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Hist. Publikationen auf elektron. Trägermedien

Rez. CD-ROM: Murken ueber "Das politische Plakat der DDR ..."

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Rüdiger Hohls <hohlsrgeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Das politische Plakat der DDR (1945-1970).Aus dem Bestand des Deutschen Historischen Museums in Berlin
Herausgeber:Deutsches Historisches Museum, Berlin
Ort:München
Verlag:K.G. Saur
Jahr:
ISBN:3-598-40303-8
Umfang/Preis:88.00 DM

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Murken, Jens, Justus-Liebig-Universitaet Giessen

"Fuer Frieden, Voelkerverstaendigung und antiimperialistische Solidaritaet" lautete - so bilde ich mir ein - die etwas abstrakte Parole auf einem babyblauen Plakat, welches unter den Ostberliner Linden gleich neben dem Zeughaus aus Anlass des 8. Mai 1986 gut sichtbar angebracht worden war. Es war der 41. Jahrestag der "Befreiung", doch die bierselige Laune der von Strassentheke zu Strassentheke ziehenden Berliner Maennerscharen ruehrte vom zeitgleichen "Herrentag" her (der in Form und Bedeutung dem westdeutschen "Vatertag" entspricht). Obgleich die sich mit diesem ungesetzlichen Feiertag verbindenden Verhaltensweisen auch auf Seiten der Besucher aus der Bundesrepublik (d.h. unserer Schulklasse eines 11. Jahrgangs) zu gewisser Ausgelassenheit fuehrten, blieb man beim Fotografieren der Ostberliner Sehenswuerdig- und -unwuerdigkeiten vorsichtig, ja uebervorsichtig, um nicht aus Versehen (versteht sich!) militaerische Anlagen oder Sperrzonen abzulichten (bzw. dabei erwischt zu werden). So nahm man alles aus einer gewissen Entfernung auf und plazierte zudem Schulfreundin Anja (die besass keinen Fotoapparat) auf jedes Motiv, um - sollte man doch in die Faenge der Volkspolizei oder gar der Stasi geraten - jeden Schnappschuss als privat deklarieren zu koennen.

Die Fotos, das kann man sich vorstellen, sind nichts "geworden", man erkennt lediglich den dunklen Schopf von Anja; die Parolen, z.B. jene auf dem angesprochenen Soli-Plakat, sind nicht mehr zu entziffern. - Aehnlich steht es nun um die Qualitaet vieler Bilder, die die vom Deutschen Historischen Museum (DHM) 1995 herausgegebene CD-ROM "Das politische Plakat der DDR (1945-1970)" anbietet.

Das Deutsche Historische Museum besitzt in einem seiner 12 Sammlungsbereiche eine etwa 60.000 Einzelstuecke umfassende Plakatsammlung, deren thematischer Schwerpunkt auf dem politischen Plakat liegt. Bei einem Drittel des bis in das Jahr 1890 zurueckreichenden Gesamtbestandes handelt es sich um Plakate aus der SBZ/DDR, vorwiegend aus saechsischem Gebiet. Mit ihrer Auswahl von rund 2.700 Plakaten aus dem politischen Leben der SBZ/DDR waehrend der Aera Ulbricht begruendete das DHM eine Reihe von Plakat-CD-ROMs. Diese sind Teil eines im Aufbau befindlichen Digitalen Informations-Systems fuer Kunst- und Sozialgeschichte (DISKUS), welches von verschiedenen (kunst-)historischen Institutionen in Deutschland bestueckt wird. Die Plakat-CD ueber die Jahre bis 1970 erschien im Rahmen des Programms der Volkswagen-Stiftung "EDV-gestuetzte Katalogisierung in Grossen Museen"; aber auch bezueglich des umfangreichen DDR-Plakat-Restbestandes foerdert die Volkswagen-Stiftung seit zwei Jahren ein Projekt des DHM zur Verschlagwortung, Verfilmung und Digitalisierung sowie zur Inventarisation - nach der Datenbank GOS (MIDAS) - der DDR im Spiegel ihrer Plakate. Im Vergleich zu diesem ehrgeizigen Unternehmen, das politische wie wirtschaftliche Agitation, Produktwerbung wie Kulturveranstaltungen, also die gesamte Palette der Gebrauchsgraphik dokumentieren, ikonographisch analysieren und politikgeschichtlich einordnen will, stellt die anzuzeigende CD-ROM in all diesen Hinsichten eine Engfuehrung dar, d.h. eine Art Vorstudie.

