb bereits das Kaiserreich. Die Ausstellung räumt der Jagd, die den Wald zur Bühne der politischen Elite macht, breiten Raum ein und öffnet damit ein wenig behandeltes Themenfeld: Anschließend an das ältere Jagdprivileg des Adels, zeigten sich die deutschen Kaiser nach 1871 gern als Jäger mit erlegter Beute. Unabhängig von politischen Systemwechseln blieben die Bilder aber auch später erstaunlich gleich und die Jagd im Medium Fotografie ein Instrumente der politischen Selbstdarstellung: Reichspräsident Friedrich Ebert posierte ebenso im Jagdkostüm, wie der sich als Reichsjägermeister inszenierende Hermann Göring. Aus dem Besitz Erich Honeckers stammt ein Jagdgewehr und auch die westdeutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss und Heinrich Lübke ließen sich auf der Diplomatenjagd ablichten.

Assoziativ über die Idee vom Wald als Ort der Gewalt gelingt den Ausstellungsmachern der Sprung zum Wald als Kriegsschauplatz und als Ort der NS-Vernichtungspolitik: Ein Geschosskaliber in einem Baumstamm zeugt von der Schlacht auf den Seelower Höhen 1945, und Rindeneinritzungen von KZ-Häftlingen aus Sachsenhausen, die während des Todesmarsches den Wald durchquerten, ergänzen sich als eindrucksvolle Objekte: Natur wird vom dokumentarischen Exponat zum Zeugnis deutscher Erinnerungskultur.

Wie dauerhaft die romantisch geprägten Bilder vom Wald sind, zeigt der Blick auf die jüngere Gegenwart, denn die Sorge um den Waldbestand, ließen in der Bundesrepublik die Emotionen höher schlagen als der saure Regen für Schlagzeilen sorgte und der Wald zum Wahlkampfthema wurde. Die Bildsprache bleibt auch hier wiederum stabil, denn die Plakatgestalter der 1980er-Jahre nahmen typische Waldmotive auf.

Zusammen mit dem sorgfältig und hervorragend gestalteten Katalog, der als Essayband eine gut lesbare Vertiefung bietet, gelingt es den Ausstellungskuratoren, eines der wichtigsten Motive der deutschen Kulturgeschichte kenntnisreich und unterhaltend zu vermitteln. Gemessen am selbst gesetzten Konzept bleibt lediglich die Frage unbeantwortet, wie alltägliche Erfahrungen und das Erlebnis des Waldes Bild und Idee von ihm beeinflussen. Zumindest der Katalog setzt zu einer Erklärung an, denn demnach geht heute mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung sehr selten bis gar nicht in den Wald. Es scheint, dass Wünsche, Bilder und Traditionen tatsächlich ausschlaggebend sind für das Verhältnis der Deutschen zu ihrem liebsten Naturort.

ZitierweiseSusanne Kiewitz: Ausstellungs-Rezension zu: Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald 02.12.2011-04.03.2012, Deutsches Historisches Museum, in: H-Soz-u-Kult, 28.01.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=156&type=rezausstellungen>.

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