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Nationalsozialismus

I. Kershaw: Hitler 1889-1936

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Hitler 1889-1936
Ort:Stuttgart
Verlag:Deutsche Verlags-Anstalt
Jahr:
ISBN:3-421-05131-3
Bemerkungen:Aus d. Englischen v. Jürgen P. Krause u. Jörg W. Rademacher
Umfang/Preis:972 S.; € 49,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Ludolf Herbst, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <herbstlgeschichte.hu-berlin.de>

Biographien sind ein schwieriges Genre. Auf der einen Seite gilt es, eine Persoenlichkeit von ihren individuellen Lebensumstaenden her verstaendlich zu machen, auf der anderen Seite muessen die allgemeinen Zeitumstaende beruecksichtigt werden; denn das Individuum, so hat Dilthey einmal mit Bezug auf die Biographie bemerkt, ist nur der "Kreuzungspunkt" fuer Strukturen, "in die sein Dasein verwoben ist."

Eine Biographie Adolf Hitlers, wie sie Ian Kershaw jetzt in einem ersten Teilband, der die Jahre 1889 bis 1936 behandelt, vorgelegt hat, stellt neben der Verknuepfung des Allgemeinen mit dem Individuellen eine Reihe weiterer Anforderungen.

Sie muss erstens forschungsstrategisch gerechtfertigt werden koennen. Ein Hitler-Biograph eroeffnet ja heute kein neues Forschungsfeld mehr, auch sind wichtige Quellen zur Person Hitlers und den naeheren Umstaenden seiner Regierungstaetigkeit schon seit laengerem nicht mehr aufgetaucht. Die Goebbels-Tagebuecher stellen eine solche Quelle nur bedingt dar, zudem hat sie Marlis Steinert in ihrer Hitler-Biographie bereits zu Teilen auswerten koennen. Die Forschungssituation ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass wir heute ueber etwa ein Dutzend Hitler-Biographien verfuegen, die beachtliche Deutungsansaetze liefern. Darunter sind zwei aeltere, die von Alan Bullock und Joachim Fest, die zur Zeit ihres Erscheinens historiographische Ereignisse waren. Jeder weitere Versuch muss seither nicht nur neue wissenschaftliche Akzente setzen, sondern er muss sich auch am Niveau und an der interpretatorischen Kraft dieser beiden Werke messen lassen.

Eine zweite Anforderung besonderer Art stellt die schier unuebersehbare Fuelle wissenschaftlicher Untersuchungen ueber alle wichtigen Aspekte der nationalsozialistischen Zeit dar. Einzelne Felder wie die Erforschung der zentral wichtigen rassistischen und antisemitischen Politik und ihrer Konsequenz des Genozids in ganz Europa, sind bis zum Umfang eigener Disziplinen vorangetrieben worden. Kann ein Biograph, der dem Allgemeinen ja nicht ausweichen kann, vor diesem Hintergrund hoffen, eine Synthese auf dem Stand der Forschung zu erreichen? Dass das Terrain abschuessig ist, haben die Reaktionen auf die Hitler-Biographie von Marlis Steinert kuerzlich gezeigt.

Eine dritte hohe Anforderung stellt schliesslich die Person Hitler dar. Schon Sebastian Haffner hat in seinen klugen Anmerkungen zu Hitler auf die seltsame Leere im Privatleben und im Charakter Hitlers hingewiesen und ihn als Mann ohne Eigenschaften zu deuten versucht. Hitler ist ja ohne die politische Sphaere nahezu nicht existent und gemessen an den Normen menschlicher Gesittung eine extreme Randerscheinung. Einer empathischen Annaeherung stehen also nicht nur die monstroesen Verbrechen im Wege, sondern auch eine gemessen an anderen herausragenden Figuren der Geschichte hoechst durchschnittliche um nicht zu sagen gewoehnliche Persoenlichkeit, die eher als staendiger Verweis auf etwas anderes, denn als lebendiger integraler Bezugspunkt begriffen werden kann. Am Beispiel Hitlers stellt sich die Frage, ob eine Biographie ein geeignetes Genre ist, also mit besonderer Schaerfe.

Ian Kershaw, der kein Neuling auf dem Gebiet der NS-Forschung ist, sind die Schwierigkeiten, denen eine Biographie im allgemeinen und eine Hitler-Biographie im besonderen begegnet, bewusst. Er sucht sie auf ebenso innovative wie originelle Weise zu ueberwinden. Er nimmt die schon oft gestellte Frage, wie Hitler moeglich geworden ist, wieder auf, sucht nun aber eine Antwort in einer gesellschaftsgeschichtlichen Analyse. Er verbindet also das Genre der Biographie bewusst mit den Methoden der Sozialgeschichte. Aus der Not wird so eine Tugend: der raetselhafte Erfolg einer blassen Persoenlichkeit wird als Ergebnis einer gesellschaftlichen Projektion begriffen, deren wichtigstes Vehikel der "Fuehrer-Mythos" ist. Eine Gesellschaft, die in der Messias-Erwartung auf einen politischen Fuehrer ihren Fixpunkt hat, hilft einem Mann zu Bedeutung und Macht, dessen herausragende Faehigkeit darin besteht, sich den Erwartungen gemaess zu stilisieren und dem hierbei nichts entgegensteht, weil er ein Nichts ist. Seine Nichtigkeit wird auf diese Weise zur wesentlichen Praemisse seiner Bedeutsamkeit.

Kershaw kann fuer diesen Interpretationsansatz auf einschlaegige eigene Studien zurueckgreifen. Auf Anregung von Martin Broszat, der das Wesen des Nationalsozialismus vorwiegend in dessen Propagandawirkung erblickte, legte er 1979 ein Buch ueber den Hitler-Mythos vor. 1985 folgte unter dem Titel "The Nazi Dictatorship" eine Art Literaturbericht in Buchform, in dem Kershaw die wichtigsten Forschungspositionen und -kontroversen kritisch sichtete. 1991 schliesslich legte er einen ersten Gesamtzugriff unter dem Titel "Hitler" in der Serie "Profiles of Power" vor, in dessen Mittelpunkt die Machtstellung Hitlers steht. Der Begriff der Macht wird noch relativ konservativ angewandt, doch das Konzept, Hitlers Macht als gesellschaftliches Produkt zu verstehen, klingt schon an. Dabei greift Kershaw bereits auf Max Webers Begriff der >charismatischen Herrschaft< zurueck, den er ebenfalls fuer seine Hitler-Biographie heranzieht, wenn auch mit erkennbarer Distanz gegenueber einer theoriegeleiteten Geschichtsbetrachtung: "Wenn ich ein Konzept nennen soll, das mir mehr als jedes andere geholfen hat, beim Schreiben den Gegensatz des biographischen und sozialgeschichtlichen Ansatzes aufzuloesen, dann ist dies Max Webers Begriff der >charismatischen Herrschaft< - ein Begriff, der zur Erklaerung dieser aussergewoehnlichen Form politischer Herrschaft primaer auf diejenigen blickt, die das >Charisma< wahrnehmen, das heisst, auf die Gesellschaft und nicht in erster Linie auf die Persoenlichkeit als dem Gegenstand ihrer Verherrlichung." (9)

Aus diesem Blickwinkel entfaltet Kershaw das Bild einer deutschen Gesellschaft, die Hitler moeglich machte, weil sie ihm auf vielfaeltige Weise entgegenarbeitete. Es wurden nicht nur Hoffnungen auf den "Fuehrer" projiziert, sondern die Macht Hitlers wurde auch dadurch begruendet und staendig erweitert, dass sehr viele in vorauseilendem Gehorsam und angestachelt durch die ebenso weitgesteckten wie vagen ideologischen Zielsetzungen "im Sinne des Fuehrers" agierten. Auf diese Weise gewinnt Kershaw den Anschluss an die vor allem von Hans Mommsen vertretene Auffassung, dass Hitler ein schwacher, wenig entscheidungsfreudiger Diktator gewesen sei und die innere Dynamik des NS-Regimes, die Kershaw mit Mommsens Begriff als "kumulative Radikalisierung" versteht, weniger von Hitler als von radikalen gesellschaftlichen Kraeften vorangetrieben wurde.

Dieses Interpretationsmuster ueberzeugt allerdings nur, wenn nachgewiesen werden kann, dass es - wie Kershaw unlaengst in der FAZ formuliert hat - "damals den Ansatz eines Konsenses gab, der die Verwirklichung der Doktrinen moeglich machte, die Hitler repraesentierte." Gemeint ist ein gesellschaftlicher Konsens und so laeuft Kershaws Analyse denn auch auf eine "Sicht der Dinge" zu, die "nicht gerade vorteilhaft fuer die deutsche Gesellschaft jener Tage" ist (FAZ, 1.10.1998, Nr. 228, S. 45). In Anlehnung an Goldhagen, von dem Kershaw sich klar abgrenzt, - zu Recht, denn zwischen der methodischen Sorgfalt von Goldhagen und Kershaw liegen Welten -, liesse sich formulieren: es waren die "ordinary german men" die Hitler und seine Herrschaft moeglich machten.

Misst man Kershaws Hitler-Biographie an ihren selbstgesteckten Zielen ebenso wie an den Erfordernissen einer modernen Anspruechen gerecht werdenden Biographie, so faellt die Bilanz durchwachsen aus:

Ueber jeden Zweifel erhaben ist die profunde Sachkenntnis, ueber die der Autor verfuegt, sowie seine intime Kenntnis der Forschungsliteratur und der Quellen. Da er sich nicht scheut, im Text gelegentlich auch ausgiebig zu referieren und die Anmerkungen - nahezu zweihundert eng bedruckte Seiten - ausgiebige Nachweise und kritische Kommentare enthalten, wird das Werk zu einer Fundgrube fuer alle diejenigen, die sich in die Thematik des Nationalsozialismus einarbeiten wollen und den Zugang ueber die Biographie Hitlers und das Charisma-Konzept akzeptieren. Wer die Literaturpositionen und die Schluesselquellen kennt, die Kershaw referiert, wird gewiss nicht immer mit seinen Akzentuierungen einverstanden sein, aber doch viele Anregungen mitnehmen und neue Einsichten gewinnen.

Zu den Vorzuegen des Buches gehoert auch der methodisch-interpretatorische Zugang. Der Charisma-Ansatz ist in der Anwendung auf Hitler zwar nicht neu, aber bisher noch nicht so ueberzeugend und so konsequent angewandt worden. Zudem eignet er sich gerade im Falle Hitlers vorzueglich dazu, eine Verbindung zwischen Biographie und Gesellschaftsgeschichte herzustellen, wie dies dem Autor vorschwebte. Dass Webers Konzept gar nicht vorgestellt wird, muss kein Nachteil sein und foerdert gewiss die Lesbarkeit des Buches. Kershaw arbeitet auch ohne explizite Bezugnahme ueberzeugend mit Webers Begriffen, jedenfalls so lange er im engen Rahmen des Charisma-Konzepts verbleibt. Hierin steckt allerdings ein Problem.

