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Neuere Geschichte

F. M. Schuster: Zwischen allen Fronten

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Vera Ziegeldorf <ziegeldorfvgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Zwischen allen Fronten. Osteuropäische Juden während des Ersten Weltkrieges (1914-1919)
Reihe:Lebenswelten osteuropäischer Juden 9
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:3-412-13704-9
Umfang/Preis:576 S., 16 Abb.; € 59,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Andreas Lauf, Graduiertenkolleg Europäische Gesellschaft, Universität Duisburg-Essen
E-Mail: <andreas.laufuni-essen.de>

Lange Zeit dominierte in der Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg – insbesondere in der westlichen Hemisphäre – der Stellungskrieg an der Westfront das Bild. Erst zum 90-jährigen Jubiläum des Kriegsausbruchs hatte sich das MGFA mit einer Konferenz im Berliner Zeughaus im Mai 2004 dem bisher vernachlässigten osteuropäischen Kriegsschauplatz gewidmet.[1] Da hier vor allem klassische Gebiete der Militärgeschichte thematisiert wurden, wurde am Ende der Tagung deutlich, dass für diesen Kriegsschauplatz eine die Generalstabshistorie ergänzende Perspektive „von Unten“, der von Wolfram Wette so genannte „Krieg des kleinen Mannes“ [2], insbesondere in einem die Nationalhistoriografie überschreitenden Forschungsansatz, zur Zeit noch ein Desiderat ist.

Der Geschichtsschreibung zur Ostfront wurde nun durch die 2004 erschienene Studie von Frank M. Schuster um eine genuin jüdische Perspektive bereichert. Obwohl sich der an der Universität Lodz lehrende Dozent für Kultur und Literatur Deutschlands, der Schweiz und Österreichs nicht mit osteuropäischen Juden in den Armeen der kriegführenden Mächte beschäftigt [3], sondern vor allem mit den Erfahrungen der jüdischen Zivilbevölkerung unter russischer, österreichisch-ungarischer und deutscher Okkupation, ist ein solcher Ansatz auch für den Militärhistoriker interessant, da dies auch Teil der „Geschichte der Gesellschaft im Kriege“[4] ist.

Schusters Arbeit gliedert sich in 7 Teile. In der Einleitung erläutert er zunächst den äußeren Rahmen seiner Untersuchung, den Charakter des Krieges an der Ostfront und seinen Untersuchungsgegenstand, die Lebenswelt der osteuropäischen Juden. Dabei bleibt die territoriale Verordnung des Themas bewusst unbestimmt. Es ist der multiethnische Raum in Litauen, Kongresspolen, Galizien und der Bukowina (S. 51f). Hier zeichnet Schuster ein differenziertes und facettenreiches Bild der jüdischen Bevölkerung Osteuropas und zeigt, dass zwischen den verschiedenen Strömungen von den (zumeist an die jeweilige Oberschicht) assimilierten Maskilim bis zur traditionell konservativen Orthodoxie die unterschiedlichsten Formen jüdischer „Lebenswelten“ existierten (S. 32ff.).

Im zweiten Teil erläutert Schuster seine methodische Herangehensweise an das Thema „Lebenswelt" (S. 58). Schuster arbeitet nicht mit einem starren methodisch-theoretischen Konzept, sondern gibt an, „Theorien als Werkzeugkasten" (S. 62) zu benutzen. Seine Methode lehnt sich weniger an der klassischen Historiografie als an der eher personenbezogenen, jüdischen Form der Vergangenheitsbetrachtung an. Durch diese Art des „Sich-erinnerns“ oder „Gedenkens“ soll die Erinnerung an die in Folge der Shoah untergegangene jüdische Welt in Osteuropa bewahrt werden.

Da der Nationalsozialismus nicht nur die Juden, sondern auch die Erinnerung an sie vernichten wollte, ist der größte Teil der Gemeindearchive vernichtet worden. Aufgrund dieser Quellenproblematik greift Schuster auch auf autobiografische und belletristische Literatur zu diesem Themenkomplex zurück. Die Teile drei bis sieben behandeln in chronologischer Reihenfolge die wechselnden Herrschaftsverhältnisse: Osteuropa vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, unter russischer Okkupation, unter der der Mittelmächte und in der Zeit der politischen Unabhängigkeit.

Auf den Kriegsausbruch reagierte der größte Teil der osteuropäischen Juden nicht viel anders als die Mehrheitsbevölkerungen mit euphorischen Patriotismuskundgebungen, ein kleinerer Teil aber auch mit pessimistischen Untergangserwartungen (S. 114ff.). Die repressiven Maßnahmen nach der Besetzung durch die zaristischen Truppen bewirkten aber, dass sich (im Gegensatz zur polnischen Bevölkerung, die sich von einem Sieg des Zarenreiches ein unabhängiges Polen versprach) die meisten Juden nun eine „Befreiung“ durch die Mittelmächte favorisierten. Diese Hoffnung wurde nach dem Rückzug der russischen Armee im Jahre 1915 enttäuscht. Während sich die k.u.k.-Truppen zunächst darauf konzentrierten, vermeidliche und wirkliche Kollaborateure zu bestrafen, herrschte das Deutsche Reich im nun Oberost genannten Okkupationsgebiet im divide-et-impera-Stil einer Kolonialmacht mit dem Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung des besetzten Territoriums.

