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Geschichte allgemein

R. von Friedeburg: Ländliche Gesellschaft und Obrigkeit

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Ländliche Gesellschaft und Obrigkeit. Gemeindeprotest und politische Mobilisierung im 18. und 19. Jahrhundert
Reihe:Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 117
Ort:Goettingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:3-525-35780-X
Umfang/Preis:463 S. mit 66 Tabellen; € 42,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Karl Heinz Schneider, Historisches Seminar Universität Hannover
E-Mail: <Karl-Heinz.Schneidermbox.hist-sem.uni-hannover.de>

Die Untersuchung gemeindlichen Protestes gehoert in Deutschland seit ueber 20 Jahren zu den intensiv untersuchten Themen. Insofern liesse sich die hier vorzustellende Arbeit von Robert von Friedeburg ueber 13 hessiche Gemeinden zwischen Werra und Eder lediglich als eine weitere Detailstudie bezeichnen. Aber dem ist nicht so. Die Arbeit beschreitet Neuland in zwei Bereichen: Zunaechst bietet sie eine differenzierte Auseinandersetzung mit innergemeindlichen Strukturen, indem sie in Kapitel 1 die "soziale Dimension des traditionellen Gemeindeprotestes" und insbesondere die Rolle der Landarmen fuer die Willensbildung innerhalb der Gemeinde untersucht. Dann bietet von Friedeburg eine Langzeitstudie, die - endlich - die fiktive Epochengrenze um 1850 ueberwindet und die Untersuchung vom Ende des 30jaehrigen Krieges bis an das Ende des 19. Jahrhunderts fuehrt. Da er diese beiden neuen Perspektiven mit der Frage nach dem Gemeindeprotest und der Entstehung laendlicher Eigenstaendigkeit verbindet, gelangt er zu Ergebnissen, die eine erhebliche Erweiterung unseres Wissens darstellen.

Im ersten Schritt wird die Sozialstruktur der 13 Untersuchungsgemeinden im langen Zeitraum zwischen 1650 und 1900 behandelt. Das Ergebnis deckt sich in Teilen mit anderen Regionalstudien, arbeitet aber staerker die Dynamik der Beziehungen zwischen Parzellenbesitzern und Bauern heraus, waehrend die dritte Gruppe der Kleinbauern spaetestens im 19. Jahrhundert rasch an Bedeutung verlor. Besonders ausgepraegt waren die sozialen Unterschiede in den fruchtbaren Schwalmdoerfern, waehrend sie in den aermeren Knuelldoerfern geringer blieben. Landarme Unterschichten waren keine alleinige Erscheinung des 19. Jahrhunderts und der Industrialisierung, sondern entwickelten sich in der fruehen Neuzeit. Jedoch wurde unter dem Einfluss der Industrialisierung aus einer "herrschaftsbedingten" eine "marktbedingte Klasse", die ihren Haupterwerb nicht mehr in der Heimarbeit, sondern der Wanderarbeit und der Industriearbeit ausserhalb des Dorfes fand, allerdings weiter auf die Nutzung ihrer kleinen Landparzellen im Dorf angewiesen war (S. 114 f.) Die Beziehungen zwischen den doerflichen Gruppen waren weder konfliktfrei, gleichartig noch statisch, und beeinflussten die Beziehungen zur Obrigkeit. Von Friedeburg untersucht diese Konstellationen etwa anhand der doerflichen Armut und den Agrarreformen. Letztere lassen sowohl die divergierenden Interessen der doerflichen Gruppen an den Reformen hervortreten als auch die unterschiedlichen Strategien zur Durchsetzung dieser Interessen erkennen. Wechselnde Buendnisse und Konstellationen praegten damit das Bild, wobei sich in den einzelnen Gemeinden gleichsam soziale und oekonomische Konfigurationen herausbildeten.

