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Zeitgeschichte (nach 1945)

E. Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989
Ort:Berlin
Verlag:Christoph Links Verlag
Jahr:
ISBN:3-86153-163-1
Umfang/Preis:958 S.; € 24,50

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Hans Michael Kloth, Hans Michael Kloth DER SPIEGEL
E-Mail: <samisdatcompuserve.com>

[Die folgende Rezension von Hans Michael Kloth erschien in gekuerzter Fassung bereits in 'DER SPIEGEL' (Heft 3/98). Wir danken fuer die freundliche Genehmigung seitens des Verlages. P.H.]

Langsam kommt Farbe in unser grau-in-graues Bild der DDR, das sich auch seit 1989 bestenfalls in Schwarz und Weiss geschieden hat. Das Deutsche Historische Museum im Zeughaus Unter den Linden zeigt derzeit eine aufregende Ausstellung ueber die Kuenstler-Boheme im SED-Staat, die - von DDR-Dada bis hin zum keineswegs schmalspurigen DDR-Schmalfilm - zum Teil hinreissende Beispiele dafuer liefert, dass an der DDR eben oft nur der Anspruch totalitaer war.

Ehrhart Neubert, 57, Kirchensoziologe und DDR-Buergerrechtler, hat nun mit seiner enzyklopaedischen "Geschichte der Opposition in der DDR 1949 - 1989" das politologische Pendant zu dieser Gegenkunst-Schau geliefert. Acht Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur ist dies die erste Gesamtschau des vor dem Herbst 1989 im Osten unterdrueckten und im Westen verdraengten Phaenomens politische Opposition in der DDR.

In 106 Kapiteln breitet Neubert ueber fast eintausend Seiten das Panorama des weithin unbekannten anderen "anderen Deutschland" aus, der DDR der Zivilcourage und des unabhaengigen Denkens, der politischen Unangepasstheit und phantasievollen Gegenwehr gegen den vormundschaftlichen SED-Staat. Schon angesichts der schwierigen Quellenlage ist dies eine gigantische Leistung, denn anders als fuer die Stasi-Akten (Gauck-Behoerde) und die SED-Archivalien (Bundesarchiv) gibt es bis heute kein zentrales Oppositions-Archiv.

Dennoch hat Neubert ganz bewusst kaum auf Stasi- und andere DDR-Staatsakten zurueckgegriffen, sondern sich fast ausschliesslich auf oppositionelle Selbstzeugnisse gestuetzt, die er in jahrelanger muehsamer Suche aus den Kellern und Kartons ehemaliger Akteure zusammengetragen hat. Die bisherige Oppositionsgeschichten "light", die kaum mehr waren als Exzerpte von MfS-Akten waren und so implizit Herrschaftsgeschichte schrieben, gehoeren nach diesem Meilenstein wohl der Vergangenheit an.

Fuer die Rolle des Diderot der DDR-Opposition haette sich kein geeigneterer finden koennen als der ehemalige Studentenpfarrer Neubert, dessen Freundes- und Bekanntenkreis ein Who's who des DDR-Widerstandes fuellen wuerde. Seit 1979 in kirchlichen Friedenskreisen aktiv, geriet er immer wieder in Konflikt mit staatlichen und kirchlichen Instanzen. 1984 ging er als Referent fuer Gemeindesoziologie zur Theologischen Studienabteilung der Evangelischen Kirche in der DDR und setzte sich dort systematisch mit den von der SED in verdraengten Problemen der DDR-Gesellschaft auseinander, fuer die die Kirche immer mehr zum Auffangbecken wurde, unter anderem in einer provokativen Studie ueber "Aids in der DDR". Schon 1985 legte er die erste soziologische Untersuchung ueber die oppositionellen Basisgruppen vor, die unter Pseudonym auch im Westen erschien.

Als die "Herbstgesellschaft" 1989 ueber die DDR hereinbrach, gehoerte Neubert mit Rainer Eppelmann zu den Mitbegruendern des "Demokratischen Aufbruch" und vertrat diesen am Zentralen Runden Tisch mit. Nach dem Umbruch lieferte er noch zur Zeit des allgemeinen postrevolutionaeren Katzenjammers 1990 mit dem Buechlein "Eine protestantische Revolution" eine hellsichtige Analyse der kaum verdauten Ereignisse.

