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Zeitgeschichte (nach 1945)

E. Scherstjanoi: SED-Agrarpolitik unter sowjetischer Kontrolle

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Lemke <michael.lemkezoho.com>
Autor(en):
Titel:SED-Agrarpolitik unter sowjetischer Kontrolle. 1949-1953
Ort:Berlin
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-57994-9
Bemerkungen:+ CD-Rom
Umfang/Preis:VII, 648 S.; € 69,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Siegfried Kuntsche, Uelitz
E-Mail: <siegfried.kuntschefreenet.de>

Nach langjährigen Forschungen zur Geschichte der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland (SKK) legt die Autorin nun eine spezielle Darstellung zum Zusammenwirken mit der SED-Parteiführung in der Agrarpolitik vor. Erstmalig wird für ein gesellschaftliches Teilgebiet die Aktenüberlieferung in den russischen Archiven ausgewertet, wobei allerdings die Akten des Ministerrats und einige weitere Fonds verschlossen blieben. Die Dokumente werden referiert – teils auch auszugsweise zitiert – und mit der teilweise schon bekannten Aktenüberlieferung aus der Tätigkeit des SED-Politbüros und der ZK-Abteilung Landwirtschaft verglichen. Die Autorin war bemüht, das Wissen von Zeitzeugen in die Rekonstruktion von Bedingungen und Herausforderungen der Agrarpolitik einzubeziehen. Sie befragte Erich Knorr, seinerzeit stellvertretender Generalsekretär der VdgB, und trat auch mit den beiden noch lebenden Führungsoffizieren der SKK K. I. Koval' und L. A. Korbut in Kontakt.

Die detaillierten Untersuchungen konzentrieren sich auf den Zeitraum zwischen der DDR-Gründung 1949 und dem „Neuen Kurs“ 1953. In einem Vorspann wird auf die Agrarpolitik seit der Bodenreform 1945/46 zurückgeschaut (S. 41-154). Dabei wird der Blick schließlich auf das auch für den Agrarsektor bedeutsame Moskauer Spitzentreffen im Dezember 1948 und seine Wirkungen 1949 gelenkt. Nachfolgend wird die Genese der Agrarpolitik bis Mitte 1952 analysiert. Das letzte Kapitel, das ein Viertel der Darstellung einnimmt, bezieht sich auf die Agrarpolitik ab November 1952 sowie ihre Folgen für die Herrschaftskrise 1953 sowie auf die Kurskorrektur (S. 425-591).

Der Band enthält Verzeichnisse der Literatur sowie der gedruckten Quellen und Archivfonds, ein Abkürzungsverzeichnis sowie ein Personenregister. Leider fehlt ein Sachregister, das die Detailfülle überschaubarer gemacht hätte. Die Literaturliste erfasst mit wenigen Lücken alle relevanten Titel aus der Jetzt- und DDR-Zeit. In der Darstellung knüpft die Autorin allerdings nur vereinzelt an empirisch gesicherte Erkenntnisse anderer an.

Dem Buch ist eine CD-ROM mit 28 Dokumenten bzw. Dokumentenauszügen aus der Tätigkeit der SKK beigefügt. Ausgedruckt würden diese Übersetzungen aus dem Russischen etwa 200 Seiten umfassen. Fast ausschließlich handelt es sich um Schlüsseldokumente, mit denen es nicht zuletzt möglich ist, das von der Autorin gezeichnete Geschichtsbild zu prüfen. Leider ist das Dokument „Analyse sozialökonomischer Prozesse in der Landwirtschaft der DDR“ nur in Teilaussagen wiedergegeben (242ff.). Hier versuchte die SKK eine sozioökonomische Eingruppierung der Bauernwirtschaften auf der Basis der (bisher nicht veröffentlichten) Landwirtschaftlichen Betriebszählung vom 15. Juni 1949 – also für das Schlüsseljahr 1949, das Jahr der doppelten Staatsgründung. Wie es scheint, basiert die frühe Monographie des seinerzeit in der SKK tätigen G. G. Kotow (Agrarverhältnisse und Bodenreform in Deutschland. Berlin 1959) im diesbezüglichen Teil auf dieser Analyse. Die Abgrenzung zwischen mittel- und großbäuerlichen Betrieben ist bis heute umstritten geblieben.

