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Hist. Publikationen auf elektron. Trägermedien

Rez. CD-ROM: Hoerning ueber Imhof "Historische Demographie I"

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Rüdiger Hohls <hohlsrgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Historische Demographie I.
Ort:München
Verlag:K.G. Saur
Jahr:
ISBN:3-598-40330-5
Umfang/Preis:680.00 DM

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Hoerning, Elisabeth, Bonn

Die bereits 1995 vorgelegte CD-ROM von Arthur E. Imhof ist ein fruehes Beispiel einer Produktion mit historischem Inhalt. Imhof, der bereits 1977 die erste (und bis 1994 einzige) deutschsprachige Einfuehrung in die Historische Demographie [1] geschrieben hatte, legt unter dem etwas generalisierenden Titel "Historische Demographie" nicht etwa, wie man vermuten koennte, eine Neuauflage dieser Einfuehrung, sondern ein eigenstaendiges Werk vor. Laut Einleitung erhebt die CD-ROM nicht den Anspruch, eine allgemeine Einfuehrung in die Historische Demographie zu sein, vielmehr betont Imhof, dass sie statt dessen seine Forschungsschwerpunkte in den letzten 20 Jahren widerspiegele. Auch die Illustrationen entstammen ausnahmslos seinen Publikationen aus dieser Zeit. Explizites Ziel der CD-ROM ist es, die Historische Demographie "visualisierend verstaendlich [zu] machen", und zwar nicht durch "lange Zahlenreihen, Berechnungsformeln, Statistiken", sondern durch Graphiken und Abbildungen aller Art [2]. Dementsprechend stehen die Abbildungen im Zentrum der CD-ROM.

Die CD-ROM gliedert sich in 6 Teile.

Teil A: Einfuehrung in die Historische Demographie. In diesem Teil bietet Imhof eine kurze Einfuehrung in das Thema anhand von 34 Abbildungen, wobei neben Graphiken auch historische Bildquellen verwandt werden. Der Teil ueber die Methodik bleibt sehr kurz, als Quellen werden z.B. nur Kirchenbuecher, Inschriften auf roemischen Grabsteinen und Todesanzeigen erwaehnt, als Methode wird nur auf die Familienrekonstitutionsmethode naeher eingegangen. Dafuer wird anhand der venezianischen Kirche Santa Maria della Salute naeher auf die Bedeutung der Bilder fuer die Historische Demographie eingegangen, ein bevorzugtes Thema des Autors, das zuletzt in der Votivtafeldatenbank der bayerischen Wallfahrtskirche Sammarei seinen Niederschlag fand [3]. Schoen wird der Bezug zwischen Historischer Demographie und Gegenwart aufgezeigt, wenn Imhof wiederholt auf die Situation in den Entwicklungslaendern hinweist, die heute die europaeische Situation vor zwei bis drei Jahrhunderten widerspiegeln. Ein weiteres Schwerpunktthema mit derselben Wechselwirkung von Vergangenheit und Gegenwart ist das Thema der "gewonnenen Jahre" (Zunahme der Lebenserwartung als das Ergebnis der demographischen Transition) und seine Bedeutung fuer den Menschen in heutiger Zeit (Alterssuizide, laengeres Sterben, Notwendigkeit eines Lebensplans, Ars moriendi) [4]. Hier wird deutlich, dass Historische Demographie im weitesten Sinne nicht nur dem Erkenntnisgewinn ueber vergangene Zeiten dient, sondern ganz konkrete Bedeutung fuer die Gegenwart hat.

Teil B: Hundert Abbildungen aus der Historischen Demographie - kapitelweise angeordnet. In diesem Teil werden wiederum anhand von Abbildungen die vorher nur kurz angerissenen Themen vertieft und mit ausfuehrlichen Literaturhinweisen versehen. Die einzelnen Themen sind Quellen und Methoden, Geburtenbeschraenkung und Familienplanung, Rolle der Frauenbildung, Zunahme der Lebenserwartung, Gesundheitserwartung, die epidemiologische, demographische und gesundheitliche Transition, Ars moriendi, von "Gemeinschaft" zu "Gesellschaft", Alterssuizid, Konzept des "Lebensplans", Standort der Schwellen- und Entwicklungslaender.

Teil C: Die zwoelf wichtigsten Zeitschriften und Informationsquellen. Hier werden elf Zeitschriften und die Mailing list H-DEMOG vorgestellt, wobei beispielhaft die Themen und Aufsatztitel genannt wurden, mit denen sie sich in der letzten Zeit (Stand: 1995) beschaeftigt haben.

