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Nationalsozialismus

U. Herbert u.a. (Hgg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur
Herausgeber:Herbert, Ulrich; Karin Orth; Christoph Dieckmann
Ort:Göttingen
Verlag:Wallstein Verlag
Jahr:
ISBN:3-89244-289-4
Umfang/Preis:2 Bde., zus. 1.192 S.; € 45,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Angela Schwarz, Fach Geschichte, Universität Duisburg-Essen, Standort Duisburg
E-Mail: <hb336scunidui.uni-duisburg.de>

Blickt man auf die gesamte Historiographie zum Nationalsozialismus, so macht die Erforschung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik einen beachtlichen Anteil davon aus. Nach mehr als fünfzig Jahren Forschungsarbeit könnte sich die Erwartung einstellen, daß mindestens die zentralen Themenbereiche, wenn nicht sogar viele Spezialthemen gut aufgearbeitet sein müßten. Das setzt aber ein systematisches, von aktuellen Interessenlagen weitgehend unabhängiges und eigentlich auch koordiniertes Vorgehen über einen langen Zeitraum voraus. Aber nicht nur Historikern ist bekannt, daß Forschung so nun einmal nicht funktioniert. Vielmehr sind viele Faktoren daran beteiligt, wenn es um die Bildung und Bearbeitung neuer Forschungsschwerpunkte geht. Das gilt für den Nationalsozialismus als Untersuchungsgegenstand ebenso wie für alle anderen Themen. So ist gerade auch die Bearbeitung des in vielerlei Hinsicht schwierigen Themas der NS-Vernichtungspolitik im letzten halben Jahrhundert großen Schwankungen unterworfen gewesen [1]. Unterschiedliche Themenbereiche wie auch unterschiedliche Gruppen von Forschern im weitesten Sinne dominierten in verschiedenen Phasen. So wurde etwa die Geschichte der Konzentrationslager, des Symbols nationalsozialistischen Terrors schlechthin, jahrzehntelang von ehemaligen Häftlingen und nicht von Historikern geschrieben. Nicht immer galt das Hauptaugenmerk dem Geschehen selbst. In den achtziger und frühen neunziger Jahren etwa richtete es sich auf Fragen, die den Holocaust als Ausdruck der Moderne oder als eine Art Präventivmaßnahme gegen eine vermutete Mordaktion der Bolschewisten am europäischen Bürgertum untersuchten [2]. Spätestens seit der Goldhagen-Kontroverse bilden jedoch wieder die Vernichtungspolitik und ihre Umsetzung, die Aktionen, die Tatorte, die Täter und Opfer den Mittelpunkt des Forschungsinteresses.

Ein diesem Bereich zugehöriger Untersuchungsgegenstand wie die Konzentrationslager erweist sich sehr schnell als ein komplexes Bündel einzelner Themen. Selbst das kaum noch überschaubare Feld der Forschungen zu Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden ist nur ein Aspekt der Vernichtungspolitik des NS-Regimes. Von den wichtigen Vorarbeiten zu lange Zeit vernachlässigten Themengebieten wären unter anderem die Untersuchungen von Michael Zimmermann über die Verfolgung der Sinti und Roma zu nennen, von Wolfgang Ayass über die der sogenannten "Asozialen", von Patrick Wagner über die ihnen zugerechnete Gruppe der sogenannten "Berufsverbrecher", schließlich die in einem von Hermann Kaienburg herausgegebenen Band versammelten Studien über die Zwangsarbeiter und in einem weiteren, von Ulrich Herbert betreuten, über die sehr heterogene Gruppe der ausländischen Opfer nationalsozialistischer Kriegspolitik und Verfolgung auf dem Boden des Deutschen Reiches [3]. Mit einigen wenigen prominenten Ausnahmen sind die Haft- und Vernichtungsstätten des NS-Regimes im Osten wie die Häftlingsgruppen der sowjetischen Kriegsgefangenen, der nicht-jüdischen polnischen Häftlinge sowie der Angehörigen anderer Nationen Osteuropas als Leidtragende, die beiden letzteren auch als außenstehende Beobachter und Handlanger der SS von der westlichen Historiographie bisher weitgehend vernachlässigt worden. Studien von osteuropäischen Wissenschaftlern, die zu einzelnen Aspekten dieses Komplexes bereits vorliegen, sind im Westen vielfach noch nicht hinreichend rezipiert worden. Internationale Konferenzen, die den Austausch zwischen den Forschern aus West- und Osteuropa intensivieren, sind daher dringend notwendig, da sie Forschungsergebnissen eine größere Verbreitung verschaffen und, mehr noch, ein Bewußtsein dafür schaffen, daß noch eine große Zahl von Themen mit zentraler - und eben nicht marginaler - Bedeutung unerforscht oder gerade einmal ansatzweise aufgearbeitet ist.

