1 / 1 Rezension

Zeitgeschichte (nach 1945)

A. Arndt: Rote Bürger

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Frank Hadler <hadleruni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Rote Bürger. Eine Milieu- und Beziehungsgeschichte linker Dissidenz in Polen (1956–1976)
Reihe:Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 209
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-37032-2
Umfang/Preis:288 S.; € 54,99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
David Kowalski, Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig
E-Mail: <Kowalskidubnow.de>

In Polen waren die Umbruchsjahre von 1989/1990 von einer großen Kontroverse gezeichnet. Ihr Gegenstand war die Frage nach dem Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit, mit den Verbrechen des kommunistischen Systems und den dafür Verantwortlichen. Der seit September 1989 amtierende nichtkommunistische Premierminister Tadeusz Mazowiecki deklarierte einen, wie er es nannte, „dicken Strich“ unter das Gewesene und versuchte damit auch, seine Koalitionsregierung vor größeren Lustrationsprozessen zu schützen. Nicht die Vergangenheit, sondern das Handeln in der Gegenwart sollte für die Beurteilung der Politiker/innen entscheidend sein. Diese Position stieß sofort auf vehemente Kritik, bedeutete sie doch, dass die Verantwortlichen für das unterdrückerische System nicht zur Rechenschaft gezogen werden würden. Im Zuge dieser Debatte sind eine Reihe von ehemals führenden Oppositionellen für ihre kommunistische Vergangenheit und ihrer vermeintlich fehlenden Distanz zum sozialistischen System scharf angegriffen worden. Die von der Historikerin Agnes Arndt jüngst erschienene Dissertation „Rote Bürger. Eine Milieu- und Beziehungsgeschichte linker Dissidenz in Polen (1956–1976)“ widmet sich eben jenen Oppositionellen und untersucht ihren Werdegang von ehemals überzeugten Kommunist/innen hin zu liberalen Demokrat/innen. Damit richtet die Autorin ihren Fokus nicht auf die hinreichend beleuchtete Zeit der Solidarność, sondern auf ihre weniger erforschten Vorläufer: die frühe Oppositionsbewegung ausgehend vom polnischen Oktober 1956 bis zur Gründung des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) 1976. Gleichzeitig liefert das Werk einen wertvollen Beitrag zur fortwährenden Debatte über die kommunistische Vergangenheit bedeutender polnischer Persönlichkeiten.

Die Trägerschichten linker Dissidenz im Polen der Jahre 1956–1976 lassen sich einem bestimmten Milieu zuordnen, das sich in vielerlei Hinsicht von der polnischen Mehrheitsgesellschaft unterschied. Bestehend aus der kulturellen Elite des Landes, Professoren und den Nachkommen hoher Parteifunktionäre, lässt es sich als sozioökonomisch privilegiertes Bildungsbürgertum beschreiben. Politisch zeichnete es sich durch die affirmative Haltung gegenüber dem sozialistischen System und einem kommunistischen Selbstverständnis aus. Während große Teile der polnischen Bevölkerung dem Katholizismus anhingen und dies einen bedeutenden Teil ihres Selbstverständnisses ausmachte, waren die frühen Oppositionellen atheistisch und darüber hinaus häufig jüdischer Herkunft. Auch verschiedene lebensweltliche Faktoren bestätigen die Annahme, dass die Oppositionellen aus einem durchaus exklusiven und stark distinguierten sozialen Umfeld entstammten. Agnes Arndts Erkenntnisinteresse zielt auf ebenjene milieuspezifische Konstellation ab. Interessanterweise waren es nicht die dem Sozialismus gegenüber feindlich eingestellten katholischen Bevölkerungsteile, sondern die areligiösen Kommunist/innen, die den Grundstein der polnischen Oppositionsbewegung legten. Dieses Phänomen zu untersuchen und grundlegend zu erklären, ist das Vorhaben der Autorin.

