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Zeitgeschichte (nach 1945)

K. Schroeder / St. Alisch: Der SED-Staat

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):;
Titel:Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft
Ort:Muenchen
Verlag:Carl Hanser Verlag
Jahr:
ISBN:3-446-19311-1
Umfang/Preis:800 S.; DM 78,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Patrice G. Poutrus, Europa Universität Frankfurt / Oder ehedem: Zentrum für Zeithistorische Forschung
E-Mail: <poutrusZZF-PDM.DE>

Nachschlagewerke zur DDR-Geschichte haben zur Zeit Konjunktur auf dem Buchmarkt. Der Muenchner Carl Hanser Verlag kuendigt seinen Beitrag zu diesem Veroeffentlichungstrend wohl auch deshalb als neues Standardwerk fuer das Verstaendnis der juengsten deutschen Geschichte an. Hauptautor dieser Geschichte der SBZ/DDR ist der Berliner Politologe Klaus Schroeder. Als einer der Leiter dieses Forschungsverbundes SED-Staat der Berliner Freien Universitaet hat sich er in den vergangenen Jahren durch eine Reihe von Publikationen zur DDR-Geschichte und seine aggressive Polemik gegen ueberwiegend westdeutsche DDR-Forscher in der Oeffentlichkeit profiliert. Nun legt er unter dem Titel "Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft" ein Buch mit hohem Anspruch vor.

In einer vergleichsweise knappen Einleitung wird ohne Umschweife die DDR als ein im wesentlichen durch die sowjetische Besatzungsmacht erzwungenes und nach deren Vorbild errichtetes Herrschafts- und Gesellschaftssytem vorgestellt. Der kommunistischen SED wird innerhalb dieses diktatorischen Systems die totale Verfuegungs- und Wirkungsmacht in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft des kleineren deutschen Teilstaates bescheinigt. In direktem Bezug auf diese allgemeine Interpretation und nicht minder rigoros erklaert Klaus Schroeder den ueberwiegende Teil der vor 1989 in der alten Bundesrepublik erstellten Beitraege zur DDR-Forschung zur "Makulatur". Von dieser Revision werden lediglich einige Autoren ausgenommen, z.B. die Pioniere der westdeutschen DDR-Forschung Thalheim, Fricke, Darth und Richert. Die Abhandlung beruht darueber hinaus und erklaerterweise auf den Recherchen der anderen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsverbundes SED-Staates. Auch wenn dies wie Antragslyrik zur Verlaengerung eines Drittmittelprojektes anmutet, ist es dem Autor doch sehr ernst mit dem Verlangen, die DDR-Geschichte grundsaetzlich neu zu bewerten. Seine Perspektive ist auf die Herrschaftsgeschichte der DDR, genauer auf die Geschichte der SED-Parteidiktatur ausgerichtet. Eine derartige Begrenzung ist nicht nur praktisch, sondern wird zusaetzlich mit einer kuehnen Annahme begruendet. Fuer Klaus Schroeder fallen im SED-Staat Herrschafts- und Gesellschaftsgeschichte weitgehend zusammen. Daneben hat er fuer das erforderliche Verstaendnis der SBZ/DDR-Geschichte eine etwas umstaendliche, aber Komplexitaet suchende Definition entworfen. Die DDR war danach aeusserlich ein sowjetisierter Teilstaat mit den inneren Strukturen eines (spaet-)totalitaeren Versorgungs- und Ueberwachungsstaates.

