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Rez. Audio-CD: Krenzer ueber "Geschichte in Liedern"

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Rüdiger Hohls <hohlsrgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):;
Titel:Geschichte in Liedern, Deutschland im 20. Jahrhundert.
Reihe:(Reihe RAAbits Geschichte)
Ort:Stuttgart
Verlag:Raabe Fachverlag für die Schule
Jahr:
ISBN:3-8183-0005-4
Umfang/Preis:65.16 DM

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Dr. Michael Krenzer, Herten

Rezension der Audio-CD mit Begleitheft:

Singen und Musizieren sind wesentliche Bestandteile des menschlichen Lebens. Schon immer haben Menschen in Liedern von ihren Erlebnissen, Aengsten und Hoffnungen erzaehlt. Lieder wurden auch benutzt, um Menschen zu beeinflussen, sie zu motivieren oder zu manipulieren. Aus diesem Grunde sind historisch-politische Lieder eine bedeutende Quellengattung. Gerade im schulischen Bereich ist ihr Einsatz sehr wichtig, da sie Schuelern einen unmittelbaren Weg zur Erschliessung vergangener, fremder Lebenswelten ermoeglichen. Lieder sprechen das Gefuehl an, Lieder wirken nach. Sie bieten Moeglichkeiten zur Identifizierung und Parteinahme. Dieser affektiv gepraegte Zugang zur Geschichte ist eine wichtige Ergaenzung zum ansonsten oft recht 'verkopften' Geschichtsunterricht, der hauptsaechlich mit der Analyse mehr oder weniger trockener Textquellen beschaeftigt ist. Leider spielen Lieder im Unterricht nicht selten nur eine marginale Rolle. Der Grund liegt weniger darin, dass die Geschichtslehrer den Wert dieses Quellentyps nicht erkannt haetten, als vielmehr im mangelnden Angebot im Unterricht einsetzbarer Aufnahmen.

Der Raabe-Verlag hat nun eine Sammlung historischer Lieder veroeffentlicht, die diesem Mangel abhelfen soll. "Geschichte in Liedern, Deutschland im 20. Jahrhundert" besteht aus einer Audio-CD mit 23 Titeln und einem erlaeuternden Begleitheft. CD und Begleitheft wurden in erster Linie fuer den Geschichtsunterricht konzipiert, bieten aber laut Verlagswerbung "darueber hinaus vielfaeltige Moeglichkeiten fuer den Einsatz in den Faechern Musik, Deutsch, Politik, Religion und Ethik bzw. fuer den faecherverbindenden Unterricht." Im folgenden soll zunaechst ein Ueberblick ueber den Inhalt und Aufbau des Samplers und des Begleitmaterials gegeben werden. Anschliessend wird untersucht, inwieweit ein Einsatz der CD im schulischen Unterricht sinnvoll und zweckmaessig erscheint.

1. Inhalt der CD
Die CD hat bei 23 Titeln eine Gesamtspieldauer von etwa 72 Minuten. Das Begleitheft ordnet die einzelnen Lieder 5 Epochenabschnitten zu. Um dem Leser die Moeglichkeit zu geben, die von den Autoren getroffene Auswahl selbst zu beurteilen, wird in der folgenden Liste eine Uebersicht ueber diese Abschnitte und die zugehoerigen Titel gegeben. Aufgefuehrt sind ebenfalls das Entstehungsjahr sowie die Textautoren und Komponisten.

A) Politik und Gesellschaft in der Weimarer Republik

Das Lied vom Kompromiss (1919, Aufnahme von 1956); K. Tucholsky, H. Eisler
S.A. marschiert (Aufnahme o. J.); H. Hammer, H.A. v. Gordon
Hannelore (1928); W. Hagen, H. Platen
Stempellied (1929); D. Weber, H. Eisler
Sturmlied des Kampfbundes gegen den Faschismus (1932); E. Weinert, H. Eisler

B) Propaganda und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus (1933)

Erde schafft das Neue (1933); H. Spitta
Unsere Fahne flattert uns voran (1933; Aufnahme o. J.); B. v. Schirach, H.-O. Borgmann
Mit Mercedes-Benz voran! Ein Lied von der schaffenden Heimat (1941, Aufnahme o. J.); A. Richter; H. Niel
Ich weiss, es wird einmal ein Wunder gescheh'n (1942); B. Balz, M. Jary
Sankt Georg-Lied (1934); G. Thurmair, A. Lohmann
Dachau-Lied (1938, Aufnahme o. J.); J. Soyfer, H. Zipper
Yisrolik (1942, Aufnahme 1994); L. Rozenthal, M. Veksler