Teil D: Auflistung der Schriften mit den Vorlagen fuer die 34 Figuren und die 100 Abbildungen. Dieser Teil entspricht einer vollstaendigen Bibliographie des Autors von 1974-1995.

Teil E: Ausfuehrliche Bibliographie. Die sehr umfangreiche Bibliographie ist ein wesentlicher Pluspunkt der CD-ROM. Sie wurde einige Zeit im Internet auf der Homepage des Autors weiterhin gepflegt, in dieser Woche habe ich die Fortfuehrung jedoch nicht mehr gefunden. Leider ist die Bibliographie alphabetisch und nicht systematisch gegliedert, so dass eine systematische Erschliessung des Inhalts, die bei der Fuelle der Titel sinnvoll waere, nicht gegeben ist. Auch die Volltextsuche (z.B. nach Stichwoertern aus dem Titel) hilft hier nicht weiter, da die Suche in der Bibliographie anscheinend nicht moeglich ist, obwohl diese Einschraenkung nirgends aufgefuehrt ist. So fuehrte z.B. die Suche nach einem Titelstichwort aus der Bibliographie (Rinderpest) zu 0 Eintraegen.

Teil F: Nummernweise Auflistung der 34 Figuren und 100 Abbildungen. Das Zitat im Booklet: "Jede Figur und jede Abbildung ist hier mit einer knappen Inhaltsangabe versehen, so dass sie einzeln gezielt durch Anklicken aufgerufen werden kann", konnte ich leider nicht verifizieren, da diese Links auf beiden Test-PCs (s.u.) nicht funktionierten, so dass der Teil F nurmehr die Funktion eines Abbildungsverzeichnisses hat.

Bei der rezensierten CD-ROM handelt es sich nicht um eine multimediale CD-ROM (im Sinne der Verknuepfung verschiedener Medien wie Text, Bild, Film und Ton). Der Inhalt der CD-ROM besteht lediglich aus Text und Abbildungen. Die Moeglichkeit der Verweise (Links) wird nur sparsam eingesetzt. So wird von jedem zitierten Werk auf die vollstaendigen Angaben in der Bibliographie verwiesen, eine Funktion, die ueber die einer Fussnote nicht hinausgeht. Daneben wird per Link an einigen Stellen auf eine weitere Behandlung des Themas innerhalb des Textes verwiesen. Ein weiterer Vorteil der CD-ROM gegenueber dem Printmedium, die Volltextsuche (einigermassen komfortabel mit Trunkierung, oder-, und-, nicht- und nahe-bei-Suchfunktionen), wird durch die Entscheidung, ausgerechnet die umfangreiche Bibliographie nicht mit in den Suchpool aufzunehmen, entscheidend eingeschraenkt.

Entsprechend dem Erscheinungsjahr (1995) sind die technischen Anforderungen an die Hardware relativ gering. Die Mindestvoraussetzung ist: 386er Prozessor, 4 MB RAM, 14 MB frei auf Festplatte, Single-speed-Laufwerk (empfohlen wird: 486er Prozessor, 8 MB RAM sowie Double-speed-Laufwerk). Getestet wurde die CD-ROM auf einem aelteren PC, der die Voraussetzungen etwas ueberschritt (386er Prozessor, 8 MB RAM, 400 MB freie Festplatte, 36fach Laufwerk) sowie auf einem Pentium II mit 64 MB SD-RAM und 32fach CD-ROM.

Die Bedienung der CD laesst einiges zu wuenschen uebrig. Sehr laestig ist die Tatsache, dass bei der mit Toolbook erstellten Anwendung die Graphiken rechts ausgerichtet sind, so dass beim Oeffnen jedes Graphikfensters der Inhalt am auessersten rechten Rand erscheint. Zudem tendieren die Graphikfenster dazu, sich rechts aus dem Bildschirm zu schieben. Um eine Graphik vollstaendig anzusehen, muss man erst das viel zu grosse, sich automatisch bei jedem Oeffnen vor die Graphik legende Legendenfenster schliessen und anschliessend die Graphik auf volle Groesse klicken. Im Einfuehrungsteil ist das noch einigermassen ertraeglich, da die Graphiken nach Wunsch aufgerufen werden koennen, spaetestestens im Hauptteil (100 Abbildungen aus der Historischen Demographie) wird dies jedoch aergerlich, da beim Lesen der Seiten die Graphiken automatisch geoeffnet werden und den Text verdecken. Wenn man durch Doppelklick die Graphik geschlossen hat und die naechste Textseite aufruft, wird automatisch die gerade erst geschlossene Graphik wieder in den Vordergrund gerufen. Dies erschwert das Lesen des Textes ungemein. Auch das Drucken ist nicht gerade komfortabel. Der aeltere Test-PC benoetigte 4 (!) Minuten, um eine Textseite zu drucken. Auf dem neuen PC ging dies jeoch wesentlich schneller. Gedruckt werden kann grundsaetzlich nur der Bildschirminhalt, und zwar im Querformat, was sehr ungewoehnlich ist. Zudem wird jedesmal die Bildlaufzeile mitgedruckt. Schade ist auch, dass die Graphiken ueberhaupt nicht ausgedruckt werden koennen. Abschliessend ist zu vermerken, dass kein Uninstall-Programm vorhanden ist, die Installation jedoch in beiden Faellen problemlos verlief.

