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Informationsdienst gegen Rechtsextremismus

 

Informationen zu diesem Beitrag

Web-Site:Informationsdienst gegen Rechtsextremismus (IDGR)
http://www.idgr.de/
Herausgeber:Chatwin, Margret <Webmasteridgr.de>, Informationsdienst gegen Rechtsextremismus (IDGR): Berlin, DE <www.idgr.de/>
Weitere Informationen:[Clio-online Webverzeichnis]

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Andreas Klärner <Andreas_Klaernerhis-online.de>

Einführung
Der "Informationsdienst gegen Rechtsextremismus" (IDGR) ist eines der umfangreichsten, deutschsprachigen Informationsportale zum Rechtsextremismus im WorldWideWeb. Der inhaltliche Schwerpunkt des Web-Angebots liegt bei den Themen internationaler Rechtsextremismus, Geschichte und Aktualität des Antisemitismus, sowie bei der Aufklärung über Holocaust-Leugner.

Der IDGR richtet sich, laut Selbstdarstellung, nicht vorwiegend an ein Fachpublikum, sondern vor allem an "allgemein Interessierte, die sich über das Internet einen ersten Überblick verschaffen wollen".[1] Nichtsdestotrotz ist das Angebot auch für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Rechtsextremismus-, Rassismus- und Antisemitismusforschung eine wichtige Informationsquelle. Das Web-Angebot wird von einer Privatperson, Margret Chatwin, betrieben. In ihrer Arbeit wird sie von knapp 30 weiteren Autoren unterstützt wird. Darunter sind zahlreiche deutsche und internationale Journalisten und Wissenschaftler, die sich einschlägig mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigt haben und größtenteils als Experten auf diesem Forschungsgebiet ausgewiesen sind.[2]

Die Web-Seite ist übersichtlich aufgebaut. Auf der Startseite finden sich aktuelle Artikel zu den Schwerpunktthemen und der Zugang zu den Kernbereichen der Seite, dem Lexikonteil und dem Artikelarchiv. Zum Zeitpunkt der Rezension (Dezember 2003) fanden sich auf der Startseite Nachrichten und Artikel zu aktuellen Themen wie beispielsweise der Hohmann-Affäre und zum Antisemitismus in Europa und der arabischen Welt.

Das Rechtsextremismus-Lexikon
Herzstück des Web-Angebots des IDGR sind der Lexikonteil und die vertiefenden Artikel. Das Lexikon ist übersichtlich unterteilt in einen Personen- und einen Stichwortteil, die beide über ein Register und eine Suchfunktion zugänglich sind. Der Personenteil umfasst ca. 480 Einträge, von denen knapp 70 noch nicht bearbeitet sind. Aufgeführt sind dort überwiegend "Holocaust-Leugner, Rechtsextremisten und Theoretiker der "Neuen Rechten" sowie ... rechte bis ultrarechte Stichwortgeber, die mitunter eher der Grauzone zuzuordnen sind."[3] Enthalten sind Einträge zu NPD-Funktionären wie Per Lennart Aae, bekannten und unbekannteren Neonazis wie Michael Kühnen und Dennis Entenmann bis hin zu Holocaust-Leugnern wie David Irving und Ernst Zündel. Die Bandbreite der Personenartikel ist weit gefasst, so werden Henry Ford als Autor des antisemitischen Werkes "Der internationale Jude" oder der Nationalbolschewist Ernst Niekisch als Ideengeber für die "Neue Rechte", aber auch Personen aus dem " Scharnierspektrum" (Wolfgang Gessenharter) zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus wie etwa Rolf-Josef Eibicht oder Alfred Mechtersheimer vorgestellt.

Im Stichwortteil des Lexikon werden ca. 450 Stichworte angeboten, von denen allerdings über 100 noch nicht bearbeitet sind. Hier finden sich Informationen über Parteien, Organisationen und Zeitschriften der extremen Rechten und der konservativen Grauzone, aber auch Erläuterungen zu Begriffen aus der Neonazi-Szene wie etwa "Anti-Antifa", "Befreite Zonen" oder "Kameradschaften" sowie einführende Artikel zu den Stichworten "Antisemitismus" und "Rassismus".

