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Geschichte allgemein

Der verzauberte Blick

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Der verzauberte Blick. Das Naturbild berühmter Expeditionen aus drei Jahrhunderten
Herausgeber:*
Ort:München
Verlag:Frederking & Thaler Verlag
Jahr:
ISBN:3-89405-400-X
Bemerkungen:Texte von Anthony Rice
Umfang/Preis:335 S.; € 25,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Dr. Angela Schwarz, FB Geschichte, Gerhard-Mercator-Universitaet Duisburg
E-Mail: <dr.a.schwarzuni-duisburg.de>

Wer sich in der heutigen Zeit, in der Wissenschaft und Technik alle Lebensbereiche durchdrungen haben, eine Vorstellung von der Natur machen will, kann auf eine kaum noch überschaubare Vielzahl und Vielfalt von Informationen und Bildern zugreifen: von der wissenschaftlichen Analyse in Fachbüchern und Fachzeitschriften über die populärwissenschaftliche Darstellung in Form eines Buches bis zur kleinen Zeitungsnotiz, von der Wissenschaftssendung bis zum Tierfilm, in dem die Hauptdarsteller wie die Protagonisten in der Fabel auftreten und agieren. Die jeweils gezeigten Bilder haben eine hohe technische Perfektion und eine Ausführlichkeit erreicht, die wiederum auf unser Bild von der Natur insgesamt zurückwirkt: Aufnahmen durch das Elektronenrastermikroskop, das mehrere tausendmal vergrößern kann, Aufnahmen aus dem Innern lebender Körper, Aufnahmen aus lange Zeit scheinbar unerreichbaren Regionen, ob sie nun Tausende von Kilometern unter der Meeresoberfläche oder Millionen von Kilometern im Weltall entfernt liegen. Heute scheint dem - technisch verstärkten - menschlichen Auge nichts mehr verborgen. Neugier und technische Möglichkeiten haben eine Bilderflut entstehen lassen, die nicht nur Naturfilmer motiviert, immer extravagantere, völlig neue, sensationelle Einblicke in die Natur geben zu wollen. Auf seiten der Betrachter bzw. Zuschauer hat die Menge und die mühelose Zugänglichkeit der Bilder eine Gewöhnung an das Un- und Außergewöhnliche hervorgebracht, eine gewisse Übersättigung, vielleicht sogar eine Entzauberung.
Die moderne Sachlichkeit und Gewöhnung könnte den Blick dafür verstellen, in welcher materiellen und ideellen Welt sich jene Sammler, Forscher und Zeichner bewegten, die im 17. Jahrhundert damit begannen, Mosaiksteine für ein zunehmend detailliertes Bild von der fremden, exotischen Natur außerhalb Europas zusammenzutragen. Neugier und Naturbegeisterung, Sammelleidenschaft, kommerzielle Motive, politische und besonders kolonialpolitische Interessen gehörten zu den einflußreichsten Faktoren dieser Welt, die ihre eigene Flut von Bildern von der Natur, von Skizzen, Zeichnungen, Gemälden und, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Fotografien hervorgebracht hat. Im Naturkundemuseum der über Jahrhunderte dominierenden Kolonialmacht Großbritannien, dem Natural History Museum in London, werden heute 68 Millionen naturwissenschaftliche Objekte, davon 500.000 Abbildungen von Naturobjekten, unter anderem von Tieren und Pflanzen, aufbewahrt. Viele davon sind das Ergebnis von Forschungsreisen eben jener seit dem 17. Jahrhundert rasch anwachsenden Gruppe von Sammlern und Forschern, die ein neues Bild der Erde nach Europa brachte. Diese Sammlung des Natural History Museum bildet die Grundlage für die im vorliegenden Band zusammengeführte Auswahl von Skizzen, Aquarellen, Auszügen aus Skizzen- und Notizbüchern, von denen der größte Teil bisher unveröffentlicht war.

Ausgewählt nach den Kriterien der künstlerischen Gestaltung oder dem wissenschaftlichen Wert ordnen sich die meist farbigen Zeichnungen und eine kleine Zahl von Schwarz-Weiss-Fotografien um die Expeditionen exemplarisch behandelter Forschungsreisender von 1687 bis 1876.
Angesichts der Herkunft des Bildmaterials kann es nicht verwundern, daß am Anfang ein Abschnitt über Sir Hans Sloane und seinen Aufenthalt auf Jamaika 1687-1689 als Arzt des neu ernannten Gouverneurs steht. Von der Reise brachte der vor allem botanisch interessierte Sloane neben Proben und Zeichnungen auch Kakaopflanzen mit. Er entwickelte ein Rezept für die bald überaus populäre Milchschokolade, das ihm, patentiert, die finanzielle Grundlage für eine große naturkundliche Sammlung verschaffte. Die Sammlung bildete dann den Grundstock für das British Museum bzw. die später ausgegliederten und im Natural History Museum neu untergebrachten naturkundlichen Bestände. Der nachfolgende Komplex von Illustrationen ist den Arbeiten von Paul Hermann, Johann Gideon Loten und Pieter de Bevere auf Ceylon gewidmet, die in der Zeit entstanden, als die Insel noch niederländische Kolonie war. Waren die Enthusiasten der ersten beiden Kapitel des Bandes schon Ausnahmeerscheinungen in ihrer Zeit, so gilt das für Maria Sibylla Merian und ihre Erforschung der Insektenwelt in Surinam 1699-1701 in noch größeren Masse. Daß sich jemand eingehender mit dem "Teufelsgeziefer" befassen konnte, zumal noch eine Frau, wirkte auf viele Zeitgenossen befremdlich. Die filigranen Zeichnungen, die die Forscherin vorlegte, wurden schon in der damaligen Zeit wegen ihres hohen künstlerischen und wissenschaftlichen Wertes gelobt. Nicht alle Zeichnungen der naturkundlich Interessierten, wie sich an ihrem Beispiel ebenfalls sehen läßt, beschränkten sich auf wissenschaftlich exakte Darstellungen. Rein dekorative Bilder, Anordnungen von Objekten nach ästhetischen Kriterien zu Lasten etwa eines getreuen Maßstabes waren auch unter den Arbeiten von Sibylla Merian zu finden (vgl. etwa S. 107 und 114).

Wie eng wissenschaftliche Neugier und kommerzielle Motive verflochten sein konnten, läßt sich an William Bartram und seinen Expeditionen durch Nordamerika zwischen 1753 und 1823 erkennen. Denn die zahlreichen Expeditionen auf der Jagd nach Zeichnungen unbekannter Pflanzen, nach Samen und Pflanzen selbst gingen auf die steigende Nachfrage der Europäer nach exotischen Pflanzen für ihre Sammlungen und Gärten zurück. Landschaftsgärtner in England wetteiferten geradezu miteinander um den imposantesten Bestand an exotischen Gewächsen, wobei Bäume und Sträucher aus Nordamerika in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts besonders hoch im Kurs standen. Charles Hamilton etwa konnte sich rühmen, auf seinem Anwesen Painshill in Surrey eine einzigartige Sammlung in Europa seltener nordamerikanischer Nadelhölzer angepflanzt zu haben. Den wirtschaftlichen Interessen traten frühzeitig politische Motive des Expeditionsausrüsters an die Seite. Die Reisen von James Cook im Auftrag der britischen Admiralität zwischen 1768 und 1775, Thema des fünften und sechsten Abschnitts, sind ein anschauliches Beispiel dafür. Denn die Fahrt der Endeavour, an der auch der Astronom Charles Green, der botanisch interessierte Joseph Banks und der Zeichner Sydney Parkinson teilnahmen, diente nicht nur der Beobachtung des Venusdurchgangs, sondern bekanntermaßen zugleich der Entdeckung, Inbesitznahme und Erforschung neuer Territorien für die britische Krone. Die zweite Reise von 1772-1775, bei der Cook unter anderem von Johann und Georg Forster begleitet wurde, hatte in erster Linie die Auffindung der im Süden vermuteten Landmasse, der "terra australis" zum Ziel, und verfolgte damit wiederum mehr als nur wissenschaftliche Zwecke. Johann Forster notierte in seinem Tagebuch mehrfach, zu viel Zeit werde zur See verbracht - nur an 290 Tagen der insgesamt drei Jahre währenden Reise konnten die Forscher auf Landgängen ihre Studien der Flora und Fauna betreiben. Georg Forster, der die Zeichnungen anfertigte, mußte sich bei seiner Arbeit danach meist mit den Bedingungen an Bord bei mehr oder weniger rauhem Seegang begnügen.
Die Bedingungen, unter denen die Mehrzahl der hier abgedruckten Darstellungen entstanden, entstehen mußten, waren oftmals das genaue Gegenteil der abgebildeten Zartheit und genauen Linienführung. Viele Bilder wurden daher vor Ort nur in einer groben Skizze angefertigt, die später, mitunter Jahre nach der Rückkehr ins Heimatland, fertiggestellt und koloriert wuren. Der österreichische Pflanzenmaler Ferdinand Bauer, der Matthew Flinders an Bord der Investigator 1801-1805 auf seiner Mission zur Kartographierung "Neuhollands" begleitete, das 1814 auf seinen Vorschlag hin in Australien umbenannt wurde, entwickelte dazu eine ausgefeilte Technik, eine Art "Malen nach Zahlen". Denn jeder Farbschattierung wies er eine bis zu vierstellige Zahl zu, mit der er die Skizze versah. Selbst Jahre nach der Erstbegegnung mit dem Objekt konnte danach recht naturgetreu die Farbgebung nachgeahmt werden. Die Abhängigkeit von Proben, die verwelkten oder verwesten und in ihren Farben verblaßten, war damit überwunden. Bauers Arbeiten, die heute als eine der weltbesten Sammlungen von Tier- und Pflanzendarstellungen gelten, gehören neben den Paradiesvogel-Zeichnungen (S. 268-271) von Alfred Russell Wallace zu den eindrucksvollsten und schönsten Illustrationen des gesamten Bandes (etwa S. 207, 213, 220, 222, 226).

