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Theoretische und methodische Fragen

W. Hardtwig u.a. (Hgg.): Kulturgeschichte Heute

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Kulturgeschichte Heute
Reihe:Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 16
Herausgeber:Hardtwig, Wolfgang; Hans-Ulrich Wehler
Ort:Goettingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:3-525-36416-4
Umfang/Preis:333 S.; € 42,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Thomas Schmitz
E-Mail: <Schmitz_Thomasyahoo.com>

Im letzten Jahrzehnt hat sich, ausgehend von amerikanischer Seite, eine - freilich sehr facettenreiche - New Cultural History entwickelt, welche seit dem Hannoveraner Historikertag von 1992 auch in Deutschland lebhaft debattiert wird (vgl. z.B. die Baende von W. Schulze (1994), C. Conrad/M. Kessel (1994), R. Vierhaus/R. Chartier (1995), T. Mergel/Welskopp (1997), die Debatte in 'Geschichte und Gesellschaft').

Der Sammelband 'Kulturgeschichte heute', ein Sonderheft der Zeitschrift 'Geschichte und Gesellschaft', wartet gleichfalls mit einem breiten Spektrum von methodischen Ansaetzen auf: Neben bereits etablierten Konzepten wie Soziokulturgeschichte, Mentalitaetsgeschichte (F.-M. Kuhlemann), der Politischen Kultur-Forschung (C. Lipp), der Kultursoziologie Bourdieus (I. Gilcher-Holtey) und der Nationalismusforschung (H.-G. Haupt/C. Tacke, J. Radkau) werden auch die Psychohistorie (B. Roeck), das Verhaeltnis zwischen Naturwissenschaft und Kulturgeschichte (A. Nitschke) sowie diskursanalytische Methoden behandelt (P. Sarasin, E. Hanisch); daneben stehen mehr wissenschaftshistorische (O. G. Oexle) und konzeptionell-wissenssoziologische Aufsaetze (T. Mergel, L. Raphael). Das Schwergewicht liegt auf sozialhistorischem Feld. Ausgespart bleibt in diesem Sammelband das, was nicht in das Korsett einer 'erweiterten Historischen Sozialwissenschaft' hineinpassen will, also zum einen die additiv-antiquarische "Schutt- und Quisquilienforschung" (so ein Diktum J. Burckhardts), zum anderen die 'extreme' postmoderne Geschichtsschreibung im Gefolge Derridas. Kritisch besprochen werden die - angeblich im Zuge "eine(r) bestimmte(n) Originalitaets- und Neuerungssucht" entwickelten (O.G. Oexle, 24) - "Suggestionen des 'linguistic turn'" (Oexle, 14), insofern dieser "uebertriebene" postmoderne Positionen zu beziehen wagt: Diese koenne "die Historie selbstbewusst abwehren" (E. Hanisch, 230), zumal die Zeit der ersten Begeisterung ueber den linguistic turn ja auch schon vorbei sei (P. Sarasin, 143).

Laengst hat sich herumgesprochen, dass mit der sog. kulturalistischen Wende nicht bloss ein spezielles methodisches Programm gemeint ist, sondern gewissermassen ein anderes erkenntnistheoretisches Betriebssystem (und sein Wandel). Die im vorliegenden Band oefters geaeusserte Furcht vor einem Paradigmenwechsel ist freilich unnoetig - die gibt es in der Historie so nicht. Im vorliegenden Band sollen der 'Neuen Kulturgeschichte' vor allem zwei Grenzen gezogen werden: Zum einen eine weltanschauliche, welche die Prinzipien der Aufklaerung, das Modernisierungstheorem und die Einheit der Geschichte vor postmodernen Infragestellungen und Aufloesungen schuetzen soll (vgl. Oexle, 34). Diskurstheoretische Ansaetze werden toleriert - allerdings nur dann, solange sie KRITISCH, d.h. von einem heutigen, gesicherten Standpunkt aus urteilend, diskursiven Traditionen (z.B. vom Nationalsozialismus ausgehend) 'zurueckreichend' nachgehen (vgl. z.B. P. Sarasin, 158), anstatt sie etwa auch chronologisch 'nach vorne' bis heute zu verfolgen, womit dann naturgemaess aber auch die eigenen Begrifflichkeiten und Standpunkte mit in die Analyse einbezogen werden muessten. Demgegenueber versucht eine SELBSTKRITISCHE Kulturgeschichtsschreibung gerade die heutigen Grundlagen der eigenen Kultur(en) in ihrer Historizitaet zu erfassen - aber damit auch zur Disposition zu stellen.

Die andere Grenzziehung ist erkenntnistheoretischer Natur: die Verpflichtung wissenschaftlicher Geschichtsforschung auf die "fundamentale Bedeutung einer moeglichst genau definierten historischen Realitaet" (E. Hanisch, 230). Ausgehend von Max Webers Konzeption der Kulturwissenschaft als 'Wirklichkeitswissenschaft'_ (27), zieht sich das Ideenmodell von der 'historischen Wirklichkeit' wie ein roter Faden durch alle Beitraege des Sammelbandes. Dagegen ist zunaechst auch gar nichts einzuwenden, zumal neben einheitlich-umfassenden Makrokonzeptionen auch flexiblere Ansaetze thematisiert werden, welche zwischen verschiedenen Mikroebenen (z.B. bei L. Raphael, 168) der historischen Realitaet zu unterscheiden wissen: statt 'der' Gesellschaft die Subgesellschaften (T. Mergel, 58), anstatt 'der' Wirklichkeit die Erfahrungswirklichkeiten (C. Lipp, 91), sprich die Geschichte der einzelnen Lebenswelten (L. Raphael, 174), neben der Ebene der objektiven Gegebenheiten die Welt der symbolischen Repraesentationen (I. Gilcher-Holtey, 115) und schliesslich INNERHALB der historischen Wirklichkeit die Wirkmaechtigkeit einzelner diskursiver Traditionen (P. Sarasin, 131 ff.).

