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Hist. Publikationen auf elektron. Trägermedien

Rez. CD-ROM: Mueller ueber "Retrospect 1999"

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Rüdiger Hohls <hohlsrgeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Retrospect 1999.Die umfassende Chronik des 20. Jahrhunderts auf 6 CD-ROM (Das 20. Jahrhundert)
Herausgeber:Digital Publishing - Verlag für neue Medien
Ort:München
Verlag:Digital Publishing - Verlag für neue Medien
Jahr:
ISBN:3-930947-57-9
Umfang/Preis:198.00 DM

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Müller, PD Dr. Guido, Universitaet Tuebingen, Seminar fuer Zeitgeschichte

Das aus 6 CDs bestehende interaktive historische Nachschlagewerk ist geordnet in 21 strukturierte Themenführungen (Dokumentationen). Diese Herzstücke führen mit insgesamt über vier Stunden Film und Sprecherkommentar sowie linkreichen Textseiten in zentrale Themenbereiche der deutschen Geschichte und internationalen Entwicklung des 20. Jahrhunderts ein. Erfolgreiche historische Fernsehdokumentationen der letzten Jahre haben hier sichtlich Pate gestanden. Beginnen kann der Benutzer mit jeder CD-ROM. Aufgrund der neuen Technologie SmartCD ist es möglich, auf allen CDs den gesamten Inhalt zu recherchieren. Das Programm fordert lediglich hin und wieder auf, eine andere CD einzulegen, wenn ein bestimmtes Film- oder Tondokument angesehen werden soll. Außerdem gibt es eine Chronik der Jahre von 1900 bis 1998, ein vernetztes Lexikon mit über 200.000 Querverweisen und Stichwörtern sowie einer Suchmaschine, ein Archiv als eine elektronische Bibliothek mit einigen tausend Einträgen von historischen Tondokumenten (12 Stunden) und zeitgenössischen Filmdokumenten (etwa 3 Stunden), Diashows, Dokumenten, Reden und Gesetzestexten, ein Glossar mit rund 1.500 Kurzbiographien und weiteren Sacheinträgen in einer alphabetischen Liste. Damit kann man über einen Begriff oder eine Person in die Fülle der verfügbaren Themen einsteigen. Das Ganze wird auf über 20.000 Bildschirmseiten mit 10.200 Abbildungen, Karten und Illustrationen präsentiert. In der Begleitbroschüre werden verständlich, knapp und übersichtlich der Aufbau, die Bedienung und die Installation erläutert. Angaben über die Autoren, über die Kriterien von Aufbau und Auswahl der historischen Dokumentation, vor allem auch über ihre Quellen und Herkunftsorte fehlen leider. So gilt es, dem versammelten historischen und technischen Sachverstand zu vertrauen und sich auf die Zeitreise durch das 20. Jahrhundert einzulassen.

Diese eindrucksvolle Bilanz einer der bisher umfassendsten interaktiven zeitgeschichtlichen Dokumentationen verspricht nach Aussage der Werbebroschüre zum Gesamtprogramm von "digital publishing", die dabei mit Spiegel Online kooperieren, sehr viel. Danach liegt mit dem vorliegenden Werk das "ultimative Lexikon des 20. Jahrhunderts" vor, "vollständig wie eine Enzyklopädie, geordnet wie eine Chronik, dramatisch wie ein Film, vor allem mit allen Vorteilen eines interaktiven Mediums: Da bleiben keine Fragen offen." Diese hohen Ansprüche sind nun zu überprüfen. Die große Anzahl an verknüpften Informationen und Daten und ihre Präsentation erfordert eine etwas ausführlichere Besprechung.

1. Benutzerfreundlichkeit und Bedienungsprobleme
Wie sehen nun zunächst der Einstieg und die Bedienung aus? Die Systemvoraussetzungen sind Microsoft Windows 3.x, 95, 98, MS Windows NT 4.0. Für ein problemloses Arbeiten sind die heutigen Standard-PC ausreichend ausgerüstet. Die Angaben bei den Systemvoraussetzungen mit 8 MB RAM erscheinen ziemlich niedrig. Daher werden 16 MB empfohlen. Außerdem werden eine Windows-kompatible Soundkarte und Lautsprecher (oder Kopfhörer) benötigt, eine Bildschirmauflösung 800x600 bei 256 Farben und natürlich ein CD-ROM-Laufwerk.