C) Das geteilte Deutschland: Die DDR

Pack' die Badehose ein (Satirefassung 1952); H. Bradtke, C. Froboess
Die 13 (1961); Kallies (Pseud.)
Gute Freunde (1961); H.-G. Beyer, H. Naumilkat
Ermutigung (1968, Aufnahme von 1974); W. Biermann

D) Das geteilte Deutschland: Die Bundesrepublik
Insulanerlied (1953); G. Neumann
Chanson vom Wirtschaftswunder (1953); G. Neumann, F. Grothe
2. Juni 1967 (1968); F. J. Degenhardt
Aufstehn (1980); Lerryn/G. Wallraff, H. Sander

E) Deutschland nach dem 9. November 1989
Das Lied der Deutschen; H. v. Fallersleben, J. Haydn
Gruener Baum (1990); M. Erhardt, R. Lakomy
So lebten wir in den Zeiten der Stagnation (1990); F.-J. Kopka, B. Thalheim

Die Auflistung zeigt ein breites Spektrum von Liedern aus der Zeit zwischen 1919 und 1990. Bis auf zwei Ausnahmen (Nr 1: Das Lied vom Kompromiss; Nr. 12: Yisrolik) handelt es sich um zeitgenoessische Originalaufnahmen. Dies ist aus Gruenden der Authentizitaet sehr positiv zu bewerten. Der Zuhoerer ist sicher gern bereit, als Tribut an die Originalitaet des Quellenmaterials das Rauschen und Knacken mancher Aufnahmen zu tolerieren.

Wie bei allen Samplern wird man ueber die Auswahl der Titel natuerlich trefflich streiten koennen. Die Autoren standen, aehnlich wie Schulbuchmacher, vor dem Problem, aus einer grossen Materialbreite besonders typische Beispiele auszuwaehlen. In weiten Teilen ist ihnen dies sehr gut gelungen. Besonders die Themen "Weimarer Republik" und "NS-Zeit" bilden in der Auswahl die gesellschaftlichen bzw. politischen Gegenpositionen gut ab. In manchen Faellen vermisst man jedoch auch einige sehr bekannte historisch-politische Lieder gerade der Nachkriegszeit. Auch die Gattung der offiziellen Hymne findet kaum Beruecksichtigung. So waere z.B. fuer die NS-Zeit das Horst-Wessel-Lied als ergaenzender Kontrast zum Deutschlandlied angezeigt gewesen. Beide bildeten gemeinsam die Nationalhymne des NS-Regimes. Moeglicherweise hat es hier juristische Bedenken gegeben. Ebenso haette die Nationalhymne der DDR die Darstellung der Nachkriegsgeschichte sicher sehr gut ergaenzt.

Die Praesentation von NS-Propagandaliedern auf der CD ist ein mutiger Schritt, der die Auswahl sehr bereichert. Die Herausgeber sind sich der "Gefahr undistanzierter Begeisterung" durchaus bewusst und raten dazu, den Einsatz dieser Lieder von der jeweiligen Klassensituation abhaengig zu machen. Auf der anderen Seite kann gerade durch das Nacherleben der Wirkung dieser Lieder eine Sensibilisierung fuer die subtilen Mechanismen der NS-Propaganda bewirkt werden.

2. Das Begleitheft zur CD
Das mit der CD mitgelieferte Begleitheft enthaelt 5 Kapitel entsprechend den in obiger Liste aufgefuehrten Themen. In jedem Kapitel werden zunaechst die Texte der jeweiligen Lieder und bei 13 Liedern auch die zugehoerigen Noten abgedruckt. Gelegentliche geringe Abweichungen zwischen den Aufnahmen auf der CD und den abgedruckten Texten waren, nach Aussage der Autoren, nicht zu vermeiden. Fuer "S.A. marschiert" (Nr. 2) werden als Varianten der Text des "Buexensteinlieds" und die Version der Edelweisspiraten aufgefuehrt. Das jiddische Lied "Yisrolik" (Nr. 12) wird durch eine deutsche Nachdichtung ergaenzt.

Im Anschluss an die Liedtexte enthaelt jedes Kapitel Hintergrundinformationen. Zunaechst wird kurz die Bedeutung der Musik bzw. des Gesangs fuer die betreffende Epoche erlaeutert. Danach folgen Erlaeuterungen zu den einzelnen Liedern. Jedes Kapitel schliesst mit Literaturangaben zum Thema.

