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Geschichte allgemein

T. Ehlert (Hg.): Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne
Herausgeber:Ehlert, Trude
Ort:Paderborn/Muenchen/Wien/Zuerich
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:3-506-72156-9
Umfang/Preis:XV + 337 S.; € 48,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Harald Müller, Institut für Geschichtswissenschaften Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte II, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <muellerhgeschichte.hu-berlin.de>

Das Thema 'Zeit' hat in den vergangenen Jahren ueberaus reges Forschungsinteresse gefunden, das sich in einer stattlichen Zahl von Publikationen manifestiert. Die Vielschichtigkeit von Begriff und Phaenomen eignet sich dabei in idealer Weise fuer interdisziplinaere Ansaetze. Fachuebergreifende Herangehensweise kennzeichnet auch den hier zu besprechenden Band, der 18 Beitraege zum Symposion "Zeitkonzeptionen - Zeiterfahrung - Zeitmessung in Mittelalter und frueher Neuzeit" vereint, das im Juni 1995 in Karlsruhe stattgefunden hat. Vier Themenbereiche sind als Gliederungsstruktur ausgewiesen: "Zeit als wahrgenommene und gemachte", "Zeit und Zeitmass in den Naturwissenschaften und in der Religion", "Soziale, philosophische und psychische Konzepte der Zeit" sowie "Zeit und Geschichte(n): Mehrere Dimensionen".Sie deuten bereits unterschiedliche fachspezifische Perspektiven an, vermoegen die inhaltlich dicht verwobene Stoffuelle naturgemaess aber kaum hinreichend zu strukturieren.

Ungeachtet dessen laesst sich in Augustinus von Hippo (354-430) schnell ein historischer Fixpunkt bestimmen, von dem viele der Ueberlegungen ausgehen. Er beschreibt im elften Buch seiner 'Confessiones' Zeit als unreflektiert stets praesente, die zugleich aber in ihrer Bedeutung durch das individuelle Bewusstsein bestimmt ist, und begruendet damit eine grundlegende Dichotomie des Zeitbegriffs, die prinzipiell nichts an Aktualitaet eingebuesst hat. Ein zweiter, lange Zeit wirkmaechtiger Dualismus in den mittelalterlichen zeitphilosophischen Konzeptionen bestand im Gegensatz zwischen irdisch-endlicher Zeitlichkeit und goettlicher Ewigkeit, dem erstmals Johannes Scottus Eriugena im 9. Jahrhundert die Anschauung einer immerwaehrenden Zeit entgegensetzte, die wesentlich durch die Bewegung des Kosmos bestimmt ist (Udo R. Jeck, Zeitkonzeption im fruehen Mittelalter, 179-202; Wendelin Knoch, Nikolaus von Kues, Zeit und Ewigkeit, 103-116). Damit gewann ein weiteres philosophisches Grundproblem Konturen, die Verknuepfung von Raum und Zeit in der Bewegung. Der Zeitbegriff, anfangs als Folge kleinster Zeiteinheiten (atomum, punctum, momentum) gedacht, geriet vom 12. Jahrhundert an zusehends in den Sog der aristotelischen Kontinuum-Theorie. Nicht Zerstueckelung in winzige Partikel, sondern fortlaufender Zeitfluss dominierte fortan das Denken. Zeitatome waren nur noch vorstellbar, wenn gleichzeitig die Idee der kontinuierlich verlaufenden Bewegung aufgegeben wurde (Bernhard Pabst, Zeit aus Atomen oder Zeit als Kontinuum, 80-102).

Von diesen philosophischen Debatten zeigt sich die mittelalterliche Komputistik und generell das Bemuehen um exakte Zeitmessung wenig beeinflusst. Hier standen Techniken im Vordergrund, die zwar eng an ein Welt- und Zeitbild geknuepft, dennoch primaer praktisch motiviert waren. Die Anleitungen des Albertus Magnus zur genauen Zeitbestimmung, auf deren bislang unterschaetzte naturwissenschaftliche Bedeutung Uta Lindgren (Zeitvorstellungen bei Albertus Magnus und die Genauigkeit astronomischer Zeitbestimmung, 69-79) hinweist, zeigen dies deutlich. Zeit gilt als Mass der Bewegung (nicht umgekehrt!), zu deren genauer Bestimmung weniger die Raffinesse technischen Geraets als die Geschicklichkeit des Zeitmessenden beitrug, was die damalige Zeit drastisch von der Aera der "exakten" Naturwissenschaften unterscheidet. 'Der physikalische Zeitbegriff' (Helmut Appel, 49-68) erweist sich als untrennbar mit dem Bemuehen um verbesserte Messgenauigkeit verbunden, zeigt aber z.B. in Einsteins Konzeption der systemimmanenten Eigenzeiten auch interessante Anknuepfungspunkte etwa an den augustinischen Zeitbegriff.

Ein zweites Betrachtungsfeld eroeffnet der Band mit der Frage nach Zeiterfahrungen und -konzeptionen in Geschichtsschreibung, Kunst und Literatur, wobei der Blick vor allem auf das Mittelalter gerichtet bleibt. Ausgepraegtes Zeitbewusstsein verraet die mittelalterliche Historiographie, die zugleich die Ausdeutung des goettlichen Heilsplans und die Bestimmung der eigenen Gegenwartsposition im weltzeitlichen Rahmen zu leisten hatte. Geschichte wurde als Abfolge von Ereignissen begriffen (historia est series rerum, Hugo von St. Viktor) und spiegelte auf diese Weise die chronologische, als goettlich empfundene Weltordnung wider, war somit vorzueglich als Gliederungsgeruest fuer Weltchroniken und andere Formen universal ausgerichteter Geschichtsdarstellung geeignet. Dieses fuer den christlich-europaeischen Bereich entworfene Bild (Hans-Werner Goetz, Zeitbewusstsein und Zeitkonzeptionen in der hochmittelalterlichen Geschichtsschreibung, 12-32) findet seine Entsprechung im islamischen Kulturkreis. Heilsgeschichtlich konzipierte Formen der Darstellung, die staerker theologisch motiviert sind und ihren linear entwickelten Stoff annalistisch aufgliedern, finden dort Ergaenzung in zyklisch geordneten Geschichtsdarstellungen, deren Beeinflussung durch antike Kulturtraditionen nicht zu uebersehen ist (Bernd Radtke, Welt-Raum und Welt-Zeit in den Universalchroniken des islamischen Mittelalters, 245-255).

Linie und Zyklus begegnen teils konkurrierend, teils verschraenkt auch in Kunst und Literatur als Symbole des Zeitlaufs (Joerg O. Fichte, Konkurrierende und kontrastierende Zeitmuster in Chaucers 'Canterbury Tales', 223-241; Gerd Bauer, Der Kupferstich: 'Der Triumph der Zeit', 33- 46; beschriebenes und abgebildetes (46) Kunstwerk scheinen indes verschiedene zu sein!). Eine bemerkenswerte Syntheseleistung zeigt der Livre de Sidrac, eine im Frankreich des ausgehenden 13. Jahrhunderts entstandene Schrift, in der linear-eschatologische Gedanken mit einem Fundus astrologischen Wissens verknuepft sind und die durch volkssprachliche Abfassung zu einer Art erster Gebrauchsanweisung fuer den Laienastrologen wurde (Doris Ruhe, Eschatologie und Astrologie: Zeitkonzeptionen im 'Livre de Sidrac', 203-222). Unuebersehbar ist die Praesenz, ja Allgegenwart von Zeitzyklen in der mittelalterlichen und fruehneuzeitlichen Medizin, die Krankheit nicht als Abstraktum, sondern in wechselnden "Zeitgestalten" definierte. Der fulminante Nachweis von Gundolf Keil (Krankheit und Zeit in der Medizin des Mittelalters und der Fruehmoderne, 117-138), dass sequenzielle Krankheitskonzepte aus der Antike uebernommen wurden und letztlich erst durch die moderne Medizin, etwa durch Virchows Zellpathologie, in Teilen widerlegt wurden, erscheint zugleich als Plaedoyer, der Abfolge von Erkrankungsstadien auch heute mehr Beachtung zu schenken. Leider wird die Fuelle seiner Beobachtungen durch ein schier undurchdringliches Geflecht von Fremd- und Fachbegriffen verdeckt, das dem explizit interdisziplinaeren Anliegen des Bandes sprachlich nicht gerecht wird; Sprachgebilde wie "Zweiphasigkeit des zirkannalen Rhythmus", "thanatognostische Vorhersagen" oder "selenodromisch abgehandelte Themen" fuehren unausweichlich zur "Multimorbiditaet" jedweder Leselust.

Die sinnvolle Nutzung der Zeit erweist sich als heimliches Leitmotiv einer ganzen Reihe von Beitraegen, in denen anhand unterschiedlicher Beispiele die Korrelation zwischen individuellem Verhalten und gesellschaftlicher Normsetzung deutlich wird. Grundlegend hierfuer ist die Betrachtung der Herausgeberin, die anhand altdeutscher Beichttexte auf die die Suende der Zeitverschwendung (zît forlâzan) hinweist. Zeitverschwendung als Muessiggang, als nicht genutzte Gelegenheit, die Aussichten auf das Seelenheil zu verbessern. Zeigen die Beichten das Versagen der Buesser in heilsoekonomischer Sicht, so steht diesen in Gestalt der Heiligen ein leuchtendes Gegenbeispiel vor Augen. Die haben ihre Zeit genutzt, um bereits in irdischen Zeitzwaengen dem ewigen Leben zuzustreben. Allerdings scheinen Zweifel angebracht, ob dem heiligen Trachten nach Teilhabe an der Gegenwart Christi eine explizite Zeitkomponente innewohnte, oder ob dieser Vorgriff auf die goettliche Ewigkeit eher unreflektiertes Beiwerk ist. Ungeachtet dessen eroeffnet die Verfasserin den Zugang zu einer epochenumspannenden Idee: Muessiggang ist aller Laster Anfang. Otium ist negativ besetzt, ist odium etwa bei Ariosts Orlando Furioso (Marie-José Heijkant, Zeitmessung und Zeitkonzepte in Ariosts Orlando Furioso, 274-293) oder in Cervantes' Don Quichote. Der tragische Held selbst empfindet seine Abenteur als Probezeit, als Pilgerreise auf dem Weg zu einem unerreichbaren Ideal. In den Augen der Zeitgenossen handelt es sich jedoch um nicht mehr zeitkonformes Verhalten, ja um pure Zeitverschwendung. Mit Recht weist Christoph Strosetzki in seinem Beitrag ueber diesen Klassiker der spanischen Literatur (Probezeit und Zeitvertreib im 'Don Quichote', 294-308) darauf hin, dass sich hier willkommene Ansatzpunkte fuer die Indizierung ganzer literarischer Gattungen als unnuetz und daher gefaehrlich finden liessen. Schon die Idealisierung des gottgefaelligen Zeitvertreibs in den Heiligenviten (Ehlert) hatte nicht nur eine Norm fuer die individuelle Lebensgestaltung gesetzt. Zeitverschwendung als kirchlich wie weltlich verwerfliches Handeln oeffnete den Weg zu repressiven Massnahmen, die Kurt Weis anhand der Idee der Freiheitsstrafe (mit Arbeitsverpflichtung) exemplarisch vorstellt. Sein Beitrag (Zeit der Menschen und Menschen ihrer Zeit - Zeit als soziales Konstrukt, 155-178), wie auch der von Bernhard Schaefers (Zeit in soziologischer Perspektive, 141-154) postulieren im Rueckgriff auf Norbert Elias Zeit als intersubjektive Syntheseleistung und betonen damit ihre gesellschaftsformende Bedeutung. Als uebersubjektives Geruest unverzichtbar fuer das Funktionieren komplexer Gesellschaftsgebilde, wirkt Zeit zugleich als Element sozialer Regulierung. Zeit als individuelle Verfuegungsmasse, Zeitknappheit und eingeraeumte Gespraechszeiten verweisen auf die soziale Kommunizierbarkeit des Symbols Zeit.

Nicht unmittelbar in diesen Kontext einzubinden ist der Versuch, fuer eine Trias von Literaten an der Wende des Mittelalters zur Neuzeit die individuelle Zeiterfahrung als Movens ihres Schaffens zu benennen (Friedrich Wolfzettel, Zeitangst, Geschichtskrise und Ich-Bewusstsein in der fruehen Neuzeit: Petrarca - Charles d'Orléans - Montaigne, 309-324). Die Wahrnehmung einer umfassenden Krisensituation und das daraus resultierende erstrebte (Petrarca) oder gelebte Heraustreten aus der zugedachten Rolle (Montaigne) klingt unter den Praemissen des Verfassers plausibel, der das literarische Werk mit Peter von Matt gewissermassen als Reflex des Wunsch-Ichs seines Verfassers betrachten moechte. Historiker werden gegen die Verwendung von Geschichte ausschliesslich im Sinne einer Verfallsgeschichte freilich einwenden, dass damit fuer das spaete Mittelalter ueberholte Krisen-Klischees wiederbelebt werden und dass die lineare Herleitung des "fruehneuzeitlichen Ich mit einem radikal individualistischen Lebensentwurf" (309) aus der angsterfuellten Existenz des spaetmittelalterlichen Zeitgenossen in der psychoanalytischen Literaturinterpretation moeglich sein mag, dass sich in der Geschichtswissenschaft solche Modelle jedoch als wenig haltbar erwiesen haben. Bemerkenswerter ist jedoch, dass der Beitrag sich durch seinen Zeitbegriff von den uebrigen stark unterscheidet. Zeit wird nicht primaer im Sinne chronologischer oder chronometrischer Aspekte, nicht als philosophische oder soziologische Konzeption verstanden, sondern fast durchgaengig mit ihrem Ereignisinhalt und dessen psychologischen Implikationen gleichgesetzt. Nicht die Zeit erfuellt ja die Menschen mit Angst, sondern die in der Zeit dargebotenen Zustaende. Insofern faellt die Untersuchung ein wenig aus dem Rahmen, verweist aber auf eine konsequent individualistische Perspektive des Zeit-Erlebens. Diese kontrastiert stark mit dem Auftakt des Bandes, in dem auf die erfolgreichen Bemuehungen der modernen elektronischen Medien um die Simultaneisierung von Zeiteindruecken herausgestellt wird, die den Menschen virtuell aus seiner eigenen Zeitgebundenheit zu loesen scheinen (Goetz Grossklaus, Zeitlichkeit der Medien, 3-11).

Es faellt nicht leicht, die Fuelle der im vorliegenden Band gebotenen Einzelbeobachtungen zusammenzufuehren. Zu vielschichtig ist die Herangehensweise an das Phaenomen Zeit, als dass sich historische, psychologische, soziologische, literaturtheoretische, naturwissenschaftliche und medizinische Aspekte zu einer Formel verdichten liessen. Auch die Herausgeberin hat letztlich vor dieser Aufgabe kapituliert und auf eine buendelnde Schlussbetrachtung verzichtet; die Einleitung bietet hierzu Ansaetze, bleibt aber in der Aufzaehlung stecken. So sieht sich der interessierte Leser mit einer Fuelle von Schwierigkeiten konfrontiert. Thematisch und chronologisch wird er wild hin- und hergeschuettelt, und er wuenschte sicherlich dem Band ein tragfaehigeres Gliederungsgeruest. Das Phaenomen Zeit bleibt am Ende eine Chimaere, halb an subjektives Empfinden gebunden, halb dieses Empfinden durch quasi objektive Erscheinungsformen regulierend. Anderes war kaum zu erwarten. Der vorgenommene Brueckenschlag von Augustinus zu Norbert Elias, von der Theorie der Zeitatome zu den Synchronisationszwaengen der modernen Gesellschaft wiederholt manch Bekanntes, bietet aber besonders dem Mediaevisten auch viel Anregendes zum Thema. Schlaglichtartig aus verschiedenen Fachperspektiven "die Komplexitaet und Vielfalt der Zeitkonzeptionen und der Artikultation von Zeiterfahrung schon im Mittelalter" (S. 9) zu beleuchten, war das Ziel des Symposions, dessen gedruckter Ertrag hier vorzustellen war. Das ist klug und bescheiden gewaehlt, ein realisierbares und auch realisiertes Vorhaben. Dennoch: selbst wenn man prognostizieren moechte, dass ein so komplexer Begriff wie Zeit selbst bei massiven interdisziplinaeren Anstrengungen sich dauerhaft einer befriedigenden Beschreibung und Durchdringung entziehen wird, so darf zumindest der Versuch einer gedanklichen Buendelung der weiterhin fraglos notwendigen Detailvertiefungen - auch und gerade in einem solchen Sammel-Band - nicht fehlen.

ZitierweiseHarald Müller: Rezension zu: Ehlert, Trude (Hrsg.): Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne. Paderborn/Muenchen/Wien/Zuerich 1997, in: H-Soz-u-Kult, 08.02.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=450>.

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