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Theoretische und methodische Fragen

D. Kaesler (Hg.): Klassiker der Soziologie

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Klassiker der Soziologie. Bd. 1: Von Auguste Comte bis Norbert Elias, Bd. 2: Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu
Herausgeber:Kaesler, Dirk
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:3-406-42088-5, 3-406-42089-3
Umfang/Preis:360 und 280 S.; € 14,90 pro Band

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Eberhard Demm, Historisches Seminar Universitaet Heidelberg
E-Mail: <edemmfreenet.de>

Dies ist nicht einfach die zweite Auflage der "Klassiker des soziologischen Denkens"[1], sondern ein ganz neues Buch. Das zeigt bereits der Blick auf das Inhaltsverzeichnis: Während 1976/78 auf insgesamt 1121 Seiten 14 Soziologen vorgestellt wurden, sind es heute auf 637 Seiten 31, also mehr als das Doppelte. Zu den älteren Klassikern, die alle noch im 19. Jahrhundert geboren waren, treten jetzt ihre Kollegen aus dem 20. Jahrhundert, unter ihnen sogar drei noch lebende Exemplare: Pierre Bourdieu, Jürgen Habermas und Robert K. Merton. Dies war möglich durch eine starke Straffung der Beiträge, die nur noch zwischen 6 und 27 Seiten umfassen, während in der früheren Ausgabe manche Artikel bis auf über 100 Seiten aufgebläht waren.

Wo ist aber Max Scheler geblieben, dem noch in der ersten Ausgabe fast 50 Seiten eingeräumt wurden? Überhaupt ist die Soziologie der Weimarer Republik ganz unterbelichtet: die beiden führenden Kontrahenten Alfred Weber und Leopold von Wiese fehlen, für die Nachkriegszeit vermißt man Rene König, der wie kein anderer die empirisch-funktionalistische Richtung der deutschen Nachkriegssoziologie bestimmt hat. Offenbar ist der Begriff "Klassiker" nicht ganz eindeutig, obwohl der Herausgeber dies im Vorwort klar definiert hat: "Kriterium für einen 'Klassiker' des soziologischen Diskurses ist seine Relevanz für die (Weiter-) Entwicklung soziologischer Theorie und/oder für die (Wieder-) Entdeckung eines wichtigen Problembereichs und/oder die Entdeckung einer neuen Methode zu dessen Erforschung." (Kaesler, in: Bd. 1, S. 7.) In einigen Beiträgen werden weitere Kriterien vorgeschlagen, die diese Definition glücklich ergänzen: der "unerschöpfliche Anregungsreichtum seiner [des Klassikers] Ideen, Einsichten und Argumente" (Hans-Peter Müller, Durkheim, Bd. 1, S. 167.) und die "Übersetzbarkeit wichtiger Kategorien in den Diskurs anderer Disziplinen" (Cornelia Bohn u. Alois Hahn, Bourdieu, S. 267 f.). Außerdem produziere ein Klassiker "Schlüsselbegriffe" (ebd., S. 267) und sei "der große Anreger". (Rolf Lindner, Park, in: Bd. 1, S. 219). So weit, so gut, nur vermißt man wichtige "Anreger" wie Weber und König und fragt sich andererseits, was nach diesen Kriterien drittklassige NS-Existenzen wie Hans Freyer und Arnold Gehlen in dem illustren Klassikerkreis zu suchen haben.

Für die Beiträge der Verfasser - mit einer Ausnahme, Herausgeber Kaesler selbst, sind es nicht mehr die gleichen wie 1976/78 - wurde folgende Gliederung festgelegt: 1) Biographie und gesellschaftlicher Kontext. 2) Werk und wissenschaftliche Rolle. 3) Wirkung auf die Soziologie. 4) Literaturverzeichnis. 5) Anmerkungen. Leider gab es wohl keine Vorgaben für die Anmerkungen, denn außer im Text verstreuten Klammertiteln stehen am Ende Fußnoten, die völlig unterschiedlichen Regeln folgen. Jeder Band hat ein Personenregister, leider nicht, wie noch die ältere Ausgabe, ein Sachregister - verwunderlich bei einer Disziplin, der doch Strukturen und Prozesse wichtiger als Personen sind. Wer also wissen will, wie zentrale soziologische Kategorien bei den einzelnen Klassikern aussehen, muß zur früheren Ausgabe greifen. Schade!