Als Bilddatenbank wendet sich die CD-ROM insbesondere an die Kunstgeschichtler, auch wenn der 'Beipackzettel' der Scheibe auf die "Bedeutung des politischen Plakates fuer gesellschaftliches und politisches Handeln" hinweist, also auf die allgemeinhistorische Relevanz. Und obwohl oder besser: weil dem Plakat in der DDR eine "staatserhaltende Aufgabe" zukam, ist es ebenso wie seine Bildsprache und seine Aussagen (vgl. "Dem Sozialismus gehoert die Zukunft", LPG-Werbung 1958) heute nur noch Makulatur, immerhin in technisch derart verdichteter Form, dass damit wohl auch der leistungsstaerkste Robotron-Computer aus Soemmerda (als es noch DDR war) endgueltig an seine Grenze stossen wuerde. Als Systemanforderung werden daher mindestens 8 MB RAM auf einem 486er Prozessor empfohlen - es darf aber ruhig etwas mehr sein, moechte man beispielsweise ein ausgewaehltes Plakat gleichzeitig mit einem Bildbearbeitungsprogramm fuer den Ausdruck auf DIN A4-Format vergroessern (und abspeichern!) etc.

Die Benutzung des Programms erklaert sich weitgehend selbst; die Oberflaeche ist allen WINDOWS-Anwendern vertraut, so dass man sich - vergisst man waehrend der Ergebnisbetrachtung in verschiedenen Darstellungsmodi und "geoeffneten Fenstern" einmal die Bedeutung der Schaltflaechen "Zurueck", "Vollanzeige", "Grossbild", "Kurzanzeige" oder "Galerie" - auch durch das Anklicken des WINDOWS-Schliessen-Kreuzes (oben rechts) leichterdings aus einer Ebene 'befreien' kann. Die Startseite bietet sodann eine grosse Suchmaske, von der aus man im Plakatbestand unter anderem nach folgenden Sachgesichtspunkten recherchieren kann: "Objekte", "Themen", "Kuenstler" sowie "Ort und Zeit" stellen die Kategorien dar, innerhalb derer man dann mit Hilfe von sach-, funktions- und formtypologischen Begriffen, von ikonographischen Schlagworten, aber auch mit Hilfe von Kuenstlernamen (nach dem 'Allgemeinem Kuenstlerlexikon' oder 'Thieme/Becker') bzw. einer Kunstlandschaft die Plakatsammlung durchsuchen und sortieren lassen kann. Die umfangreichste Recherchemoeglichkeit nach Suchbegriffen besteht unter der Suchkategorie "Objekt" und darin: "Stichwoerter in Objekttiteln" - eine Schlagwortliste, die kaum etwas vermissen laesst.

Die Suche ist von der Bedieneroberflaeche mit raschem Mausklick zu initiieren. Die sich fuer Aussenstehende, d.h. fuer Nicht-Kunsthistoriker, dem Namen und dem Anschein nach komplizierter praesentierende "Expertensuche" sowie die Verwendung des ikonographischen Klassifikationssystems ICONCLASS verbirgt sich dementsprechend auch hinter einem Pulldown-Menue (namens "Suche"). Beide Suchfunktionen greifen auf eine Systematik und Verschlagwortung zurueck, wie sie die Datenstruktur des Marburger Informations-, Dokumentations- und Administrationssystems (MIDAS) zur Dokumentation von Kunstwerken aller Art vorsieht. Mit dem in Holland entwickelten Klassifizierungssystem ICONCLASS werden die ikonographischen Notationen, die Themen der einzelnen Plakate erfasst, die in den Objektbeschreibungen verwendet worden sind. Die etwa 24.000 Definitionen von Ereignissen, Situationen, Personen, Objekten und abstrakten Ideen werden mit alphanumerischen Codes hierarchisch strukturiert; des weiteren ermoeglichen mehr als 14.500 kontrollierte Schlagworte einen Zugang zum System, das bis dato allerdings nur in englischer Sprache publiziert worden ist. Das Schlagwort "Labour Day", um es am Motiv des CD-ROM-Covers zu versuchen, besitzt die Notation 43A143 (= May 1 <<festivities>>), wobei fuer die jeweilige Suchformel die "fuehrenden" Leerzeichen sowie Gross- und Kleinschreibung zu beruecksichtigen sind (43 A 14 3), da ansonsten keine Objekte gefunden werden. In unserem Fall aber foerdert die Suche 80 Plakate zum Thema "1. Mai" zutage, darunter auch jenes gelb unterlegte vom CD-Cover, das aus dem Jahr 1960 stammt. Darauf - und dabei laesst sich die differenzierte ikonographische Klassifikation weiter demonstrieren - zerschlaegt (Notation 44 F 55 5 = destruction of monuments, portraits etc.) der starke Arm eines Werktaetigen (31 A 25 1 = postures and gestures of arms and hands in general) mit einem Hammer (47 D 8 = tools, aids, implements in relation to crafts and industries: hammer) einen mit dem Konterfei Adenauers versehenen Bundes- (44 A 5 = symbols of particular nations, states, districts etc.; national symbol) Adler (25 F 33 = predatory birds: eagle), vorgeblich aus Gruenden des "Sieg[es] des Sozialismus in der DDR" (61 D = geographical names of countries etc.: German Democratic Republic). - Haette Wilhelm Dostal (Kuenstler-Dok.-Nr. 03191013), der Graphiker der DEWAG in Halle (Saale), diese Kuenstler und Produkt derart entfremdende Verortung seines Werkes geahnt, waere er 1960 womoeglich vom Auftrag fuer das im Original 84 x 59 cm grosse Plakat, den er von der SED-Bezirksleitung Halle, Abteilung Agitation-Propaganda, erhalten hatte, zurueckgetreten.

