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Geschichte allgemein

R. Faber u.a. (Hgg.): Politische Weihnacht in Antike und Moderne

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Politische Weihnacht in Antike und Moderne. Zur ideologischen Durchdringung des Fests der Feste
Herausgeber:Faber, Richard; Esther Gajek
Ort:Wuerzburg
Verlag:Königshausen & Neumann
Jahr:
ISBN:3-8260-1351-4
Umfang/Preis:306 S.; € 30,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Achim Landwehr, Philosophische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
E-Mail: <landwehrphil-fak.uni-duesseldorf.de>
www.mpier.uni-frankfurt.de

Anlaesslich eines Ereignisses, das in Frankreich fuer nationale Schlagzeilen sorgte, sah sich der Ethnologe Claude Levi-Strauss veranlasst, einige Ueberlegungen zur Bedeutung eines der zentralen christlichen Feste anzustellen: Am 24. Dezember 1951 war vor der Kathedrale von Dijon die Puppe eines Weihnachtsmannes zunaechst erhaengt und spaeter verbrannt worden. Levi-Strauss fragte nach den Ausloesern dieser "Hinrichtung" und analysierte die Wandlungen, denen das Weihnachtsfest in Frankreich in der Zeit vor und nach dem Krieg unterworfen war.(1)

Levi-Strauss zeigt mit diesem Aufsatz Moeglichkeiten auf, wie das Weihnachtsfest - fernab von Lebkuchenseligkeit und Kerzenduft - ein guenstiger Ausgangspunkt fuer eine Kulturgeschichte Europas sein kann, die nach der sich wandelnden Bedeutung kultureller Fixpunkte in verschiedenen historischen Zeiten fragt. Weitergehend rueckt damit aber auch die Frage nach der Diffusion des "Modells Europa" in den Blick, denn der Siegeszug, den Weihnachtsmann und Christbaum um die ganze (auch nicht-christliche) Welt angetreten haben, findet wohl nur wenige Parallelen.

Erste Bausteine dazu liefert der von Richard Faber und Esther Gajek herausgegebene Sammelband "Politische Weihnacht in Antike und Moderne". Die AutorInnen der verschiedenen Beitraege, die der Religions-, Literatur- und Geschichtswissenschaft, der Volkskunde und der Politologie entstammen, arbeiten die Bedeutung des Weihnachtsfestes fuer die politische Kultur verschiedener historischer Zeiten heraus. Die Schwerpunkte liegen dabei, wie der Titel bereits formuliert, in der Antike und vor allem im 19. und 20. Jahrhundert - eine Akzentsetzung, die Beitraege zum Mittelalter und zur Fruehen Neuzeit vermissen laesst. Gerade die Bedeutung des Weihnachtsfestes im Zeitalter der Konfessionalisierung waere in diesem Zusammenhang einer eingehenderen Betrachtung wert gewesen.

In einem ersten Teil des Sammelbandes werden die theologischen und antiken Grundlagen des Weihnachtsfestes offen gelegt. Richard Faber verfolgt in seinem Aufsatz ueber die "Konstantinische Weihnacht" neben diesen Grundlagen aber auch die grundsaetzlichere Frage, wie bereits im Roemischen Reich die Verbindung zwischen Religion und Politik vollzogen wurde. So erklaert sich beispielsweise die Datierung des Weihnachtsfestes auf den 25. Dezember aus der Vereinnahmung des Sonnenkultes durch das Christentum. Diese deutlich politisch ausgerichtete Fragestellung, die unter anderem auch auf die zunaechst unpolitisch anmutenden Phaenomene der Heiligen Drei Koenige und des Ursprungs des Weihnachtsbaums eingeht, wird durch den Beitrag von Martin Leutzsch weiter verfolgt. Ihm geht es darum, nach den Intentionen des Evangelisten "Lukas" zu fragen, von dem die bekannteste Version der Weihnachtsgeschichte stammt. Leutzsch kann nicht nur nachweisen, dass Lukas sein Werk einem einflussreichen Roemer namens Theophilus widmete, sondern damit auch drei eindeutige Ziele verfolgte: Erstens versuchte er das Christentum als eine Religion von weltgeschichtlicher Bedeutung darzustellen, zweitens wollte er es fuer die roemische Oberschicht akzeptabel machen, und drittens versuchte er darzulegen, dass die Christen dem roemischen Imperium von Anfang an loyal gegenueber standen.

