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Nationalsozialismus

M. Seifert: Kulturarbeit im Reichsarbeitsdienst

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Kulturarbeit im Reichsarbeitsdienst. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Kulturpflege im Kontext historisch-politischer, organisatorischer und ideologischer Einfluesse,
Reihe:Internationale Hochschulschriften Bd. 196
Ort:Muenster/New York
Verlag:Waxmann Verlag
Jahr:
ISBN:3-89325-408-0
Umfang/Preis:464 S.; € 39,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Kiran Klaus Patel, HU-Berlin
E-Mail: <k.patelgmx.de>

Im Gegensatz zu den meisten Institutionen und Massenorganisationen des 'Dritten Reiches' ist der Reichsarbeitsdienst (RAD) bisher kaum erforscht. Besonders fuer die Jahre nach 1935, als der am Ende der Weimarer Republik entstandene freiwillige Arbeitsdienst nach der Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht fuer Maenner in einen Pflichtdienst umgewandelt wurde, gibt es kaum wissenschaftliche Arbeiten. Dabei war dieser Dienst eine durchaus wichtige Institution, durch die jaehrlich hunderttausende junge Maenner (und in geringerem Masse auch Frauen) im Alter zwischen 17 und 25 Jahren gingen. Im RAD als einem staatlich verordneten, gemeinnuetzigen Dienst verrichteten sie in der Regel sechs Monate lang arbeitsintensive, manuelle Arbeit. Neben dieser "Arbeit", die von der Bodenkultivierung bis zum Kriegseinsatz im Zweiten Weltkrieg reichen konnte, war der RAD im 'Dritten Reich' eine wichtige Sozialisierungsinstanz. Die Heranwachsenden wurden in Lagern kaserniert und im nationalsozialistischen Sinne indoktriniert. Ein Aspekt des umfassenden Anspruchs, den 'neuen deutschen Menschen' zu schaffen, stand in engem Zusammenhang mit dem Lagerleben: die Kulturarbeit, die hauptsaechlich in der organisierten Freizeit stattfand und die einen Schwerpunkt in Manfred Seiferts Monographie darstellt.

Allerdings versteht der Autor seine Passauer Dissertation nicht primaer als Beitrag zur historischen Erforschung des Reichsarbeitsdienstes. Vielmehr hat er diese Institution nur als ein Beispiel gewaehlt, um das Kultur- und Alltagsleben im Nationalsozialismus aus volkskundlicher Perspektive zu eroertern. Nicht zu Unrecht bemerkt Seifert, dass sich volkskundliche Arbeiten lange Zeit auf die Rolle der eigenen Wissenschaft im Nationalsozialismus konzentriert haben (was man von der Geschichtswissenschaft kaum behaupten kann). Insofern leuchtet es ein, dass Seifert nun mit dem Arbeitsdienst ein anderes Feld, in dem Entwuerfe zur Volks- und Alltagskultur formuliert wurden, analysiert. Letztlich zielt der Autor darauf, in dieser Hinsicht der kuenftigen Forschung eine Vergleichsgroesse zur wissenschaftlichen Volkskunde im 'Dritten Reich' bereitzustellen.

Seifert selbst arbeitet mit einem breiten Begriff von Kultur und versteht unter dieser "die vom Menschen gepraegten Formen des Lebensvollzuges und seiner Symbolisierungen" (S. 10). Vor diesem Hintergrund analysiert er das theoretische Denken ueber Kultur im RAD. Wenngleich ihm diese programmatische Seite der Kulturarbeit wichtiger ist, eroertert er auch die Kulturpraxis, in der die theoretischen Konzeptionen umgesetzt wurden, etwa in der erwaehnten Feierabendkultur.