Eine solche Konferenz fand im November 1995 aus Anlaß des 50. Jahrestages der Befreiung von Buchenwald in Weimar statt. Siebzig in der Erforschung von Aspekten der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ausgewiesene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zehn Ländern nahmen daran teil, um ihre Forschungsergebnisse vorzustellen und zugleich auf Fragen und Bereiche aufmerksam zu machen, in denen weitere Untersuchungen dringend erforderlich sind. Allen Beteiligten ging es darum, "die Dynamik der dauernden Veränderungen der Konzentrationslager" und "die kennzeichnenden strukturellen Merkmale der Lagerhaft und des KZ-Systems" zu analysieren (Bd. 1, 33). Die Texte der Vorträge sind nun in einem zweibändigen Sammelband in erweiterter und überarbeiteter Fassung, ergänzt um einige zusätzliche Abhandlungen, abgedruckt. Die insgesamt vierzig Beiträge dieses wichtigen Werkes der KZ-Historiographie gliedern sich in sieben Sektionen auf, in denen jeweils die Konzeptionen, die Entwicklungen einzelner Lager, Probleme im Zusammenhang mit dem Arbeitseinsatz, Fragen zur Täterseite und zur Opferseite sowie die Veränderungen in der letzten Kriegsphase thematisiert werden. Auf diese Weise entsteht ein beeindruckender Überblick über die neueren Forschungen und die noch nicht untersuchten Aspekte.

Ein Leitgedanke, der sich durch alle Sektionen zieht und in den einzelnen Beiträgen in unterschiedlicher Ausprägung zum Tragen kommt, ist die Frage nach den Auswirkungen auf die Häftlinge und die Bedingungen, mit denen sie im Lager konfrontiert wurden. Die Lagererfahrung war neben der Häftlingsgruppe und dem Lager, in die bzw. in das eine Person eingewiesen wurde, ganz entscheidend vom Zeitpunkt abhängig, zu dem jemand inhaftiert worden war. Die Konzentrationslager durchliefen in den fast zwölfeinhalb Jahren bis 1945 mehrere Phasen, in denen ihre Struktur, ihre Zusammensetzung und teilweise ihre Aufgaben und Ziele tiefgreifende Veränderungen erfuhren. Inwieweit die Nationalsozialisten beim Ausbau des KZ-Systems einer Konzeption folgten, bildet die erkenntnisleitende Überlegung, an der sich die Beiträge der ersten Sektion orientieren. Johannes Tuchel geht der Planung und Realität der Lager für die Jahre 1934 bis 1938 nach, in denen das Instrument zur Bekämpfung des politischen Gegners zu einem systematischen, innenpolitischen Herrschaftsinstrument ausgebaut wurde (43). Aber selbst schon im ersten Jahr der NS-Herrschaft, in dem etwa Lager wie Oranienburg in der Nähe von Berlin (Günter Morsch) im Stadtzentrum buchstäblich vor den Augen der Öffentlichkeit errichtet und genutzt wurden, in denen die Lager so wenig ein Geheimnis bildeten, daß selbst die ausländische Presse wiederholt über sie berichtete (Sybil Milton), waren viele konstitutive Elemente des Herrschaftsinstrumentes Konzentrationslager bereits vorhanden. Die Frühzeit der Lager, die nach einer späteren Aussage des ersten Gestapo Chefs Rudolf Diels 1933 eines Tages einfach da gewesen seien, läßt sich aus dem Grund nicht als eine von den nachfolgenden Phasen strikt getrennte Zeit begreifen. Vielmehr lassen sich in manchen Fällen Kontinuitätslinien nachweisen, die bis in die Zeit der Weimarer Republik zurückreichen. Patrick Wagner führt das am Beispiel der Pläne und Maßnahmen der Kriminalpolizei gegen das sogenannte "Berufsverbrechertum" vor. Er zeigt, wie der in der Republik zum Scheitern verurteilte "sozialtechnische Machbarkeitswahn" (Detlev Peukert) einer effektiven Bekämpfung der Kriminalität in den Jahren der NS-Herrschaft in Allmachtsvisionen mündete. Die Polizei sah sich mit der teils selbstgewählten, teils übertragenen Aufgabe betraut, durch Einweisung von Verdächtigen in die Konzentrationslager die "Volksgemeinschaft der Angepaßten mit polizeilichen Mitteln" zu verwirklichen (100). Das war von dem Moment an möglich, als sich mit Entscheidungen der Führung in den Jahren 1935/36 die Hauptfunktion der Lager von der Bekämpfung des politischen Gegners auf Maßnahmen einer "rassischen Generalprävention" verlagert hatte (Ulrich Herbert). Die Erfordernisse der aktuellen Machtsicherung der ersten Jahre waren nicht mehr gegeben, so daß mit der Entscheidung für den Erhalt und sogar den Ausbau des KZ-Systems, wie er dann 1936 begann, eine neue Zielsetzung, nämlich die der expansiven Zukunftsplanung, institutionell umgesetzt wurde. Das dem zugrunde liegende gesellschaftsbiologische Programm "stellte quantitativ und qualitativ eine neue Dimension dar, die ohne historische Vorbilder war" (81).