Die Idealtypen in Webers Herrschaftsoziologie sind Instrumente der Erkenntnis und nicht Beschreibungsbegriffe fuer die historische Wirklichkeit. In der Wirklichkeit treten in der Regel Mischformen auf. Weber war natuerlich klar, dass die charismatische Herrschaft in der Epoche der legalen buerokratischen Herrschaft ueberhaupt nur unter bestimmten Umstaenden entstehen kann und sich in Gesellschaft und Wirtschaft moderner buerokratischer Systeme nur Teilprozesse mit den Kategorien der charismatischen Herrschaft erfassen lassen. Das heisst, das Konzept ist in der Anwendung auf die deutsche Gesellschaft der Zwischenkriegszeit von hoechst begrenzter Reichweite. Es eignet sich vorzueglich, um die sozialen Beziehungen zwischen einem Fuehrer, seiner Gefolgschaft und der weiteren Anhaenger- und Waehlerschaft zu analysieren und dies gelingt Kershaw ueberzeugend. Es eignet sich hingegen nicht dazu, die komplexe Struktur der gesamten Gesellschaft zu beschreiben, es sei denn, man nimmt die gesamte Webersche Herrschaftssoziologie zu Hilfe und nicht nur einen Teil. Dies aber tut Kershaw nicht.

Sozialgeschichte in einem umfassenderen Sinne geraet daher in Kershaws Buch nicht oder nur am Rande in den Blick. Die Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft wird ebensowenig analysiert wie das institutionelle Gefuege, das Leben der einfachen Leute ebenso wenig wie die Entwicklung der Wirtschaft. Das methodische Hauptinstrument der modernen Sozialgeschichte, der Vergleich, wird gar nicht genutzt. Man mag darueber streiten koennen ob Kershaw ueberhaupt einen Beitrag zur deutschen Sozialgeschichte leistet oder ob man statt dessen nicht besser von "politischer Imagologie" sprechen sollte, wie Martin Broszat das in bezug auf Kershaws erstes Werk ueber den Hitler-Mythos getan hat.

Die Krux liegt in dem Anspruch, nicht in dem Wert der Analyse. Haette Kershaw den biographischen und den sozialgeschichtlichen Anspruch nicht erhoben und sein Werk als umfassende Monographie zur Genese, Entwicklung und Wirkung des Hitler-Mythos konzipiert, liessen sich gegen das vorliegende Werk nur marginale Einwaende geltend machen. Die alte Leitfrage, wie Hitler moeglich war, wird durch diese Studie auf hoechst interessante Weise beantwortet, aber die Antwort stellt nur eine Teilantwort dar. Zweifellos haette sich diese Antwort durch eine Gesellschaftsgeschichte, die diesen Namen verdient, komplexer gestalten lassen. Doch eine Teilantwort waere sie auch dann geblieben; denn die Frage wie Hitler moeglich war, laesst sich im Kontext der deutschen Gesellschaft allein nicht beantworten. Dazu bedarf es eines groesseren relationalen und vergleichenden Horizonts. Kershaw hat ganz Recht, wenn er zu Beginn seines Werkes konstatiert, dass "grundlegende Fragen" bisher nicht geklaert seien und zu ihnen die folgenden zaehlt: "Was war an dieser katastrophalen Entwicklung spezifisch deutsch? Was war typische Zeiterscheinung? Was war Teil einer allgemeineren europaeischen Krankheit? Waren die Geschehnisse ein Ergebnis und ein Merkmal der modernen Zivilisation?" Antworten auf Fragen solchen Zuschnitts bleiben ausserhalb der Reichweite des Buches, aber muss eine moderne Biographie ueber Adolf Hitler nicht versuchen, Antworten auch auf solche Fragen zu finden?

Kann eine Biographie im Zeitalter der Globalisierung als modern gelten, die die groesste Katastrophe des 20. Jahrhunderts als ein deutsches Ereignis begreift und die aussenpolitische und aussenwirtschaftliche Dimension nahezu ausser acht laesst? Und ist diese Katastrophe mit dem Namen Hitler ueberhaupt sinnvoll bezeichnet?

ZitierweiseLudolf Herbst: Rezension zu: Kershaw, Ian: Hitler 1889-1936. Stuttgart 1998, in: H-Soz-u-Kult, 12.08.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=339>.

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