Dieser Interpretation folgt die Struktur des Buches. Es gliedert sich in drei Teile. Auf beinahe vierhundert Seiten wird im Teil A die politische Entwicklung der SBZ/DDR von der Besetzung Deutschlands durch die vier Siegermaechte des Zweiten Weltkrieges bis hin zum Vereinigungsprozess geschildert. Dem schliesst sich der zweihundert Seiten umfassende Teil B an, in dem der Autor, ausgehend vom politischen System der DDR, die gesellschaftlichen Strukturen dieser Gesellschaft ausdeutet. Im Mittelpunkt steht dabei die Situation der achtziger Jahre. Unter dem Titel "Determinanten und Entwicklungslinien der DDR-Geschichte" werden im Teil C auf fuenfzig Seiten die zuvor praesentierten Befunde und die bisherige DDR-Forschung zusammenfassend gedeutet. Ein Dokumentenanhang und eine umfangreiche Bibliographie zur DDR-Forschung schliessen sich an. Klaus Schroeder und seine Kolleginnen und Kollegen aus dem Forschungsverbund haben fuer dieses dicke Buch ohne Zweifel hart gearbeitet. Das verlangt Respekt. Angesichts des formulierten Anspruchs auf Deutungsmacht in Bezug auf die DDR stellt sich aber die Frage, ob sich der betriebene Aufwand fuer die Leserschaft in- und ausserhalb der Fachdisziplin im gleichen Umfang gelohnt hat. Folgt man dem Erklaerungsansatz des Autors Schritt fuer Schritt, so stellen sich erhebliche Zweifel ein.

Schon der Aufbau von Teil A erzeugt ein sehr paedagogisches Bild. Zuerst wird eine wertende Zusammenfassung gegeben, dann folgt eine umfangreichen Chronologie und erst danach wird ausfuehrlich das historische Geschehen geschildert. Dieses Vorgehen wirkt nicht nur auf die Dauer ermuedend, sondern unterschaetzt auch die Urteilskraft des Publikums. Das ist aergerlich und unnoetig, denn das Buch kann in den ersten Kapiteln durchaus ueberzeugen. Insbesondere die antidemokratischen Methoden der SED-Fuehrung zur Eroberung und Sicherung der politischen Herrschaft in der SBZ/DDR, sowie das Wechselspiel zwischen deutschen Kommunisten und der sowjetischen Besatzungs- bzw. Fuehrungsmacht in der unmittelbaren Nachkriegszeit und in der Gruendungsphase der DDR werden anschaulich dargestellt. Allerdings zeigt sich schon an dieser Stelle, dass Klaus Schroeders Annahme ueber den Zusammenhang von Herrschaft und Gesellschaft lediglich zu Auslassungen fuehrt. Die gesellschaftliche Ausgangssituation, also die Zusammenbruchsgesellschaft in der Sowjetischen Besatzungszone, wird nur am Rande behandelt. Gleichzeitig wird der sich in der SBZ und fruehen DDR vollziehende gesellschaftliche Wandel erstaunlich gradlinig dargestellt. Ob Bodenreform, Bildungsreform, Entnazifizierung, Einfuehrung und Ausbau des Planungssystems in der Wirtschaft sowie deren Verstaatlichung und die Kollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft, alles geht erfolgreich ueber die Buehne der kommunistischen Parteidiktatur. Die SED erscheint somit als der einzige, ueberindividuelle Akteur in den ostdeutschen Verhaeltnissen. Angesichts eines derartigen Bildes von der DDR wirken Gegenstroemungen aus der Gesellschaft wie die Aufstandsbewegung um den 17. Juni 1953 und die anschwellende Fluchtbewegung vor dem Mauerbau am 13. August 1961 wie ploetzliche Naturgewalten. Klaus Schroeder schildert diese Entwicklungen mit Sympathie und Anteilnahme, aber seine generalisierende Sicht auf das Verhaeltnis von Herrschaft und Gesellschaft in der DDR bleibt davon unberuehrt.