Der Lexikonteil des IDGR enthält deutlich mehr Einträge als die beiden vergleichbaren Print-Publikationen, das von Thomas Grumke und Bernd Wagner herausgegebene "Handbuch Rechtsradikalismus" (54 Personeneinträge, weitere 61 Einträge zu rechtsextremen Organisationen, Verlagen, Vertrieben, Bands und Musikern) sowie das 1996 erschienene, von Jens Mecklenburg herausgegebene "Handbuch deutscher Rechtsextremismus" (126 Personeneinträge, 215 Einträge zu rechtsextremen Organisationen, Gruppierungen und Publikationen).[4]
Der Lexikonteil des IDGR hat dabei den Charakter eines Work in Progress, die Artikel werden kontinuierlich aktualisiert und erweitert, ein Teil der Stichworte ist noch nicht bearbeitet. Diese Möglichkeit der Aktualisierung ist einer der großen Vorteile eines Online-Lexikon gegenüber den herkömmlichen Print-Lexika. Ein weiterer Vorteil ist der deutlich schnellere Zugriff auf die zahlreichen Querverweisen und themenverwandten Einträge. Dadurch hat der Benutzer die Möglichkeit, sich schnell und umfassend einen Überblick über die Verbindungen zwischen einzelnen Personen und/oder Organisationen zu verschaffen.

Im Vergleich zu den beiden erwähnten Print-Lexika steht das Online-Lexikon des IDGR auch qualitativ in nichts nach. Die Artikel im Handbuch von Grumke/Wagner sind zwar ausführlicher, dennoch sind die Artikel des IDGR nicht verkürzt. Die einzelnen Aussagen zu Personen und Organisationen werden nicht direkt belegt, die Quellen sind aber zu jedem Artikel angegeben und damit überprüfbar.
Erstaunlicherweise fehlen aber bei den Personeneinträgen mit Rolf Schlierer, dem Bundesvorsitzende der REPublikaner und dem mittlerweile verstorbenen Hans-Günter Eisenecker, der die NPD zusammen mit Horst Mahler im Verbotsverfahren vertreten hatte, zwei wichtige Personen des deutschen Rechtsextremismus bzw. Rechtsradikalismus.

Die Artikel zum Rechtsextremismus, Antisemitismus und zur Holocaust-Leugnung
Das Online-Lexikon des IDGR wird durch über 70 Artikel und Aufsätze unter der Rubrik "Texte" ergänzt. Diese Artikel decken eine weites Themenspektrum ab, bleiben dabei aber pointiert und themenspezifisch. So finden sich teilweise mehrere Artikel etwa zur Hohmann-Affäre, zur "Rolle des Antisemitismus im Rechtsextremismus", zum Antisemitismus in arabischen Ländern, zum Rechtsextremismus im Internet oder zu den Protagonisten der Holocaust-Leugnung und deren Argumentationsmuster.

Abgerundet wird das Artikelangebot durch eine kleine Anzahl, leider nicht kommentierter Dokumente und eine Reihe von Rezensionen aktueller Publikationen sowohl von (neu-)rechten Autoren, u.a. von Alain de Benoist, als auch von Publikationen zum Rechtsextremismus, etwa einer Studie von Ahlheim/Heger zur Einstellung von StudentInnen zum Nationalsozialismus und zu Juden.

Die Linkliste
Der einzige wirkliche Schwachpunkt des Web-Angebots des IDGR ist die völlig unübersichtliche Linkliste. Auf der Eingangseite finden sich zwar nur 13 Verweise, diese führen aber teilweise direkt zu anderen Websites, teilweise zu ausführlicheren Linklisten. Ein Teil der Links ist nicht themenspezifisch, wie etwa der zu einem Stadtplandienst oder der Link zur "Knarr-Familie". Da diese Links aber gleichberechtigt untereinander stehen, ist es schwierig, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden.
Die wichtigsten Links findet man unter "Geschichte und Politik" sowie den "Presselinks", wo überwiegend nützliche und themenspezifische Links zu verwandten oder weiterführenden Web-Angeboten führen. Die Linklisten sind ausführlich, aber unkommentiert. Dies führt dazu, dass eine Seite wie Jürgen Langowskis "Holocaust-Referenz - Argumente gegen Auschwitzleugner", eine der informativsten und besten Quellen zum Thema, unter all den Links nur schwer zu finden ist.
Ebenso unverständlich ist es, warum kein Link zum "Informationsportal Rassismus und Antisemitismus" des Journalisten Burkhard Schröder führt, der die wohl umfangreichste und ständig aktualisierte Linkliste zu antifaschistischen/antirassistischen und auch zu rechtsextremistischen Websites im WWW bereitstellt.[5]