Der Staat baute, und damit sind wir beim zweiten Schritt der Untersuchung, seit der fruehen Neuzeit nicht nur seine finanziellen Ansprueche an die Gemeinden systematisch aus, sondern verstaerkte auch die Kontrolle ueber sie. Diese Politik blieb nicht ohne Widerspruch und brachte damit die von der Obrigkeit bestellten baeuerlichen Dorfvorsteher (Greben) in eine doppelte Konfliktsituation. Zwar "federten" sie zum Teil die staatlichen Ansprueche ab, standen aber zugleich den Dorfarmen nicht nur als Vertreter der Obrigkeit sondern auch als Angehoerige der sozial dominierenden Bauern gegenueber. Die Konflikte zwischen Gemeinde und Obrigkeit lassen sich indes nicht auf solche zwischen Gemeindearmen und Obrigkeit bzw. Dorfvorsteher reduzieren, sondern sie fanden in wechselnden Konstellationen in dem Dreieck Bauern, unterbaeuerliche Bevoelkerung und Obrigkeit statt. Die unterschiedliche soziale Position von Bauern und Parzellenbauern schloss keineswegs Buendnisse gegen die Obrigkeit aus. Wenn allerdings aus den vielen kleinen Konflikten kein "Flaechenbrand" wie in suedwestdeutschen Gebieten wurde, so lag dies daran, dass hier die konfliktverstaerkenden Standesherrschaften fehlten.

In vier Fallstudien werden zentrale Aspekte des Konfliktes mit der Obrigkeit thematisiert und unterschiedliche Konstellationen herausgearbeitet: Bauern mit Unterschichten gegen Obrigkeit und den landesherrlich bestellten Greben, Bauern und Tageloehner gegen Juden im 19. Jahrhundert. Am Beispiel der Kriegervereine laesst sich nicht allein die partielle Loesung der Unterschichten von der bisherigen Dominanz der Bauern nachweisen, sondern auch die Beziehung zwischen laendlicher und buergerlicher Welt, bzw. die Adaption buergerlicher Organisationsformen und Ideen. Von Friedeburg nennt drei Huerden, die das "weltliche Idee- und Wertangebot der staedtisch- buergerlichen Welt" ueberwinden musste, um auf die doerflichen Unterschichten einwirken zu koennen: erstens setzten sie eine selektive Rezeption voraus, zweitens mussten sie fuer Bauern und Unterschichten gleichermassen akzeptabel sein und drittens mussten sie den Unterschichten ein "eigenstaendiges Selbstgefuehl" geben (205). Die selektive, auf die doerflichen Strukturen, Wahrnehmungsformen und Verhaltensweisen zugeschnittene Adaption genuin buergerlicher Vereine war verknuepft mit deren sozialspezifischen Nutzung. Denn sie boten den Unterschichten ein Forum, in dem diese ihr gestiegenes Selbstbewusstsein gegenueber der baeuerlichen Oberschicht artikulieren konnten, und sie bildeten ein "Vehikel von Ehrbarkeit, Ansehen und Selbstbewusstsein", welches die traditionellen Wertekategorien des Dorfes nicht in Frage stellte. Die allmaehliche Emanzipation der Unterschichten von den Bauern, ohne jedoch die traditionellen Strukturen und Werthaltungen des Dorfes in Frage zu stellen, ist eines der zentralen Themen dieses Buches. Von Friedeburg betont gerade diese allmaehliche Gleichstellung der Parzellenbesitzer mit den Bauern, welche beide zu "Nachbarn" werden liess und zu gemeinsamem Handeln gegenueber der Obrigkeit fuehrte. Damit war ein Bekenntnis zu einer spezifischen laendlichen Lebensweise verbunden, welche sich signifikant von der staedtischen unterschied. In dieser Ablehnung staedtisch-buergerlicher Elemente lag der entscheidende Grund fuer Auseinandersetzungen um Gemeindelaendereien oder gegen Juden (S. 221). Von Friedeburg bleibt aber nicht auf dieser Ebene der innergemeindlichen Emanzipation der Unterschichten stehen, sondern fragt nach den weiteren politischen Konsequenzen. Er sieht sie in der Herausbildung einer Mentatilitaet, die in der Abwehr staedtischer Lebensformen gipfelte und dabei etwa dem Antisemitismus eine wichtige Grundlage bot (221). Die "soziale und kulturelle Eigenstaendigkeit der Doerfer" gehoert damit nicht nur zu den entscheidenden Prozessen der ersten Industrialisierungsphase, sondern sie hatte eine ueber die engere laendliche Welt hinausgreifende allgemeinpolitische Bedeutung.

Diese Ueberlegungen fuehren zum dritten Kapitel, zur politischen Dimension des traditionellen Protestes. Erstens wird nach den Folgen des Handlungsspielraums der Landarmut auf die politische Haltung der Landgemeinden, zweitens nach den Parolen gefragt, welche die Verfassungsbewegung aufbringen musste, um die gesamte evangelische Landbevoelkerung an sich zu binden. In zwei weiteren Fallstudien werden diese Fragen fuer die Phase der kurhessischen Verfassungsbewegung und fuer die Zeit des Kaiserreiches untersucht. Im Vormaerz und waehrend der Revolution von 1848/49 fand zwar eine Politisierung der Gemeinden statt, sie fuehrte aber nicht zu einer "Fundamentalopposition". Noch blieben in vielen Gemeinden die Unterschichten zu sehr an die Bauern gebunden als dass sie die neuen politischen Moeglichkeiten nutzen konnten; die Revolution kam entweder "zu frueh oder zu spaet" (S. 251).

Anders sah es im Kaiserreich aus. Gleichwohl mussten sich die Parteien auf die besonderen Bedingungen der laendlichen Waehler einstimmen, um erfolgreich zu sein, denn die Interessen der beiden sozialen Gruppen divergierten in einigen Bereichen, stimmten in anderen ueberein. Insgesamt waren die Beziehungen zum Staat seit der zweiten Haelfte der 1870er Jahre durch die wirtschaftlichen Probleme belastet, die den Bauern niedrige Getreidepreise, den Wanderarbeitern unsichere Beschaeftigungsverhaeltnisse bescherten. Angesichts dieser Verhaeltnisse und der instabilen parteipolitischen Konstellation gab es keine langandauernden Mehrheiten auf dem Land. Wahlabsprachen zwischen "Liberalen und Konservativen, Konservativen und Antisemiten" praegten die Situation; das verbindende Element war das Bekenntnis zu Kaiser und Reich sowie eine "sozialkritisch verfaerbte(n) Obrigkeits- und Behoerdenkritik" (S. 258). Kein Wunder, dass die "Wahlpolemik" aller um laendliche Waehler konkurrierenden Parteien austauschbar war, wie von Friedeburg am Beispiel der Agitation von BdL und Deutschem Bauernbund nachweist (S. 263).

Besonders ein Aspekt erscheint mir diskussionswuerdig: die Beziehung zwischen laendlichen Unterschichten und Bauern, zumal sie in der Argumentation eine zentrale Stellung einnimmt. Gelang den Unterschichten tatsaechlich eine graduelle Loesung von der baeuerlichen Dominanz im Zuge der Industrialisierung, insbesondere durch die gewerbliche Taetigkeit ausserhalb des Dorfes? Von Friedeburg scheint sich in diesem Punkt selbst nicht sicher zu sein, denn seine Aussagen sind nicht eindeutig (S. 262 betont er die Abhaengigkeit, S. 220 die zunehmende Emanzipation von den Bauern). Zwar koennte er zu Recht argumentieren, dass die Unterschichten sich zwar staerker von den Bauern emanzipieren, jedoch nicht komplett loesen konnten, doch bleibt die Frage nach dem Verhaeltnis zwischen beiden Gruppen bestehen. Zwar erscheint sein Hinweis auf die staerkere Handlungsfreiheit der Unterschichten plausibel, aber die konkrete Abhaengigkeit der Parzellenbauern von den Bauern duerfte weiterhin eng gewesen sein. In besonderer Weise duerften das die Frauen zu spueren bekommen haben, die in der Untersuchung eigentlich gar nicht auftauchen. Sie waren es jedoch, die im Rahmen der Arbeitsbeziehungen zwischen Parezellenbauern und Bauern die Arbeitsleistungen fuer letztere zu erbringen hatten.

Ohne Zweifel liegt hiermit eine Studie vor, die unsere Kenntnisse zur Geschichte des kommunalen Protestes gegen die Obrigkeit, zur sozialen Differenzierung laendlicher Gemeinden unter dem Einfluss der Industrialisierung und zum Wahlverhalten doerflicher Bevoelkerung bestaetigt und zugleich erweitert. In ihrer epochenuebergreifenden Fragestellung gelingt es, nicht nur Kontinuitaeten herauszuarbeiten, sondern staerker noch den graduellen, letztendlich wichtigen Wandel der laendlichen Gesellschaft Hessens zu verdeutlichen. Die Verzahnung laendlicher Mentalitaet und laendlichen Wahlverhaltens mit der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands, die durch eine ausgepraegte regionale Gliederung und eine trotz Industrialisierung und Urbanisierung starke laendliche Disposition gekennzeichnet war, gehoert zu den besonderen Staerken der Untersuchung.

ZitierweiseKarl Heinz Schneider: Rezension zu: von Friedeburg, Robert: Ländliche Gesellschaft und Obrigkeit. Gemeindeprotest und politische Mobilisierung im 18. und 19. Jahrhundert. Goettingen 1997, in: H-Soz-u-Kult, 18.05.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=415>.

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