Eine Zielgruppe fuer "Historische Demographie I" wird weder im Booklet noch auf der CD-ROM benannt, doch weisen Schreibweise und Inhalt auf ein historisches Fachpublikum hin. Zitate wie "Sie [die Intervalle] setzen sich zusammen aus der Amenorrhoee post partum, aus der Laktationsamenorrhoee, aus der moeglicherweise verlorenen Zeit durch Spontanabort(e) ..." erschweren eventuell interessierten "Laien" das Verstaendnis. Auch wird zur Interpretation der Diagramme statistisches Grundwissen vorausgesetzt. Ein Vorteil der CD-ROM ist, dass sie wegen der zahlreichen, teils sehr plastischen Graphiken und der gut gewaehlten Beispiele ein doch eher trockenes historisches Thema mit Leben fuellt. Inhaltlich bietet sie fuer StudentInnen und HistorikerInnen einen guten ersten Einstieg in die Historische Demographie, auch wenn aufgrund des Entstehungshintergrundes der CD-ROM die Forschungsschwerpunkte des Autors natuerlich ueberrepraesentiert sind. Dementsprechend ist sie gut geeignet, um einen Ueberblick ueber die Arbeiten von Imhof in den letzten zwanzig Jahren zu gewinnen. Diejenigen, die eine allgemeine Einfuehrung in oder eine Uebersicht ueber die Historische Demographie suchen, sollten jedoch eher zur Oldenbourg-Enzyklopaedie von 1994 [6] greifen, worauf auch Imhof selbst in seinem Booklet hinweist. Ihren multimedialen Anspruch hat diese CD-ROM nicht erfuellt. Letzendlich ist sie nichts anderes als ein Buch in digitaler Form, ohne jedoch - paradoxerweise - die bequemere Handhabung und die bessere Bildqualitaet z.B. eines Bildbandes zu erreichen. Um so mehr verwundert die - meiner Ansicht nach - voellig ueberzogene Preisvorstellung des Saur-Verlages, der fuer "Historische Demographie I" 680,- DM verlangt.

[1] Einleitung und Booklet der CD-ROM

[2] Imhof, Arthur E.: Einfuehrung in die Historische Demographie, Muenchen 1977

[3] Naehere Angaben zu diesem TELEHIST-Projekt: <userpage.fu-berlin.de/~aeimhof/bib/zfb98.htm>. Vgl. auch schon fruehere Publikationen von Imhof, so z.B: Im Bildersaal der Geschichte oder Ein Historiker schaut Bilder an, Muenchen 1991.

[4] Diesem Komplex widmet sich Imhof seit ueber 15 Jahren, vgl. z.B. seine Publikationen: Die gewonnenen Jahre. Von der Zunahme unserer Lebensspanne seit dreihundert Jahren. Oder: Von der Notwendigkeit einer neuen Einstellung zu Leben und Sterben, Muenchen 1981; Die verlorenen Welten. Alltagsbewaeltigung unserer Vorfahren - und weshalb wir uns heute so schwer damit tun, Muenchen 1984; Ars moriendi. Die Kunst des Sterbens - einst und heute, Wien, Koeln 1991.

[5] <userpage.fu-berlin.de/~aeimhof>

[6] Pfister, Christian: Bevoelkerungsgeschichte und historische Demographie 1500 - 1800 (Enzyklopaedie deutscher Geschichte 28), Muenchen 1994

ZitierweiseElisabeth Hoerning: Rezension zu: Imhof, Arthur E.: Historische Demographie I.. München 1995, in: H-Soz-u-Kult, 15.12.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7725&type=rezcdrom>.

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