Die Bände verführen dazu, nach Gemeinsamkeiten im Lebenslauf der Klassiker zu suchen. Dabei fällt auf, daß von 31 Personen mehr als ein Drittel, nämlich 12, Juden oder jüdische Konvertiten sind, was die These von Shulamit Volkov bestätigt, daß sich Juden gern auf wissenschaftliches Neuland wagten, wo leichter spektakuläre Erfolge zu erzielen waren, notwendig angesichts der Diskriminierung, der sie wohl nicht nur im deutschen Wissenschaftsbetrieb ausgesetzt waren.[2] Ebenfalls ein knappes Drittel, 9 von 31, konnte nicht oder nur sehr spät und gegen scharfe Widerstände ein Ordinariat erobern. Der Fall von Ferdinand Tönnies, der erst mit 58 Jahren berufen wurde , ist bekannt - nebenbei nach heutigem deutschen Beamtenrecht unmöglich! - aber auch andere große Klassiker wurden bis ins hohe Alter diskriminiert: Karl Marx (Akademische Laufbahn versperrt), Auguste Comte (Professur verhindert), Norbert Elias (keine Professur), Herbert Spencer (keine Professur angestrebt), Robert E. Park (Prof. mit 59), Georg Simmel (Prof. mit 56), Alfred Schütz (Prof. mit 53), Raymond Aron und Theodor W. Adorno (Prof. mit 50).

Querverweise im Buch gibt es nicht, was um so bedauerlicher ist, als bestimmte Zentralbegriffe von Klassikern in anderen Artikeln behandelt werden. So wird die Anomie Durkheims im Beitrag von Hans-Peter Müller zwar erwähnt, aber nicht wirklich definiert, das geschieht hingegen auf sehr anschauliche Weise bei Lewis A. Coser über Merton (Bd. 2, S. 161 f.). Auch über Max Webers wichtigen Charismabegriff kann man nicht in Kaeslers Weberartikel, sondern nur in Stöltings Beitrag über Michels etwas erfahren (Bd. 1, S. 243.). Stölting erklärt auch, daß die Argumentsmuster Michels' denen von Simmel entsprechen (ebd., S. 240), und man hätte gern Näheres im Simmelartikel erfahren. Dort aber werden nicht einmal Simmels oft zitierte Ausführungen über den Fremden erwähnt, darüber orientiert wiederum Robert Hettlage in seinem Artikel über Goffman (Bd. 2, S.191). Doch welcher Simmelinteressent wird dort suchen? Hier wäre eine Koordinierung durch den Herausgeber nützlich gewesen.

Leider hat dieser, obwohl er über den bei deutschen Ordinarien üblichen Troß von sieben im Vorwort namentlich aufgeführten Assistenten und Hilfskräften verfügt, auch manche Fehler übersehen, insbesondere störende Anglizismen [3] und merkwürdige Anmerkungen, mit dem altmodischen a.a.O. zitiert, deren Titel man trotz mühsamen Suchens nirgends findet.[4] Besonders ärgerlich ist in dieser Hinsicht der Beitrag von Birgitta Nedelmann über Simmel: ausgerechnet die häufig zitierten Klammertitel "Simmel 1896" und "Simmel 1958" fehlen im Literaturverzeichnis. Der "Verein für Sozialpolitik" schreibt sich seit der Orthographischen Konferenz von 1901, spätestens seit dem "Amtlichen Wörterverzeichnis für die deutsche Rechtschreibung" von 1903 nicht mehr mit "c" (Bd.1, S. 204, auch anderswo).