Verschiebungen in den Konzeptionen der Führung über das Lagersystem waren nur ein Faktor von vielen, die auf die Realität in einem bestimmten Lager zu einem bestimmten Zeitpunkt aus Sicht der Bewacher ebenso wie der Häftlinge einwirkten. Selbst wenn man die Bedingungen in den Konzentrationslagern nach den Hauptphasen der Entwicklung differenziert untersucht, bis 1936, bis 1939, bis 1941/42 und bis 1944/45, können die Umstände für die Insassen in Sachsenhausen oder Mauthausen, Dachau oder Ravensbrück stark voneinander abweichen. Nötig sind also Detailuntersuchungen über die einzelnen Lager, und das um so mehr, als nicht wenige Lager des schließlich "krakenartigen KZ-Komplexes" (731) mit 22 Hauptlagern und über 1200 Außenlagern und Außenkommandos (24) bis vor wenigen Jahren von der Geschichtswissenschaft überhaupt nicht in den Blick genommen worden sind. Das Frauen-KZ Ravensbrück ist ein auffälliges Beispiel. Selbst für die Erforschung der Lager auf dem Gebiet des Reiches gibt es also einen großen Nachholbedarf, wie etwa intensivere Sammlung von Dokumenten und Aufarbeitung nach der Einrichtung von Gedenkstätten noch einmal verdeutlicht.

Bei anderen wie etwa Buchenwald scheint es hinreichend Studien zu geben, doch gehen viele von diesen zu wenig auf die Unterschiede zwischen den einzelnen Entwicklungsphasen des Lagers und ihre Auswirkungen auf die Lebensbedingungen ein. Das führt der erste Beitrag der zweiten Sektion auf der Grundlage von Lagerstatistiken vor Augen (Harry Stein). Ob Buchenwald, Mauthausen (Michel Fabréguet), Ravensbrück (Bernhard Strebel), Neuengamme (Hermann Kaienburg), Herzogenbusch in den Niederlanden (Coenraad J.F. Stuldreher), Stutthof als erstes Konzentrationslager auf polnischem Boden (Marek Orski) oder Gross-Rosen in Niederschlesien (Alfred Konieczny): Zu einer wachsenden Zahl von Lagern sind in den letzten Jahren Einzelstudien entstanden, doch zeigen gerade die inzwischen geleisteten Arbeiten, daß noch viele weitere notwendig sind. Die größte Hürde ergibt sich in dem Zusammenhang aus der schwierigen Quellenlage. Viele Dokumente der Lagerverwaltungen wurden bei Kriegsende vernichtet. Was erhalten blieb, ist oft verstreut und schwer aufzufinden. Sehr häufig wurde über Jahrzehnte verabsäumt, Häftlingserinnerungen systematisch zu sammeln, so daß in nicht wenigen Fällen erst ein halbes Jahrhundert nach dem Ende eines Lagers damit begonnen wurde, die noch lebenden Überlebenden zu befragen. Dennoch ist es wichtig, die genaue Kenntnis der Geschichte eines Lagers anzustreben. Wenn man dabei nach dem Funktionswandel fragt, wie es die Beiträge dieser Sektion tun, so läßt sich damit, wie Bernd Weisbrod in seinen kommentierenden Bemerkungen erneut betont, der Lagerwirklichkeit ihre historische Dimension und damit der individuellen Erfahrung von Lagerinsassen der konkrete Hintergrund zurückgeben [4].