Gut gefällt, daß keine Installationsprozedur unter Windows 95/NT notwendig ist. Die Installation unter Windows 3.1 beinhaltet lediglich das Anlegen eines Symbols auf der Oberfläche. Hierdurch werden verwaiste DLL´s und "Datenmüll" auf der Festplatte vermieden. Das Anlegen eines Icons auf dem Desktop unter Windows 95/NT erfolgt nicht. Hier wäre es schön, wenn beschrieben wäre, wie das Programm auch ohne die Autostartfunktion durch das CD-ROM-Laufwerk zu starten ist. Bleibt die CD-Rom nach Benutzung im Laufwerk, startet nach dem nächsten Start des PCs das Programm natürlich nicht von allein.

Die Oberfläche wirkt auf den ersten Blick aufgeräumt und übersichtlich. Doch bei der Navigation am Bildschirm fallen einige Probleme auf, die zunehmend Verwirrung stiften können. Kommen dann noch bewegtes Bild und Ton dazu, ist der Benutzer hin und her gerissen zwischen der beeindruckenden Informationsfülle, der Buntheit und den vielen Verweisen und Abzweigungen, die sich ihm auf dem Bildschirm bieten, sowie dem Bedürfnis nach systematischer aufbauender Suche. Ist das Medium also doch mehr oft zufällig verknüpftes Wissensspiel im Meer der zusammengetragenen historischen Informationen und Edutainment als systematische und geleitete Wissensvermittlung? Solche Gedanken kommen dem Fachhistoriker, je länger er den CDs inhaltlichen Nutzen für sich zu entlocken sucht. Aber dann gibt es ja auch noch Glossare, ein biographisches Lexikon und eine elektronische Bibliothek mit Quellen. Hier werden vielleicht weitergehende fachliche Ansprüche befriedigt. Doch dazu im Zusammenhang mit dem Adressatenkreis unten mehr.

Welche Irritationen in der Benutzung treten nun auf? Zwischen den im Startbild erscheinenden Bildern am unteren Bildschirmrand - diese zeigen die in der jeweiligen CD-ROM enthaltenen drei bis vier Dokumentationen - kann mittels eines Mausklicks gewählt werden. Wenn der Cursor zwischen zwei Bildern steht, kann man ebenfalls wählen. Dies bedeutet jedoch, daß der Anwender nicht genau weiß, welche der beiden Dokumentationen, zwischen denen er mit der Maus steht, ausgewählt wird. Hier wäre eine deutlichere Unterscheidung mittels Umblendung des Mauszeigers von der Hand in einen üblichen Mauszeiger günstig. Gemäß den geltenden Standards sollte die Hand nur erscheinen, wenn diese auf eine der Bildbeschriftungen trifft. Eine weitere Möglichkeit der genauen Unterscheidung liegt in der Umfärbung der Bildunterschriften.

Beim Aufruf einer der Punkte vor einer blauen Weltkugel am Sternenhorizont - "Dokumentationen - Chronik - Glossar - Archiv - Suche" - in der Mitte des Bildschirms springt der Cursor nach oben auf den Punkt "Retrospect" (in einer schwach erkennbaren Leiste), und es öffnet sich das dazugehörige Untermenü. Es besteht aus folgenden Punkten: Dokumentationen, Suche, Biographien/Glossar, Archiv, Chronik und Beenden. Tippt der Cursor an einen dieser Punkte, öffnet sich das nächste Fenster mit den entsprechenden Informationen und Weiterverweisen. Diese Bewegung der Maus ist ziemlich gewöhnungsbedürftig, da ein Eingreifen des Anwenders während der automatischen Mausführung bewirkt, daß der entsprechende Punkt eben nicht zur Auswahl kommt. Schöner wäre es gewesen, wenn das entsprechende Untermenü an der Position, an der die Maus sich beim Aufruf des entsprechenden Punktes befindet, aufklappen würde. Über das Feld Bearbeiten in der Menüleiste am oberen Bildschirmrand ist es dann auch möglich, aufgerufene Felder auszudrucken oder zu kopieren und somit weiterzuverwerten.

Das ständige Auf- und Zuscrollen der Menüs in den Folgebildschirmen - sofern sich der Cursor über einem der Menüpunkte bewegt - wirkt äußerst störend und auch ablenkend. Ein Anklicken auf den gewünschten Menüpunkt ist sicherlich nicht weiter aufwendig und würde das ständige Scrollen über den Bildschirm unterbinden. Nach dem Aufruf einer der angebotenen Punkte auf der Startseite besteht lediglich über den Menüpunkt "Retrospect - Startseite" die Möglichkeit der Rückkehr zum Einstiegsbild (Startbild).

