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Außereuropäische Geschichte

E. Stinshoff: Identitaeten im Wandel

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Identitäten im Wandel. Historische Frauenbilder aus den USA
Reihe:Europaeische Hochschulschriften, Reihe XXII Soziologie, Bd. 314
Ort:Frankfurt/M.
Verlag:Achims Verlag, Achim Freudenstein
Jahr:
ISBN:3-631-32796-X
Umfang/Preis:211 S.; DM 64,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Angela Schwarz, FB 1 Geschichte, Gerhard-Mercator-Universitaet - GH Duisburg
E-Mail: <hb336scunidui.uni-duisburg.de>

Die Frage nach der Identitaet von Individuen oder Gruppen fuehrt zu einem spannenden und zugleich ueberaus komplizierten Thema. Wer bin ich (wirklich)? Wie sehe ich mich selbst? Wie sehen mich andere? Welche Eigenschaften und damit Elemente einer bestimmten Identitaet werden mir in welchen Zusammenhaengen, von welchen Personen, mit welchen Motiven zugeschrieben? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Wie frei bin ich darin, selbstgewaehlte oder zugeschriebene Teile meiner Identitaet zu veraendern, gegen andere auszutauschen?

Seit dem Aufstieg der Women’s Studies, spaeter der Gender Studies und der feministischen Theorie haben gerade die geschlechtsspezifischen Identitaeten die Aufmerksamkeit der Forschung gefunden. Vieldiskutiert ist dabei die Frage nach dem Ursprung der Geschlechteridentitaet. Die einen sehen ihn in einer von der Natur vorgegebenen Notwendigkeit, die anderen in einer ausschliesslich kulturellen Konstruktion. Schliesst man sich der Ansicht der zweiten Gruppe an, ergeben sich daraus rasch zahlreiche weitere Fragen, die sich erst an einem konkreten Beispiel eingehender untersuchen lassen. Erst die Konkretisierung erlaubt es, die Besonderheiten des gewaehlten sozialen und kulturellen Hintergrundes herauszuarbeiten, vor dem Identitaeten, Bilder und Selbstbilder wie die Mechanismen ihrer Entstehung und Veraenderung betrachtet werden koennen. Das ist ein ambitioniertes Programm, das noch an Ausmass gewinnt, wenn es um historische Identitaeten gehen soll.

Eine soziologische Dissertation, die an der Universitaet Oldenburg entstand, hat sich in dem Bemuehen, dem Bild von amerikanischen Frauen in Deutschland realistischere Konturen zu verleihen, drei Ziele gesetzt: 1. die Rekonstruktion historischer Geschlechteridentitaeten sowie der ihnen zugrunde liegenden Interessen am Beispiel der Neuenglandstaaten bzw. der USA vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, 2. die "Darstellung des Zusammenhangs von ‘race’, ‘class’ und ‘ gender’ als gesellschaftliche Strukturkategorien" (S. 18) und 3. die Frage nach der Veraenderungsfaehigkeit einmal geschaffener Identitaeten. Um das zweite Ziel zu erreichen, muessen ueber die ethnische Gruppe der weissen Amerikanerinnen hinaus die Ureinwohner und die als Sklaven verschleppten Afrikanerinnen sowie ihre Nachkommen unter Beruecksichtigung der jeweiligen Lebenswirklichkeit in der von Weissen dominierten Gesellschaft der Vereinigten Staaten einbezogen werden. Eine Arbeit, die das leisten will und sich nicht damit begnuegen moechte, schlaglichtartig einzelne Phasen oder Regionen aus dreihundert Jahren nordamerikanischer Geschichte und damit einzelne Frauenbilder und -identitaeten zu beleuchten, waere ein grosses Forschungsvorhaben, das auf einer immensen Quellengrundlage und einer profunden Kenntnis nicht nur der sozial- und geschichtswissenschaftlichen Forschungsliteratur basieren muesste.

Wer eine umfassende oder zumindest als Einstieg in das Forschungsfeld ueberzeugende Bearbeitung all dieser Fragen und Bereiche vom vorliegenden Band erwartet, wird enttaeuscht. Methodisch und analytisch weist die Arbeit zahlreiche Schwachpunkte auf. Hauptursache dafuer ist die Art der Materialgrundlage, auf die die Ausfuehrungen ueber "Frauen in der Kolonialzeit", "Frauen in der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts" und "Frontierfrauen im 19. Jahrhundert", so die Ueberschriften der zentralen Kapitel, gegruendet sind. Denn die Resultate gehen nicht etwa aus solider Quellenarbeit mit entsprechender Quellenkritik hervor - das A und O nicht nur fuer Historikerinnen und Historiker, die sich mit Phaenomenen vergangener Wirklichkeit befassen -, sondern aus "einigen Quellen" - ausschliesslich aus der Forschungsliteratur uebernommen - und "hauptsaechlich Sekundaeranalysen" (S. 20), also Passagen aus der Forschungsliteratur oder genauer Interpretationen, die aus unterschiedlichen Quellengattungen hergeleitet sind (S. 111-114). Hinzu kommen noch einige fiktionale Texte wie etwa zwei Romane Willa Cathers, die zur Ableitung des Bildes von der Frau an der "Frontier" ergaenzend hinzugezogen werden. Um es auf den Punkt zu bringen: statt neuer Erkenntnisse gibt es einen Extrakt der Forschungsliteratur, der zudem noch auf einer willkuerlich anmutenden Literaturauswahl und einem zu wenig distanzierten Umgang mit den Aussagen der bearbeiteten Monographien und Sammelbaende basiert.