Es ist hier nicht möglich, auf alle Beiträge einzugehen, nur ein paar korrigierende Hinweise, insbesondere zum Umfeld von Alfred Webers berühmtem Heidelberger "Institut für Sozial- und Staatswissenschaften", seien erlaubt. Karl Mannheim verdankte seine Privatdozentur nicht Emil Lederer (Bd. 1, S. 300), sondern dem Institutsdirektor Weber, der sich nachdrücklich für ihn eingesetzt hat. Mannheims wissenschaftliche Position kann nicht als "materialistisch" bezeichnet werden, und sein Gegensatz zur "idealistischen" Position Webers war keineswegs so eindeutig, wie das ohne kritische Überprüfung der Erinnerungen von Elias behauptet wird (ebd., S. 319). Es gab vielmehr starke Gemeinsamkeiten zwischen beiden Positionen, was aber hier nicht weiter ausgeführt werden kann. [5] Norbert Elias sollte nicht 10 Jahre auf seine Habilitation bei Weber warten (Bd. 1, S. 320), sondern nach eigener Aussage nur 4-5 Jahre. [6] Von einer "schwachen Rezeption und Wirkung der Max Weberschen Schriften in der Zeit bis nach dem 2. Weltkrieg" (Bd. 1, S. 205) kann nicht die Rede sein. Schon in den zwanziger Jahren rühmte Karl Jaspers Weber als den "einzigen Philosophen unserer Zeit", in den Heidelberger Seminaren sprachen die Studenten vor allem über "Marx und Max" und redeten sich über seinen "Idealtypus" die Köpfe heiß, und Talcott Parsons urteilte als Augenzeuge: "[...] auf ihn [Max Weber] bezog sich die ganze theoretische und weitgehend die empirische Diskussion in den Sozial- und Kulturwissenschaften."[7] Sehr zum Ärger Alfred Webers begrüßten ihn 1945 amerikanische Besatzungsoffiziere als den "brother of the great Max Weber".[8] Der Abschluß eines Studiums nach 8 Semestern war in den zwanziger Jahren keineswegs besonders schnell, sondern die Norm (Bd. 2, S. 54). Ist wirklich Paul Lazarsfeld (Paul who?) der "Begründer der modernen Sozialforschung"? (Bd. 2, S. 7)

Als Historiker fragen wir uns natürlich, was die Klassiker der Soziologie für unsere Forschung leisten können. Bei einigen wie Max Weber, Karl Mannheim, Norbert Elias oder Pierre Bourdieu steht das außer Frage und dürfte selbst von eher traditionell orientierten Kollegen inzwischen akzeptiert werden. Daß allerdings Freyer von Historikern hochgeschätzt wurde (Bd. 2, S. 74, ohne Nachweis), ist mir neu. Bei den anderen läßt sich das nur von Fall zu Fall entscheiden und hängt natürlich auch von den jeweiligen Forschungsinteressen ab. Große holistische Theorien a la Talcott Parsons und Niklas Luhmann werden sich dafür weniger eignen, und der Historiker wird mit einer gewissen Erleichterung feststellen, daß auch andere soziologische Klassiker damit wenig anfangen konnten. So bezeichnete George Caspar Homans Parsons' soziologische Theorie als das "Wörterbuch einer Sprache, die keine Sätze enthält", (Bd. 2, S. 137) und schrieb in seiner Autobiographie: "Wenn ich Veränderungen im mittelalterlichen England sah, dann sah ich immer Personen, die handelten, nicht Organisationen, Institutionen oder 'die Gesellschaft', obwohl ihre Handlungen eine gewisse Zeit alle diese Dinge hervorbrachten [...]" (ebd., S. 132). Akzeptabler sind für uns bestimmt "Theorien mittlerer Reichweite", wie sie Robert K. Merton vertritt, die begrenzte Aspekte der sozialen Realität erfassen. Dazu gehören etwa die Konzepte von Rolle, Norm, Bezugsgruppe, gesellschaftliche Mobilität, der "marginal man" Parks oder der "cultural lag" William F. Ogburns (Bd. 1, S. 220, Bd. 2, S. 167), und sie haben sich auch schon sehr früh in historischen Arbeiten bewährt. So benutzte bereits 1953 der amerikanische Historiker Thomas Cochran mit Erfolg das Rollenkonzept und konnte in seiner Arbeit über amerikanische Eisenbahnbeamte zeigen, daß bestimmte Verhaltensweisen nicht individualpsychologisch durch common sense erklärt werden können, sondern sich aus den Sanktionen der sozialen Rolle bzw. der Rollenerwartung erklären.[9] Allerdings ist zu empfehlen, soziologische Konzepte und Interpretationen stets an Hand der Quellen zu überprüfen. So habilitierte sich Karl Mannheim nicht in Soziologie als "Aufsteigerfach", wie ohne Kenntnis der Dokumente vorschnell behauptet wurde,[10] sondern weil der führende Philosoph Heidelbergs, Heinrich Rickert, seine Habilitation in Philosophie ablehnte.