Wenn die zweite Sektion, die überwiegend Lager im Westen in den Blick nimmt, bereits auf das Fehlen von Einzeluntersuchungen und die Problematik eines lückenhaften Quellenbestandes hinweist, so gilt das für die in der dritten Sektion behandelten "Lager im Osten" um so mehr. Ob es um das Lager Lublin/Majdanek (Tomasz Kranz), die Zwangsarbeitslager der SS- und Polizeiführer (Dieter Pohl), das Ghetto und Konzentrationslager Kaunas in Litauen (Christoph Dieckmann), die Lager in Lettland (Margers Vestermanis) oder andere Lager wie auch die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka vielleicht mit Ausnahme von Auschwitz geht: Überall lassen die Ausführungen erkennen, daß die "Lagerlandschaft" im Osten noch weitgehend unerforscht ist - auch, daß die bereits vorhandenen Arbeiten von polnischen Historikern oder jüdischen Organisationen künftig von der westlichen Historiographie stärker zu berücksichtigen wären. Dabei vermögen die Einzelbeiträge und die kommentierende Zusammenfassung der Sektion von Michael Wildt überzeugend darzulegen, daß gerade dieser Komplex nicht nur eine enorme Erweiterung der Kenntnisse, sondern darüber hinaus neue und wichtige Fragestellungen für die KZ-Historiographie generell erbringen kann. Wie weit bereits ein verbesserter Kenntnisstand tragen kann, läßt sich an dem noch lange unerreichten, aber gleichwohl erstrebenswerten Ziel ermessen, gerade bei einem so heterogenen Territorium und einer uneinheitlichen Besatzungspolitik der Deutschen inmitten eines ständig variierenden Kriegsverlaufes ein detaillierteres Bild von den regionalen Besonderheiten der Haft- und Mordstätten zu erhalten. Während Auschwitz schon frühzeitig ein "funktionierendes Lager mit administrativer und technischer Grundlage" (394) war und somit zur leistungsfähigsten Vernichtungsmaschinerie der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik ausgebaut werden konnte, kam Majdanek nie über das Stadium eines "multifunktionalen Provisoriums" (381) hinaus, das die Aufgaben von Kriegsgefangenen-, Straf-, Auffang-, Arbeits- und Vernichtungslager gleichermaßen zu erfüllen hatte. Für "den" Osten, so wird an diesen beiden Beispielen schon deutlich, hat der Begriff des Konzentrationslagers nicht mehr die festen Konturen, die er für das Reichsgebiet noch zu besitzen scheint (vgl. 511).

Die Möglichkeit, durch die Erforschung dieser "Lagerlandschaft" zu neuen Erkenntnissen zu kommen, hängt eng mit den Unterschieden zusammen, die die Lager im Osten im Vergleich zu denen im Reichsgebiet aufwiesen. Dies waren Unterschiede in der Quantität, insofern als die Dimensionen der Lager wie der Vernichtungsaktionen außerhalb des Reiches völlig andere waren als im Reich selbst, und Unterschiede in der Qualität des Terrors, insofern als die Behandlung der Menschen in den Lagern von Anfang an mörderischer war. Die Herausarbeitung dieser Unterschiede stellt schon einen wichtigen Forschungsbereich dar.

Ein anderer wäre die genaue Analyse der jeweils beteiligten NS-Institutionen und ihrer Maßnahmen, denn im Osten war der Anspruch der SS auf die Verfügungsgewalt über die Lager längst nicht so unangefochten wie im Reich. In Kaunas etwa spielte die Zivilverwaltung zeitweise eine bedeutende Rolle; bei den zwischen 300 und 400 Zwangsarbeitslagern für Juden außerhalb des KZ-Systems lag die Bewachung der insgesamt circa 120.000 Menschen selten bei SS-Personal und statt dessen bei betriebseigenen Werkschutzorganisationen oder bei "fremdvölkischen Hilfswilligen", beispielsweise Ukrainern, in einigen Fällen sogar bei einer jüdischen Lagerpolizei (422f). Je disparater sich die Situation im Osten gerade auch hinsichtlich einer geregelten Kommunikation mit den Dienststellen im Reich gestaltete, um so größer wurden die Handlungsspielräume für die Befehlshaber vor Ort. Diese herauszuarbeiten und die Auswirkungen auf die Opfer zu zeigen, bilden einen weiteren Forschungsbereich. Zu Recht verweist Michael Wildt im Anschluß an die Ausführungen über Litauen und Lettland darauf, daß bei der künftigen Analyse der lokalen und regionalen Besonderheiten überdies die Rolle der ansässigen Bevölkerung stärker berücksichtigt werden muß.

