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Neuere Geschichte

S. Krauss-Meyl: Das "Enfant terrible" des Königshauses

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Das "Enfant terrible" des Königshauses. Maria Leopoldine, Bayerns letzte Kurfürstin (1776-1848)
Ort:Regensburg
Verlag:Pustet
Jahr:
ISBN:3-7917-1558-5
Umfang/Preis:420 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Siegfried Grillmeyer, Jugendbildung, CPH Jugendakademie
E-Mail: <siegfried.grillmeyerGESCHICHTE.UNI-REGENSBURG.DE>
www.cph-nuernberg.de

Wer vor mehr als zehn Jahren die Biographie einer Adeligen vorgelegt haette, der waere sicher von einem grossen Teil der historischen Zunft belaechelt worden. Dies scheint sich in zweierlei Hinsicht in den letzten Jahren veraendert zu haben: Die Suche nach dem Individuum in der Geschichte hat eine der klassischen Formen der deutschen Geschichtsschreibung wieder salonfaehig gemacht: Biographien erobern sich zunehmend einen groesseren Raum in der Historiographie. Gleiches gilt fuer den Gegenstand, die Erforschung des neuzeitlichen Adels kann sich mittlerweile gleichberechtigt neben Arbeiterklasse und Buergertum sehen lassen: Nach langer Abstinenz bemuehen sich mittlerweile sogar Forschungsprojekte um dessen Erforschung. Innerhalb dieser Konjunktur kann auch auch die Arbeit der Muenchner Historikerin Sylvia Krauss-Meyl eingeordnet werden. Sie zeichnet in einer umfangreichen Monographie das Leben der letzten bayerischen Kurfuerstin, Gemahlin des Kurfuersten Karl Theodor von Pfalz-Bayern nach. Dabei gelingt es ihr, das Potential einer biographischen Darstellung auszunutzen, indem sie von einer Individualbiographie ausgehend, das Gruppenportrait einer fuehrenden Gesellschaftsschicht entwirft. In dieser Darstellung, die durchaus als "Sozialbiographie" (Gestrich) bezeichnet werden kann, spiegeln sich somit nicht nur adelige Lebenswelten um 1800 wider, sondern die Veraenderung, die Transformation von der staendischen zur buergerlichen Gesellschaft wird in all ihren Widerspruechlichkeiten sichtbar. Denn gerade in dieser Person kann vorgefuehrt werden, dass manch klar erscheinende Einordnung als "adelig" oder "buergerlich", als "traditional" oder "modern" zur Beschreibung der Personen in diesem "entzweiten Jahrhundert" (Hegel) nicht greifen.

Grundlage der Arbeit ist die Entdeckung eines archivalischen Schatzes, der hier erstmals ausgewertet wurde. In wohl unermuedlicher Sammelleidenschaft hatte Graefin Gundelinde von Preysing alle Quellen und Familienueberlieferungen zu ihrer Vorfahrin zusammengestellt, welche im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Geheimes Hausarchiv lagern. Ohne diese Recherchen und Vorarbeiten haette, so die Autorin verheissungsvoll im Vorwort, die Biographie "einer der interessantesten und aufregendsten Frauengestalten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert" nicht geschrieben werden koennen.