Die Erlaeuterungen wurden von acht verschiedenen Autoren verfasst, die im Anhang des Begleitheftes aufgefuehrt sind. Im Interesse einer faecheruebergreifenden Behandlung der einzelnen Lieder wurden die Erlaeuterungen von Vertretern unterschiedlicher wissenschaftlicher Herkunft verfasst. Historiker sind hier ebenso vertreten wie Musikwissenschaftler und Didaktiker. In den erlaeuternden Texten versuchen die Autoren, sowohl historische Hintergrundinformationen zum Entstehungskontext des betreffenden Titels als auch Hilfestellung bei der Erschliessung des Textes bzw. der Musik und ihrer Wirkung zu geben. Diese ausgewogene Mischung ist den einzelnen Autoren allerdings unterschiedlich gut gelungen. In einigen wenigen Kommentaren tritt die Fachrichtung der Autoren allzu stark hervor. Dies betrifft hauptsaechlich die Erlaeuterungen zu den Liedern aus der NS-Zeit. Hier ergehen sich die Autoren, ihres Zeichens Musikwissenschaftler bzw. –didaktiker, etwas zu ausfuehrlich in der Beschreibung des musikalischen Aufbaus der Lieder. Musisch beschlagene Zeitgenossen werden diese Kritik wahrscheinlich unzulaessig finden und interessiert die Entschluesselung der musikalischen Wirkung der Lieder verfolgen. Auf der anderen Seite bleibt einzuwenden, dass all dies viel Raum in Anspruch nimmt, der offensichtlich an anderer Stelle fehlt. Jedenfalls sind die Erlaeuterungen zum Abschnitt "DDR" und "Deutschland nach 1989" im Vergleich sehr kurz geraten.

3. Einsatz im Unterricht
Nur mit wenigen Quellentypen kann die Stimmung von Menschen so knapper und zugleich praezise dargestellt werden wie durch ihre Lieder. Im Gegensatz zu sonstigen Quellen ist es das erklaerte Ziel des Liedes, Gefuehle anzusprechen, und es macht daraus keinen Hehl. Dadurch kann der Geschichtsunterricht erheblich gewinnen, da er um die affektive Dimension erweitert wird. Der Einsatz historischer Lieder im Unterricht bedarf allerdings bestimmter Voraussetzungen. Zunaechst muessen die Schueler imstande sein, die Lieder zu "verstehen". Der erste Schritt besteht darin, das Lied zunaechst einmal rein sprachlich zu erfassen. Schon dieser Schritt duerfte Schuelern bei einigen Liedern (z.B. "Das Lied vom Kompromiss" (Nr.1) u.a.) sehr schwerfallen, da Begriffe aus ihnen fremden Lebenszusammenhaengen verwendet werden, die sie nicht ohne weiteres entschluesseln koennen. Nach der reinen Texterschliessung muessen die Schueler in die Lage versetzt werden, auf den "tieferen" Sinn zu schliessen. Die Deutung dieser Hintergrundebene setzt oftmals bereits ein erhebliches historisches Vorwissen voraus, das die Schueler mitbringen muessen oder das ihnen im Verlauf des Unterrichts vermittelt werden muss. Wenn die Bedeutung der Symbolik nicht uebersetzt wuerde, bliebe die Interpretation bei einer werkimmanenten Analyse stehen, ohne zur eigentlichen Wirkungsgeschichte eines Liedes vordringen zu koennen. An dieser Stelle bieten die Erlaeuterungen des Begleitheftes zur CD eine gute Hilfestellung. Wenngleich sich mancher Lehrer hier sicher noch mehr Informationen und Anregungen zur Unterrichtsgestaltung wuenschen wird, sind die Erlaeuterungen doch in jedem Fall geeignet, Symbolik und Wirkung der Lieder zu erschliessen.

Mit der vorliegenden CD wurde ein interessantes Unterrichtsmedium vorgelegt. Es ist gut geeignet, die gesungenen Aeusserungen von "Betroffenen" in den Unterricht einzubeziehen, und liefert die notwendige Anleitung mit, diese persoenlichen Stellungnahmen heutigen Schuelern zugaenglich zu machen.

ZitierweiseMichael Krenzer: Rezension zu: Mager, Harald; Terpitz, Friederike: Geschichte in Liedern, Deutschland im 20. Jahrhundert.. Stuttgart 1997, in: H-Soz-Kult, 01.03.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7752&type=rezcdrom>.

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