Das Thema der vierten Sektion, Arbeit in den Konzentrationslagern, verspricht seinerseits, durch Detailuntersuchungen neue wichtige Facetten hinzuzugewinnen. Allerdings ist hinsichtlich der Ökonomisierungstendenzen im KZ-System vor allem nach verstärkter Einbindung der Lager in die Kriegsproduktion weniger zu erwarten, daß die wesentlichen Ergebnisse bisheriger Forschungen revidiert werden müßten. Das gilt etwa für zwei weithin akzeptierte Thesen, daß KZ-Außenlager in großer Zahl erst ab Herbst 1942 errichtet wurden und daß die Unternehmen erst KZ-Zwangsarbeiter einsetzten, wenn keine anderen Arbeitskräfte mehr zur Verfügung standen. Wenn die Fallstudien zum SS-Unternehmen "Deutsche Ausrüstungswerke GmbH" (Jan Erik Schulte), zu Mauthausen (Bertrand Perz), Flossenbürg (Hans Brenner), Mittelbau-Dora (Jens-Christian Wagner), Auschwitz III-Monowitz (Piotr Setkiewicz) und das Zwangsarbeitslager Lemberg-Janoswka (Thomas Sandkühler) die Bedingungen des Arbeitseinsatzes und ihre Konsequenzen untersuchen, erhalten wiederum die Überlebenschancen der Häftlinge, die Frage nach einer von SS und Industrie gemeinsam betriebenen "Vernichtung durch Arbeit" oder den von einzelnen Unternehmen oder ihren Angehörigen gesuchten - oder in der Regel nicht wahrgenommenen - Chancen für eine "Rettung durch Arbeit" einen hohen Stellenwert.

Im Falle etwa der IG Farben in Monowitz oder auch der von Rainer Fröbe vorgeschlagenen Typologie, nach der sich das leitende Personal von Groß- und Mittelbetrieben in den letzten Kriegsjahren erfassen ließe, tritt hervor, welchen Umfang die Zusammenarbeit von SS und Industrie annehmen konnte. Die Verbindung von Unternehmen und SS war schließlich oft so eng, daß die Industrie eine Trennung nicht mehr wollte. Die rücksichtslose Ausbeutung, gewalttätige Behandlung und Ermordung unzähliger Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge wurde dann, wie Michael Zimmermann resümiert, aus Orientierung auf Produktion und Gewinn sowie moralischer Gleichgültigkeit verdrängt oder in Kauf genommen. Nicht immer, so muß hinzugefügt werden, wurde die Mißhandlung der Zwangsarbeiter zur Steigerung der Produktion der SS oder anderem Wachpersonal überlassen.

Damit ist zugleich auf ein Feld hingewiesen, das in den letzten Jahren verstärkt ins Blickfeld der Forschung und zugleich der Öffentlichkeit gerückt ist: das der Täter. Allmählich bildet sich auch hier ein Bewußtsein davon heraus, wie heterogen diese 'Gruppe' in den zwölf Jahren des KZ-Systems zusammengesetzt war. Zu den SS-Wachtruppen kamen in den Kriegsjahren Wehrmachtsangehörige, Angehörige von Polizeiverbänden, Bedienstete der öffentlichen Verwaltungen wie etwa Zollbeamte, Mitglieder der Landesschützenverbände und sogar vereinzelt auch Männer aus dem "Volkssturm" hinzu. An der Bewachung - und 'Disziplinierung' - der Häftlinge in den Betrieben beteiligten sich, wie in den Texten der vierten Sektion geschildert, in großem Umfang Werkschutzleute und Beschäftigte der betreffenden Unternehmen. "Volksdeutsche" und ausländische Freiwillige kamen ebenfalls in den Konzentrationslagern zum Einsatz. Seit wenigen Jahren erst untersucht ist der lange Zeit wohl am nachhaltigsten tabuisierte Aspekt der Aufseherinnen und der Ehefrauen von SS-Männern, die in Lagern Dienst taten. Der Bedarf an Aufseherinnen stieg sprunghaft an, als sich im Zuge des erhöhten Arbeitseinsatzes der Häftlinge 1944 die Zahl der Außenlager für weibliche Gefangene vervielfachte. Das nötige Personal wurde dann gezielt angeworben, was sehr häufig über das Arbeitsamt geschah. Nicht selten nahm dann auch der Druck auf die Ehefrauen von SS-Wachmännern zu, sich zur Aufseherin ausbilden zu lassen und sich an den Aufgaben im Konzentrationslager zu beteiligen. Zu diesen Täterinnen und Tätern, die eben nicht nur einer "negativen Elite" (Eugen Kogon) von fanatischen Nationalsozialisten und Sadisten angehörten und sich vielmehr in hohem Masse aus einem Personenkreis rekrutierten, den Christopher Browning als "ganz normal" bezeichnet hat, stellen sich unzählige Fragen, die eine nähere Untersuchung lohnen. Nach wie vor wohl am stärksten drängt sich dabei die Frage nach den Motiven für diejenigen auf, die das Konzentrationslager als "normale[n] Arbeitsplatz" und die auf seinem Gelände befindlichen SS-Siedlungen als einen "ebenso normale[n] Wohnort" (815) betrachteten, wie Gudrun Schwarz in ihrem Beitrag am Beispiel der "Täterinnen und Zuschauerinnen" in den Lagern aufzeigt. Daneben verweisen die übrigen Studien der diesem Thema gewidmeten fünften Sektion, die mit gerade einmal drei Beiträgen leider sehr kurz ausfällt, auf weitere Fragen.

