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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

K. Morrison: The Sandžak

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <ak368le.ac.uk>
Autor(en):;
Titel:The Sandžak. A History
Ort:London
Verlag:Hurst & Co.
Jahr:
ISBN:978-1-84904245-1
Umfang/Preis:356 S.; £45.00 / € 56,88

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Franziska Zaugg, Historisches Institut, Universität Bern
E-Mail: <franziska.zaugghist.unibe.ch>

Was ist der Sandžak? Wo liegt er? Und was macht ihn zu einem in politischer und kultureller Hinsicht so einzigartigen Raum? Mit diesen Fragen eröffnen Kenneth Morrison und Elizabeth Roberts ihr Buch „The Sandžak: A History“. Erklärtes Ziel der beiden Historiker ist es, dem Leser die historische Entwicklung einer europäischen Region näherzubringen, die in der westlichen Forschung wenig Aufmerksamkeit genießt und für viele bis heute eine Art Terra incognita geblieben ist. Beide Autoren sind auf die Geschichte dieses Raumes spezialisiert und ergänzen sich gegenseitig: Roberts bearbeitet die Zeitperiode vom Römischen Reich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und liefert so den Kontext zum Beitrag von Morrison, der die komplexe Entwicklung des Sandžak von 1918 bis 2008 behandelt. Das wohl wichtigste Ziel ihrer Arbeit ist es, eine ausgeglichene Geschichte dieses Raumes zu schreiben, die einer neuerlichen Mythenbildung entgegenwirken soll. Denn solche Darstellungen bilden gemäß Morrison und Roberts bis heute die Ausnahme.

Der Begriff „Sandžak“ bezeichnete im Osmanischen Reich einen Verwaltungsbezirk. Spricht man heute vom Sandžak, ist damit der frühere Sandžak Novi Pazar gemeint, der einst Teil des bosnischen pašalik (größerer Verwaltungsbezirk) war. Heute ist diese Region auf die Länder Serbien und Montenegro verteilt. Der Sandžak umreißt eine Fläche von ungefähr 9.000 Quadratkilometern und grenzt im Norden und Westen an Bosnien-Herzegowina und im Süden und Osten an Kosovo und Albanien. Morrison und Roberts zeigen gekonnt auf, mit welchen Herrschaftssystemen der Sandžak in den letzten 2.000 Jahren konfrontiert wurde. Zuweilen ist die sehr detaillierte Aufzählung der einzelnen Herrscher und Okkupationsregimes, die den Raum Sandžak unterwarfen und zu ihrem Machtbereich zählten, etwas langatmig. Allerdings ermöglicht diese auch das Verständnis für die Entwicklung der Region, die ständig wieder neu ein- und umgeteilt wurde und sie, wie im letzten Kapitel gezeigt wird, zu einem „,Lost‘ Sandžak“ werden ließ.

Wesentlich ist auch das Nachzeichnen der durch die ständig neu gezogenen Grenzen entstandenen und bis heute schwelenden ethnisch motivierten Konflikte in dieser Region. Den beiden Autoren gelingt es, dem Leser aufzuzeigen, dass die Gewalt über die vergangenen Jahrhunderte stets Teil der Entwicklung dieses Raumes war und ist, beispielsweise in Kapitel 4 „The Sandžak and the Ottoman-Habsburg Wars“, als die Osmanen als Vergeltung für ermordete Muslime die lokale orthodoxe Bevölkerung massakrierten (S. 39) oder in Kapitel 9 „The Sandžak in the Kingdom of Yugoslavia“, als die neue Grenzziehung und das durch den Untergang Österreich-Ungarns entstandene Machtvakuum nun die muslimische Bevölkerung der Region, vor allem auch ehemalige Landlords, zur Zielscheibe serbischer Übergriffe werden ließ (S. 96f.). Explizit erwähnt wird auch der Zusammenhang zwischen dieser permanenten politischen Unsicherheit in der Region und der ökonomischen Entwicklung einerseits, die sich in einer rückläufigen landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktion äußerte, als auch auf der anderen Seite einer negativen Bevölkerungsentwicklung, denn der Sandžak war durch die ständigen Spannungen von einer starken Abwanderung betroffen (S. 43).

Im Zeitalter der Weltkriege wurde der Sandžak zu einem Ort überbordender Gewalt. Eingeläutet wurde diese Phase durch den Balkankrieg von 1912. So wie 1912 die serbische Bevölkerung im Sandžak die anrückenden serbischen Truppen begrüßt und später gemeinsam mit ihnen gemordet hatte, so wurden 1915 die Österreicher von den Sandžak-Muslimen empfangen. Sowohl im serbischen als auch im montenegrinischen Teil des Sandžak hatten die Menschen stark unter der Gewalt und den damit verbundenen direkten Auswirkungen, wie Armut, Zerstörung und der bleibenden Abneigung gegenüber der anderen Volksgruppe zu leiden. Die schwelenden interethnischen Spannungen blieben auch nach Ende des Krieges bestehen und bildeten eine schlechte Ausgangslage für den neuen Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (S. 94).

Die von Morrison und Roberts für den Zweiten Weltkrieg angegebenen 1,7 Millionen getöteten Südslawen entsprechen zwar der offiziellen Opferzahl aus dem ehemaligen Jugoslawien; heute wird aber in der Forschung von rund 1 Million Toten ausgegangen, und es wirkt befremdlich, dass sie den nach langen Diskussionen erreichten Forschungsstand scheinbar nicht rezipiert haben. Der größte Teil der Getöteten wurde Opfer interethnischer Konflikte. Gerade der Zweite Weltkrieg hätte in der vorliegenden Publikation durchaus noch intensiver behandelt werden können, bildet er doch eine wichtige Komponente für die weitere – gewaltvolle – Entwicklung dieses Raumes. 1941 bis 1945 bot der Sandžak sowohl für die deutschen und die italienischen Besatzer als auch zunehmend für die Kommunistische Partei Jugoslawien (KPJ) einen geeigneten Rekrutierungsraum. Allerdings betonen Morrison und Roberts, dass die Rekrutierten oft nicht „höheren Zielen“ folgten, sondern dass ihre Motivation letztlich darin bestand, den eigenen Grund und Boden, ihren Besitz und ihre Familie zu schützen (S. 107).

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg fand die Gewalt kein Ende: Ehemalige Kollaborateure, Nationalisten und Četniks, wie beispielsweise der Četniks-Kommandeur Pavle Djurišić (S. 123), wurden oft ohne Prozess hingerichtet oder von ihren ehemaligen Gegnern umgebracht. Unter Tito wurde die Vergangenheitsbewältigung und damit ein Neuanfang durch ein Redeverbot verunmöglicht: Das Sprechen über – auch von kommunistischen Partisanen – begangene Kriegsverbrechen war strikt verboten (S. 124). Das Wiederherstellen der Grenzen von 1912 – was implizit die damals begangenen ethnischen Säuberungen belohnte – rüttelte an der Loyalität der muslimischen Bevölkerung im Sandžak gegenüber dem jungen jugoslawischen Staat und ließ die KPJ bereits gegen potentielle Staatfeinde Repressionen ergreifen, um Aufständen vorzubeugen. Die Region blieb ohne Rechte und ohne definierten Status; sie war weder eine anerkannte Entität noch hatte sie Autonomiestatus. Mit Veranstaltungen wie den Sandžak igre (Sandžak-Spiele) oder dem Sandžak iskra (Sandžak-Funken), einem Sammelbecken für Schriftsteller, Künstler und Akademiker, versuchte sich die Region aber dennoch ein eigenes Gesicht zu geben.

