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Zeitgeschichte (nach 1945)

A. Heinen: Saarjahre

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Saarjahre. Politik und Wirtschaft im Saarland 1945 - 1955
Reihe:Historische Mitteilungen Beiheft 19
Ort:Stuttgart
Verlag:A. Francke Verlag
Jahr:
ISBN:3-515-06843-0
Umfang/Preis:603 S.; € 44,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Marcel Boldorf, Universitaet Mannheim
E-Mail: <boldorfrummelplatz.uni-mannheim.de>

Dem Buch von Armin Heinen liegt seine im Sommer 1995 an der Philosophischen Fakultaet der Universitaet des Saarlandes angenommene Habilitationsschrift zugrunde. Sie setzt sich zum Ziel, eine "<Gesamtdarstellung> der Geschichte des Saarlandes" (S. 16) zu schreiben. Den Schwerpunkt bildet die Untersuchung der Wirtschaftsunion mit Frankreich und ihrer politischen Konsequenz, d.h. "dem Wechselverhaeltnis von Politik und Oekonomie" (S. 17), das Heinen als Grundlage der franzoesisch-saarlaendischen Beziehungen ansieht. Die politikgeschichtliche Untersuchung siedelt sich auf mehreren Schauplaetzen an: Paris, Bonn und Saarbruecken. Die Arbeit ist vorwiegend aus Primaerquellen geschrieben, die weniger im Saarland, als vielmehr in franzoesischen Archiven ueberliefert sind (u.a. Saarabteilung des franzoesischen Aussenministeriums Quai d'Orsay, Militaerregierung in Baden-Baden, Archivalien des Hohen Kommissariats).

Als erstes untersucht Heinen, weshalb an der Saar eine raschere Rekonstruktion als in den Westzonen gelang; er schreibt, die Saar stuende "fuer eine Erfolgsgeschichte deutscher Wirtschaft nach 1945". (S. 144). Tatsaechlich relativiert sich die ueberschwengliche Formulierung, wenn man andere westeuropaeische Industrielaender als Vergleichsmassstab heranzieht: 1947 lag der Index der Industrieproduktion auf der Basis 1936=100 im Saarland bei 60, also deutlich ueber dem Wert der Franzoesischen Besatzungszone (33) und der Bizone (40), aber weitaus niedriger als in Belgien (86) und Frankreich (87). Aehnlich wie Wolfgang Zank fuer die Sowjetische Besatzungszone herausarbeitete, konstatiert Heinen als Grund fuer die hoehere Produktivitaet ein strengeres Bewirtschaftsungssystem. Hinzu kam im Vergleich mit Westdeutschland die wesentlich fruehere Waehrungsreform 1946 durch die Einfuehrung der Saarmark, nicht erst durch die des franzoeischen Franc im November 1947. Das Hauptgewicht Heinens Argumentation liegt auf dem Bewirtschaftungssystem und der Arbeitskraeftelenkung, die sich an der Nachfrage im produktivsten Sektor, dem Montanbereich, orientierte. Hierzu gehoerte auch die Steigerung des Arbeitskräftepotentials durch fruehzeitige Entlassungen aus der franzoesischen Kriegsgefangenschaft. Des weiteren wurde der Teufelskreis von Unterernaehrung und mangelhafter Arbeitsproduktivitaet von der Ernaehrungsseite her durchbrochen. Die Bezahlung und Versorgung fuer die Beschaeftigten im Montanbereich lag zum Teil ueber den vom Alliierten Kontrollrat verfuegten Hoechstsaetzen. Fuer die betroffenen Bevoelkerungsteile, aber auch fuer das gesamte Territorium bedeutete dies eine materielle Besserstellung gegenueber den angrenzenden deutschen Gebieten. In einem weiteren Rahmen schliesst sich Heinen der Argumentation Christoph Buchheims fuer die Franzoesische Besatzungszone an, der neben der strikteren Bewirtschaftung die Foerderung exportorientierter Unternehmen, an der Saar die Kohlegruben und die Eisen- und Stahlwerke, als wachstumsbelebend in den Mittelpunkt stellte. Mit den wirtschaftshistorischen Untersuchungen Heinens verliert die hartnaeckig sich haltende These, dass Frankreich seine Besatzungszone einseitig ausgebeutet habe, weiter an Gewicht.

Die extreme Foerderung der Grundstoffindustrien in den Nachkriegsjahren durch das franzoesische Bewirtschaftsungssystem bedeutete laengerfristig den Weg in eine strukturelle Sackgasse. Bereits in den fruehen 50er Jahren stiessen diese wirtschaftlichen Schwerpunktbereiche an die Grenzen ihrer Wachstumsmöglichkeiten. Die Montanerzeugnisse des Saarlandes erwiesen sich im internationalen Wettbewerb zunehmend als nicht mehr konkurrenzfaehig. Diese wirtschaftliche Hypothek gilt es der politischen Entwicklung mitzubeachten. Dies ist eine der Wechselwirkungen, die Heinen besonders betont.