Freilich: Die ikonographischen Sachverhalte der 2.700 politischen Plakate dieser CD-ROM scheinen fuer den Kunsthistoriker jedenfalls hinreichend dokumentiert zu sein. Und fuer den Allgemeinhistoriker, an den die Herausgeber ausdruecklich auch als Kunden und Benutzer dachten, oeffnet das Bilder-Potpourri zumindest ein Fenster fuer die leichte und handliche Heranziehung einer Plakatsammlung als Quelle zur Untersuchung einer spezifischen Form der politischen Propaganda im oeffentlichen Raum der DDR. Ueber den Verbreitungskreis oder die Auflagenstaerke der Plakate, ueber die man Rueckschluesse auf die Wirkungsgeschichte dieser Art der Agitprop ziehen koennte, liefert die CD-ROM jedoch keine Hintergrundinformationen. Bedauerlicher fuer den wissenschaftlichen wie fuer den rein kontemplativen Blick ist - wie eingangs bereits angedeutet wurde -, dass Textplakate, die mehr als kurze, grossflaechige Parolen beinhalten, nicht zu entziffern sind. So ist einem "Steckbrief", der im Oktober 1949 nach dem "Massenmoerder Globke" fahndete, weder die Vita noch das "Mordkonto" des Gesuchten zu entnehmen; die unleserlichen Informationen und Textinhalte werden hier (wie auch generell) nicht innerhalb anderer Bildschirme (z.B. in der "Vollanzeige") mitgeliefert, was die Verwendbarkeit dieser Plakate als Quellen begrenzt. - Das gestalterische Problem: Wieviel Information vertraegt ein Plakat? wird hier also im nachhinein zugunsten der optischen Minimierung geloest. Fuer den Historiker bleibt hingegen die Frage interessant, wieviel Information und Agitation denn nun die DDR-Buerger durch die Plakatinhalte konsumierten, in ihren Wertehorizont einfuegten und - wie sie darauf reagierten, z.B. auf ein Plakat aus dem Jahr 1953: "Heute fahren wir auf's Land - Wir alle helfen mit bei der Kartoffel- und Ruebenernte". Kurzum und (uebertrieben auf dieses von den Machern der Plakat-Datenbank nicht primaer behandelte profanhistorische Arbeitsfeld) zugespitzt: Nach dem Gebrauch der CD-ROM weiss der Historiker nicht, was der DDR-Buerger auf der Papierpropaganda gelesen hat, geschweige denn, ob er es getan hat, aber der Kunsthistoriker kann zumindest das systematisch abgelegte Papier professionell wiederfinden. - Fuer diesen Herbst war vom DHM im Rahmen seines Projektes eine Fortsetzung und Erweiterung der Plakat-CDs angekuendigt, in die kampagnenbezogene Informationen (z.B. Auftragsvergabe und politikgeschichtlicher Hintergrund) staerker integriert werden sollen. Fuer bestehende und bleibende optische Unklarheiten bleibt schliesslich der sich stets lohnende Besuch im Zeughaus und seinem DHM - und vielleicht findet dort ja auch jemand noch das Original des Soli-Plakats vom "Herrentag" 1986 wieder...

ZitierweiseJens Murken: Rezension zu: Deutsches Historisches Museum, Berlin (Hrsg.): Das politische Plakat der DDR (1945-1970). Aus dem Bestand des Deutschen Historischen Museums in Berlin. München 1995, in: H-Soz-Kult, 03.12.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7735&type=rezcdrom>.

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