Hierzu trifft sie zunächst eine generationelle Unterscheidung zwischen den Protagonist/innen. Die ältesten wurden um die Jahrhundertwende geboren und hatten sich bereits in der Zwischenkriegszeit politisch, zumeist in der sozialistischen oder kommunistischen Partei, engagiert. Die zweite Generation ist in den zwanziger und dreißiger Jahren geboren und hat im Gegensatz zur dritten Generation den 2. Weltkrieg noch bewusst miterlebt. Letztere wurde erst im oder unmittelbar nach dem Krieg geboren. In ihrer Studie konzentriert sich die Autorin vor allem auf die jüngeren beiden Generationen – eine verständliche Fokussierung, sind doch aus ihnen eine ganze Reihe von bedeutenden Oppositionellen hervorgegangen, so zum Beispiel Jan Józef Lipski (1926–1991), Leszek Kołakowski (1927–2009), Jacek Kuroń (1934–2004) oder auch Adam Michnik (*1946).

Begriffsdefinitorisch trifft Agnes Arndt mit der Differenzierung zwischen Dissens und Opposition eine wichtige Unterscheidung. Ersteres beschreibt ein Verhaltensmuster, das die Systemideologie kritisiert und zu korrigieren versucht, ohne jedoch das politische System als Ganzes infrage zu stellen. Letzteres meint die auf die Beseitigung des realexistierenden Sozialismus hinauslaufenden Aktivitäten. Dieser Begriffsbestimmung folgend, ist das untersuchte Milieu bis 1968 als dissident zu bezeichnen. Ausgehend von der „Tauwetterperiode“ glaubten die Protagonist/innen an die Reformierbarkeit des Sozialismus, ihr politisches Engagement hatte einen solchen erneuerten Sozialismus zum Ziel. Erst die gewaltsame Niederschlagung der Studierendenproteste im März 1968, die von einer staatlich initiierten antisemitischen Kampagne begleitet wurde, bewirkte bei den Dissident/innen ein Umdenken. Sie verabschiedeten sich von der Idee des Sozialismus und verfolgten eine grundlegende Transformation des politischen Systems. Über den gesamten Untersuchungszeitraum verstanden sich die Protagonist/innen jedoch als politisch links. Welchen genauen Inhalt sie mit diesem Begriff verbanden und wie sich dieses Selbstverständnis wandelte, analysiert die Autorin im Hauptteil der Monographie.

„Wir glaubten an den Sozialismus wie an ein Königreich der Freiheit“ (S. 91) konstatierte Jacek Kuroń rückblickend. Auch wenn die Verwendung der Begriffe Sozialismus, Kommunismus oder auch Marxismus keiner einheitlichen Linie zu folgen schien und auch das Linkssein durchaus divergierende Bedeutungen annehmen konnte, gelingt es Agnes Arndt eine Systematik in die Begriffsverwendung zu bringen. So war Linkssein immer von einem utopischen Moment gekennzeichnet. Dabei ging es weniger um eine konkrete Zukunftsvision, als vielmehr um die stete Negation der bestehenden Gesellschaft und um ein auf ihre progressive Überwindung zielendes Handeln. Der Wertehorizont, der die Grundlage für ein solches Handeln bot, war vom Internationalismus und von freiheitlichen Idealen geprägt. Ziel war das Ende jeglicher Unterdrückung, gleich ob diese durch soziale Abhängigkeit oder Einschränkungen der Meinungs- oder Bewegungsfreiheit verursacht würde. Rassismus, Antisemitismus sowie alle Formen der Diskriminierung wurden abgelehnt. Diesen humanistischen Werten treu bleibend, wandelte sich jedoch das linke Selbstverständnis grundlegend. War bis in die sechziger Jahre der Marxismus noch die wichtigste intellektuelle Referenzquelle und übergeordnete Handlungsanleitung, bildete später der Kampf um Bürger- und Menschenrechte das zentrale Integrationsmoment des Milieus. Der klassische linke Internationalismus wich einem ethisch und kulturell definierten Patriotismus. Dieser ähnelte laut Agnes Arndt dem aus bundesrepublikanischen Diskussionen bekannten Topos des Verfassungspatriotismus.