Zunaechst wendet sich Seifert jedoch der historischen und politischen Einbettung der Kulturarbeit des Reichsarbeitsdienstes zu. Nach einem kurzen Ueberblick ueber die Vorlaeufer der Organisation vor 1933 und ihrer Ideengeschichte eroertert er allgemein den Arbeitsdienst im Nationalsozialismus. Seifert zeigt sehr anschaulich, dass es immer wieder Auseinandersetzungen ueber Sinn und Zweck der Organisation gab. Insgesamt konnte sich Konstantin Hierl als Chef des RADs, obwohl er von Hitler gedeckt wurde, verschiedener drastischer Eingriffe in sein Ressort durch konkurrierende Institutionen nicht erwehren. Deswegen fand weder der Reichsarbeitsdienst noch seine Kulturarbeit je eine endgueltige Form. Wenngleich dieser Befund die Analyse der Kulturpraxis erschwert, hat er auf die Kulturtheorie, die Seifert mehr interessiert, kaum Auswirkungen: Seiner Meinung nach zeichnete diese sich durch hoehere Kohaerenz aus und veraenderte sich in der gesamten Zeit des 'Dritten Reiches' kaum. Bevor Seifert diese These ueberprueft, geht er zunaechst auf die Organisationsstruktur als Rahmenbedingung fuer die Kulturarbeit ein. Konsequenterweise konzentriert er sich auf die Ebene des Lagers, in denen die Arbeitsmaenner direkt angesprochen wurden. Hier wie auch sonst in seiner Studie untersucht er fuer beide Geschlechter die Arbeitsdienste, die sich in wesentlichen Punkten unterschieden und institutionell weitgehend getrennt waren. Zumeist stellt er einer ausfuehrlichen Eroerterung der Verhaeltnisse im Arbeitsdienst fuer die maennliche Jugend einen vergleichenden Ausblick zur Situation bei den 'Arbeitsmaiden' an die Seite.

Anschliessend eroertert Seifert die Erziehungstheorie und -methodik im Reichsarbeitsdienst. Denn die Erziehung, und keineswegs die Arbeit, war der Hauptauftrag des RAD. Sie diente dem Ziel, aus den jungen Menschen Nationalsozialisten zu machen. Dieser totale Erziehungsanspruch wurde aber, wie Seifert anschaulich erklaert, durch den rassenbiologischen Determinismus der NS-Ideologie zugleich wieder eingeschraenkt: Danach konnte die Erziehung lediglich ohnehin vorgegebene Wesensmerkmale foerdern und hatte somit einen wesentlich geringeren Spielraum, als ihr beispielsweise der klassische Bildungsbegriff zugesteht. Davon ausgehend zeigt Seifert am Verhaeltnis zwischen staatspolitischem Unterricht und Feierabendgestaltung, dass in der Theorie des Arbeitsdienstes auch die Kultur keine unabhaengige Groesse sein konnte, sondern "nur der verlaengerte Arm der Erziehung" (S. 195), und mit dieser eng verzahnt war. Der kulturelle Sektor eroeffnete damit keinen Freiraum fuer individuelle Entfaltung im Lageralltag, denn Aktivitaeten wie das Singen oder das Basteln hatten der Erfahrbarmachung nationalsozialistischer Ideologie zu dienen. Unkontrollierte Momente sollte es nach dem Anspruch der Erziehungstheoretiker in der halbjaehrigen Dienstzeit im RAD idealerweise gar nicht geben.