Diese Einschaetzung moechte ich naeher erlaeutern. Der Beitrag, der mit der Arbeit zur Forschung geleistet wird, laesst sich nicht zuletzt an seinen Ergebnissen ablesen. Die beiden wichtigsten Resultate der 186-seitigen Darstellung bestehen zum einen in der Feststellung, dass Geschlechtsidentitaeten aus einem Grundmuster mit Variationen bestehen, an deren Konstruktion in der nordamerikanischen Gesellschaft nicht nur Maenner, sondern ebenso die amerikanischen Frauen als "Subjekte und Objekte, Taeterinnen und Opfer" (S. 184) beteiligt waren. Zum anderen wird aus den vorangegangenen Ausfuehrungen in bezug auf den Kontext von Geschlecht, Klasse und ethnischer Zugehoerigkeit geschlossen, alle drei seien fuer die Ausgestaltung der "weiblichen Identitaet" wesentlich (S. 185f). Sollte das ueberraschen?

Auch die Aussage zur Literaturauswahl und zur mangelnden Distanz zu den dort vorgenommenen Deutungen moechte ich anhand einiger Beispiele konkretisieren. Schon die Theorieansaetze zum Thema Identitaet und Bild von Frauen in der Gesellschaft, die im "Vorbemerkung" uebertitelten Einleitungskapitel enthalten sind, lassen auf eine eher kursorische Behandlung des Aspektes schliessen. Warum etwa zur Diskussion von geschlechtsspezifischen Identitaeten Freud, Simone de Beauvoir, Luce Irigaray und Judith Butler angefuehrt werden, andere Leitfiguren der Gender Studies, des psychologischen oder feministischen Diskurses aber nicht, wird weder erklaert, noch ergibt es sich aus der Darstellung. Dieses ‘ Fragezeichen’ draengt sich auch bei der Lektuere der nachfolgenden Abschnitte immer wieder auf, etwa in Abschnitt 2.4., in dem es um den Einfluss des Puritanismus geht. Dort wird "der einflussreiche Gouverneur der Massachusetts Bay Colony, John Winthrop" (S. 36) - nicht etwa nach einem Grundlagentext zum Puritanismus, sondern nach einer Literaturgeschichte, nach Peter Conn, "Literature in America. An Illustrated History" (1990) - zitiert und als einzige zeitgenoessische Quelle zur Vorstellungswelt der Puritaner genannt. Der Leserschaft erschliesst sich an der Stelle allerdings weder die Bedeutung der zitierten Passage fuer die Menschen im 17. Jahrhundert noch ihr Stellenwert innerhalb der theologischen Fundierung des puritanischen Glaubens. Hinzu kommen terminologische Ungenauigkeiten. So wird in dem gleichen Abschnitt von der Frau als "weaker vessel" (S. 36) gesprochen, ohne dass klar gemacht werden wuerde, ob der Begriff - und damit das Konzept - von den Puritanern im 17. Jahrhundert verwandt wurde oder nur von der Autorin an dieser Stelle gebraucht wird. Gerade bei einem Thema wie dem der Konstruktion von Identitaeten ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, dass zwischen Bild und Wirklichkeit, zwischen zeitgenoessischer Auffassung und spaeterer Deutung genauestens getrennt wird. Immer wieder stoesst man auf Abschnitte, in denen man sich mehr Distanz zu den Interpretationen der Forschungsliteratur wuenscht (vgl. S. 43, 53f, 67, 118). Obwohl das Kapitel auf der Basis der "Sekundaeranalysen" einige quellenkritische Bemerkungen enthaelt, fehlt eine ausreichende Einordnung und Bewertung der Aussagefaehigkeit von Passagen unterschiedlicher Textgattungen, aus denen die in einer Auswahl vorgestellten Bilder, Selbstbilder und Lebenswirklichkeiten aus dem 17. und dem 19. Jahrhundert (das 18. Jahrhundert erscheint unter dem Stichwort des gesellschaftlichen Wandels auf ganzen zwei Seiten) abgeleitet werden. Forschungsliteratur, Belletristik, Tagebuecher, Erinnerungen, Briefe, Interviews stehen so kaum differenziert nebeneinander.

Wie eingangs gesagt, stellt der Komplex von Identitaeten, ihrer Konstruktion und ihren Inhalten ein spannendes Thema dar. Seine gruendliche und anregende Bearbeitung fuer das Beispiel Nordamerika seit dem 17. Jahrhundert steht noch aus.

ZitierweiseAngela Schwarz: Rezension zu: Stinshoff, Elisabeth: Identitäten im Wandel. Historische Frauenbilder aus den USA. Frankfurt/M. 1998, in: H-Soz-Kult, 27.09.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=402>.

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