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Europäische Ethnologie und Hist. Anthropologie

T. Fliege: Bauernfamilien zwischen Tradition und Moderne

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Bauernfamilien zwischen Tradition und Moderne. Eine Ethnographie baeuerlicher Lebensstile
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Campus Verlag
Jahr:
ISBN:3-593-35946-4
Umfang/Preis:486 S.; € 51,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Rita Gudermann, Arbeitsbereich Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Freie Universitaet Berlin
E-Mail: <rita.gudermannberlin.de>

Ethnologische Feldforschung bei oberschwaebischen Vollerwerbslandwirten: Thomas Fliege untersucht in seiner bei Wolfgang Kaschuba in Tuebingen entstandenen Dissertation das Alltagsleben von Bauern im Spannungsfeld zwischen moderner urbaner und traditioneller laendlicher Welt. Er interviewt zwoelf baeuerliche Ehepaare zweierGenerationen, die Hoefe mit einer durchschnittlichen Groesse von 61 Hektar bewirtschaften. Es handelt sich um eine ueberwiegend katholische Region mit einem ueberwiegenden Anteil an CDU-Waehlern und einem traditionell hohen baeuerlichen Selbstbewusstsein.

Den Ethnologen Fliege interessieren der Prozess der Modernisierung, indessen Folge Klasse, Schicht, Familie und Geschlechtslagen an Bedeutung verlieren, und die durch den Lebensstil umschriebene, neue soziale Ungleichheit. Sein Untersuchungszeitraum umfasst die Zeit seit dem 2.Weltkrieg, in der die Bauern zur Minderheit im Dorf wurden. Radikal war nicht nur der gesellschaftliche Wandel, auch die oekonomischen Praemissen der letzten 200 Jahre wurden hinfaellig: Landwirtschaftlicher Fortschritt erscheint zunehmend kontraproduktiv.

Wie setzt sich nun das Gemenge von Tradition und Moderne zusammen? Die Biographien der Baeuerinnnen und Bauern geben Auskunft darueber: Die Vaeter- und Muettergeneration, geboren um 1930, wuchs in einer Zeit der Not und des Hungers auf. Das traditionelle laendliche Milieu, in dem Dorf, Hof und Familie die wichtigsten Bezugssysteme darstellten, war noch intakt, Individualisierungstendenzen liessen sich erst in Ansaetzen feststellen. Gleichwohl wurden sie zum Traeger der ersten groesseren Mechanisierungsphase der Landwirtschaft und des landwirtschaftlichen Aufschwungs der 1950er Jahre. Der Familienbetrieb ohne familienfremde Hilfskraefte, aber mit hoher Kapitalintensitaet wurde zum Standard. Vorsicht und Risikoabwaegung, insbesondere dasVermeiden von Schulden, galten als wichtige Tugenden. Die Soehne und Toechter wurden um 1960 in eine Zeit des Ueberflusses geboren und partizipieren seit ihrer Jugend an der Wohlfahrtsentwicklung der BRD. Sie uebernehmen oft gut ausgestattete Betriebe und zeigen sich risikobereiter als ihre Eltern. Trotz in der Regel guter landwirtschaftlicher Ausbildung haben sich jedoch eine unsichere wirtschaftliche Zukunft vor sich.

Allen Modernisierungstendenzen zum Trotz besteht die Bauernfamilie am Ausgang des 20. Jahrhunderts noch immer als "Totalitaet" von Betrieb und Familie, deren Entwicklung eng miteinander verknuepft ist. Die Erhaltung des Hofes wird als Pflicht empfunden, der sich sowohl die Alten als auch die Jungen unterordnen. Der Hof repraesentiert die Arbeit frueherer Generationen, er stellt die "Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft" (S. 171) dar. Dem Eigentum kommt eine ueberragende Bedeutung zu: Es bildet die Grundlage der baeuerlichen Identitaet und immunisiert gegen eine Vielzahl von Lebensrisiken. Die Hofuebergabe ist demzufolge ein krisenhaftes, zum Teil sogar traumatisches Ereignis geblieben, verknuepft sich mit ihr doch der Uebergang der vollen Verantwortung vom alten an das neue Bauernpaar. Dennoch erleben die Altenteiler keinen Prestigeverlust: Sie bleiben auf dem Hof und beteiligen sich weiter an der Arbeit. Rechte und Pflichten der Generationen untereinander werden klar geregelt.