So läßt sich anhand der von Karin Orth durchgeführten Untersuchung über die insgesamt 46 SS-Führer, die zwischen 1933 und 1945 den Posten eines KZ-Kommandanten inne hatten, den Folgen von Veränderungen im KZ-System nachgehen. Dazu zählt unter anderem das Revirement, das bei der Verlagerung des Schwerpunktes von rein politischen zu verstärkt wirtschaftlichen Aufgaben an der Spitze der Lagerführung während des Krieges erfolgte. Miroslav Kárný formuliert in seiner Analyse der Verflechtungen von SS-Totenkopfverbänden und Waffen-SS erneut das nach wie vor ungeklärte Problem, wie aus den "normalen Menschen" "willige Helfer" eines Unterdrückungs- und Mordsystems wurden. Für die Männer der Waffen-SS weist er nach, daß die "Rotation ... zwischen Lager- und Frontdienst in beide Richtungen" (96) entscheidenden Anteil daran hatte, das im Krieg entfesselte Gewaltpotential in die Lager hineinzutragen. Diese Zunahme der Gewalt in den Konzentrationslagern, die sich generell in den Lagern nach Ausbruch des Krieges feststellen läßt, ist bisher noch nicht eingehender untersucht worden.

Auf weitere Problemkreise, wie etwa den überaus schwer zu erhellenden Komplex der "Befindlichkeit" des durchschnittlichen KZ-Bewachers bzw. der Bewacherin, macht Detlef Garbe in seinen kommentierenden Bemerkungen aufmerksam. Ohne Zweifel würden neue Erkenntnisse zu diesem Themenkomplex die rascheste Verbreitung gerade auch in einer breiteren Öffentlichkeit finden, die die von ihr jahrzehntelang praktizierte Gleichgültigkeit oder Verdrängung aufgegeben hat oder doch aufzugeben beginnt.

Heterogenität ist zugleich ein Merkmal jener Gruppe, für die in der Forschung in den letzten Jahren der Begriff "Häftlingsgesellschaft" gebräuchlich geworden ist. Lange Zeit war die kollektive Erinnerung der überlebenden Häftlinge von jenen getragen worden, die in den Lagern eine besondere Position, eine Funktion, inne gehabt oder einer privilegierten Häftlingskategorie angehört hatten. Wie sehr ein solcher Teil der Häftlingsgesellschaft das kollektive Gedächtnis beherrschen konnte, zeigt sich am vielfach untersuchten Beispiel der deutschen Kommunisten in den Konzentrationslagern. Im nachhinein stilisierten sie ihre Geschlossenheit und ihren Widerstand im Lager, so daß er zu einem Gründungsmythos der DDR werden konnte. Daß gerade deutsche und politische KZ-Insassen an die Posten eines Funktionshäftlings gelangen und somit Zugang zu mitunter lebenswichtigen Vergünstigungen haben konnten, rückten sie dabei in den Hintergrund. Seit rund zwanzig Jahren, spätestens seit Falk Pingels vergleichender historischer Bestandsaufnahme der Häftlingsgesellschaften in den Lagern [5] liegt ein differenzierteres Bild der Lagererfahrung aus der Sicht der Lagerinsassen vor. Ein maßgebliches Element dafür war die Einweisung in eine bestimmte Häftlingskategorie und damit in eine bestimmte Position innerhalb der Hierarchie unter den Häftlingen, die die SS bewußt als Herrschaftsinstrument einsetzte. Denn wie Lutz Niethammer in seinem Resümee der sechsten Sektion über diese Kategorien betont, gelang es der SS auf diese Weise den "Grundkonflikt zwischen den Herrschenden und den Unterworfenen im Lageralltag zu einem Gutteil in Konflikte zwischen den Häftlingen" (1050) umzuwandeln.

