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Neuere Geschichte

Ph. Sarasin: Stadt der Bürger

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Stadt der Bürger. Bürgerliche Macht und städtische Gesellschaft. Basel 1846 - 1914
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:3-525-36105-X
Umfang/Preis:2., überarb. und erw. Aufl.; 369 S.; € 36,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Sabine Happ, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Email: <Happsabineaol.com>

Philipp Sarasin veröffentlichte seine Dissertation über das Basler Bürgertum zum ersten Mal 1990 bei Helbing & Lichtenhahn. 1997 erschien die Zweitauflage, nunmehr bei Vandenhoeck & Ruprecht, in deren Konzept das Werk gut paßt, da der Verlag mehrere Reihen zum Thema Bürgertum herausbringt.

Die Zweitauflage unterscheidet sich erheblich von der Erstauflage, was schon am Untertitel deutlich wird. Sarasin benannte ihn in der Erstauflage mit "Struktureller Wandel und bürgerliche Lebenswelt". Die zeitliche Begrenzung wurde wesentlich ausgedehnt, denn die Erstauflage behandelte nur die Zeit von 1870 bis 1900. Auch die inhaltliche Gliederung wurde geändert. Statt dreiteilig ist die Erstfassung zweiteilig und behandelt auf der allgemeinen Ebene die Stadt mit ihren Stukturen und im speziellen ihre Bürger. Gleichwohl übernimmt die Zweitauflage weite Teile der Erstauflage.

Der Name Sarasin taucht oft in diesem Buch auf, und so geht die Verfasserin dieser Be-sprechung - vielleicht ja nicht zu unrecht - davon aus, daß Philipp Sarasin, oder besser gesagt seine Vorfahren, zu der Schicht gehört haben oder in sie hineingewachsen sind, über die "Stadt der Bürger" handelt: die bürgerliche Elite der Stadt Basel in einer Zeit der großen Umbrüche, der Zeit nach der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates 1848, der Industriellen Revolution und der Gründerjahre. Der Begriff des Bürgertums hat in Basel keine sehr bedeutende Rolle gespielt, gab es doch keinen Adel, gegen den man sich hätte profilieren müssen, und waren doch die Bürger der Schweiz seit 1848 - wenigstens vor dem Gesetz - alle gleichgestellt. Gleichwohl existierte eine bürgerliche Oberschicht, die sich über die Zeit der Umbrüche hinweg ganz oben halten konnte. Sie schottete sich gegen diejenigen ab, die von "unten" und die von außerhalb Basels kamen.

Sarasin untersucht diese Elite und versucht, sich ihrer sozialen Wirklichkeit zu nähern. Das geschieht auf dreierlei Weise: Im ersten Abschnitt, der mit "Strukturen" überschrieben ist, legt er die demoskopischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheit Basels auf der Grundlage einer weitangelegten und fundierten statistischen Untersuchung dar. Trotz der schwierigen Materie, die umfassendes Zahlenmaterial beinhaltet, ist dieser Teil der Arbeit, wie alle anderen auch, gut lesbar und bietet einen in die Tiefe gehenden Einblick in das gesellschaftliche Gefüge Basels. Sarasin gibt sich niemals mit einfachen und allzu glatten Lösungen zufrieden. So werden Wanderungsbewegungen der Zugezogenen detailliert beschrieben und analysiert, der Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung dargelegt und die Einkommens- und Vermögensstruktur der Stadt aufgefächert.

Die ersten Kapitel dieses Abschnitts stecken also den Rahmen, die Grundlage der eigentlichen Analyse ab. Die beiden letzten Kapitel des Abschnitts steigen dann in die strukturelle Analyse ein. Sarasin hat sie mit "Die 'patrizische' Struktur" und "Der 'barbarische Brauch'" überschrieben.

Das zuerst genannte Kapitel analysiert die verwandtschaftlichen Beziehungen des Bürgertums, die ausgeübten Berufe und die Einkommens- und Besitzverhältnisse. Grundlage dieser Untersuchungen ist eine Datenbank, die in die Zweitauflage nicht aufgenommen wurde. Wenn man sie einsehen möchte, muß man also auf die Erstauflage zurückgreifen, was aber der Verständlichkeit der Ausführungen keinen Abbruch tut. Sarasin arbeitet dabei eindrucksvoll heraus, daß zwar für die Verankerung einer Person in die "patrizische" Struktur auch der Beruf, das Einkommen und das Vermögen von Belang sind, daß aber die verwandtschaftliche Beziehung zu anderen wohlhabenden, dem Patriziat zugehörenden Personen ganz wesentlich ist. Reichtum war also nicht allein ausschlaggebend. Im Laufe der Zeit hatten die Söhne der Patrizierfamilien - nicht ihre Töchter - jedoch zunehmend die Möglichkeit, von dem Prinzip einer Heirat aus Zweckerwägungen, wie z.B. der Zusammenführung zweier Firmen, abzuweichen.