Die Ehe hat noch immer einen hohen Stellenwert, was sich in einer unterdurchschnittlichen Scheidungsrate manifestiert. Obwohl raeumlich ausgedehnt, erscheinen auch die Heiratkreise noch relativ geschlossen: Die Erben sind in der Regel mit Bauerntoechtern verheiratet - die gemeinsame Sozialisation erscheint als Garant der "Kontinuitaet des Eigentums sowie der materiellen und sozialen Beziehungen" (S. 175). Ausserdem hat sich eine starke geschlechtsspezifische Arbeitsteilung erhalten, die von den Frauen jedoch nicht als Diskriminierung empfunden wird. Aufgrund der Vielzahl von Arbeitsbereichen, die in die Verantwortung der Baeuerinnen fallen, sind sie sich der Unersetzbarkeit ihrer Position bewusst. Wichtige Entscheidungen werden von beiden Betriebsleitern gemeinsam getroffen - keine Bezeichnung trifft die Stellung der Baeuerin somit schlechter als die der 'mithelfenden Familienangehoerigen'.

Wurden Kinder frueher in das "Beziehungssystem Hof" hineingeboren und konservativ-streng erzogen, so ist heute die Mitarbeit auf dem Hof nicht mehr selbstverstaendlich. Oftmals machen sie eine andere Ausbildung und entscheiden sich erst spaeter nach reiflicher Ueberlegung zur Landwirtschaft, "aus Interesse und Lust" (S. 188) und aufgrund der "hoeheren Entfaltungs- und Selbstverwirklichungsmoeglichkeiten" (S. 186) des Berufs.Was stark ins Auge faellt ist die "Allgegenwart der Arbeit" (S. 212). Anders als bei der Mehrheit der Bevoelkerung ist die Arbeitszeit der Bauern nicht zurueckgegangen. Im Jahre 1988 lag sie bei durchschnittlich 64 Stunden in der Woche und damit weit ueber der von anderen Selbstaendigen (53 Stunden) und Angestellten (40 Stunden).Baeuerinnen kamen gar auf bis zu 70 Stunden in der Woche. Dennoch korrespondiert damit eine hohe Arbeitszufriedenheit: "Freiheit und Selbststaendigkeit werden subjektiv hoeher bewertet als ein geregeltes Einkommen und ein Mehr an Freizeit." (S. 257). Ausserdem haben die Freude, mit Lebendigem zu tun zu haben, die verbliebenen unoekonomischen und ganzheitlichen Aspekte und die Vielseitigkeit der Arbeit fuer die Befragen eine grosse Bedeutung. Erfolg wird nicht nach Stunden berechnet, sondern nach dem Resultat.

Noch immer existiert ein Leistungs- und Selbstbewusstsein, das sehr stark ueber die koerperliche Arbeit vermittelt ist. So konstatiert Fliege ein "vormodernes Gesundheitsbewusstsein" (S. 252): Krankheit wird, da sie die Identitaet bedroht, haeufig ignoriert. Auch das Erfahrungswissen ist eng mit dem Koerper verbunden: Die Faehigkeit zur sinnlichen Wahrnehmung der Umgebung bildet eine wichtige Voraussetzung fuer den Beruf.

Der Lebenstil spiegelt die Einheit von Arbeit und Leben wieder: Fliege konstatiert einen durchgaengig hohen Lebensstandard; das eigene Haus ist die Regel, Sauberkeit und Ordnung sind selbstverstaendlich. Die Ausstattung ist gediegen und nicht an modischen Trends orientiert. Konservativ zeigen sich die Bauernfamilien auch bei der Beibehaltung ueberlieferter Ernaehrungsgewohnheiten: Die Selbstversorgungsquote ist hoch, und noch immer haengt der Speiseplan von den Jahreszeiten ab. Waehrend sie sich in ihrer Kleidung kaum von den Staedtern unterscheiden, ist das Freizeitverhalten der Bauern ein grundsaetzlich anderes - ein erlebniszentriertes Konsumverhalten gibt es nicht. An Ausgaben fuer Kino, Restaurantbesuche etc. wird - im Gegensatz zu den Investitionen, die fuer den Betrieb getaetigt werden - gespart. Stattdessen kommt dem Vereinsleben noch eine hohe Bedeutung zu, und auch Verwandtschaft, Nachbarschaft und Kirche sind wichtige Bezugsgroessen geblieben. Das Fernsehprogramm spielt eine wichtige Rolle fuer die Unterhaltung, es wird jedoch nicht individualisiert wahrgenommen, sondern im Kreis der Familie. Das Fehlen von Freizeit wird nicht vermisst, im Gegenteil: Insbesondere der Urlaub loest vielmehr haeufig ein Gefuehl von Entfremdung aus.

Doch die Zwaenge der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft machen jedoch auch vor der Bauernfamilie nicht halt: Die Schule gibt den Familienmitgliedern unterschiedliche Tagesrhythmen vor. Die gemeinsame Mahlzeit ist allerdings erhalten geblieben und wird "als Bollwerk eingesetzt gegen die Individualisierungstendenzen der Moderne" (S.326).

Obwohl mehrfach totgesagt, erweist sich die baeuerliche Familienwirtschaft als erstaunlich ueberlebensfaehig. Ihre grosse Flexibilitaet und Anpassungsfaehigkeit und die verbleibende Bindung landwirtschaftlicher Arbeit an natuerliche Wachstumszyklen stellen die Ursachen hierfuer dar.

Dennoch beschreibt Fliege keine laendliche Idylle: Die Bauern klagen vielmehr ueber soziale Isolation, Hektik und Stress, ausgeloest durch moderne Technologien und wachsenden Konkurrenzdruck. Dass seit Gruendung der EWG ausgerechnet die Landwirtschaft mit ihrer nicht zu zentralisierenden Leistung einer supranationalen Behoerde unterstellt wurde, wird ueberaus negativ gewertet: Was "die da in Bruessel" (S.264) machen, erscheint - wie es eine Baeuerin ausdrueckte - als "Granatensauerei" (S. 256). "Die Politiker - so eine haeufig geaeusserte Meinung - wissen nicht, was sie tun, sind konzeptionslos, sie haben keine Ahnung von der Landwirtschaft." (S. 270) Das wohl staerkste Gefuehl ist dementsprechend das einer Marginalisierung in einer Gesellschaft, die die baeuerliche Lebensform nicht mehr kennt. Latente Ratlosigkeit und Existenzangst verspueren besonders die Altenteiler, doch auch den Jungbauern sind sie nicht fremd. Ihr traditionelles Arbeitsethos bietet keine Gewaehr mehr fuer das Fortbestehen des Hofes. Und so lautet denn das Resuemee: "Die agrarpolitischen Rahmenbedingungen, die schwierigen Produktionsverhaeltnisse und eine ungewisse Zukunft beeintraechtigen den schoenen Beruf." (S. 269). Die Bauern reagieren mit Resignation und einer Strategie des Durchhaltens. Rechtsradikale Toene konnte Fliege, anders als andere Autoren vor ihm, jedoch nicht ausmachen.

Das Buch ist mit seinen praezisen Einblicken in das Leben einer gesellschaftlichen Minderheit besonders Politikern zu empfehlen. Doch was kann es Historiker lehren? Flieges Untersuchung spiegelt ein Stueck Zeitgeschichte, der Autor geht sogar davon aus, dass am Beispiel der baeuerlichen Familie der Wandel der abendlaendischen Gesellschaft besonders deutlich wird. Sein Verdienst ist es, die erstaunliche Resistenz der baeuerlichen Lebensform aufzuzeigen und zu erklaeren, worin ihre Attraktivitaet eigentlich besteht.

Die Historikerin wuenscht sich einen praeziseren Titel, denn 'zwischen Tradition und Moderne' bewegen sich wohl alle Bauerngesellschaften seit spaetestens 1789. Auch der Plural des Wortes 'Lebensstile' im Untertitel taeuscht, arbeitet Fliege doch gerade einen einheitlichen baeuerlichen Lebenstil heraus. Um die baeuerlichen Werthaltungenweniger isoliert in der gegenwaertigen Welt erscheinen zu lassen, waere ein Vergleich mit den Strukturen von Unternehmerfamilien angebracht gewesen.

Dennoch hat die Feldforschung Wichtiges zu Tage gebracht: Obwohl die Bauern in gewisser Weise Fossilien sind, sind sie doch alles andere als 'rueckstaendig'. Das Bestreben, Arbeit und Leben zu verbinden, hat vielmehr eine neue Aktualitaet gewonnen. Gerade in dem Augenblick, wo sich die allzu rigiden Zwaenge lockern, wo die baeuerliche Lebensform aus Lust und Interesse gewaehlt wird und wo die 'grossen Ohren des Dorfes' (Utz Jeggle) an Bedeutung verlieren, geht die baeuerliche Familienwirtschaft unter. Schade. Oder besteht hier ein struktureller Zusammenhang? Mit dieser Frage laesst Fliege die Leserschaft allerdings allein.

ZitierweiseRita Gudermann: Rezension zu: Fliege, Thomas: Bauernfamilien zwischen Tradition und Moderne. Eine Ethnographie baeuerlicher Lebensstile. Frankfurt am Main 1998, in: H-Soz-Kult, 29.09.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=323>.

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