In den sich anschliessenden Passagen des Teil A, welche die Entwicklung in der DDR nach dem Mauerbau nachzeichnen, wirkt dieses Vorgehen besonders bemueht. Strukturierten bis hierhin die verschiedenen Stationen der Machtusurpation durch die SED die Darstellung, so ist nun die Einheitlichkeit verloren gegangen. Die nachlassende Gestaltungskraft der SED wird eher impressionistisch beschrieben und der trotzdem ungebrochene Herrschaftsanspruch der Staatspartei schleppend und auch schon mal oberlehrerhaft entlarvt. Wenn Klaus Schroeder wiederholt die sowjetischen Weltmachtansprueche und die deutsch-deutschen Gegebenheit fuer die Beurteilung der Entwicklung in der DDR heranzieht, so ist dies ebenso wahr wie bekannt. Auch besteht kein Zweifel daran, dass es sich beim Mauerbau und den daraus folgenden Zwangsmassnahmen um nicht zu rechtfertigende Gewaltakte gegenueber der ostdeutschen Bevoelkerung handelte. In diesem Sinn sind diese diktatorischen Herrschaftsmethoden die notwendige Voraussetzung fuer den Fortbestand des Staatssozialismus in der DDR und charakterisieren das Herrschaftssystem anschaulich. Hinreichende Erklaerungen fuer das Handeln der Verantwortlichen und Betroffenen in dieser Situation liefert dieses Urteil aber nicht.

Erst mit den Ereignissen der sich abzeichnenden Krise des SED-Staates gewinnt Klaus Schroeders Version von der DDR-Geschichte wieder Konsistenz. Der Hoehepunkt der ostdeutschen Entwicklung liegt danach in ihrem zwangslaeufigen Ende, dem Weg zum vereinten Deutschland. Beinahe zwanzig Prozent dieses Hauptkapitels werden deshalb dem letzten Jahr der DDR gewidmet. Spaetestens hier wird unuebersehbar, dass es der Autor nicht vermochte, seine vorwissenschaftlichen Ueberzeugungen in einen analytischen Ansatz zu wandeln. Bereits bei der Behandlung der problematischen SED-Gruendung haben die Argumente von Klaus Schroeder peinlich einseitige und die Sozialdemokratie verunglimpfende Zuege. Das setzt sich fort. Es ist auch aus den von Klaus Schroeder angefuehrten Fakten nicht ersichtlich, warum die deutsch-deutschen Beziehungen waehrend der sozial-liberalen Regierungen so deutlich negativer betrachtet werden muessen als diese waehrend der Regierung Kohl. Gleichermassen unstimming erscheint die kleingeschriebene Bedeutung der Block-Parteien im politischen Gefuege des SED-Staates. In besonders krassem Gegensatz dazu steht die ueberscharfe Kritik an der Entwicklung von Teilen der ostdeutschen Buergerbewegung waehrend des Vereinigungsprozesses. Dies war sicher bis vor Kurzem politisch opportun, aber naehrt erneut den oeffentlich erhobenen Vorwurf, dass die Zeitgeschichte nicht genug Abstand zum wissenschaftlichen Gegenstand besaesse.

Im Teil B bemueht sich Klaus Schroeder, die juengere sozialwissenschaftliche und sozialgeschichtliche DDR-Forschung weitgehend in seine Erklaerung von ostdeutscher Gesellschaft zu integrieren. Ausfuehrlich eroertert werden die Strukturen der Partei- und Repressionsapparate des SED-Herrschaftssystem. Dieses Vorgehen hat zur Folge, dass es zu zahlreichen Wiederholungen von Fakten und Wertungen aus dem Teil A des Buches kommt. Gleiches gilt fuer die Darlegungen zu den nachrangig behandelten Wirtschafts- und Sozialsystem und den sehr knappen Aussagen zu Ideologie und Lebenswirklichkeit in der DDR. Insgesamt wird nochmals deutlich, dass der Autor die DDR-Gesellschaft weitgehend als Produkt der strategischen Vorstellungen der deutschen Kommunisten sieht. Diese Anschauung steht in deutlichen Kontrast zu den von Klaus Schroeder mit erkennbarer Befriedigung aufgefuehrten Fehlsteuerungen und Fehlleistungen im Gefuege des SED-Staates. Eher am Rande wird vom Autor eingestanden, dass nicht vollstaendig abgeschaetzt werden kann, wie bzw. wie weit es die SED mit ihrer Politik vermochte, in die Gesellschaft zu wirken. Diese fortbestehende Interpretationsluecke fuehrt zu einem merkwuerdigen Einerseits und Andererseits im Text. Das wiederum erinnert erstaunlich stark an die obskuren Versuche von SED-Ideologen, die sperrige Wirklichkeit des "Realexistierenden Sozialismus" durch einige dialektische Taschenspielertricks mit den Dogmen des Marxismus-Leninismus zu vermitteln.