Fazit
Der IDGR ist die erste Adresse im WWW, wenn man sich über den deutschen und internationalen Rechtsextremismus informieren will. Dies gilt sowohl für ein wissenschaftliches als auch für ein allgemein interessiertes Publikum. Die Benutzerführung ist übersichtlich, Lexikoneinträge und Artikel sind über eine gute Suchfunktion zugänglich. Die Vorteile des Mediums Internet werden vor allem in Form von Querverweisen zwischen den einzelnen Artikeln ausgenutzt. Der wesentliche Vorteil eines Lexikons im WWW liegt in der Möglichkeit einer ständigen Aktualisierung, die momentan von der Herausgeberin gewährleistet ist und durch die Dokumentation der Änderungen - die Nachweise über aktualisierte und neu hinzugekommene Artikel und Lexikoneinträge [6] sowie über die Berichtigung von sachlichen Fehlern [7] - nachvollziehbar bleibt. So ist man als häufiger Nutzer schnell über den Stand der Texte und Neuigkeiten informiert.

Die Artikel und Lexikoneinträge sind gut recherchiert. Sekundärquellen sind nachgewiesen und machen das Angebot so auch für ein wissenschaftliches Publikum interessant und benutzbar. Leider wird auf den Nachweis von Primärquellen in Form von Links zu rechtsextremen Web-Seiten verzichtet. Die Herausgeberin weist sogar darauf hin, dass auf den Seiten des IDGR "Links zu rechtsextremen Webseiten ... bewusst nicht angeboten [werden]".[8] Diese Praxis wird leider nicht begründet, schränkt den Informationsgehalt zumindest für ein wissenschaftliches Publikum deutlich ein.[9]
In der Rubrik "Service" gibt es einen Veranstaltungskalender, der offensichtlich nur sporadisch gepflegt wird, aber auf den öfter aktualisierten Veranstaltungskalender des Fritz-Bauer-Instituts verweist.[10] Die mangelnde Aktualität des Veranstaltungskalenders ist aber nicht der Herausgeberin des Web-Angebots anzulasten, sondern verweist eher auf das Defizit eines fehlenden Informationsportals zur Rechtsextremismusforschung sowie deren kaum vorhandene Institutionalisierung.

Alles in allem steht das Lexikon des IDGR den beiden erwähnten Handbüchern von Mecklenburg und Grumke/Wagner qualitativ nicht nach, übertrifft beide sogar deutlich in Umfang, Aktualität und Funktionalität.

Anmerkungen:

[1] Selbstdarstellung des IDGR unter www.idgr.de/_img/hinweise.html
[2] Zu den Autoren gehören u.a. Thomas Grumke, Politikwissenschaftler und Publizist (u.a. "Rechtsextremismus in den USA", Opladen, 2001), Jürgen Langowski, u.a. Herausgeber der Online-Publikationen "Holocaust-Referenz - Argumente gegen Auschwitzleugner" <www.h-ref.de> und des NS-Archiv <www.ns-archiv.de>, die Journalisten und Buchautoren Anton Maegerle und Friedrich Paul Heller (u.a. "Thule. Vom völkischen Okkultismus bis zur Neuen Rechten" , Stuttgart, 1995 und "Die Sprache des Hasses. Rechtsextremismus und völkische Esoterik", Stuttgart, 2001) sowie Hans-Günter Richardi, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Buchautor (u.a. "Schule der Gewalt. Das Konzentrationslager Dachau", München 1983).
[3] www.idgr.de/_inhalt/lexikon.html
[4] Mecklenburg, Jens (Hg.): Handbuch deutscher Rechtsextremismus. Berlin (Elefanten Press), 1996; Grumke, Thomas / Wagner, Bernd (Hg.): Handbuch Rechtsradikalismus. Personen - Organisationen - Netzwerke vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft. Opladen (Leske + Budrich), 2002.
[5] Unter: www.burks.de/nazis.html
[6] Unter: www.idgr.de/_inhalt/neu.html
[7] Unter: www.idgr.de/texte-1/editorials/errata/errata-aktuell.html
[8] www.idgr.de/_img/hinweise.html
[9] Diese Selbstbeschränkung wird aber nicht konsequent durchgehalten. So findet sich beispielsweise im Lexikonartikel zu Alain de Benoist der Hinweis auf die eindeutig neonazistische Seite "Die Kommenden" <www.die-kommenden.net>, zwar nicht direkt verlinkt aber als ausgeschriebene URL.
[10] Unter: www.fritz-bauer-institut.de/kalender.htm

Der Rezensent ist Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

ZitierweiseAndreas Klärner: Web-Rezension zu: Informationsdienst gegen Rechtsextremismus, in: H-Soz-u-Kult, 23.01.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=24&type=rezwww>.

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