Die beeindruckende Stärke des Buches ist die detaillierte Rekonstruktion des agrarpolitischen Entscheidungsprozesses. Damit leistet die Autorin einen originären Beitrag für den Zeitraum von 1950 bis 1953, der – wie sie hervorhebt – bisher weniger intensiv erforscht worden ist als Bodenreform und Agrarumgestaltung bis 1949 einerseits und LPG-Bildung und -entwicklung andererseits. Hier können die Schwerpunkte nur stichwortartig benannt werden: Ausbau der MAS nach ihrer Verstaatlichung, betriebswirtschaftliche Formierung der auf Pflanzen- oder Tierzucht spezialisierten Volkseigenen Güter (VEG), Landarbeitergesetzgebung, Neubauernhilfe bis zum Abbruch des Bauprogramms 1952, sozialpolitisch differenziertes Pflichtablieferungssystem und staatlicher Aufkauf in seinen Modifizierungen, Besteuerung der Landwirtschaftsbetriebe, Aufgabe neu- und altbäuerlicher Betriebe und Formen der Notbewirtschaftung, Republikflucht aus dem Dorf, Bildung von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ab Juni 1952. Das Buch schließt mit einem Kapitel „Die Preisgabe der Mehrsektorenwirtschaft und die Korrektur im Neuen Kurs“ (S. 431-589). Für den Zeitraum von Herbst 1952 bis Mitte 1953 wird gezeigt, wie ein agrarpolitischer Kurswechsel – Forcierung der LPG-Bildung, Strafverfolgung von Bauern, insbesondere Großbauern wegen Ablieferungsschulden und Eigentumsentzug, Mittelkürzung für den Agrarsektor – wesentlich zur Herrschaftskrise 1953 beitrug. Abschließend kommt die Politik des Neuen Kurses ins Bild.

Elke Scherstjanoi weist in der vorliegenden Monographie detailliert nach, dass SED und SKK gemeinsam Leitlinien verfolgten, die im Kern auf Moskauer Spitzentreffen zurückgehen. Als Konsequenz des Treffens im Dezember 1948 habe für die frühen 1950er-Jahre gegolten: Erhaltung der [von der Bodenreform geprägten] sozialen Strukturen im ostdeutschen Dorf, Ertragssteigerung durch Förderung der bäuerlichen – v. a. kleinbäuerlichen – Wirtschaften, Verbesserung der Lebenslage der Landarbeiter und „Ruhigstellung der ´Kapitalisten´ auf dem Lande“ (S. 591). Die Autorin sieht hier durch ihre empirische Untersuchung ein von der Agrargeschichtsschreibung schon seit langem gezeichnetes Bild bestätigt. Durch das Spitzentreffen Anfang April 1952 wurden die Leitlinien nur in einem Punkt modifiziert: Förderung des produktionsgenossenschaftlichen Zusammenschlusses von Bauern auf absolut freiwilliger Grundlage als weiteres sozialistisches Element neben VEG und MAS in der Landwirtschaft, jedoch keine Kampagne. Die Politik gegenüber den Großbauern sollte unverändert fortgeführt werden: also Begrenzung ihrer ökonomischen Macht, aber keine Politik der Eliminierung einer sozialen Schicht.

Die Initiative für konkrete agrarpolitische Entscheidungen ging meist von der deutschen Seite aus. Die SKK griff beim Prüfen der von den DDR-Experten erarbeiteten Entscheidungsvorschläge der SED-Führung auf konkretes Faktenmaterial zurück, das sie teils durch Inspekteure gesammelt, teils aus der Berichterstattung deutscher Behörden gewonnen hatte. Nicht selten trat jedoch der Fall ein, dass die Prüfung erst abgeschlossen wurde, wenn bereits der Politbürobeschluss vorlag. Im Falle einer Divergenz nahm die SKK darauf Einfluss, dass bestimmte Details in der Vorlage für den Ministerrat bzw. die Volkskammer noch verändert wurden. Wie die Autorin betont, handelte es sich nicht um einen „Befehlsempfang“ (S. 607). Es gab ein Hin und ein Her in einem kooperativen Zusammenwirken. In nicht wenigen Fällen lenkte die SKK-Fachabteilung oder die SKK-Spitze ein.

Das ausgebreitete Faktenmaterial spricht davon, dass SKK und SED gemeinsam danach suchten, unter Nutzung sowjetischer Erfahrungen der Wirtschaftsleitung und -planung Maßnahmen zu konzipieren, die der konkreten Situation im ostdeutschen Alt- oder Neubauerndorf entsprachen. Nur bei der Konstituierung und betrieblichen Organisation der VEG und MAS wirkte das sowjetische Vorbild direkt. Bei der LPG-Bildung orientierte die SKK auf das Beispiel der sozialistischen Nachbarländer, wobei die tschechischen, aber auch die ungarischen Erfahrungen besonderes Gewicht erlangten. Der 1952 in den Vordergrund gestellte LPG-Typ I entsprach dem bäuerlichen Eigentümerdenken.

Es ist der Autorin beizupflichten, wenn sie sich auf dieser Faktenbasis von der Sowjetisierungsthese distanziert.

Für den Zeitabschnitt ab Herbst 1952 weist sie als analytischen Befund aus, dass die „ostdeutsch-sowjetische Herrschaftskooperation“ (S. 605) nicht mehr in den bisherigen stabilen Gleisen lief. Die Kooperation sei durch Personal- und Strukturwechsel und unklare politische Schwerpunktsetzung in der SKK sowie gestörte Kommunikationsbeziehungen zur Moskauer Zentrale erschwert worden. Bedenken seitens der SED habe zu vermehrtem Druck geführt.
Scherstjanoi postuliert einen „Strategiewechsel“ durch das 10. ZK-Plenum im November 1952, charakterisiert ihn als „eigensinnigen Vorstoß der SED-Führung“ (S. 601) und bemerkt: „Anders als 1948 [als Stalin einen Strategiewechsel in Richtung volksdemokratischer Entwicklung korrigierte] intervenierte die Moskauer Führung nicht.“ Beim Strategiewechsel habe es sich darum gehandelt, „die Mehrsektorenwirtschaft aufzugeben und ´kapitalistische Elemente´ aus der Wirtschaft zu vertreiben.“ (S. 587) Die Korrektur, die Politik des Neuen Kurses, sei dann in einem „eigentlich untypischen Spitzentreffen [in Moskau], das nicht mehr Konsultation, sondern nur noch Order beinhaltete“, festgelegt worden (S. 607f.).

Es ist hervorzuheben, dass die detailfreudige Darstellung zur Herrschaftskooperation das Geschichtsbild über den thematischen Rahmen hinaus bereichert, so etwa hinsichtlich der Auseinandersetzungen in der Partei- und Staatsführung Ende 1949/Anfang 1950 bei der Vorbereitung der Schauprozesse gegen die Spitzen des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens auf dem Weg zur Zwangsfusion mit der VdgB, in der beschreibenden Darstellung der ersten Konferenz der LPG-Vorsitzenden im Dezember 1952, in der Analyse der Geschehnisse am 17. Juni 1953 in ländlichen Regionen. Vielfältig treten die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Agrarentwicklung und agrarpolitischen wie agrarwirtschaftlichen Entscheidungsfindung in ihren Verästelungen in das Blickfeld. Beispielsweise wird im letzten Kapitel die Krise des Staatshaushaltes seit Mitte 1952 dargestellt und damit eine Lücke im bisherigen Geschichtsbild geschlossen.

Manche Wertungen und Deduktionen der Autorin werden nicht ohne weiteres nachvollziehbar sein, andere zur Diskussion herausfordern. Beispielsweise legt die Autorin die Zäsur des Aufbaus des Sozialismus nicht auf die 2. SED-Parteikonferenz im Juli 1952, sondern knüpft sie an den Forcierungskurs des 10. ZK-Plenums im November 1952. Diesem Postulat kann ich nicht folgen, zumal das in dem überlangen Schlusskapitel ausgebreitete Faktenmaterial nicht zwangsläufig zur Folgerung eines Strategiewechsels mit den beiden Signaturen Aufgabe des Konzepts der Mehrsektorenwirtschaft und Eliminierung der Großbauern als sozialer Schicht führt.

Zusammenfassend: Die Autorin hat in immenser empirischer Fleißarbeit eine Leistung vorgelegt, die hoffentlich weitere Forschungen anregt. Das Buch sollte Antrieb sein, weitere Teilbereiche zu analysieren, um den Charakter der Beziehungen zwischen der SKK und der SED-Führung generell bestimmen zu können. Agrarhistoriker können sich durch viele Fakten bereichert sehen und werden politikgeschichtliche Ausgangspunkte künftiger Untersuchungen finden.

ZitierweiseSiegfried Kuntsche: Rezension zu: Scherstjanoi, Elke: SED-Agrarpolitik unter sowjetischer Kontrolle. 1949-1953. Berlin 2007, in: H-Soz-Kult, 06.01.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-006>.

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