Während Alfred Russell Wallace bei der Erforschung der Natur in Südamerika und Indonesien zwischen 1848 und 1862 sein eigener Zeichner war, besaß Charles Darwin, dessen Reise auf der Beagle 1831-1836 in einem Buch über berühmte Expeditionen nicht fehlen darf, keinerlei zeichnerisches Talent. Augustus Earle und sein Ersatz Conrad Martens begleiteten die Expedition allerdings nur bis 1832 bzw. bis 1834. Vieles von dem, was Darwin beobachtete, etwa die für die Evolutionstheorie besonders wichtigen fünf Wochen auf den Galapagos-Inseln, ist daher im Bild nicht oder nur sehr knapp festgehalten. Ein Teil der im vorliegenden Band abgebildeten Darstellungen sind nachträglich von John und Elizabeth Gould angefertigt worden. Aber selbst wenn sich Forscher- und Zeichnertalent in einer Person vereinigten, wie bei Alfred R. Wallace, mußte das keine Garantie für eine umfangreiche bildliche Dokumentation sein. Schiffbrüche und der Transport des Materials auf anderen Wegen führten immer wieder zur Zerstörung von Monaten oder gar Jahren von intensivster Arbeit, so etwa zum Verlust der von Wallace in Südamerika zusammengetragenen Pflanzen- und Tiersammlung. Bei dem Erhalt der Ergebnisse seiner Jahre in Indonesien war er erfolgreicher. Insgesamt 125.000 Tiere trug er zusammen, vor allem Insekten, aber auch (ausgestopfte) Orang-Utans, mit denen sich in Europa damals beträchtliche Summen verdienen ließen. Darin lag zugleich eine Spannung, in der nicht wenige Forscher und Sammler sich bewegten: einerseits eine Ahnung von der Bedrohung vieler Arten zu haben und die Zeitgenossen darauf aufmerksam zu machen, andererseits als Geschäftsleute mit ihren Beutezügen eben diese Bedrohung herbeizuführen. Viele von ihnen waren eben trotz aller Begeisterung einem Naturbild verhaftet, indem der Mensch nach wie vor den wichtigsten Platz einnahm. Die als letzte beschriebene Forschungsreise dieses Bandes, die sowohl kommerziell als auch wissenschaftlich motivierte Tiefsee-Expedition der Challenger zwischen 1872 und 1876, bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Zeichnungen wie Fotos, darunter die ersten antarktischer Eisberge, geben einmal mehr der selbstbewußten Aneignung der Welt durch den Menschen über das Instrument der Wissenserweiterung Ausdruck.

Die hier versammelten Abbildungen, die übrigens in ausgezeichneter Qualität reproduziert sind, haben neben dem dokumentarischen Wert für Generationen von Biologen bis heute noch eine andere Funktion. Sie zeigen auch für das zunehmend verwissenschaftlichte 17. Jahrhundert ein Naturbild, daß zwischen Natur und Ästhetik oder Kunst keine starre Trennlinie sah. Vielmehr gab es unter den naturwissenschaftlich Interessierten oder Tätigen schon damals bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Vorgriffe auf das, was an der Wende ins 20. Jahrhundert und danach folgen sollte: Ernst Haeckels Suche nach den "Kunstformen der Natur" etwa in den Radiolarien; Karl Blossfeldt Pflanzenfotografien, die die Linien und Symmetrien der Pflanzen mit der Kamera abbildeten und so mit einer Abbildung der Natur Kunst schufen. Es ist der ausgeprägte Sinn für die Ästhetik, für den Zauber der Natur, der in dem hier dokumentierten Naturbild der vorgestellten Forscher und Zeichner sichtbar wird. Gelegentlich hat dabei, was etwa die Anordnung der Objekte oder die maßstabgetreue Wiedergabe betrifft, die künstlerische Gestaltung die Oberhand gewonnen - ohne daß dabei eine realitätsferne Stilisierung erfolgte. Das ist jedoch vermutlich nur ein Begleitumstand jenes Blicks, mit dem die Forscher der für sie fremden, aufregenden, nicht selten auch gefährlichen Natur begegneten. Der Reflex dieses Blickes in ihren Bildern erlaubt es dem heutigen Betrachter, eben jene Verzauberung für sich und sein Naturbild wiederzuentdecken.

ZitierweiseAngela Schwarz: Rezension zu: * (Hrsg.): Der verzauberte Blick. Das Naturbild berühmter Expeditionen aus drei Jahrhunderten. München 1999, in: H-Soz-Kult, 08.01.2000, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=253>.

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