Diese Hinweise zeigen, daß die "Klassiker der Soziologie", trotz einiger Schwächen, wie sie wohl bei Sammelbänden unvermeidlich sind, auch für Historiker informativ und anregend sind. Hervorzuheben ist der günstige Preis: 28 DM pro Band ist für Fachbücher überraschend günstig. Vielleicht beglückt uns der Verlag einmal mit "Klassikern der Geschichtswissenschaft"? Ob Soziologen das lesen werden, erscheint mir allerdings fraglich. Der von einem ihrer Klassiker, Norbert Elias, beklagte "Rückzug der Soziologen auf die Gegenwart"[11] wird sich wohl nicht so schnell wieder umkehren.

Anmerkungen:
[1] Hg. von Dirk Kaesler, Verlag C. H. Beck München 1976/78.
[2] Shulamit Volkov: Soziale Ursachen des jüdischen Erfolgs in der Wissenschaft, in: dies.: Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, München 1990, S. 146 ff.
[3] "Arbeiten, [ ..].die sich der Inspiration von R. Park verdanken", Bd. 1, S. 223; "Zitationen" ebd., S. 80; "Randseiter" (gemeint ist wohl Außenseiter) ebd., S.220; "Besitzindividualismus", Bd. 2, S. 53, ist wohl kein Anglizismus, aber völlig unklar.
[4] Bd. 1, S. 90, Anm. 31: Small a.a.O., S. 93, Anm. 67: Tjaden, a.a.O.
[5] Vgl. Eberhard Demm: Von der Weimarer Republik zur Bundesrepublik. Der politische Weg Alfred Webers von 1920 bis 1958, Schriften des Bundesarchivs Bd. 51, Düsseldorf 1999, S. 36 ff.; ders.: Alfred Weber und Karl Mannheim, in: ders.: Geist und Politik. Gesammelte Aufsätze zu Alfred Weber, Frankfurt u.a., im Druck, auch künftig in: Szociologiai Szemle, Budapest.
[6] Norbert Elias über sich selbst, Frankfurt 1990, S. 127 f.
[7] Alfred Weber an Else Jaffé, 23.5.1921, Bundesarchiv Koblenz, Nachlass A. Weber/87, S. 185; 15.2.1922, ebd./90, S. 88; Talcott Parsons: Wertgebundenheit und Objektivität in den Sozialwissenschaften, in: Otto Stammer (Hg.): Max Weber und die Soziologie von heute, Opladen 1964, S. 39. Außerdem wurde Max Weber in: Handwörterbuch der Soziologie, hg. von Alfred Vierkandt, Stuttgart 1931, 40mal angeführt, und stand damit weit an der Spitze aller zitierten Soziologen, zitiert nach Reinhard Blomert: Intellektuelle im Aufbruch. Die Heidelberger Sozialwissenschaften der Zwischenkriegszeit, München/ Wien 1999.
[8] Henryk L. Wuermeling: Die weiße Liste, Frankfurt 1981, S. 286; Eberhard Demm (Hg.): Erinnerungen von und an Alfred Weber, erscheint 2000.
[9] Thomas Cochran: Railraod Leaders 1845-1890: The Business Mind in Action, Cambridge, Mass. 1953.
[10] Dirk Hoeges: Kontroverse am Abgrund. Ernst Robert Curtius und Karl Mannheim, Frankfurt 1994, S. 214.
[11] Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 35 (1983), S. 29-40.

ZitierweiseEberhard Demm: Rezension zu: Kaesler, Dirk (Hrsg.): Klassiker der Soziologie. Bd. 1: Von Auguste Comte bis Norbert Elias, Bd. 2: Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu. München 1999, in: H-Soz-u-Kult, 17.11.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=4240>.

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