Aufmerksamkeit erregte er 1993 mit einem Gutachten ueber die Stasi-Kontakte des brandenburgischen Ministerpraesidenten Stolpe (das diesen schwer belastete), 1996 als Mitbegruender von Baerbel Bohleys "Buergerbuero" fuer SED-Opfer und zuletzt durch seinen Uebertritt zur CDU zusammen mit anderen DDR-Buergerrechtlern Ende letzten Jahres.

Neubert sieht die Geschichte der SED-Herrschaft als die Geschichte eines vier Jahrzehnte waehrenden Widerstandes gegen sie. Von der buergerlichen, gesamtdeutsch ausgerichteten Opposition der Anfangsjahre, bis zum Mauerbau 1961 von der SED in den Westen oder in "Nischen" abgedraengt, schlaegt er souveraen den Bogen ueber die vom revisionistischen Marxismus dominierte Opposition der sechziger und siebziger Jahre, die angesichts ihres vergeblichen Suche nach Freiheit im Sozialismus und der kommunistischen "Alternative" (Bahro) immer mehr an Kraft verlor um schliesslich Ende der Siebziger von protestantisch gepraegten Werthaltungen abgeloest zu werden, die den unabhaengigen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen ihr politisches Ethos gaben.

Diese waren es dann, die sich Mitte der achtziger Jahre als "Demokratiebewegung" und nach 1987 als "Gegen-Macht" (Neubert) etablieren, dem SED-Regime erste politische Niederlagen zufuegen und von ihm angesichts der durch Massenflucht und Grossdemonstrationen offen zutage getretenen Systemkrise schliesslich auch politisch nicht mehr ignoriert werden konnten.

Mit beispielloser Akribie rekonstruiert Neubert die Vielfalt der Motive, der Organisationsformen, der grossen und kleinen Aktionen der Opposition ueber vier Jahrzehnte. Die Selbstverbrennung des Pfarrers Bruesewitz 1976 wurde (dank des persoenlichen Mutes zweier Amtskollegen) auch im Westen bekannt; doch wer wusste bislang von Joseph Kneifel, der 1980 in Chemnitz ein sowjetisches Panzermonument in die Luft zu sprengen versuchte und dafuer zu lebenslanger Haft verurteilt wurde? Von kirchlichen Friedensgruppen hatte man schon gehoert, aber von trotzkistischen Zellen, die Honeckers Realsozialismus fuer "sozialfaschistisch" hielten, die DDR auf den albanischen Weg fuehren wollten und dabei von Nordkorea unterstuetzt wurden? Auch dass in ostdeutschen Kirchenkellern illegale Zeitschriften gedruckt wurden war bekannt; aber dass die DDR-Opposition eigene Radiosendungen ("Schwarzer Kanal", "Radio Glasnost") hatte, duerfte fuer viele neu sein.

Wichtiger noch als die Dokumentation ihrer Vielfalt ist Neubert, die dahinter liegenden Kontinuitaeten, die geistigen und organisatorischen Entwicklungslinien freizulegen. Als etwa die DDR-Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre in das Blickfeld westdeutscher Beobachter geriet und prompt als Ost-Pendant zur westdeutschen Anti-Nachruestungsbewegung verortet wurde, hatte sie bereits eine zwanzigjaehrige, eigenstaendige Entwicklung hinter sich - vom Protest gegen die Einfuehrung der Wehrpflicht 1962 und die daraus entstandene Bausoldatenbewegung ueber die jaehrlichen "Koenigswalder Friedensseminare" (seit 1972), den Kampf gegen den Wehrkundeunterricht (ab 1978) und die Frauenwehrpflicht (1982) bis zu Initiative fuer einen "sozialen Friedensdienst" (SoFD), der ab Anfang der Achtziger ein zentrales Anliegen der ersten Bausoldaten von Anfang der Sechziger fortfuehrten. Dies waren DDR-spezifische Themen, die ihre Wurzel nicht in der Nachruestungsdebatte, sondern vor allem in der durch die SED immer weiter forcierten Militarisierung der DDR-Gesellschaft hatten.