Die Zugehörigkeit zum Patriziat zeigte sich in verschiedenen Verhaltensweisen und Ritualen, die man nur beherrschte und befolgen konnte, wenn man wirklich dazu gehörte. Hierauf geht Sarasin im Kapitel über den "barbarischen" Brauch ein. Als Beispiele führt er zum einen den Brauch an, nach einem Abendessen in einem bürgerlichen Privathaushalt den Dienstboten ein Trinkgeld unter dem Teller zu hinterlassen. Nur derjenige, der sich auskannte, wußte genau, zu welchem Zeitpunkt das Trinkgeld zu hinterlegen war, keine ganz leichte Aufgabe, denn die Abfolge der Gänge war lang und ausschweifend, und das Geld mußte unter dem letzten Teller liegen, damit es nicht weiter auffiel. Jeder, der den Brauch nicht beherrschte, decouvrierte sich als Außenstehender. Zum anderen beschreibt Sarasin ein Hochzeitsritual, das wesentlich komplexer war als die Trinkgeldgabe: den Gabentisch. Vor der Hochzeit stellte das Brautpaar eine Liste mit Geschenken auf, aus denen sich die Schenker etwas aussuchten. Der Wert des Geschenks mußte dem Verhältnis entsprechen, das der Gebende zum Brautpaar hatte. Weder ein zu teures noch ein zu preiswertes Geschenk war angebracht. Am Tag vor der Hochzeit brachte eine Dienstmagd oder ein Diener morgens das Geschenk, das anschließend abgeschätzt wurde. Nach dem Abschätzen erhielt der Dienstbote ein eingepacktes Trinkgeld. Die Höhe des Trinkgeldes gab die Einschätzung des Geschenkes wieder, die von einer weiblichen Verwandten des Brautpaares vorgenommen wurde. Der Dienstbote durfte das Trinkgeld behalten, mußte aber die Höhe seinem Dienstherrn bekanntgeben, damit der wußte, wie das Geschenk aufgenommen worden war. Am Nachmittag des Vortages kamen dann Besucher, um sich die Geschenke, die mit Namensschild gekennzeichnet waren, anzusehen und zu kommentieren. Das ganze Ritual war also eine sehr heikle Angelegenheit, deren Codes man sehr genau kennen mußte. Erst nach 1914 wurde es abgeschafft, nachdem ein beherztes Brautpaar damit brach.

Der zweite Abschnitt behandelt Lebensläufe, Lebensläufe von Angehörigen der Oberschicht, die beispielhaft die Lebenswelt der Patrizier darstellen sollen. Aus drei unterschiedlichen Lebensläufen wählt Sarasin den des Obersten Rudolf Brüderlin aus, um seine Lebenswirklichkeit näher zu beleuchten, wie seine Herkunft, seinen beruflichen Werdegang, sein gesellschaftliches Leben und seine Hobbys. Brüderlein gehörte zwar nicht direkt zum alteingesessenen Bürgertum, hatte aber weitgehenden gesellschaftlichen Kontakt zu ihm, so daß seine eigenen Aufzeichnungen einen tiefgehenden Einblick in die Gebräuche und Verhaltensmuster liefern. Schließlich widmet Sarasin sich den Lebensläufen der neuen Elite, der Aufsteiger, derjenigen, denen es gelang, in das Patriziat einzutreten. Nachdem er im ersten Abschnitt die statistischen Grundlagen gelegt hat, füllt er im zweiten Abschnitt seine Darlegungen mit Einzelfällen, sozusagen mit konkretem Leben.

Der dritte Abschnitt, den Sarasin mit dem Titel "Repräsentationen" überschreibt, befaßt sich mit drei Situationen innerhalb der Baseler Stadtgeschichte: der Schleifung der Stadtmauer, die den Konservativen als Niederreißen alter Konventionen erschien und die mit der Angst vor der Revolution einherging, die St. Jakobs-Schlachtfeiern, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begangen wurden, und das Festspiel zur Baseler Vereinigungsfeier von 1892. Diese drei Situationen, die in der Öffentlichkeit breit beredet und kommentiert wurden, spiegeln "Repräsentationen" und damit bürgerliche Wertvorstellungen wider, also das, was die Bürger dachten, sagten und wollten. Erstaunlicherweise kann Sarasin herausarbeiten, daß diese Vorstellungen weniger auf bürgerlichen Werten und Modernität basierten, als man dies vermuten würde. Vielmehr bestand eine stärkere emotionale Bindung an die überkommenen - wenn auch teilweise konstruierten - Werte der Eidgenossenschaft, wie die Befreiung vom Herrscher oder das Heldentum im Kampf.

Philipp Sarasin ist mit seiner Arbeit ein guter Wurf gelungen. Sie besticht durch ihre Originalität, ihre hohe Reflektiertheit und nicht zuletzt durch ihre Kürze. Denn auf mit Anhang und Literaturverzeichnis knapp 370 Seiten entsteht ein dichtes und facettenreiches Bild des Basler Bürgertums, das von vielen Seiten ausgeleuchtet wird. Deshalb ist die Arbeit nicht nur für Liebhaber der Basler Stadtgeschichte eine interessante und spannende Lektüre.

ZitierweiseSabine Happ: Rezension zu: Sarasin, Philipp: Stadt der Bürger. Bürgerliche Macht und städtische Gesellschaft. Basel 1846 - 1914. Göttingen 1997, in: H-Soz-Kult, 25.07.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=52>.

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