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Neuere Geschichte

R. Prass: Reformprogramm und bäuerliche Interessen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Reformprogramm und bäuerliche Interessen. Die Auflösung der traditionellen Gemeindeökonomie im südlichen Niedersachsen, 1750-1883
Reihe:Veroeffentlichungen des Max-Planck-Instituts fuer Geschichte, 132
Ort:Goettingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:3-525-35447-9
Umfang/Preis:436 S.; € 49,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
PD Dr. Ralf Pröve

Das Phaenomen der sogenannten Bauernbefreiung, also des jahrzehntelangen Uebergangsprozesses von der feudalen zur kapitalistischen Agrarwirtschaft und damit der Aufloesung traditioneller Bindungen und Rechtstitel gehoert zu den Strukturmerkmalen der Sattelzeit. Zugleich wurde auf zunehmend wissenschaftlicher Basis, unterstuetzt von staatlichen Reformprogrammen und aufklaererischen Vorschlaegen, die Produktivitaet von Ackerbau und Viehzucht gesteigert. Wichtiger Bestandteil beider Entwicklungen waren Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen.

Mit seiner von Rudolf Vierhaus betreuten Goettinger Dissertation hat sich Reiner Prass am Beispiel der zwei suedniedersaechischen Aemter Goettingen und Northeim den praktischen Realisierungsmoeglichkeiten des Reformprogramms 'Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen' gewidmet und ist der Frage nachgegangen, ob mit der Aufloesung der traditionellen Flurverfassung tatsaechlich die urspruenglich intendierten oekonomischen Ziele erreicht worden sind. Prass beschraenkt sich nicht darauf, nach den oekonomischen Zielen des Programms und den Mitteln zur Umsetzung dieser Ziele zu fragen. Zugleich, und dies macht dieses Buch so wichtig, spuert er den Reaktionen der betroffenen Landbevoelkerung nach und untersucht die darauffolgenden Reaktionen der Reformer.

Diese Multiperspektivitaet spiegelt sich in dem geschickten Aufbau der Arbeit, die auf drei grosse chronologische, entwicklungsgeschichtliche Kapitel aufgeteilt ist (das erste Kapitel "Grosse Plaene und kleine Teilungen" umfasst den Abschnitt von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Jahrhundertwende, das zweite Kapitel "Die Strukturierung des Reformprogramms" umfasst den Zeitraum bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und das dritte Kapitel "Die Umsetzung des Reformprogramms" reicht bis 1883). Jedes der Kapitel enthaelt zunaechst eine Darstellung der Gesetze und Verordnungen sowie der Reformvorstellungen der "Agenten der Veraenderung". Anschliessend werden die sozialen und oekonomischen Strukturen der laendlichen Gesellschaft beschrieben und die unterschiedlichen Problemlagen erarbeitet, schliesslich die Folgen der Teilungen untersucht.

In seinem Resuemee mahnt Prass zur Vorsicht bei der Beurteilung der Erfolge der Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen. Sowohl die hannoversche Buerokratie als auch die Hofbesitzer hielten, solange sie noch nuetzlich waren, an alten Vorrechten fest und blockierten die Reformen. Mit partiellen Veraenderungen und einer verbesserten Dreifelderwirtschaft wurde oft genug auch ohne Gemeinheitsteilungen eine deutliche Ertragssteigerung erzielt. Vor allem die von der Aufklaerungsforschung gerne behauptete Dichotomie von modernen Reformern und Beamten auf der einen und traditional eingestellten Bauern auf der anderen Seite laesst sich so nicht aufrechthalten. Vielmehr beurteilten die Bauern jede Gemeinheitsteilung entsprechend ihrer jeweiligen wirtschaftlichen Interessen neu. Zu Recht plaediert Prass dafuer, zukuenftig Gemeinheitsteilungen und landwirtschaftlichen Fortschritt unmittelbar miteinander gleichzusetzen, um die oekonomische Bedeutung der Teilungen neu zu bewerten und dem Widerstand gegen die Aufloesung des traditionellen Gemeindeverbandes einen anderen Stellenwert zu geben.

ZitierweiseRalf Pröve: Rezension zu: Prass, Reiner: Reformprogramm und bäuerliche Interessen. Die Auflösung der traditionellen Gemeindeökonomie im südlichen Niedersachsen, 1750-1883. Goettingen 1997, in: H-Soz-Kult, 11.08.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=394>.

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