Maria Leopoldine wurde geboren im Jahr der amerikanischen Revolution und starb im Jahr der deutschen Revolution. Dazwischen spannt sich eine Biographie, die den Blick freigibt fuer ein bewegtes Leben in einer Zeit der Umbrueche. Als sie 1776 als Erzherzogin in der Lombardei das Licht der Welt erblickte, war ihre kaiserliche Grossmutter Maria Theresia nicht sonderlich begeistert, schliesslich hatte man in Wien auf einen Enkel gehofft. Dynastische Ueberlegungen sollten auch weiterhin ihr Schicksal begleiten und es waren damit wesentliche Grundlinien ihres Weges vorgezeichnet. Die Erziehung zur Hofdame, welche adelige Ideologie vermittelte, aber zugleich durchzogen war vom Gedankengut der Aufklaerung, sollte sie vorbereiten, ihre Rolle als spaetere Heiratskandidatin im politischen Spiel des Ancien Regime einzunehmen. Dazu kam es bereits sehr frueh, nachdem der Weg Leopoldines vom ungestoerten Jugenddomizil in Italien aufgrund der Koalitionskriege nach Wien fuehrte. Es galt die Beziehungen zu Bayern durch Heiratspolitik zu festigen und damit schweift der Blick in das barocke Hofleben nach Muenchen. Denn dort wollte Karl Theodor nach dem Tod seiner Gattin, die ihm keinen Nachfolger geschenkt hatte, nicht lange warten, um doch noch einen eigenen Sohn an das bayerische Erbe zu bringen. Viel Zeit hatte er dazu nicht mehr, und daher wurde das Angebot des Hauses Habsburg schnell angenommen. Eine Verwandte sollte spaeter zur Entwicklung Leopoldines urteilen, "dass sie mit 18 Jahren einen albernen Mann von 71 Jahren heiratete... und in die grosse Welt geworfen wurde" (S. 30) Natuerlich war es nicht nur die "grosse Welt", sondern vor allem die grosse Politik, und vor allem schliesslich das kleine Muenchen, in welche die junge Habsburgerin geworfen wurde. Denn mit der neugegruendeten Verwandschaft war ein Weg fuer Habsburg eroeffnet, dynastische Ansprueche beim Tod des Kurfuersten zu stellen, um so endlich in den langersehnten Besitz Bayerns zu gelangen. Somit erhalten die geschilderten Szenen aus dem Leben des ungleichen Paares neben der Freude am Burlesken auch ihren hintergruendigen Sinn. Wenn beispielsweise der spaetere Koenig Max Joseph ein intimes Verhaeltnis zu seiner Verwandten pflegt, so wird deutlich, wie hoch die Libertinage in Liebesdingen scheinbar im Kurs stand, denn haette das Verhaeltnis Folgen gezeitigt, so haette sich der Zweibrueckener durch eine Affaere um den Thron gebracht, und seinem Widersacher den ersehnten Sohn geschenkt. Denn Karl Theodor haette ein Kind zweifellos anerkannt, schickte er doch sogar seinen Obersthofmeister zu seiner Frau, um ihr "in seinem Auftrag ein Kind zu machen, fuer das er die Vaterschaft uebernehmen wuerde." (S. 69) Von besonderer Brisanz waren schliesslich die Entwicklungen im Jahr 1799, einem Entscheidungsjahr fuer die weiteren Geschicke Bayerns.

Die Autorin kann anhand des erstmals herangezogenen Quellenbestandes die Schluesselrolle nachzeichnen, welche die bayerische Kurfuerstin einnahm. Obwohl sie als Habsburgerin zum Gegenteil bestimmt gewesen war, ist gerade ihr es nach den Worten des zweiten bayerischen Koenigs zu verdanken "dass Wittelsbacher noch in Bayern herrschen" (S. 73). Diese Einflussnahme zugunsten des Hauses Wittelsbach(-Zweibruecken) ist ihr dementsprechend von den folgenden Herrschern des Landes hoch angerechnet worden. Sowohl in finanzieller, wie auch in gesellschaftlicher Weise: Zum einen verfuegte sie zeitlebens ueber hoechste Apanagen, was einen unabhaengigen Lebensstil ermoeglichte und zum anderen gehoerte sie bis zu ihrem Lebensende dem inneren Kreis des Muenchner Hofes an, was einen nicht zu unterschaetzenden Handlungsspielraum eroeffnete. Eine politische Rolle spielte sie jedoch nach 1799 nicht mehr, sondern sie kuemmerte sich fortan in erster Linie um ihre Geschaefte und um ihre neue Familie. Maria Leopoldine wird uns vorgefuehrt als Frau, die sich mit voller Energie dem Aufbau und der Pflege eines kleinen Landgutes widmete. Und dies mit kaufmaennisch-rationalen Geschick, das sich in keiner Weise als adelig bezeichnen laesst. Damit wird auch der Blick freigelegt auf laendliche Lebensformen des Adels und dessen wirtschaftliches Engagement (Kap. V und Kap. X). Dies bedeutet jedoch nicht, dass die exponierte Stellung als Kurfuerstin Witwe aus den Augen verloren wird. Ihr Verhaeltnis zum Koenigshaus, ihre gesellschaftskritischen Beobachtungen und ihr politischer Scharfsinn werden in unterschiedlichen Facetten immer wieder Gegenstand der Betrachtung. Damit fallen auch einige Streiflichter auf die Personen in ihrer Umgebung, auch wenn sie das Bild, wie beispielsweise das von H. Gollwitzer fuer Ludwig I. entworfene, dabei nicht veraendern, sondern nur einige Nuancen hinzufuegen. Personen bleiben grundlegender Bezugspunkt in dieser Biographie. Denn es geht der Autorin vor allem darum, die personellen Netze und Verflechtungen zu zeigen, in denen ihre Protagonistin steckt. Die Suche nach den geeigneten Lebenspartnern (Kap. VI), das familiaere Leben (Kap. VII: Maria Leopoldine und ihre Kinder) und die Muenchner Gesellschaft (Kap. XI: Menschen um Maria Leopoldine) bestimmen weite Zuege der Monographie.