Auch im Teil C kann dieses Dilemma vom Autor nicht ueberwunden werden. Nochmals bemueht sich Klaus Schroeder, die DDR zusammenfassend auf seinen Begriff eines sowjetisierten Teilstaats mit den inneren Strukturen eines (spaet-) totalitaeren Versorgungs- und Ueberwachungsstaates zu bringen. Dies fuehrt jedoch zu keinem schluessigen Erklaerungsangebot, sondern lediglich zu quaelender Redundanz. Der Versuch, die Totalitarismustheorie durch eine inhaltliche Anreicherung mit komplexen Sachverhaeltnisse zu erneuern, kann nicht ueberzeugen. Die Vieldeutigkeit einer komplexen Wirklichkeit bleibt letztlich unerklaert und verwandelt so den Totalitarismus zum blossen Glaubenbekenntnis des konservativen Gutmenschentums. Angesichts dieses Erkennisstandes erscheint es sehr fraglich, ob es sich ueberhaupt fuer die Zeitgeschichtsschreibung lohnt, die DDR-Geschichte auf einen Begriff bringen zu wollen. Da hilf es auch nicht, dass sich der Autor im weiteren darum bemueht, seine eigene Position durch eine negative Evaluation der alt-westdeutschen DDR-Forschung und durch eine Eingemeindung neuerer Erklaerungsansaetze zu untermauern. Die Fehler und Unzulaenglichkeiten der anderen lassen deren Arbeiten nicht a priori wertlos und die eigene plausibel erscheinen. Praktisch zeigt sich dies auch daran, dass in diesem Buch wiederholt nicht darauf verzichten konnte, sich u.a. auf die Arbeit von Dietrich Staritz zu berufen.

Wie weit sich Klaus Schroeder in die Rolle des politisch-korrekten Untersuchungsrichters begeben hat, wird am anschliessenden Dokumentenanhang deutlich. Schreckliches, entlarvendes und auch banales Material aus dem Nachlass des SED-Staates wird dem Leser vorgelegt. Ausreichend Indizien, um ueber die kommunistische Herrschaft in der DDR zu richten. Bedauerlich ist nur, dass dieses Urteil in der juengsten deutschen Geschichte von den zuweilen in diesem Buch etwas geringschaetzig behandelten Ostdeutschen bereits gesprochen wurde. Aber nicht nur in diesem Sinne kommt dieses Buch zu spaet. Zweifellos liegt in der kompromisslosen Darstellung der SED-Herrschaft die Staerke des Buches, dies jedoch ohne deutlichen Erkenntniszuwachs, wenn man an die Arbeiten von Karl Wilhelm Fricke oder Hermann Weber denkt. Indes verweisen die Widersprueche und Auslassungen in diesem Buch nicht nur auf die Maengel des gewaehlten Ansatzes, sondern auch auf die Defizite des Forschungsstandes. Weiterhin sind die Strukturen der Herrschaft im SED-Staat deutlich besser untersucht als deren Wirkungen in der ostdeutschen Gesellschaft. Dieses Desiderat wird nicht durch verbale Verdikte, sondern durch differenzierte Analysen behoben. Ein Blick in das Mannheimer Vademekum der DDR-Forschung laesst da hoffen. Klaus Schroeders Buch als Standardwerk zum Verstaednis der DDR-Geschichte zu bezeichnen, erscheint auch deshalb voreilig.

ZitierweisePatrice G. Poutrus: Rezension zu: Schroeder, Klaus; Alisch, Steffen: Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft. Muenchen 1998, in: H-Soz-Kult, 05.10.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=391>.

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