Dem Anspruch des Sammelbandes werden jedoch nicht alle Beitraege in dieser Weise gerecht. Bei den Beitraegen von Klaus Wengst (Menschwerdung Gottes? Zur Revision traditionell antijuedischer Auslegung des Johannesprologs) und Dieter Schellong (Schleiermachers "Weihnachtsfeier". Ein Dokument des evangelischen Buergertums zu Anfang des 19. Jahrhunderts) vermisst man den Brueckenschlag zwischen Religion und Politik, der den anderen Aufsaetzen gelingt. Waehrend Wengst das Johannes-Evangelium unter ausschliesslich theologischen Gesichtspunkten interpretiert, unternimmt Schellong eine eher literatur- und auch musikwissenschaftliche Analyse einer Weihnachtserzaehlung Schleiermachers - obwohl es beiden Themen sicherlich nicht an politischen Aspekten gemangelt haette. Versteht man Politik als ein Handeln auf ein Gemeinwesen hin, wuerden derartige Textinterpretationen notwendigerweise einen Bezug zum Kontext (auf den hin gehandelt wird) erfordern. Sowohl Wengst als auch Schellong stellen diesen Bezug jedoch nicht her, sondern bleiben textimmanent.

Mit Schellongs Beitrag wird ein zweiter Teil des Sammelbandes eroeffnet, der sich mit literarischen Themen auseinandersetzt. Wie die politische Komponente theologischer und literarischer Zusammenhaenge durch die Verbindung von Text und Kontext hervorgehoben werden kann, zeigt der Beitrag Hans-Martin Gutmanns, der sich ebenfalls mit einer Weihnachtserzaehlung des evangelischen Theologen Johann Hinrich Wichern beschaeftigt. Gutmann liest diese Erzaehlung, die im Revolutionsjahr 1848 erschien und in den Armenvierteln Hamburgs spielt, erstens im Gegensatz zu den realen sozialen Verhaeltnissen, zweitens (und vornehmlich) als das paedagogische und sozialtechnologische Programm der "Inneren Mission" des Autors, der mit dem "Rauhen Haus" in Hamburg selbst eine paedagogische Einrichtung leitete, sowie drittens als Entgegnung auf die Revolution, die fuer Wichern gleichbedeutend war mit sittlicher Verwahrlosung und Unglauben. Kaum weniger politisch ausgerichtet ist der Beitrag von Markus Kreuzwieser, der anhand von fuenf oesterreichischen Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts (Stifter, Rosegger, Waggerl, Lebert, Turrini) zeigt, dass sich nach Auschwitz "der Bericht ueber die Geburt eines Juden in juedischer Umgebung anders liest als zuvor." (S. 119)

Ein dritter Komplex von Aufsaetzen befasst sich mit der ideologischen Vereinnahmung des Weihnachtsfestes, insbesondere durch rechtsextreme und national(sozial)istische Stroemungen. Sprechender Ausdruck hiervon ist eine Fotomontage John Heartfields mit dem Titel "O Tannenbaum im deutschen Raum, wie krumm sind deine Aeste", die auf dem Umschlag des Sammelbandes abgebildet ist. Die oberen Zweige des Baumes kruemmen sich hier zu einem "weihnachtlichen" Hakenkreuz. Wie die geknickten Zweige des Baumes andeuten, gelang es den Nationalsozialisten das Weihnachtsfest in ihrem Sinn ideologisch zu ueberformen, wie Esther Gajek in ihrem Beitrag aufzeigt. Durch die Eliminierung christlicher Elemente und konkrete Vorschlaege zur Ausrichtung der Feier wurde versucht, Weihnachten zu "germanisieren" und das Fest schliesslich zum Element der Kriegspropaganda zu machen. Darueber hinaus geht Gajek vor allem auf die Rolle ein, die Volkskundler im Rahmen der "Erfindung" von Weihnachtstraditonen (2) waehrend der dreissiger und vierziger Jahre hatten und mit denen die "germanischen Wurzeln" des Weihnachtsfestes offen gelegt werden sollten.

Der Rolle der Volkskunde bei der Ideologisierung und Erforschung des Weihnachtsfestes widmet sich auch Hermann Bausinger, der an diesem "kleinen Gegenstand" (S. 170) die grossen Zusammenhaenge zwischen Volkskunde und Geschichte aufzeigen moechte. Dabei betont er einerseits die Bedeutung der Mythologisierung in der Tradition der Volkskunde, durch die die Gegenwart an einen wirkmaechtigen Ursprung angebunden wird und somit Raum fuer ideologische Besetzungen schafft. Andererseits weist er aber auf den Aspekt der "Veralltaeglichung" (S. 176) hin, d.h. auf den Versuch der Volkskunde, sich aus den mythologisierenden Zwaengen zu befreien, um eine historisch und kultursoziologisch ausgerichtete Forschungrichtung einzuschlagen. Beide Aspekte werden durch "weihnachtliche" Beispiele belegt.