So wird dem Leser ein farbenfrohes und nuancenreiches Bild entworfen von einer Frau zwischen zwei Jahrhunderten. Immer wird dabei deutlich, wie sehr es sich um Zeiten im Umbruch handelte, wie widerspruchsvoll dieses "entzweite Jahrhundert" begann und sich entwickelte. Vor allem wird auch deutlich, welchen Handlungsspielraum eine Adelige am Beginn des "buergerlichen Zeitalers" wahrnehmen konnte. Strukturelle Analysen bleiben dabei jedoch auf der Strecke. Altgewohnte Zuordnungen bleiben dagegen bestehen. Als die Kurfuerstin Witwe Koenig Max II. bei seinem Regierungsantritt davon zu ueberzeugen sucht, dass er vor allem das Glueck der Untertanen und des Landes bei seiner Regierung vor Augen haben muesse, so zeigt dies das Fortbestehen einiger Struktur- und Mentalitaetsmerkmale des Ancien Regime und mag ein Hinweis sein fuer die ungebrochene Tradition adeliger Ideologie im "langen 19. Jahrhundert"; aber es ist nicht ein Beweis, um sie - wie es die Autorin faelschlicherweise versucht - einzuordnen als "Anhaengerin eines modernen, demokratischen Staatsbewusstseins" (S. 186). Zugegebenermassen ist es an manchen Stellen schwer, eine Einordnung dieser Person zwischen Alt und Neu, Tradition und Fortschritt zu treffen.

Aber gerade die Rolle des Adels in diesem Transformationsprozess haette es verdient, staerker ins Blickfeld gerueckt zu werden. (Aber wie ueblich wird auch hier der Modernisierungsprozess als Erklaerungsmatrix herangezogen, wodurch die Person eher zum Opfer als zum Taeter des Wandels, des Zeitgeistes, der Zeitsroemung etc. wird.) Hieraus haetten sich auch Anregungen fuer eine vergleichende Adelsgeschichte im 19. Jahrhundert entwickeln lassen. (Beispielsweise wie es die nunmehr vorliegenden Versuche zum saechsischen Adel zeigen). Und damit haette eine wunderbare Quellensituation genuetzt werden koennen, um jenseits autobiographischer Details nicht nur ein Zeitkolorit, sondern einen Beitrag zur Strukturgeschichte des Adels zu leisten. Aber dies war indes wohl nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit. Hier ging es mehr darum, die Person Maria Leopoldine in ihren historischen Bezuegen darzustellen. Das ist zweifellos gelungen. Vor allem die flotte Sprache, die zwar als essayistisch bezeichnet werden kann, jedoch niemals bei der stilistischen Gratwanderung ins populaerwissenschaftliche abstuerzt, verdient Lob. Auch die Ausstattung, dies nur als Marginale, verdient Anerkennung, da der Verlag hier unbekannte Bildquellen erschloss. Als anregende und unterhaltende Lektuere zweifellos zu empfehlen.

ZitierweiseSiegfried Grillmeyer: Rezension zu: Krauss-Meyl, Sylvia: Das "Enfant terrible" des Königshauses. Maria Leopoldine, Bayerns letzte Kurfürstin (1776-1848). Regensburg 1997, in: H-Soz-Kult, 01.10.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=329>.

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