So bot sich in den meisten osteuropäischen Gemeinden unter den verschiedenen Machtverhältnissen ein ähnliches Bild: Insbesondere zu Beginn der Okkupation kam es aufgrund von Spionagevorwürfen zu Pogromen, Geiselnahmen, Deportationen und auch Exekutionen. Im weiteren Verlauf des Krieges verursachten Versorgungsengpässe Verteilungskämpfe unter den verschiedenen Ethnien um die knappen Ressourcen. Als Exempel dient Schuster hier zumeist die multiethnische Industriestadt Lodz, über die umfangreicheres Material vorhanden ist. Die wohl gelungensten Kapitel Schusters Arbeit, über die trotz aller Widrigkeiten positive Entwicklung der Vielfalt des jüdischen kulturellen und politischen Lebens (S. 359ff.), zeichnen einen auffälligem Kontrast zu der durch den Krieg verursachten wirtschaftlichen und sozialen Notlage. Der Zusammenbruch der Vielvölkerreiche und die Etablierung der neuen Nationalstaaten entband die jüdische Bevölkerung nicht von ihren Leiden.

Da die Juden als einziges osteuropäisches Volk am Ende des Ersten Weltkriegs keinen eigenen Staat bekamen, der sie als Minderheit unter den anderen Nationalitäten besonders hätte unterstützen können, wurden sie fast überall Opfer der Tendenz, ethnisch homogene Staaten zu schaffen. Der siebte und letzte Teil enthält neben dem Fazit einen Ausblick auf die Vernichtung der jüdischen Lebenswelt durch die Shoah, welcher, da deren Betrachtung heute nur durch dieses Brennglas möglich erscheint, quasi unvermeidlich ist. Erst hier (S. 470) verlässt Schuster die Perspektive der osteuropäischen Juden und wechselt zu der der deutschen Besatzer.

So entsteht die Gefahr, dass Flucht, Vertreibung und Deportationen als genuin ostjüdische Weltkriegserfahrungen erscheinen, obwohl Polen, Russlanddeutsche und unitarische Ruthenen zum Teil ähnliches wiederfuhr (S. 242ff.) Auch in Bezug auf die Hungersnot in Wilna 1917 fehlt ein Hinweis auf die allgemeine Versorgungslage dieses Jahreswechsels, welcher im Volksmund als „Steckrübenwinter“ bezeichnet wurde. Dass die russische Armeeführung zwischen Deutschen und Juden unterschied wird von Schuster antisemitisch gedeutet, obwohl Deutsche (als solche galten auch assimilierte Juden) eine Deportation zu erwarten hatten (S. 162). Am Ende bleibt die Frage, ob diese Ethnozentrierung nicht dazu führt, dass Juden generell nur als Opfer alle anderen als Täter oder zumindest Kollaborateure wahrgenommen werden.

Was hinter den von den Juden als judenfeindlich wahrgenommen Maßnahmen der Besatzer und dem Verhalten der polnischen, litauischen oder russischen Bevölkerung stand, bleibt kryptisch. Doch obwohl, oder gerade weil er die jüdische Forschperspektive selten verlässt, gelingt Schuster eine anschauliche Darstellung, die mehr ist als eine „Vorgeschichte der Endlösung“. Unkomfortabel für den Leser ist das Fehlen von Karten und Tabellen zum Kriegsverlauf, dem jüdischen Siedlungsgebiet, der Population u.s.w. Das Orts-, Personen- und Schlagwortregister hingegen stellt eine benutzerfreundliche Navigationshilfe dar.

Anmerkungen:
[1] Wette, Wolfram, Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von Unten, München 1992.
[2] Die vergessene Front - der Osten 1914/15: Ereignis, Wirkung, Nachwirkung, Tagungsbericht von Bernhard Chiari: hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=544.
[3] Zu diesem Thema: Sieg, Ulrich, Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg. Kriegserfahrungen, weltanschauliche Debatten und kulturelle Neuentwürfe, Berlin 2001.
[4] Messerschmitt, Manfred, Vorwort zu: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 1: Ursachen und Voraussetzungen der deutschen Kriegspolitik, hrsg.v. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Stuttgart 2005, S. 17.

ZitierweiseAndreas Lauf: Rezension zu: Schuster, Frank M.: Zwischen allen Fronten. Osteuropäische Juden während des Ersten Weltkrieges (1914-1919). Köln 2004, in: H-Soz-Kult, 06.05.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-090>.

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