Dass die Konjunktur fuer ein mythologisiertes Weihnachten aber noch lange nicht an ihr Ende gekommen ist, zeigt der Aufsatz von Klaus Kriener, der sich mit einem 1982 erschienen Buch des franzoesischen Rechtsextremen Alain de Benoist auseinandersetzt. Dessen Rueckbindung an eine wirkmaechtige Vergangenheit (um in den Worten Bausingers zu bleiben) resultiert im Entwurf eines politischen "Heidentums", welches das "orientalische Christentum" und seine "Moral der Suende" als uneuropaeisch ablehnt und dem eine "heidnische Ethik der Ehre" entgegenstellt. Entsprechend faellt die Beurteilung des Weihnachtsfestes durch Benoist aus, das fuer ihn in allen Elementen auf "heidnischen Urspruengen" beruht und durch das Christentum in einer "Betrugsstrategie" (S. 163) umgedeutet wurde.

Mit dem Weihnachtsfest im Kaiserreich und der Weimarer Republik bzw. in der DDR befassen sich zwei weitere Beiraege von Doris Foitzik und Christa Lorenz. Foitzik konzentriert sich auf die Politisierung des Weihnachtsfestes zwischen 1870 und 1933 durch staatliche Institutionen einerseits und durch oppositionelle Parteien andererseits. Einen markanten Punkt in dieser Entwicklung setzt beispielsweise die endgueltige Etablierung des zuvor nicht ueberall verbreiteten Weihnachtsbaumes als unabdingbares Requisit durch die Propaganda des Deutsch-Franzoesischen Krieges 1870/71 - eine weihnachtliche Kriegspropaganda, die ihre Fortsetzung im 1. Weltkrieg fand. Demgegenueber bediente sich die Opposition von SPD und KPD in parodistischer Weise etablierter Weihnachtstraditionen, um sie agitatorisch zu wenden. So existieren beispielsweise mehrere Umdichtungen von "Stille Nacht, heilige Nacht", die den Arbeiterkampf thematisieren.

Derartige Parodien wurden in der DDR selbstverstaendlich nicht angestimmt, jedoch wurde hier das russische Jolkafest mit Grossvaeterchen Frost und "Schneefloeckchen" als einer Mischung aus Weihnachten und Silvester neben dem traditionellen Weihnachtsfest etabliert. Letzteres wurde zwar keineswegs abgeschafft, jedoch weitgehend seiner religioesen Konnotationen entkleidet, um stattdessen den Friedensaspekt in den Mittelpunkt zu stellen. Den Abschluss des Bandes bilden schliesslich die volkskundlich und teilweise auch sozialpsychologisch ausgerichteten Ueberlegungen Utz Jeggles zur Bedeutung des Weihnachtsfestes im Angesicht der Konsumgeselllschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts sowie der Aufsatz von Helga Embacher ueber das Weihnachtsfest assimilierter Juden in Deutschland mit dem treffenden Titel "Weihnukka".

Die Aufsaetze skizzieren in dieser Weise einen - wenn man so moechte - "Weihnachts-Diskurs" (S. 121) im Foucault’schen Sinne, insofern nach den Bedeutungsgehalten gefragt wird, die bestimmten kulturellen Formen eigen sind, sowie nach den Verbindungen, die diese Formen mit Herrschaftsinstitutionen eingehen. Somit zeigt der Sammelband auf, welche Moeglichkeiten sich - auch und gerade mit einem interdisziplinaeren Ansatz - fuer eine theoretisch fundierte Kulturgeschichte ergeben, die nicht auf Fragen der Politik und der Macht verzichten will.

Anmerkungen:

(1) Claude Levi-Strauss: Der hingerichtete Weihnachtsmann, in: Der Komet. Almanach der Anderen Bibliothek auf das Jahr 1991, Frankfurt a.M. 1990, 162-190. Das franzoesische Original erschien unter dem Titel "Pere Noel supplicie", in: Les Temps Modernes 77 (1951/52) 1572-1590.

(2) Zur "Erfindung von Traditionen" vgl. den bekannten Sammelband von Eric J. Hobsbawm (Hg.): The invention of tradition, Cambridge 1983.

ZitierweiseAchim Landwehr: Rezension zu: Faber, Richard; Esther Gajek (Hrsg.): Politische Weihnacht in Antike und Moderne. Zur ideologischen Durchdringung des Fests der Feste. Wuerzburg 1997, in: H-Soz-u-Kult, 13.08.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=354>.

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