Nach dieser theoretischen Annaeherung an die Kultur ueber den Erziehungsbegriff eroertert Seifert exemplarisch Felder der kulturellen Praxis. Konkret stellt er ausfuehrlich das Basteln, die Lagergestaltung und das Schauspiel vor, die alle mit dem Laienkulturansatz und aesthetischem und materiellem Reduktionismus arbeiteten. Gerade seine Ausfuehrungen zum Basteln moegen historisch interessierte Leserinnen und Leser zunaechst etwas verwundern, widmet er den zumeist mediokren Ergebnissen dieser Form der Freizeitgestaltung doch ueber 30 Seiten. Allerdings zeigt Seifert zum Beispiel an Hand der Laubsaegearbeiten die Ideologisierung der Freizeitgestaltung: Nur in den ersten Jahren wurden diese akzeptiert und stiessen ungefaehr ab 1935 auf deutliche Kritik mit dem Vorwurf, unfunktional und geschmacklos zu sein. Wesentlich deutlicher noch wird die politische Instrumentalisierung der Freizeitgestaltung bei den verschiedenen Arten des Schauspiels. In diesem - allerdings etwas weitschweifigen - Teil kann Seifert belegen, dass die kulturellen Aktivitaeten nicht als abwechslungsreicher Gegenpol zum Lageralltag gedacht waren, sondern in Theorie und Praxis aehnlich durchgeplant waren wie der Rest des Lagerlebens und eine politisch-erzieherische Funktion hatten.

Schliesslich analysiert Seifert ganz grundsaetzlich den Kulturbegriff und die Kulturtheorie im RAD. Dabei konstatiert er eine ambivalente Haltung gegenueber grundsaetzlichen Fragen, vor allem der, ob die deutsche Kultur eine statische, geschlossene Einheit darstelle oder ob sie als flexible, historisch und regional wandelbare Groesse zu verstehen sei. Wenngleich die "Neigung, auf kulturellem Gebiet eine Rueckbindung an das Alte im vermeintlichen Ursprung zu suchen, dominant" (S. 419) war, erwies sich die Verschmelzung zwischen alt und neu mit einer Rueckbindung des Gegenwaertigen an das Vergangene als das noch praegnantere Prinzip. Allerdings waren die abstrakten theoretischen Ueberlegungen von der Praxis der Kulturarbeit weitgehend entkoppelt, so dass sich der Umsetzung im Lageralltag ein relativ weiter Spielraum fuer verschiedene Interpretationen eroeffnete. Ausserdem deckt der Autor die Querverbindungen des Kulturkonzepts im RAD und seiner Vertreter zur Volkskunde und zu anderen nationalsozialistischen Formationen auf. Er stellt fest, dass der Arbeitsdienst mit allen einschlaegigen NS-Institutionen (ausser der SS) relativ reibungslos kooperierte, allerdings ohne eine eigene starke Position zu vertreten.

Insgesamt folgt Seiferts gelungenes Werk seinem Anspruch, weniger der Kulturpraxis als ihrer theoretischen Grundlage nachzugehen. Diese entfaltet er mit einer Vielzahl von Quellen und verdeutlicht so am Beispiel des Reichsarbeitsdienstes, wie im 'Dritten Reich' ein Entwurf zur Volks- und Alltagskultur jenseits der professionellen Volkskunde aussah. Kritisieren liesse sich vielleicht, dass manche Kapitel etwas langatmig geraten sind und dass die Anordnung der Kapitel - einer Untersuchung zur Erziehungstheorie im Rahmen des Kulturkonzeptes folgt ein Ausflug in die Kulturpraxis, um dann wieder zur Kulturtheorie zurueckzukehren - nicht unbedingt einleuchtet. Zudem sind die Ausfuehrungen zur praktischen Kulturarbeit fuer die Zeit des Zweiten Weltkriegs sehr kurz. Aber dies sind kleinere Einwaende. Und neben der Bedeutung, die seinem Buch aus volkskundlicher Sicht zukommt, ist es aus historischer Perspektive ein wichtiger Beitrag zu einer Dimension des Reichsarbeitsdienstes, die bisher kaum beachtetet und vor allem nicht ernst genug genommen wurde.

ZitierweiseKiran Klaus Patel: Rezension zu: Seifert, Manfred: Kulturarbeit im Reichsarbeitsdienst. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Kulturpflege im Kontext historisch-politischer, organisatorischer und ideologischer Einfluesse,. Muenster/New York 1996, in: H-Soz-u-Kult, 27.07.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=387>.

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