Einen anderen roten Faden findet Neubert bei der radikal-oppositionellen "Kirche von unten", die ab 1987 der SED den Kampf ansagte und die Amtskirche unter starken Druck setzte, politisch Farbe zu bekennen. Ihre Wurzeln reichten zurueck in die "Offene Arbeit" (OA), mit der einzelne Pastoren wie Walter Schilling seit den siebziger Jahren die Kirche fuer vom SED-Staat ignorierte jugendliche Randgruppen geoeffnet hatten. Die OA wiederum hatte Anknuepfungspunkte zur "Jungen Gemeinde", die bereits in den fuenfziger Jahren ein Sammelbecken fuer oppositionelle Jugendliche gewesen und von der SED mit Hetzkampagnen und Verfolgung ueberzogen worden war.

Die evangelische Kirche war es, die das institutionelle Rueckgrat fuer oppositionelle Aktivitaeten lieferte. (Die katholische Kirche haelt Neubert fuer einen "Totalausfall"). Sie bot, im Gegensatz zu marxistischen Erneuerungsutopien, eine "real existierende Alternative" (Neubert). Dabei war sie stets mehr als nur der Hort der Opposition, wie es das Wort vom "Dach der Kirche" suggeriert. Sie war zugleich die Quelle, aus der die Opposition Orientierungen und Anknuepfungspunkte fuer eine eigene, antitotalitaere politische Kultur schoepfte. Weil sie nicht an eine vorhandene politische Tradition anknuepfen konnte, so Neuberts Kernthese, musste sich die DDR-Opposition eine eigene geistige Grundlage fuer demokratische Opposition im Totalitarismus schaffen. Diese fand sie in eine DDR-spezifischen, protestantische Sozialethik, deren Grundlage die praktischen Erfahrungen mit den vom Staat in die Kirche abgeschobenen gesellschaftlichen Problemen und deren intellektuelle Reflexion vor dem Hintergrund einer an Bonhoefer und Barmen orientierten freiheitlichen Theologie bildete.

Allerdings wurden in der Kirche zunehmend "zwei Sprachen gesprochen" - die einer "traditionellen, dem Staate dienstbaren Theologie und die Sprache eines politisch-kritischen Christentums." Das Unglueck der Opposition gegen die SED war, dass die Sprache des offensiv vertretenen Freiheitsgedankens fuer viele Kirchenfunktionaere ein fremdes Idiom blieb und es in der Kirche gewissermassen zu einer babylonischen Sprachverwirrung kam, die der SED nuetzte und der Opposition schadete. So wurde statt der Vision einer "verbesserlichen Kirche im verbesserlichen Sozialismus" des kritischen Theologen Heino Falcke, das loyalistische Konzept einer "Kirche nicht gegen, nicht neben, sondern im Sozialismus" des angepassten Bischofs Schoenherr in den siebziger Jahren Grundlage fuer das vielbeschworene "Verhaeltnis Staat-Kirche" in der DDR. Das Ergebnis war eine verheerende Verkuerzung des zuvor auf offener politischer Buehne zwischen Staat und Kirche ausgetragenen Konflikts zu einer innerkirchlichen Auseinandersetzung, in der Kirchenleitungen sich zur dienstrechtlichen Disziplinierung von Kirchenoppositionellen bereit fanden. Damit entlasteten sie das SED-Regime von der Notwendigkeit, selbst zu repressiven Massnahmen zu greifen und erhoehten indirekt seine Respektabilitaet. Die einzigen Wachstumsbereiche der Kirche wie die offene Jugendarbeit wurden systematisch behindert und als "Politisierung von Asozialen" diskreditiert, wenn dort Widerspruch gegen den SED-Staat artikuliert wurde. Und noch im Spaetsommer 1989 bestritten Kirchenobere die Legitimitaet von Demonstrationen. Das Einlassen auf nichtoeffentliche Konfliktregelung fuehrte zudem "fast zwangslaeufig" (Neubert) dazu, dass zahlreiche Kirchenfunktionaere konspirative Kontakte zum MfS unterhielten. Waehrend kritische Theologen bemueht waren, den christlichen Freiheitsbegriff fuer die Legitimation politischer Opposition nutzbar zu machen, scheuten sich staatstreue Theologen nicht, "ihre Theologie zu einer operativen Ideologie im Dienste der SED zur Aufhebung der christlichen Religion" (Neubert) zu machen.

Fuer Neubert bedeutet "Opposition" das Festhalten am Legalitaetsprinzip: aus politischer Gegnerschaft den Konflikt mit dem Regime nicht nur zu suchen sondern unter Einbeziehung legaler Moeglichkeiten politisch zu gestalten - so wie Widerstand, der seine Legitimitaet aus der Totalabsage an die Normen der Diktatur bezieht. Die im diesem Verstaendnis implizit enthaltene Anerkennung des SED-Staates hat der Opposition in der DDR aus dem Westen den Vorwurf der intellektuellen "Naehe zum Widersacher" eingebracht. Dem haelt Neubert entgegen, dass auch die tschechische Charta '77 sich bewusst nicht als Opposition verstanden wissen wollte. Diese "legalistische Untertreibung" (Neubert) war zum einen taktisch notwendig: Da, wer sich "Opposition" nannte, kriminalisiert wurde, eignete sich der Begriff kaum fuer oeffentliche Selbstverstaendniserklaerungen - der Kampf um die Interpretation von Gegnerschaft war bereits Teil der politischen Auseinandersetzung mit der SED. In der muendlichen Tradition der Widersetzigen hatte er immer seinen Platz.

Dahinter steckte jedoch auch eine Strategie: Nur indem Regimegegner das gegebene Recht nutzten, konnten sie ueberhaupt erst die Voraussetzungen fuer politisches Handeln schaffen. Wer noch auf die moegliche juristische Absicherung verzichtete und die Diktatur frontal angriff, konnte mit solchem Widerstand unter Umstaenden zwar grosse symbolische Wirkung erzielen - die politischen Spielraeume fuer Opposition liessen sich so kaum erweitern.

In diesem Sinne, nicht im Sinne unterschwelliger Kumpanei mit dem Kommunismus war die Opposition in der DDR "systemimmanent". Allerdings lag darin auch ihr unaufloesliches Dilemma: Zwar konnte sie das SED-Regime besser blossstellen, indem sie dessen eigene Regeln vordergruendig ernst nahm, um sie dann als politische Waffe gegen es einzusetzen. Doch sie konnte nicht offen Ziele anvisieren, die das System sprengten, ohne sich selbst die Grundlage zu entziehen: Die Diktatur, welche die Opposition ueberwinden wollte, war zugleich die Voraussetzung ihrer Entfaltung.

Die "Chiffrierung des Politischen" (Neubert) durch die DDR-Opposition ist in der Altbundesrepublik nie wirklich entschluesselt worden. Dort wurde das Phaenomen des politischen Widerspruchs weitgehend als Teil der "humanitaeren Aspekte" des Verhaeltnisses zur DDR betrachtet. Wie sehr in der totalitaeren Diktatur das Vorpolitische mit dem Politischen verwoben war; dass die Friedens- oder die Umweltfrage politische Codes waren, mit denen Regimegegnerschaft legitimiert wurde; die "Basisgruppen" nicht nur Ausdruck postmaterieller Zivilisationskritik analog westdeutscher Buergerinitiativen waren, sondern die soziale Basis der politischen Opposition gegen die SED - all das hat man in der alten Bundesrepublik nicht verstanden und, je mehr man sich dort auf einen eigenen, westdeutschen Sonderweg festlegte, vielleicht auch nicht mehr verstehen wollen. Ein Grund fuer die Marginalisierung der DDR-Opposition nach 1989 war der Eindruck, sie habe "die Einheit nicht gewollt". Dies war jedoch Folge eines charakteristischen westdeutschen Wahrnehmungsfehlers, der die Ablehnung des Modellcharakters der Bundesrepublik mit einer Absage an die staatliche Einheit in eins setzte. Tatsaechlich haderten die DDR-Oppositionellen mit der Wiedervereinigung nicht mehr als der durchschnittliche Westdeutsche auch; was sie frustrierte war, dass sie nun feststellen mussten, wie hoch der Preis fuer ihre "Systemimmanenz" tatsaechlich war: der Verlust der Moeglichkeit, die Vereinigung politisch mitzugestalten.

Der Frust mag berechtigt gewesen sein. Neubert zeigt, dass es DDR-Oppositionelle waren, die in den achtziger Jahren um tragfaehige deutschlandpolitische Konzepte rangen, als "Wiedervereinigung" fuer die Bundesrepublik laengst das geworden war, was der Kommunismus fuer die DDR war: eine ferne Zukunftsverheissung, die die bestehenden bundesrepublikanischen Verhaeltnisse legitimierte. Der marxistische Dissident Robert Havemann und der protestantische Pfarrer Rainer Eppelmann traten 1982 im "Berliner Appell" gemeinsam fuer die Wiedervereinigung eines - Pferdefuss: blockfreien - Deutschland ein. Und lange vor Kanzler Kohls ad hoc entworfenem Zehn-Punkte-Plan von November 1989 hatten oppositionelle Kirchengruppen ueber deutsch-deutsche Konfoederationsmodelle nachgedacht. Dies waren halbgare Konzepte. Aber weil die spaetbundesrepublikanische Deutschlandpolitik, wie Timothy Garton Ash bemerkte, weder auf die Freiheitsfrage noch auf die Einheitsfrage eine Antwort gab, war die "halbe Antwort" (Neubert) der DDR-Opposition auf die deutsche Frage "mehr als alle anderen ... zu bieten hatten."

Man kann (und wird) darueber streiten, ob die protestantische Sozialethik die DDR-Opposition wirklich in dem Masse praegte, wie Neubert meint, ob seine Sicht der Amtskirche dieser Unrecht tut, ob er schliesslich die Beschaeftigung der Opposition mit der deutschen Frage ueberbewertet. Worueber man nicht streiten kann, ist dass mit diesem Buch die Sicht der Nachwelt auf die DDR endlich vom Kopf auf die Fuesse gestellt wird. Es ist mehr als nur eine Ideen-, Organisations- und Sozialgeschichte der Opposition, sondern eine politische Geschichte der DDR "von unten": Vierzig Jahre DDR aus der unfreiwilligen Froschperspektive derjenigen zu zeigen, die sich gegen die SED-Herrschaft mit legalen und illegalen Mitteln auflehnten und von ihr deshalb ausgegrenzt, unterdrueckt, verfolgt, vertrieben wurden. Dieser Wechsel des Blickwinkels erhellt vieles, was die traditionelle Geschichtsschreibung leicht uebersieht. Zum Beispiel, dass der SED selbst kleinste Zugestaendnisse muehsam abgerungen werden musste, "Liberalisierung" immer nur ein taktisches Instrument war. Sie widerlegt auch die deterministischen Zusammenbruchsthesen, denen zufolge der SED irgendwann ganz von selbst die Puste ausgehen musste. Neubert zeigt die Welt der Akteure, die, teilweise ueber Jahrzehnte, den freien Willen, das Gesetz des Handelns und damit die Offenheit der Geschichte gegen die angebliche historische Gesetzmaessigkeit der sozialistischen Realitaet verteidigten und schliesslich auch zum Angriff uebergingen. So bleibt 1989 ungeachtet der aussenpolitischen Rahmenbedingungen und Wirtschaftslage fuer Neubert eine physische und geistige Selbstbefreiung.

Es wird auch Zeit, die Geschichte der Opposition in der DDR als Anknuepfungspunkt fuer eine positive, zukunftsgewandte ostdeutsche Identitaet zu entdecken und fuer die Verankerung eines demokratischen Selbstverstaendnisses auch bei den ehemals angepassten DDR-Buergern zu nutzen. Es war ein Fehler der DDR-Opposition, 1990 auf "das Volk" zu schimpfen, und es war ein Fehler der Bundesdeutschen, die DDR-Opposition vorschnell zu kryptomarxistische Einheitsfeinde zu stempeln. Beides fuehrte dazu, dass das Erbe der Opposition als Identifikationsangebot fuer die orientierungslosen Massen ausfiel und die unausweichliche Dominanz importierter westdeutscher Werte alsbald eine trotzige, rueckwaertsgewandte Identifikationen mit angeblichen realsozialistischen "Errungenschaften" ausloesten und ein altbekanntes Rechtfertigungsmuster wiederbelebten: Hitlers Autobahnen sind heute Honeckers Kindergaerten. Damit knuepfen viele Ostdeutsche weiter an die demokratieferne Traditionslinie deutscher politischer Kultur an, die Neubert zu Recht als eine wesentliche Funktionsbedingung der SED-Diktatur ausmacht, anstatt sich - wenigstens nachtraeglich - die Werte der DDR-Demokratiebewegung zu eigen zu machen. Es war nicht alles schlecht in der DDR - und das Beste war die Opposition. Nur schade, dass erst Neubert kommen musste, um uns das zu sagen.

ZitierweiseHans Michael Kloth: Rezension zu: Neubert, Ehrhart: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989. Berlin 1997, in: H-Soz-u-Kult, 24.01.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=449>.

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