Zwischen der "Lagerprominenz" und den "Unterschichten" im Lagerkosmos gab es eine Vielzahl von Zwischenschichten. Trotz des Drucks, der durch die vorgegebenen Bedingungen auf den einzelnen ausgeübt wurde, blieb jedoch ein gewisser Spielraum für individuelles Handeln. Herbert Obenaus zeigt das in seinem Beitrag am Beispiel des Hungers, der vielleicht grundlegendsten Bedingung der Lagerexistenz. Die Handlungen der permanent Hungernden gingen weit über einen egoistischen Überlebenswillen hinaus. Damit ist auf die Vielfältigkeit der Erfahrungen im Lager hingewiesen, der sich nur mit Hilfe vieler detaillierter Einzelstudien auf die Spur kommen läßt. Die Abhandlungen dieser Sektion deuten bereits die Richtung an. Das kann in der Weise geschehen, daß Häftlingskategorie und Sterblichkeitsrate in Beziehung zu einander am Beispiel eines Lagers untersucht werden (Florian Freund). Das kann darüber hinaus in Form von Spezialstudien zu einzelnen Gruppen erfolgen. Während die kommunistischen Kapos von Buchenwald (Karin Hartewig) recht gut erforscht sind, bilden die Verfolgung der Sinti und Roma (Michael Zimmermann) und noch mehr die Erfahrungen von Frauen im Konzentrationslager als eigener Bereich (Gabriele Pfingsten/Claus Füllberg-Stolberg) ein relativ neues Forschungsfeld. Die Frage nach Überlebensstrategien wie etwa in der Zufluchtnahme in kulturellen Aktivitäten (Christoph Daxelmüller) oder der Religion (Thomas Rahe) wird künftig ebenso beschäftigen wie die immer wieder neu gestellte Frage nach den Möglichkeiten und Formen des Widerstandes im Konzentrationslager (Henryk Swiebocki).

Der besonderen Problematik, in der sich die Angehörigen der Sonderkommandos befanden und im kollektiven Gedächtnis befinden, wendet sich Gideon Greif zu. Er will die Häftlinge im Auschwitzer Sonderkommando vom Verwurf der Kollaboration befreien und stellt die Argumente für ihre Moralität heraus. Alle Beiträge demonstrieren gerade bei diesem überaus sensiblen Thema ein besonderes Gespür dafür, sich der "Wahrheit des Leidens und der Resistenzmöglichkeiten" (S. 1059) anzunähern.

In der siebten und letzten Sektion über die Lager in der letzten Kriegsphase konzentrieren sich die Beiträge auf die sogenannten "Todesmärsche" und Transporte von Häftlingen aus den Lagern in der Nähe der Front. Gestalten sich Untersuchungen über die Konzentrationslager aufgrund der Quellenlage generell als schwierig, so gilt das in besonderem Masse für jene Phase des NS-Regimes, in der angesichts der herannahenden Niederlage die Auflösungserscheinungen immer rascher um sich griffen - obwohl mancherorts das Lagersystem mit neuen Außenlagern noch erweitert wurde - und für die Zeit danach die Spuren möglichst gründlich verwischt werden sollten. Die Schwierigkeiten beginnen schon bei dem Versuch festzustellen, wieviele der völlig entkräfteten Häftlinge 1944/45 "evakuiert" wurden. Die Zahl der dabei Umgekommenen läßt sich noch schwerer beziffern. Bis heute gibt es nur Schätzungen. Wie die Arbeiten von Daniel Blatman, der einen Forschungsbericht über die Fragen zu Entscheidungsträgern, Mördern und Opfern bietet, Andrzej Strzelecki über den Todesmarsch der Häftlinge aus Auschwitz und Isabell Sprenger über die letzte Phase des Lagers Gross-Rosen zeigen, können hier wichtige neue Erkenntnisse zunächst durch die Rekonstruktion der Ereignisse selbst und dann über deren Einordnung in die Thesen der übrigen KZ-Historiographie erzielt werden. Um es an der von Blatman untersuchten Frage veranschaulichen, inwieweit die jüdischen Häftlinge bei der Entscheidung und der Durchführung der Transporte eine Sonderstellung zugewiesen bekamen: Während Daniel Goldhagen in seinem umstrittenen Buch die Todesmärsche als Fortsetzung der "Endlösung" mit anderen Mitteln deutet, nimmt Blatman eine Haltung ein, die sich davon absetzt, ohne sich jedoch der bislang akzeptierten These vollständig anzuschließen, die jüdischen Gefangenen seien auf den Märschen nicht anders behandelt worden als die anderen Häftlingsgruppen. Hinweise für eine planmäßige Vernichtung der noch lebenden jüdischen Gefangenen jenseits von Einzelaktionen der Anführer und Begleitmannschaften hat Blatman nicht gefunden.