Die Abschnitte ueber den Zeitraum 1948 bis 1955 untersuchen zunaechst "Strukturen", dann "Entwicklungen" in vier Bereichen: das Regierungssystem, die oekonomischen Gegebenheiten, die franzoesische Saarpolitik, die Herausforderung durch Deutschland. Das interessanteste erste Kapitel wendet sich der damaligen saarlaendischen Regierung und den Protagonisten der Zeit zu. Das war vor allem der Ministerpraesident Johannes Hoffmann (CVP - Christliche Volkspartei), der im genannten Zeitabschnitt vier Regierungen vorstand, zumeist in einer grossen Koalition mit der Sozialdemokratischen Partei des Saarlandes (SPS). Das Regime sei undemokratisch, autokratisch, eine "Demokratur", so lautete bereits der zeitgenoessische Vorwurf. Es mangelte an einer wirkungsvollen Opposition. Das lag an der grossen Koalition, aber auch daran, dass die fundamentalen Gegner der Regierung, die Organisationen und Parteien, die auf einen Anschluss an die BRD draengten, illegal waren. Gemaess der saarlaendischen Verfassung von 1947 war der wirtschaftliche Anschluss an Frankreich festgeschrieben. Eine Agitation dagegen galt als verfassungswidrig und wurde entsprechend verfolgt. Dies fuehrte z.B. 1951 zum zeitweiligen Verbot der Deutschen Partei Saar (DPS).

Die verordnete Orientierung auf Frankreich - so empfand es offenbar eine Mehrheit der Bevoelkerung - ging vom franzoesischen Hochkommissariat unter dem Vorsitz von Gilbert Grandval aus. Sie aeusserte sich vor allem in der Kulturpolitik, die darauf zielte, eine groessere Affinitaet zum westlichen Nachbarn herzustellen. Insgesamt mangelte es dem Land an eigenen Symbolen, meint Heinen. Aus diesem Grund hebt er den Erfolg des 1. FC Saarbruecken hervor, der 1952 deutscher Vizemeister im Fussballsport wurde. Ueberspitzt koenne man formulieren: "Paris verlor die Saar durch den Fussball." (S. 239). Der triumphale Einzug der Mannschaft in Saarbruecken markierte den ersten deutschnationalen Taumel, in den die Region verfiel. Dies wiederholte sich zu aehnlichem Anlass, dem 1954er WM-Erfolg der westdeutschen Equipe in derselben Sportart. Aus rein politischen Gruenden erlebte die Saar im Sommer 1955 eine erneute nationale Euphorie, als im Vorfeld der Abstimmung ueber das Saarstatut die prodeutschen Parteien zugelassen wurden, d.h. die erwaehnte FDP-nahe DPS sowie die saarlaendischen Ableger der westdeutschen CDU und SPD. Letztere befanden sich in Opposition zur Regierungskoalition von CVP und SPS, und zwar in einem einzigen Punkt: der Frage der Rueckgliederung des Saarlandes an Deutschland.

Anders als die 1935er Abstimmung stellte das Referendum im Oktober 1955 nicht die Frage nach einer Angliederung des Gebietes an Frankreich oder Deutschland. Vielmehr sah das Saarstatut eine "Europaeisierung" des Saarlandes vor: Einem vom vereinten Europa ernannten Hochkommissar unterstellt, sollte sich die Region innen autonom regieren. Die Gruende fuer die Ablehnung des Statuts war nicht zuletzt wirtschaftlicher Art: die Verlockung des westdeutschen Wirtschaftswachstums. Erst auf diplomatischem Wege erfolgte in Verhandlungen zwischen Paris und Bonn die Einigung ueber eine Angliederung an Deutschland. Diese erfolgte 1957 wirtschaftlich und 1959 politisch.

Heinen bemueht sich um eine Auflockerung seiner wissenschaftlichen Darstellung. Das Buch ist ueberreich bebildert, zumeist mit zeitgenoessischen Karrikaturen. Vieldeutig meint Heinen selbst zu seiner Sprache, dass die praegnante Formulierung zum Widerspruch einlade (S. 22). Saargeschichte wolle ausserdem ausfuehrlich erzaehlt sein, so bietet seine umfassende "histoire totale" fuer viele Details Platz. Die methodische Trennung in "Strukturen" und "Entwicklungen" (Teil III.: 1948-1955) zu den gleichen inhaltlichen Bereichen erzeugt hin und wieder Redundanzen, zumal der Autor immer wieder kurze Zusammenfassungen in den Text einfuegt. Dies ist gleichzeitig aber auch eine Stärke des umfangreichen Werkes. Heinen legt grossen Wert auf Uebersichtlichkeit: Den Text begleiten Marginalien, Randbemerkungen im Stile der Handbuchreihen des Oldenbourg-Verlages, die statt eines Registers eine rasche Orientierung ermoeglichen. Auch die Zusammenfassungen erlauben es, wichtige Ergebnisse schnell zu erfassen. Vor allem sollte begruesst werden, dass nun endlich eine grundlegende Gesamtdarstellung zu diesem spannenden Abschnitt der saarlaendischen Geschichte vorliegt.

ZitierweiseMarcel Boldorf: Rezension zu: Heinen, Armin: Saarjahre. Politik und Wirtschaft im Saarland 1945 - 1955. Stuttgart 1996, in: H-Soz-Kult, 10.02.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=302>.

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