Die Probleme beginnen jedoch dann, wenn aus dem (Denk-)MODELL einer historischen Realitaet die (offenbar als GEGENWAERTIG gedachte) WIRKLICHE historische Wirklichkeit wird, an der sodann die Konkurrenz gemessen wird: So wird einem Historiker unterstellt, dass sein Werk "mehr seinen theoretischen Vorgaben als der historischen Realitaet entsprechend" entworfen worden sei (F.- M. Kuhlemann, 189) - Ranke redivivus! Spaetestens hier ist der Historische Wirklichkeitswissenschaftler seinen eigenen Suggestionen erlegen. In dieser Hinsicht ist auch der permanente Gebrauch der Gegenwartsform bei Erwaehnung der Vergangenheit fuer den Leser schwer nachvollziehbar und fuehrt des oefteren zu mehr Verstaendnisproblemen (als es aufgrund der Sprachtheorie sowieso schon gibt) - "(W)as man sagen kann, soll man klar sagen" (E. Hanisch, 227). Man/frau wird sich ueber kurz oder lang an den Gedanken gewoehnen mussen, dass es auch HistorikerInnen gibt, die nicht mit Modellen arbeiten, geschweige denn mit der oder den Vergangenheit(en) - welche nun einmal vergangen ist/sind und damit der historischen Forschung nicht mehr zur Verfuegung steht/stehen. Anstatt von einem Modell, dem "historische(n) Gesamtbild" (B. Roeck, 254), auszugehen und per Deduktion Fragestellungen zu entwickeln, deren Forschungsbefunde wiederum in das modifizierte Modell integriert werden, versuchen Dekonstruktivisten im Gefolge Derridas und des spaeten Foucault (grob gesprochen) streng induktiv vorzugehen. Die Bausteine dieser neu- positivistischen Methodik sind freilich weder Fakten, Ereignisse, Prozesse noch Strukturen, sondern das, was sich wirklich in heutigen Archiven und Bibliotheken finden laesst: Bedeutungslos gewordene Texte und andere kulturelle Symbole, mithin (subjektive) Interpretationen vergangener Realitaet(en), welche es erneut (subjektiv) zu interpretieren gilt, um DANACH vielleicht Diskursstraenge, 'historische Fakten', Modelle, oder 'Erfahrungswelten' neu zu konstruieren, diese mit frueheren Modellen zu vergleichen und letztere dabei zu dekonstruieren.

Wenn T. Mergel dabei vor einer "Textifizierung menschlichen Handelns" (70) warnt, uebersieht er, dass der "historische( ) Stoff" (70) doch schon laengst textifiziert - und in anderen kulturellen Symbolen 'aufgehoben' - worden ist, wenn sich die Historiker an die Arbeit begeben. Ob "Texte (...) Schauplaetze (haben), ohne die sie nicht gedacht werden koennen" (76), ist eine Frage, die wir Historiker getrost den Literaturwissenschaftlern und Soziologen ueberlassen koennen; HISTORISCHE Texte zumindest haben heute m.E. keine Schauplaetze mehr, auf die sie HEUTE verweisen koennten (es sei denn das Archiv im woertlichen oder uebertragenen Sinne). Von daher ist die "Frage, ob es noch etwas anderes als Texte gebe", fuer Historiker gar nicht so "abstrus( )", wie es P. Sarasin hinstellt (157).

Der uns HistorikerInnen interessierende "Kontext, das gesellschaftliche System" (E. Hanisch, 222), ja der "aussersprachliche( ) Kontext" (P. Sarasin, 171) schlechthin, also das, was Max Weber sonderbar unklar als den darzustellenden "Stoff" titulierte (180), ist nun einmal unwiederbringlich vergangen. (Man kann sich ihm auch nicht mehr 'annaehern' - eben weil er selbst als Vergleichsbasis fehlt -, sondern lediglich moeglichst logische intellektuelle Operationen mit den ueberlieferten Symbolen durchfuehren). Von daher duerften sich die seitenlangen Ueberlegungen zum Text-Kontext-Verhaeltnis eruebrigen - dieses Problem stellt sich m.E. fuer HistorikerInnen ueberhaupt nicht.

Einmal abgesehen von dieser dekonstruktivistischen Richtung der Geschichtsschreibung, deren Diskussion der Rezensent hier aus Aktualitaetsgruenden gewiss zuviel Raum eingeraeumt hat, ist der Band fuer alle an Kulturgeschichte i.w.S.interessierte zu empfehlen. Nach der Lektuere duerfte klar sein, dass angesichts der heutigen Vielfalt von moeglichen methodischen Zugriffen und Fragestellungen die allumfassende Glueckseligkeit der faktengetraenkten Gebhardt-Handbuecher nunmehr endgueltig ad acta gelegt sein duerfte.

ZitierweiseThomas Schmitz: Rezension zu: Hardtwig, Wolfgang; Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.): Kulturgeschichte Heute. Goettingen 1996, in: H-Soz-u-Kult, 06.10.1997, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=412>.

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