Neuere Geschichte
A. Lübcke: Diskurstheoretische Überlegungen zu Nation
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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv| Autor(en): | Lübcke, Alexandra |
| Titel: | 'Welch ein Unterschied aber zwischen Europa und hier . . .'. Diskurstheoretische Überlegungen zu Nation, Auswanderung und kultureller Geschlechteridentität anhand von Briefen deutscher Chileauswanderinnen des 19. Jahrhunderts |
| Ort: | Frankfurt am Main |
| Verlag: | IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation |
| Jahr: | 2003 |
| ISBN: | 3-88939-684-4 |
| Umfang/Preis: | 311 S.; € 22,40 |
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Astrid Windus, Hamburg
E-Mail: <astridwindus
Die deutsche Einwanderung nach Südamerika war bis in die jüngste Vergangenheit meist Gegenstand geistes- bzw. sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, die unter Rückgriff auf empirische und deskriptive Vorgehensweisen die Geschichte und die Traditionen deutscher Einwanderer schildern. Auch für den chilenischen Fall kann festgestellt werden, dass der überwiegende Teil der historisch-kulturwissenschaftlichen Forschung darauf ausgerichtet ist, die Geschichte der „kulturellen Gemeinschaft“ von „Deutschchilenen“ zu dokumentieren. Dabei bleibt die Frage nach den Konstruktionsweisen dieser kulturellen Gemeinschaft von Migranten und ihrer Identitätsentwürfe jedoch oft unbeantwortet, ja wird meistens gar nicht erst gestellt. Alexandra Lübckes Arbeit, die im Grenzbereich zwischen Literaturwissenschaft und Geschichte angesiedelt ist, wendet sich genau dieser Frage zu. Sie stellt somit einen wichtigen Beitrag dar für die kulturwissenschaftliche Debatte um nationale und kulturelle Identität im Kontext von Auswanderung und Migration in Vergangenheit und Gegenwart – insbesondere für den chilenischen und lateinamerikanischen Kontext.
Ihren Mittelpunkt bildet die Frage nach der kulturellen Identität der deutschen Chileauswanderinnen, nach den Konstruktionsweisen, Referenzpunkten und Diskursen, die zur Hervorbringung eines – immer auch gendered – „Deutschseins“ in der Fremde führten. So nähert sich die Autorin dem Thema über die Analyse kulturwissenschaftlicher Kategorien wie „Kultur“, „Identität“, „Geschlecht“ oder „Nation“ und ihrer Repräsentationsformen in den herangezogenen Texten. Neben den Briefen der Auswanderinnen, die als zentrale Referenztexte fungieren, gehören hierzu eine Vielzahl zeitgenössischer Schriften politischen, literarischen oder geisteswissenschaftlichen Charakters, mittels derer den herrschenden Diskursen und ihren intertextuellen Verläufen nachgegangen wird.
Die Arbeit zeichnet sich durch eine den gesamten Text durchziehende, konsistente diskurstheoretische Argumentationsführung aus, die die unterschiedlichen „Diskursfäden“ immer wieder zusammenführt und die Komplexität dieser poststrukturalistischen Lesart verdeutlicht. Ohne erneut die hinreichend bekannte Debatte um Text und Kontext wieder aufzunehmen, webt die Autorin den sozialhistorischen Kontext kontinuierlich in ihren Text ein und verweist dadurch immer wieder auf die Historizität von Diskursen und den Erkenntnisgewinn einer interdisziplinären Kulturwissenschaft – eine Arbeitsweise, die sich innerhalb der neueren historischen Diskurstheorie auch in Deutschland langsam ihren Platz zu erobern scheint.
In den ersten Kapiteln der Arbeit stehen die diskursiven Felder Nation und Auswanderung im Deutschland des 19. Jahrhunderts sowie der in diesem Zusammenhang ebenfalls zentrale „Neue-Welt“-Diskurs im Vordergrund. Ausgehend von der Nation als einer vorgestellten Gemeinschaft spinnt Alexandra Lübcke den theoretischen Faden weiter, hin zu den kulturwissenschaftlichen Konzepten von Nation als Narration (H. Bhabha) bzw. als System kultureller Repräsentation und Praxis (S. Hall). Auf dieser Grundlage stellt sie die zentralen Konstruktionsfelder des Nationendiskurses wie Ethnizität, Gender, Nationalität und Staatsbürgerschaft mit dem zeitgenössischen Auswanderungsdiskurs in Zusammenhang. Dabei wird deutlich, dass die Konzepte von Kultur-, Volks- und Staatsnation, mittels derer das deutsche Volk als eine immer währende, einem ursprünglichen und essentiellen Wesen entsprungene Einheit konstruiert wird, auch an der Konstituierung der Auswanderung als einem nationalen Projekt mitwirkten.
Dass Gender als eine zentrale Ordnungskategorie zu verstehen ist, die in der „Heimat“ der Ausgewanderten ebenso wie in der „Fremde“ die nationale und kulturelle Gemeinschaft konstituierte, zeigt besonders ein Aspekt des deutschen Auswanderungsdiskurses: Die Imagination des Auswanderungslandes als Kolonie. In dieser „Kolonialphantasie“ werden sowohl dem – männlich konzipierten – deutschen Auswanderer als auch der zu kolonisierenden Natur und ihren Menschen über den Rückgriff auf die Rasse- und Klimatheorien des 19. Jahrhunderts biologische Konstitutionen zugewiesen. Die Kultivierung der „natürlichen“, „jungfräulichen“ und damit feminisierten südchilenischen Region um Valdivia und Osorno erfolgt durch den männlichen, deutschen Kulturbringer. Diese kolonialen Eroberungsphantasien stellt die Verfasserin in einen diskursiven Zusammenhang mit dem „Neue-Welt“-Diskurs, der den kolonialen Blick auf Südamerika seit der Frühen Neuzeit prägt und die Idee der „Urbarmachung“ und „Zivilisierung“ eines mit weiblichen Attributen versehenen kolonialen Raums durch den männlichen Kolonisator hervorbrachte.
Diese diskursiven Verflechtungen werden in den folgenden Kapiteln verstärkt in Zusammenhang mit den Brieftexten der Auswanderinnen gestellt. Dabei steht zunächst der Brief als „Narrative eines kulturellen Ichs“ im Vordergrund. So können gerade diese Texte, denen nicht selten ein Mangel an „historischer Repräsentativität“ zugeschrieben wird, als Artikulationen kultureller Identität gelesen werden, da sie im „Aufeinandertreffen von Nationen- und kolonialem Auswanderungsdiskurs, von Amerika- und Genrediskurs“ hervorgebracht wurden.
Hierbei wird kulturelle Identität als eine „Positionierung“ des Subjekts verstanden, das sich von verschiedenen Orten bzw. Diskursen aus artikuliert. Diese Artikulationen und Konstruktionen von Identität erfolgen über eine Vielzahl von Identifikationen und Abgrenzungen, von Differenzen und Brüchen und durchbrechen die Vorstellung von Identität als einer authentischen und stabilen Größe. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Briefe als Zeugnisse einer kulturell und diskursiv konstruierten subjektiven „Innerlichkeit“ wichtige Bestandteile jenes historischen Archivs sind, das Aufschluss über die individuellen und kollektiven Konstruktionsweisen kultureller Geschlechteridentität und damit über einen zentralen Aspekt von Auswanderung und Migration geben kann.
Die Studie zeigt, dass mittels des – dialogisch konzipierten – Mediums Brief eine Vielzahl kollektiver Ordnungen verhandelt werden. Die im Brief artikulierte Erinnerung an die daheim Gebliebenen und die „Heimat“ verweist darauf, dass das Kontinuum der zurückgelassenen Gemeinschaft auch in der Fremde weiterhin aufrecht erhalten wird. Die „deutsche Gemeinschaft“ wird durch die Verbindung der „neuen“ mit der „alten“ Heimat, durch Vergleiche von „hier“ und „da“ immer wieder neu hergestellt. Eine Schlüsselfunktion für diese Strategie repräsentiert der chilenische oder indianische Andere, anhand dessen Parallelen und Differenzen zwischen „altem“ und „neuem“ Zuhause beschrieben werden. Die Schaffung des „eigenen“ Raums in der Fremde erfolgt insbesondere in Zusammenhang mit dem Bau eines „deutschen“ Hauses, dem Anlegen eines „deutschen“ Gartens, der Etablierung einer „deutschen Ordnung“ – die stets in Abgrenzung an die Häuser, Gärten und Ordnungen der nicht-deutschen Anderen konstituiert werden.
Eine weitere zentrale identitätsstiftende Kategorie ist die der Arbeit. So wird in den Briefen als zentrales Merkmal deutscher Wesensart der Fleiß, der Wille zur Arbeit und zum Tätigsein beschrieben. Die Verfasserin legt dar, in welcher Weise der bürgerliche Arbeitsdiskurs, der Arbeit als konstituierendes Element des Subjektseins festschreibt, in den Positionierungen der Schreiberinnen wirksam wird. Auch hier tritt die Verbindung mit dem Auswanderungs-, Rasse- und Kolonisationsdiskurs hervor, in denen der „deutsche Fleiß“ Teil der Biologie und des Wesens des Auswanderers ist – im Gegensatz zu den alterisierten, „faulen“ Einheimischen.
Alexandra Lübckes Arbeit zeigt, dass die poststrukturalistischen Ansätze der Cultural Studies, die meist in Zusammenhang mit aktuellen Fragestellungen im Bereich von Globalisierung, Migration und Interkulturalität zum Einsatz kommen, auch für kulturhistorische Fragestellungen große Relevanz haben. Sie eröffnen zahlreiche Perspektiven für eine produktive Anwendung diskurstheoretischer Methoden in Zusammenhang mit historischen Fragstellungen und für eine kreative Auseinandersetzung mit Texten, die über eine Suche nach dem „eigentlich Gemeinten“ der Schreiber hinausgeht. Dies gilt insbesondere für eine historische Identitätsforschung, die die Grenzen der Politikgeschichte überschreiten und kulturgeschichtliche Aspekte in ihre Analysen mit einbinden möchte – wozu immer auch die Frage nach dem Gegenwartsbezug bzw. der Diachronität und Synchronität dieser Diskurse gehört. So verdeutlicht ein Blick auf die aktuellen deutschen Einwanderungs- und Staatsbürgerschaftsdiskurse, dass die Zugehörigkeit zur deutschen Gemeinschaft auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch über Kategorien wie „Blut“, „Arbeit“ bzw. „Fleiß“, „Kultur“ oder „Sprache“ geregelt wird.
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