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Zeitgeschichte (nach 1945)

P. Beier: Die 'Sonderkonten Kirchenfragen'

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Die 'Sonderkonten Kirchenfragen'. Sachleistungen und Geldzuwendungen an Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter als Mittel der DDR-Kirchenpolitik (1955-1989/90)
Ort:Goettingen
Verlag:Achims Verlag, Achim Freudenstein
Jahr:
ISBN:3-525-55725-6
Umfang/Preis:352 S.; DM 86,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Gerhard Besier, Wissenschaftlich-Theologisches Seminar
E-Mail: <aw4ix.urz.uni-heidelberg.de>
www.kirchliche-zeitgeschichte.de, www.religion-staat-gesellschaft.de

"Lediglich zehn Prozent"
Durch gezielte Indiskretion gelangte im Fruehjahr 1995 eine kircheninterne Vorstudie an die Oeffentlichkeit. Sie trug den Titel "Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft" und war von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter im Dienst der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verfasst. Das Papier legte offen, dass evangelische Gemeindepfarrer, Mitglieder der Bundes- und Landessynoden und andere bei den evangelischen Kirchen in der DDR Beschaeftigte vom SED-Staat regelmaessige Zahlungen, Geschenke, Ferienplaetze in staatlichen Gaestehaeusern sowie Hilfe bei der Beschaffung von Mangelwaren wie Fernsehgeraeten, Waschmaschinen und Autos erhielten. Fuer die Zahlungen existierte seit 1955 ein Fonds "Sonderkonten Kirchenfragen" bei den Raeten der Bezirke und der Dienststelle des Staatssekretaers fuer Kirchenfragen. Die Verguenstigungen kamen fortschrittlichen Amtstraegern zugute, die durch ihr "Auftreten" der realsozialistischen Sache nuetzten und so die verhaltensmodifizierende "Buendnispolitik der SED" mittrugen.
Da auf der evangelischen Kirchenbuehne just zeitgleich der letzte Akt des Stolpe-Stasi-Stuecks geboten wurde, kam den kirchlichen Konfliktstrategen die Veroeffentlichung hoechst ungelegen. Die leidige Angelegenheit wurde durch kirchenamtliche Kommentare heruntergespielt.

Nach gut zwei Jahren haben sich die Wellen geglaettet. Im Sommer 1997 ist das aus der Vorstudie erwachsene Buch erschienen. Sein Autor gibt genaue Auskunft ueber die aeusserst lueckenhafte Aktenlage. Bis weit ins Jahr 1990 verschwanden einschlaegige Bestaende; ein Landesarchiv vernichtete noch 1991/92 die Kassenbuecher der "Sonderkonten", weil es die Unterlagen nicht als archivwuerdig einstufte. Beier teilt mit, dass fuer die Zahlungen "keine unabhaengigen Zeugnisse (etwa aus dem kirchlichen Bereich)" vorliegen und die erhaltenen staatlichen Unterlagen "nicht unter heute interessierenden Fragestellungen (etwa nach der zugrunde liegenden kirchenpolitischen Konzeption oder eventueller Dienstpflichtverletzungen einzelner Pfarrer)" gefuehrt wurden. Auf "Gespraeche mit den Betroffenen (z.B. Pfarrern, die Geld erhalten und angenommen haben)", sei verzichtet worden. Der Autor uebt sich in strengster Diskretion. "Empfaenger von Zuwendungen bleiben grundsaetzlich ungenannt, ihre Namen wurden unkenntlich gemacht." So verfaehrt er nicht nur bei seiner engeren Zielgruppe der belohnten Progressiven, sondern auch bei Personen, die als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums fuer Staatssicherheit (MfS) gefuehrt wurden. Sie tauchen nur mit Decknamen, Berufsbezeichnung und mit ihrer Zugehoerigkeit zu einer bestimmten Landeskirche auf.

Es gab zwischen den Arbeitsbereichen "Sonderkonten Kirchenfragen" bei der Dienststelle des Kirchen-Staatssekretaers bzw. bei den Raeten der Bezirke und den Aktivitaeten des MfS zwar keine direkten Verbindungen, aber im Blick auf die Zielgruppe der progressiven, materiell interessierten oder verstaendnissuchenden Pfarrer gab es naturgemaess Ueberschneidungen. Gelegentlich kam es zu einer doppelten Anbindung und entsprechender "Zuwendungen" von beiden Staatsstellen.
Ueber die 35 Jahre ihres Bestehens hinweg wurden die Sonderkonten mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen gebraucht. Zunaechst ging es um "Unterstuetzung der Geistlichen" in Faellen politischer oder wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Ende der 50er Jahre sprach man von einer "Politik mit der Mark". Gemeint war ein materieller Anreiz zu politisch einwandfreiem Verhalten. Mit den bis Mitte der 60er Jahre auf 1 Million Mark begrenzten Mitteln konnten die Staatsfunktionaere freilich keine allzu grosszuegigen Verguenstigungen bereitstellen. Seit Ende der 60er Jahre erhielten vor allem solche Geistlichen und sonstigen kirchlichen Amtstraeger Praemien, "die mit den staatlichen Organen vertrauensvoll zusammenarbeiten (Informanten)". In Beiers zusammenfassenden Schlussbemerkungen steht der Satz: "Lediglich maximal 10% erhielten ueberdurchschnittliche Geschenke oder Zuwendungen."

ZitierweiseGerhard Besier: Rezension zu: Beier, Peter: Die 'Sonderkonten Kirchenfragen'. Sachleistungen und Geldzuwendungen an Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter als Mittel der DDR-Kirchenpolitik (1955-1989/90). Goettingen 1997, in: H-Soz-u-Kult, 21.10.1997, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=298>.

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