Den Schlußpunkt dieses Sammelbandes bildet Wolfgang Sofskys Blick auf die Perspektiven der KZ-Forschung, die er im Kontext eines transnationalen Vergleichs der Lagersysteme im 20. Jahrhundert eingeordnet sehen möchte. So macht er auf die Tendenz der historiographischen Detailstudien aufmerksam, Generaldeutungen und typologische und komparative Analysen zu meiden. Gleichwohl sieht auch er sie als Grundlagenforschung, als "Vorstudien zu einer Erzählung des deutschen KZ-Systems in toto" (1142). Es ist allerdings, das zeigen die vorliegenden Arbeiten, trotz des schon Erreichten noch ein langer Weg, bis die großen Lücken geschlossen sein werden und diese "Erzählung" auf gesicherter Grundlage geschrieben werden kann.

Hinsichtlich des untersuchten Funktionswandels der Lager erinnert Sofsky darüber hinaus an die Kontroverse über Erweiterung statt Ersetzung einzelner Funktionen sowie an die strukturellen Kontinuitäten und die Permanenz der institutionalisierten Gewalt. Er weist auf die Grenzen eines Ansatzes hin, der aus den Vorstellungen der Täter auf die Wirklichkeit zu schließen versucht. Auch die Suche nach Erklärungen für die Verwandlungen von eher durchschnittlichen Personen zu Massenmördern sei in dem Sinne rasch zu beenden, als diese Transformation leicht zu vollziehen und in erster Linie durch die Institution des Lagers selbst zu erreichen gewesen sei. Im Hinblick auf die Forschungen zu den Häftlingen hebt er noch einmal die Problematik des Begriffs der Häftlingsgesellschaft hervor, der Sozialität für ein Umfeld suggeriert, das so etwas nicht kannte. Bis zu einem gewissen Grad sind die in der Schlußbetrachtung versammelten Hinweise bereits berücksichtigt. Zu einem weit höheren können und sollten sie als ein Korrektiv für künftige Arbeiten dienen, die, wie zu hoffen ist, den hier versammelten folgen werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. jüngst den ausgezeichneten Forschungsüberblick von Ulrich Herbert: Vernichtungspolitik. Neue Antworten und neue Fragen zur Geschichte des "Holocaust", in: ders. (Hrsg.): Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt/M. 1998, 9-66.
[2] Vgl. Michael Prinz, Rainer Zitelmann (Hrsg.): Nationalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt 21994; Ernst Nolte: Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus, Frankfurt/M., Berlin 1987; "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987.
[3] Vgl. Michael Zimmermann: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage", Hamburg 1996; Wolfgang Ayass: "Asoziale" im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995; Patrick Wagner: Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpolizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Hamburg 1996; Ulrich Herbert (Hrsg.): Europa und der "Reichseinsatz". Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945, Essen 1991; Hermann Kaienburg (Hrsg.): Konzentrationslager und deutsche Wirtschaft 1939-1945, Opladen 1996.
[4] Dagegen hat der Soziologe Wolfgang Sofsky mit seinem Konzept von absoluter Macht weniger identifizierbare Individuen oder ein bestimmtes Lager zu einem bestimmten Zeitpunkt vor Augen gehabt. In Die Ordnung des Terrors (1993) ging es ihm mehr um eine Typologie, auch wenn er Berichte von Häftlingen auswertete, um Situationen des Lagerlebens wie Einlieferung, Ernährung, Arbeit, Folter, Strafe, Verhalten der Wachmannschaften zu einer Charakterisierung des Lagerkosmos zusammenzufügen.
[5] Vgl. Falk Pingel: Häftlinge unter SS-Herrschaft. Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzentrationslager, Hamburg 1978.

ZitierweiseAngela Schwarz: Rezension zu: Herbert, Ulrich; Karin Orth; Christoph Dieckmann (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur. Göttingen 1998, in: H-Soz-Kult, 11.05.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=4217>.

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