Im Vergleich zu 1931, als der muslimische Bevölkerungsanteil rund 43 Prozent betrug (S.115), stellten die Muslime in den 1970er-Jahren in einigen Städten wie Novi Pazar, Tutin oder Sjenica bereits den größten Teil der Einwohner. In den Volkszählungen wurde nicht nur die muslimische Bevölkerungszunahme aufgrund von Geburten verzeichnet, sondern es wurden auch all jene mitgerechnet, die sich nun als „Muslime“ bezeichneten, um ihre Herkunft zu unterstreichen. 1991 bildeten diese, nun als „ethnische Muslime“ bezeichnet, die absolute Mehrheit im Sandžak, wobei sie sich immer stärker an ihren bosnisch-muslimischen Nachbarn orientierten (S. 128). Mit dem Wiedererstarken serbischen und montenegrinischen Nationalismus rückte auch der Sandžak wieder in den Fokus des Geschehens. Die Anfang der 1990er-Jahre aufgebaute Partei der demokratischen Aktion (Stranka demokratska Akcije, SDA) setzte vor allem die Anliegen der Muslime in Sandžak auf ihre Agenda und weckte damit Missgunst bei den orthodoxen Serben im Sandžak und in Belgrad. Mit ihrer Rhetorik und nach dem Zweiten Weltkrieg als ehemalige Kollaborateure verurteilten Persönlichkeiten in ihren Rängen trug sie dazu bei, die interethnischen Spannungen in der Region weiter zu verschärfen. Allerdings zeigen Morrison und Roberts auf, dass die extreme Position des „Muslimischen nationalen Rates des Sandžak“ (Muslimansko nacionalno vijeće Sandžaka, MNVS), der eine weitgehende Autonomie der Region „Sandžak“ forderte, bei den muslimischen Bewohnern im montenegrinischen Sandžak auf weniger Resonanz stieß.

Das letzte Unterkapitel „The ,lost‘ Sandžak“ zeichnet ein pessimistisches Bild der Gegenwart. Multiethnische Parteien in diesem Gebiet bilden bis heute die Ausnahme; der geteilte Sandžak, in welchem separatistische Kräfte vorherrschen, bleibt weiterhin Krisenregion. Diese negative Entwicklung erschwert es der Bevölkerung, mit der Vergangenheit abzuschließen.

Morrison und Roberts gehen zwar davon aus, dass der Sandžak als Entität zu bezeichnen sei, werfen aber gleichzeitig ein, ob diese Frage anachronistisch sei. Mit der Spaltung Rumpfjugoslawiens in Serbien und Montenegro wurde der Sandžak geteilt; beide Teile entwickelten sich fortan unterschiedlich.

„The Sandžak“ von Morrison und Roberts bietet einen guten Überblick über die Geschichte einer Region, die im europäischen Bewusstsein allzu oft vergessen geht. Morrison und Roberts vermögen ihrem im Vorwort formulierten Vorhaben, eine von tendenziösen Sichtweisen befreite Monographie über den Sandžak zu verfassen, durchaus gerecht zu werden. Gerade für Historiker, die sich mit dem südosteuropäischen Raum (sei es nun mit Bosnien, Serbien, Kosovo oder Montenegro) beschäftigen, kann diese Publikation erhellende Einblicke bieten, da sie viele Detailinformationen liefert, die gekonnt in den Kontext der longue durée eingebettet sind. Aber auch dem interessierten Laien, der sich über dieses Gebiet und seine historische Entwicklung informieren möchte, vermag das Buch eine Orientierungshilfe zu bieten. Einzig die Auswahl von Archiven hätte man noch um einige ergänzen können, beispielsweise das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, die Abteilungen des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde und Freiburg im Breisgau oder das Zentrale Staatsarchiv und das historisch-diplomatische Archiv in Rom.

ZitierweiseFranziska Zaugg: Rezension zu: Morrison, Kenneth; Roberts, Elizabeth: The Sandžak. A History. London 2013, in: H-Soz-u-Kult, 15.05.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-2-115>.

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