Wenn man sich in einem der Folgebildschirme befindet, kann man in den Leisten über die mit gelb unterlegten Wörter auf entsprechende Querverweise gehen, sich biographische Informationen im Glossar holen oder im Archiv Dokumente suchen. Es gibt auch noch blaue Unterstreichungen für den Einstieg in einen Themenkreis und grüne Hintergründe für Hintergrundinformationen. Wem das kompliziert und verwirrend vorkommt, hat dasselbe Bedienungsproblem wie der Rezensent.

Leider muß anschließend immer wieder über den Punkt "Retrospect - Verlauf" gegangen werden, um auf bereits besuchte Seiten zurückzukehren. Wählt man den Punkt "Retrospect - Startseite" kommt man an den Anfang der Dokumentation. Hier wären kleine Icons auf dem Schirm, mit deren Hilfe man entsprechend blättern könnte, schöner. Doch bei längerer Benutzung merkt man rasch, daß es besser ist, zunächst in den Feldern Dokumentation oder Chronik zu bleiben, als zuviel hin und her zu springen, da man sich sonst festhängt oder nicht wieder zurückfindet.

Da die Anzahl der Querverweise überaus groß und verwirrend ist, wäre es je nachdem, auf welchen Benutzerkreis gezielt wird, gut, wenn der Anwender ein eigenes Profil von sich mit auf den Weg geben könnte. Hierbei würde es ausreichen, dem Anwender dadurch die Möglichkeit zu geben, die Tiefe der Querverweise mitzubestimmen. Für Personen, die sich lediglich sehr knapp über bestimmte Zusammenhänge informieren möchten, sind für den tatsächlichen Einblick und das Verständnis nicht alle Informationen und beim Mauskontakt aufblendende Texte vonnöten.

Wie sollte sich nun der Benutzer verhalten, um nicht gleich nach wenigen Minuten ganz den Überblick in der Informations-, Bild- und Tonfülle und den Möglichkeiten des Nachschlagens zu verlieren? Er bleibt am besten entweder innerhalb der 21 Dokumentationen oder in der Chronik von 1900 bis 1998. Die nach Jahreszahlen geordnete Chronikleiste am unteren Rand bietet darüber fünf Leisten zu den Themen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Katastrophen und Kriege, in denen dann über Bilder einzelne Abschnitte oder Ereignisse aus den Dokumentationen abgerufen werden können.

2. Inhaltliche Gliederung und Mängel
Welche Themen werden nun in den Dokumentationen behandelt, die ähnlich wie 10- bis 15minütige Fernsehdokumentationen funktionieren? Die Felder auf CD 1 lauten: "Anbruch des Jahrhunderts", "Bankrott der alten Welt", "Zwischen den Kriegen", "Das rote Imperium"; auf CD 2: "Im Schatten der Diktatoren", "An der Schwelle zum Krieg", "Der Zweite Weltkrieg"; CD 3: "Auftakt zum Kalten Krieg", "Aufbruch im Reich der Mitte", "Zwei deutsche Staaten"; CD 4: "Abtritt der Kolonialmächte", "Wettrüsten und Entspannung", "Erdbeben, Fluten, Abstürze"; CD 5: "Krisenherd Indochina", "Von Adenauer zu Kohl", "Pulverfaß Nahost", "Gesellschaft im Wandel" und auf CD 6: "Europäische Einigung", "Umbruch im Osten", "Vereinigtes Deutschland" und "Die 90er: Neue Weltordnung?"

Bei der Ansicht sämtlicher Film- und Ton-Dokumentationen im Test auf drei verschiedenen PCs trat ein schwerwiegendes technisches Problem bei drei Dokumentationen auf den Rezensions-CDs auf, und zwar immer in den Dokumentationen "Bankrott der alten Welt" und "Das rote Imperium" auf CD 1 und "Europäische Einigung" auf CD 6. Sie blieben früher oder später an einer bestimmten Stelle hängen. Dabei ließ sich keine Fortsetzung der Filmsequenzen oder ein Zurück bewerkstelligen. So fehlen die Ton-/Filmdokumente z.B. zu den Einzelthemen "Römische Verträge 1957" und "Maastricht 1992" ganz. Das Thema der europäischen Einigung ist damit nur sehr lückenhaft zugänglich. Das ist aber insofern nicht verwunderlich, da im ganzen der Bezug zur deutschen Geschichte stark überwiegt, wenn auch ein Bemühen um globale Bezüge erkennbar ist.

Sehr ansprechend sind die ausgewählten historischen Film- und Tondokumente, deren Auswahlkriterien allerdings leider nirgendwo erläutert oder begründet werden. Dabei sind dem Rezensenten einige rare und schöne Beispiele aufgefallen, die hier exemplarisch für diese besonders erfreuliche Seite des angezeigten interaktiven Mediums erwähnt werden sollen. So findet sich eine Rede Breitscheids zum deutschen Völkerbundbeitritt von 1927, eine Rundfunkreportage zum Unglück des Zeppelins "Hindenburg" am 6.5.1937, de Gaulles deutsche Ansprache in Ludwigsburg am 9.9.1962. In diesen auf einem kleinen Fenster weitestgehend ansprechend und verständlich wiedergegebenen zeitgenössischen Ton- und Filmdokumenten liegt ein ähnlich hoher Reiz wie im Gebrauchswert der umfangreichen Quellendokumentation (vor allem der Reden und Gesetze) im Archiv. Zum Ersten Weltkrieg hingegen gibt es keine Ton- oder Filmdokumente, sondern nur eine Textauswahl von Barbusse, Dorgèles und Remarque. Über die Gründe dieser beschränkten Auswahl kann der Leser hier ebenso nur spekulieren wie über die in anderen Fällen durchaus gelungene Auswahl von Filmdokumenten - so zum Umbruch 1989.

In der historischen Information überwiegen die Jahrzehnte bis um 1960 eindeutig, während es dann vor allem im Glossar immer dünner wird. Die Chronik endet mit dem 27.9.1998, dem "Ende der Ära Kohl". Wenn de Gaulle als "Frankreichs bedeutendster Politiker des 20. Jahrhunderts" bewertet und mehrfach erwähnt wird, so läßt sich darüber eventuell noch Einigkeit erzielen. Doch muß deshalb Mitterand in einer Chronik des 20. Jahrhunderts ganz fehlen, während der französische Präsident Millerand immerhin vorkommt? Im Detail der Texte - vor allem des Glossars - fallen eine ganze Reihe kleinerer oder größerer Fehler und Lücken auf. So war Paul Löbe nie Reichskanzler, und der irritierte Leser fragt sich, was unter der Überschrift "Katholische Parteien lösen sich auf (1933)" außer einer durcheinandergeratenen Chronologie die DNVP und die "Deutsche Staatspartei unter (sic!) Theodor Heuss" zu suchen haben. Hier wäre noch eine ganze Reihe von sachlichen Korrekturen angebracht, die in dem technisch anspruchsvollen und aufwendigen Unternehmen wohl am Ende unter den Tisch gefallen sind. Leider schränken die Sachfehler aber den Wert für eine fachwissenschaftliche Benutzung stark ein.

Schließlich ein typisches Beispiel für den inhaltlichen Aufbau einer Dokumentation, der nicht immer sehr tief geht. Unter "Gesellschaft im Wandel" verbergen sich folgende Stichpunkte mit einer 1968 einsetzenden Zeitleiste: Martin Luther King und die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA, Geschlechterfrage (seit Jahrhundertbeginn!), Studentenrevolte (Paris und Bundesrepublik Deutschland), Bürgerbewegungen der 70er Jahre (Anti-Atomkraftbewegung, Brokdorf-Demo 1976), ‚neokonservative Wende' seit Ende der 70er Jahre (Thatcher, Reagan, Kohl), ökologische Protestbewegungen in den 80er Jahren (Greenpeace; Brent Spar 1995), Umweltpolitik in den 90er Jahren. Hier wird nichts historisch vertieft oder gar problematisiert (außer dem Punkt der Frauenbewegung). Hingegen wird alles etwas angetippt.

3. Benutzerkreis und Brauchbarkeit für den Historiker
Schon die wenigen inhaltlichen Hinweise sollten deutlich gemacht haben, daß es sich bei dieser CD-ROM-Sammlung nicht um ein wissenschaftlichen Zwecken dienliches Arbeitsinstrument handelt. Dafür ist es zu lückenhaft, enthält noch zu viele Sachfehler und ist in seinen Auswahlkriterien weder theoretisch noch methodisch begründet, so schön und originell auch für den Kenner der eine oder andere Einzelfund der Bild-, Ton- und Textquellen sein mag. Nützlich sind im beschränkten Sinne einer Kurzinformation die vielen Personen- und Sachglossare, auch die zahlreichen Textdokumente, die sich im Archiv verbergen. Allerdings gibt es dazu zuverlässige gedruckte Hilfsmittel und in letzter Zeit auch immer mehr elektronische Nachschlagemöglichkeiten.

Besonderen Reiz gewinnt das Ganze eigentlich vor allem durch die Verknüpfungsmöglichkeit der verschiedenen Medien. Die Zielgruppe wird bewußt offengehalten, um ein möglichst großes Käuferpotential anzulocken. Als Arbeitsinstrument für den Fachhistoriker, vor allem den Zeithistoriker, taugt es weniger. Wer historische Unterhaltung sucht, die auch Vertiefungsmöglichkeiten bietet, und ein eher enzyklopädisch veranlagter Anhänger neuer Medien ist, scheint der ideale Ansprechpartner für diese CD-ROM-Sammlung zu sein. Für ihn lohnt sich die Anschaffung. Der Rezensent muß zugeben, daß ihm die vielen interaktiven Möglichkeiten vor allem damit Spaß bereitet haben, daß sich von Bekanntem aus leicht vielfache historische Verknüpfungen zu weiteren Informationen, zu zeitlichen und geographischen Assoziationen und weniger Bekanntem ergeben. Dabei vergeht leicht eine Stunde des Stöberns und der Ablenkung, auch des Ärgers über fehlende Informationen oder des Nachsinnens, warum nun dies Ereignis vorkommt und ein anderes fehlt. Doch wem passiert dies bei der Lektüre nicht auch?

Der Sinn einer solchen interaktiven Datenaufbereitung liegt wohl in erster Linie darin, ein sehr allgemein geschichtlich am 20. Jahrhundert interessiertes oder neugieriges (junges?) Publikum mit einfachen Sachverhalten und Grundinformationen zum Weltgeschehen im 20. Jahrhundert vertraut zu machen. Wer von den interaktiven Möglichkeiten der CD-ROMS (immer noch?) fasziniert ist, wird mit Hilfe dieser eindrucksvoll gestalteten und umfangreichen Kompaktsammlung bis auf einige kleine technische Mängel und eine Reihe von Detailfehlern gut bedient. Bilder, Filme, Töne und viele Texte und Detailinformationen aus dem 20. Jahrhundert finden sich hier wie in einem Kaleidoskop zusammengestellt. Das Spielerische und das Zufallsprinzip drängen sich hier auf. Mancher wird vielleicht nach einigen Stunden etwas mitgenommen haben über zeitgeschichtliche Themen. Schüler können sich hier Stoff für Referate zusammensuchen und mancher Student einen ersten optisch ansprechenden Einstieg in eine Thematik finden. Die bunte Abwechslung von Bild, Ton, Text und Tausenden eigenen Recherchemöglichkeiten ermüdet vielleicht weniger schnell als andere traditionelle Vermittlungsformen von Geschichte.

Damit steht das Medium durchaus in der Mitte zwischen Film und Fernsehen, Textdokumentationen und Nachschlagewerken. Es kann darüber hinaus dank der vielen - allerdings auch ablenkenden - Links und Verknüpfungen möglicherweise auch zum Auffinden von thematischen Querverbindungen, zu historischen Assoziationen und zu weiterer vertiefender Informationsrecherche veranlassen. Das sind Hoffnungen. Doch welche Informationen in der Art dieser Präsentation und Aufbereitung wie und bei wem hängenbleiben, ist ein ganz anderes Problem dieser jungen Gattung.

Ich kann mir gut vorstellen, daß diese neue Präsentationsform bei manchem Geschichtsinteressierten, der vom problem- und strukturorientierten Geschichtsunterricht gelangweilt oder überfordert ist, ein neues Interesse an Zeitgeschichte weckt. Neugierig geworden, beginnt er vielleicht eine eigenständige Beschäftigung mit historischen Themen und sucht nach weiterführenden Informationen in Bibliotheken, Datenbanken und Internet. Vielleicht stößt dieser mündige historisch Interessierte dann auch auf Abweichungen, Probleme, Kontroversen und Widersprüche der Zeitgeschichte, die ihm diese CD-ROM-Edition noch vorenthalten hat. Dann beginnt aber erst das eigentlich aufregende Erlebnis Zeitgeschichte, das eben nicht nur aus bunten Filmen, Tönen, Glossaren und Daten des Gestrigen besteht. Assoziationsmöglichkeiten bietet ihm diese insoweit gelungene CD-ROM-Edition dazu in reicher Auswahl.

ZitierweiseGuido Müller: Rezension zu: Digital Publishing - Verlag für neue Medien (Hrsg.): Retrospect 1999. Die umfassende Chronik des 20. Jahrhunderts auf 6 CD-ROM (Das 20. Jahrhundert). München 1998, in: H-Soz-u-Kult, 03.06.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7757&type=rezcdrom>.

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