Eine ganz entscheidende Verschiebung im linken Selbstverständnis der Protagonist/innen vollzog sich in Hinblick auf den Katholizismus. Diesem stand das dissidente Milieu zunächst ablehnend gegenüber. War doch die katholische Kirche Polens für einen exkludierenden Nationalismus und religiös imprägnierten Antisemitismus bekannt. Auch die kommunistische Überzeugung erschwerte die Beziehung zur Kirche. Erst der zunehmende Bedeutungsverlust des Marxismus nach 1968 ermöglichte eine linke Annährung an progressive christliche Strömungen, die humanistischen Ideale bildeten hierbei die Schnittmenge. Die Öffnung gegenüber der in Polen enorm einflussreichen Kirche war für die Oppositionsbewegung von entscheidender Bedeutung. Erst sie schaffte die Voraussetzung für eine breite gesellschaftliche Unterstützung. Das Linkssein verlor also zunehmend seine ideologische und exklusive Bedeutung und entwickelte sich zu einem antitotalitären und auf humanistischen Werten basierenden Sammelbegriff, der jegliche sich gegen das System auflehnende Gesellschaftsgruppen einbezog. Agnes Arndt verwendet für diese demokratische Opposition den Begriff der Zivilgesellschaft.

In einem zweiten Hauptkapitel der Monographie werden die internationalen Verflechtungen des oppositionellen Milieus untersucht. Hier kommt die Autorin zu einer überraschenden und durchaus erkenntnisfördernden Feststellung. Trotz weitreichender internationaler Verbindungen und enger Kontakte zu polnischen Exilzeitschriften, wie der Pariser „Kultura“ oder der Londoner „Aneks“, blieb der internationale Einfluss auf die Oppositionellen relativ gering. Agnes Arndt belegt dies anhand privater Korrespondenzen der einzelnen Protagonist/innen und der milieuinternen Diskussionen. Wie die gesamte Arbeit besticht auch dieses Kapitel durch eine akribische Quellenarbeit und der Verwendung eines breiten Literaturfundus.

Positiv hervorzuheben ist zudem das Bestreben der Autorin, die Genderaspekte der Oppositionsbewegung zu berücksichtigen. Auch wenn die männlichen Protagonisten wichtigere und vor allem breiter rezipierte Positionen bekleideten, ist die Bedeutung der weiblichen Oppositionellen, so Agnes Arndt, nicht zu unterschätzen. Umso bedauerlicher ist allerdings, dass sie diese Frauen in ihrer Studie kaum zu Wort kommen lässt. Sicherlich erschwert die Quellenlage eine stärkere Einbeziehung weiblicher Protagonisten, obgleich eben dieses wünschenswert gewesen wäre, um dem männlich dominierten Narrativ entgegenzutreten. Auch vernachlässigt die Autorin die Prägung der Generationen durch die unterschiedlichen historischen Erfahrungen, wodurch sie sich eines wichtigen Analyseinstruments beraubt. Gerade die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts – Ereignisse, die die jüngste Generation nicht selbst erlebt hatte – spielte für das dissidente Selbstverständnis eine entscheidende Rolle. Eine systematische Betrachtung dieses Aspekts fehlt der Studie jedoch. Dies soll nicht die enorme Leistung Agnes Arndts in Abrede stellen.

Mit „Rote Bürger. Eine Milieu- und Beziehungsgeschichte linker Dissidenz“ hat sie eine umfangreiche und innovative Monographie zu einem bisher wenig erforschten Aspekt polnischer Geschichte verfasst. Das Buch zeichnet sich durch eine klare und überzeugende Argumentation aus und bietet Antworten auf die Frage, wieso gerade das ehemals kommunistisch eingestellte Milieu zur Säule der polnischen Oppositionsbewegung werden konnte. Diese Entwicklung von vormals systemtreuen und sich selbst als kommunistisch verstehenden Dissident/innen hin zu links-liberalen und demokratischen Oppositionellen, erklärt auch, warum Teile des Milieus, wie beispielsweise Adam Michnik oder Jacek Kuroń, nach 1989 zu Gegner einer rigiden Lustrationskampagne wurden. „Es lag in der Logik ihrer politischen und ethischen Entwicklung“, so resümiert Agnes Arndt, „dass die Chance zur Veränderung auch ehemaligen Gegner gebührte.“ (S. 231)

ZitierweiseDavid Kowalski: Rezension zu: Arndt, Agnes: Rote Bürger. Eine Milieu- und Beziehungsgeschichte linker Dissidenz in Polen (1956–1976). Göttingen 2013, in: H-Soz-u-Kult, 07.01.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-008>.

Copyright (c) 2014 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension