1 / 1 Rezension

Neuere Geschichte

U. Spiekermann: Basis der Konsumgesellschaft

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914
Reihe:Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 3
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:3-406-44874-7
Umfang/Preis:786 S.; € 99,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
André Steiner, Zentrum für Zeithistorische Forschung
E-Mail: <asteinerrz.uni-potsdam.de>

Um es gleich vorwegzunehmen, Uwe Spiekermann ist es mit seiner hier anzuzeigenden Münsteraner Dissertation in überzeugender Weise gelungen, eine Forschungslücke für die deutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts zu schliessen. Wer sich bisher für die historische Entwicklung des Einzelhandels in Deutschland interessierte, war auf wenige und in der Mehrzahl äusserst unbefriedigende Darstellungen verwiesen, die darüber hinaus - wie Spiekermann zeigt - die verschiedensten Mythen und Legenden verbreiteten. Angesichts der Bedeutung des Gegenstandes war das bestehende Desiderat umso erstaunlicher und ist nur aus der lange dominierenden Fixiertheit sowohl der Wirtschaftsgeschichtsschreibung als auch der Wirtschaftstheorie auf die Angebotsseite und die Produktion zu erklären.

Zumindest für die Zeit seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkrieges liegt nun eine quellengesättigte Untersuchung des Einzelhandels vor, für den Spiekermann den zeitgenössischen Begriff des Kleinhandels vorzieht, da sich hinter dem späteren terminologischen auch ein struktureller Wandel verbarg. Die zeitliche Begrenzung im Titel sollte, was den Beginn der Untersuchung anbelangt, lediglich als Anhaltspunkt verstanden werden. Spiekermann betrachtet zunächst auch das im späten 18. Jahrhundert einsetzende Wachstum des Kleinhandelsgewerbes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, seine rechtlichen Grundlagen und Hindernisse sowie die institutionellen Ausprägungen in Gestalt der Wochen- und Jahrmärkte, Hausierer und Höker, des Handwerkshandels sowie der Krämer. Da die entscheidenden strukturellen Veränderungen des Kleinhandels nach den Ergebnissen seiner Untersuchung um die Mitte des Jahrhunderts einsetzten, beginnt die Darstellung in den drei Hauptkapiteln um diesen Zeitpunkt herum. Allerdings bleibt Spiekermann, der sonst pointiert urteilt, bei der Festsetzung dieser einleitenden Zäsur unentschieden: In der Einleitung legt er sich bei der Begründung des Titels auf Mitte des Jahrhunderts fest (14), in der Darstellung des Formenwandels wird aber deutlich, daß dieser meist schon in den dreissiger Jahren einsetzte, wie beispielsweise das massenhafte Auftreten des Ladens (140), und in der Zusammenfassung setzt er wiederum eine entscheidende Zäsur in die frühen sechziger Jahre (614f.). Diese Unentschiedenheit wurzelt zum einen sicher in der Vielgestaltigkeit der zugrunde liegenden Prozesse und hat zum anderen aber ihre Ursache möglicherweise darin, daß Spiekermann und dann auch dem Leser bei der Vielzahl der nacheinander dargestellten, aber parallel ablaufenden Entwicklungen mitunter deren zeitliche Einordnung etwas aus dem Blick gerät. Nun kann es bei solchen Prozessen natürlich nicht darum gehen, sich auf ein bestimmtes Jahr festzulegen, aber nach der Lektüre hat der Rezensent den Eindruck, daß wohl in den dreissiger Jahren eine solche einleitende Zäsur zu setzen wäre. Gute Gründe sprechen aber auf jeden Fall für den zeitlichen Abschluss der Darstellung, da bis 1914 ein ausdifferenziertes und sich bis auf das Land erstreckendes Kleinhandelsgewerbe entstanden war. Außerdem sind in der Zeit der Weimarer Republik (nach der "Ausnahmesituation" des Krieges) - wie auch bei vielen anderen Prozessen - neue Entwicklungen zu beobachten, die aber oft noch der Analyse und einer geschlossenen Darstellung harren.

Die Untersuchung beruht auf archivalischen Quellen vor allem aus Hamburg und München, die als Beispielstädte dienen. Darüber hinaus hat Spiekermann eine beeindruckende Zahl an gedruckten Quellen und zeitgenössischen Darstellungen ausgewertet. Auf dieser breiten Quellenbasis geht er in den drei Hauptkapiteln auf die Veränderungen des Kleinhandels in Bezug auf seine Quantität, auf seine Formen und seinen Betrieb ein. Im Kapitel "Wandel der Zahl" wird die quantitative Entwicklung des Kleinhandels auf der Grundlage der amtlichen Statistik - ergänzt durch die Auswertung von Adressbüchern, Gewerbean- und -abmeldungen sowie Steuerstatistiken - analysiert. Die beträchtlichen Lücken in den Quellen lassen dabei aber weitgehend nur Trendaussagen zu. Danach war seit dem frühen 19. Jahrhundert eine - nur in den späten vierziger bzw. fünfziger Jahren kurzzeitig unterbrochene - stetige Zunahme der selbständigen Händler zu beobachten, die das Bevölkerungswachstum übertraf. Ab den 1860er Jahren beschleunigte sich dieser Anstieg noch einmal. Angesichts der im allgemeinen vorsichtigen Interpretation und Problematisierung der von Spiekermann zusammengetragenen statistischen Basis erstaunt aber, daß er stellenweise bei Prozentangaben mit zwei Stellen hinter dem Komma eine Genauigkeit vortäuscht (91), die mit dem Material nicht zu erreichen ist. Des weiteren ist es sicher für spätere Nutzer des Buches nützlich, daß vielfach Absolutangaben wiedergegeben werden, die so als Quelle für weiterführende Untersuchungen dienen können. Leserfreundlicher wäre es aber bei einigen Tabellen (nicht nur in diesem Kapitel) gewesen, diese zu straffen und öfter Relativzahlen auszuweisen. Auch sind dem Rezensenten einige offensichtlich unplausible Angaben aufgefallen (wie die Zahl der Händler mit fertiger Kleidung 1906 auf S. 119).

Den meisten Raum nimmt die Darstellung des Formenwandels des Kleinhandels ein. Einen zentralen Platz räumt Spiekermann der Herausbildung des Ladens ein, den er als institutionelle Basisinnovation und das für den Handel entscheidende Pendant zur Fabrik in der Industrie ansieht. Der Laden war "ein vor den Unbilden der Witterung geschützter Verkaufsraum, der einzig dem Warenverkauf diente" (134). Die für den Handwerkshandel noch typische Abwicklung von gewerblicher Produktion und Verkauf an einem Ort wurde nunmehr aufgegeben. Der moderne Kleinhandel verfügte zwar nach wie vor über nicht unbeträchtliche und sich ausdehnende Produktionskapazitäten - auch das ein interessantes Untersuchungsergebnis, mit dem die oft wiederholte Ansicht einer stattgefundenen (vollständigen) Separierung von Produktion und Handel revidiert wird -, aber diese Fertigung war stets lokal ausgegliedert. Außerdem kommt es zur Abtrennung der Lagerräume, so daß der Laden zum "reinen Verkaufs- und Präsentationsraum von Ware" wurde. "Im Laden fand die kommerzielle Aura der Ware ihren Ort, auf den Laden konzentrierten sich die Bedürfnisse und Wünsche der frühen Konsumgesellschaft" (135).

Darüber hinaus bildeten sich aber auch eine Vielzahl neuer Be- und Vertriebsformen im Kleinhandel heraus. Dabei geht Spiekermann nicht nur auf die häufig im Mittelpunkt der bisherigen Betrachtungen zum Kleinhandel stehenden Konsumvereine, Massenfilialbetriebe und Warenhäuser ein, die am Ende des 19. Jahrhunderts einen damals bereits in der Öffentlichkeit viel beachteten Aufschwung nahmen. Vielmehr zeigt er ebenso für die sich seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ausbreitenden Magazine sowie die darauf aufbauenden Bazare und Kaufhäuser längere Kontinuitätslinien, den Wandel dieser Institutionen und die sich daraus ergebenden Unterschiede auf. Auch heute fremd anmutende Betriebsformen, wie die Wanderlager und Wanderauktionen, oder gemeinhin vor 1914 noch nicht verortete Vertriebsformen, wie Versandgeschäfte oder Verkaufsautomaten für Zigaretten, Getränke, Bücher (!) u.a.m., bezieht Spiekermann in seine Untersuchung ein. Darüber hinaus geht er ausführlich auf den "alten" Kleinhandel ein, der entgegen den zeitgenössischen Niedergangsszenarien quantitativ nicht verschwand, sich aber erheblich wandelte. Nicht zuletzt werden diese Entwicklungen auch auf die entsprechende staatliche Einflussnahme hin befragt. Allerdings ist angesichts der Vielgestaltigkeit der Formen und ihres Wandels deren Systematisierung schwierig und damit deren Darstellung manchenorts etwas unscharf. Was der Autor unter dem "alten" Kleinhandel versteht, ist beispielsweise nicht immer deutlich: In Abschnitt 4.5. werden unter "Wandel des alten Kleinhandels" lediglich die Einzelgeschäfte behandelt, wohingegen für den Leser bis dahin der Eindruck bestehen musste, daß die Jahrmärkte und Hausierer ebenfalls dazu gehörten. Ebenso erscheint dem Rezensenten die Charakterisierung der Herausbildung des Ladens als mikroökonomische Veränderung und die Ansiedlung der neuen Be- und Vertriebsformen dagegen auf der makroökonomischen Ebene (135) nicht glücklich.

Im letzten der Hauptkapitel wird auf den Wandel in der Betriebsführung eingegangen, wobei die Rationalisierung und die Ausdehnung des Absatzes im Mittelpunkt stehen. So bemühte sich der Kleinhandel die Einstandspreise durch die Bildung von Einkaufsgenossenschaften zu senken und die Rechenhaftigkeit im Geschäft zu erhöhen, womit die Buchführung, Preisgestaltung und die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse in den Blick geraten. Gleichzeitig versucht er, durch die Gewährung von Rabatten Kunden zu binden und mittels Werbung im weitesten Sinne neue zu gewinnen. Auch die Art des Umgangs mit den Kunden verändert sich: sie wird normierter, anonymer, nicht mehr auf die einzelne Person, sondern den Käufer zielend. Auswirkungen auf die Betriebsführung hat auch die Ausbreitung von Markenartikeln, worauf der Kleinhandel mit Handelsmarken reagiert. Das und Sortimentsveränderungen im allgemeinen bilden aber ebenso ein Element der Betriebsführung. All diesen Prozessen geht Spiekermann nach, wobei er sich hier auf einem so weit gezogenen Feld bewegt, daß er dieses nicht vollständig ausleuchten kann. Jedoch stellt er auch in diesem Teil interessante Thesen auf, kritisiert verschiedene in der Literatur verbreitete Legenden und vermittelt so vielfältige Anregungen für weitere Forschungen.

In den abschliessenden Betrachtungen kommt er auf seine in dem umfänglichen Band immer wieder (mitunter etwas überpointiert) angesprochene Grundthese zurück, wonach die Industrialisierung ohne einen leistungsfähigen Kleinhandel nicht möglich gewesen wäre. Er sei auch gegenüber der produzierenden Wirtschaft keinesfalls rückständig gewesen. Vor allem beschränkte sich seine Rolle nicht auf den Vermittler zwischen Produktion und Konsumenten. Vielmehr habe es zwischen der Entwicklung der Produktion und der des Kleinhandels ein Wechselspiel gegeben, das den Industrialisierungsprozess prägte (619f.). Dem ist sicher zustimmen, jedoch konnte dieses Wechselspiel, seine Push- und Pull-Faktoren sowie die den beiden Seiten beizumessenden Gewichte im Interesse einer Beschränkung des Gegenstandes in der hier angezeigten Arbeit nicht genauer ausgelotet werden. Das bleibt weitergehenden Untersuchungen vorbehalten und wird wohl noch erhebliche Diskussionen auslösen. Gerade deshalb erscheint es aber fragwürdig, wenn Spiekermann von der "sog[enannten] Industrialisierung" (138) schreibt und damit dieses Konzept gleich ganz in Frage gestellt.

Die Darstellung ist flüssig geschrieben. Angesichts der vielen Facetten des Gegenstandes und des allgemein unbefriedigenden Forschungsstandes ist es zwar verständlich, daß Spiekermann in seinem Text viele Pfade zu Nebensträngen anlegt, ohne sie dann angesichts eines ohnehin schon umfangreichen Bandes entsprechend ausbaün zu können. Aber das erschwert dem Leser ab und an, den Hauptstrang der Darstellung zu verfolgen. Bei einigen Graphiken vermisst man klare Quellenangaben für die zugrunde liegenden Daten (beispielsweise bei den Abbildungen 69, 71 und 72). Der Text wird durch Abbildungen ergänzt und aufgelockert. Ein ausführlicher Tabellenanhang stellt weiteres Quellenmaterial zur Verfügung und ein Register erleichtert die Erschliessung des Textes. Trotz aller vorgetragenen Einwände, die als Anregung zur Diskussion verstanden werden sollen, hat Spiekermann einen wichtigen Beitrag zur lange vernachlässigten Erforschung des Kleinhandels in Deutschland geleistet. Denjenigen, die sich künftig mit der Entwicklung des Konsums, aber auch der Produktion im 19. Jahrhundert befassen, ist das vorliegende Buch unbedingt zu empfehlen.

ZitierweiseAndré Steiner: Rezension zu: Spiekermann, Uwe: Basis der Konsumgesellschaft. Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850-1914. München 1999, in: H-Soz-Kult, 24.05.2000, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=286>.

Copyright (c) 2000 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension