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J. Kocka (Hrsg.): Work in a Modern Society

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Titel:Work in a Modern Society. The German Historical Experience in Comparative Perspective
Reihe:New German Historical Perspectives 3
Herausgeber:Kocka, Jürgen
Ort:Oxford
Verlag:Berghahn Books
Jahr:
ISBN:978-1-78238-111-2
Umfang/Preis:221 S.; £15.00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Jörg Neuheiser, Seminar für Neuere Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen
E-Mail: <joerg.neuheiseruni-tuebingen.de>

Für reichlich ein Jahrzehnt scheint der spezifisch deutsche Beitrag zur Geschichte der Arbeit und der Arbeiterbewegungen vor allem in der besonders lauten Klage über ihren historiografischen Niedergang bestanden zu haben. Auch Jürgen Kocka hat zu diesem Genre beigetragen; zugleich verfolgt er seit Längerem den Gedanken, eine Erneuerung der (deutschen) Labour History über eine breiter angelegte Erforschung des Wandels von Arbeit voranzutreiben.[1] Die zehn Beiträge des von ihm herausgegebenen Sammelbands, der drei Jahre nach der gebundenen Ausgabe nun auch als Taschenbuch vorliegt, sind diesem Ansatz verpflichtet. Darüber hinaus wollen sie – entsprechend dem Ziel der Reihe – englischsprachige Leser mit den Ergebnissen deutschsprachiger Forschung vertraut machen. Dazu wird eine Art (unvollständiges) „Best of German Research“ geboten: Alle Autorinnen und Autoren des Bandes sind in den letzten 20 Jahren mit einschlägigen Arbeiten hervorgetreten; viele von ihnen gehören einer Historikergeneration an, die bereits seit den 1980er-Jahren an prominenter Stelle lehrt und forscht. In den durchweg lesenswerten und anregenden Texten folgen die meisten den Ansätzen, die auch in ihren bisherigen Publikationen eine wichtige Rolle gespielt haben.

Es geht also um Arbeit in Deutschland und zugleich um deutsche Forschungsperspektiven auf Arbeit. Angesichts dieses doppelten Ziels wird kein Leser eine in sich geschlossene Darstellung der Geschichte der Arbeit in Deutschland seit 1800 erwarten. Daher überrascht es fast, dass bei der Lektüre der verschiedenen Artikel doch gemeinsame Trends oder Aspekte bemerkbar werden. Auffällig ist zunächst die starke Orientierung an begriffsgeschichtlichen Methoden. Etwa die Hälfte der Beiträge untersucht deutschsprachige Diskurse, so Josef Ehmers Studie zum Arbeitsbegriff des späten Mittelalters und der frühen Reformationsphase oder Thomas Welskopps Artikel über unterschiedliche Vorstellungen von Arbeit in der frühen deutschen Arbeiterbewegung. Ähnlich schildert Gerd Spittler sozialwissenschaftliche Diskussionen über Arbeit im 19. Jahrhundert und ihre Folgen für die anthropologische Empirie. Ute Frevert fragt nach der Rolle von Vertrauen im Kontext von Arbeit sowie nach der „Arbeit“, die notwendig ist, um Vertrauen herzustellen.

Offensichtlich führt die Beschäftigung mit der Geschichte der Arbeit auch eine eher sozialhistorisch geprägte Historikergeneration zuallererst in den Bereich der Semantik. Schon in seiner Einleitung knüpft Kocka an Werner Conzes klassischen Artikel über Arbeit aus den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ an und skizziert einmal mehr die große Erzählung von der kontinuierlich wachsenden Wertschätzung der Arbeit, die er mit den sozialhistorischen Brüchen im Feld der Arbeit während des 19. Jahrhunderts und der utopischen Tradition einer Hoffnung auf die Abschaffung der Arbeit kontrastiert.[2] Die Spannung zwischen der ideologischen Aufwertung der Arbeit zum Kern der menschlichen Existenz und ihrer konfliktreichen Realität unter den Bedingungen der Industrialisierung nimmt er zum Anlass, um einen differenzierteren Blick auf die Geschichte der Entstehung der modernen Arbeitsgesellschaft zu fordern. Solche Differenzierungen prägen auch die anderen erwähnten Artikel, die – allen voran Freverts Beitrag – durchweg die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit semantischer Konzepte in den Mittelpunkt stellen. Prägnante Ergebnisse liefert dabei vor allem Ehmers, der mit Blick auf die Arbeitsdiskurse sowohl in spätmittelalterlichen Gilden als auch in Fürstenspiegeln und Priesterhandbüchern auf die Modernität vorreformatorischer Arbeitsvorstellungen verweist und eine erstaunlich frühe „glorification of labour“ (S. 31) belegt. Hier wie auch in den anderen Studien zur historischen Semantik der Arbeit zeigt sich, wie viel auf diesem Feld noch zu tun bleibt und wie ertragreich eine modernisierte Begriffsgeschichte weiterhin sein kann.

Neben diesen eher diskursgeschichtlichen Beiträgen finden sich Forschungsberichte, die vornehmlich um einen Überblick über den Stand der deutschen Forschung im internationalen Vergleich bemüht sind. Dazu zählen Karin Hausens Blick auf die deutsche Geschlechtergeschichte und ihre Behandlung von Themen im Bereich der Arbeit, zudem Klaus Tenfeldes Diskussion von Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg, die auf einer breiten Sichtung von jüngeren Untersuchungen zum Thema beruht und zugleich als Problemaufriss für weitere Studien zu verstehen ist. Der inzwischen verstorbene Tenfelde betont vor allem die schwer abgrenzbare Vielzahl von ähnlichen, letztlich aber doch unterschiedlichen Formen der erzwungenen Arbeit im Nationalsozialismus und unter deutscher Besatzung.

Während es Tenfelde primär um die Schwierigkeiten einer genauen Erfassung und Quantifizierung geht, sowie, darauf aufbauend, einer moralisch wie juristischen Bewertung von Zwangsarbeit insgesamt, ist der Aufsatz von Hausen von anderem Charakter. Über weite Strecken liest sich ihr Artikel wie eine Grundsatzkritik an der häufig (nicht nur) geschlechterblinden älteren deutschen Forschung zur Geschichte der Arbeit und der Arbeitenden, in der sie etwa auch Kockas Forschung aus den 1980er-Jahren nicht ausspart. Wenn sie die ungeheure Komplexität der sozialen Wirklichkeit historischer Akteure betont und hervorhebt, dass das politische und soziale Handeln von Menschen sich nicht auf eine ökonomische Logik oder die Analyse von Klassenbeziehungen reduzieren lässt, bietet sie auch einen Ansatz zur Erklärung des oft beklagten Niedergangs der deutschen Arbeiterforschung. Denn obwohl sie zugleich zahlreiche geschlechtergeschichtliche Studien erwähnt, welche die von ihr vermissten Ansätze – neben Gender-Theorien verweist sie unter anderem auch auf den Linguistic Turn und die Bedeutung der Analyse politischer Sprachen – erfolgreich auf deutsche Verhältnisse im 19. und 20. Jahrhundert angewandt haben: Anders als zum Beispiel in England hat die Ankunft der verschiedenen kulturwissenschaftlichen „Turns“ in der Geschichtswissenschaft in Deutschland nicht zu einem empirischen Schub und einer Fülle von Arbeiten geführt, die Arbeitsverhältnisse, politische Aktivitäten und Lebensformen kleiner Leute ebenso wie ihre Genderwahrnehmungen von Neuem in den Mittelpunkt gerückt hätten. Statt sich über eine produktive Auseinandersetzung mit problematischen Klassenkonzepten und sozioökonomischen Handlungsmodellen zu erneuern, brach eine von übertrieben homogenen Milieuvorstellungen geprägte Arbeitergeschichte weitgehend ab.

Das empirische Potenzial einer betont kulturalistisch angelegten Forschung zur Geschichte der Arbeit wird im vorliegenden Band nicht zuletzt im herausragenden Beitrag von Alf Lüdtke deutlich, der aus der Perspektive der historischen Anthropologie ebenso eigensinnig wie originell die Kriegstätigkeit des Soldaten im 20. Jahrhundert mit dem täglichen Schaffen des (Industrie-)Arbeiters vergleicht. Ausgehend von Beschreibungen des soldatischen Kämpfens als „Arbeit“, stößt er dabei auf durchaus überraschende Parallelen (etwa: die Bedeutung der Vorstellung von Qualitätsleistungen, die soziale Dynamik des Handelns in kleineren Einheiten, die Notwendigkeit zur permanenten Anpassung und zu eigenständigen Problemlösungen), aber auch auf signifikante Unterschiede, die letztlich in der Dimension des Tötens und Getötet-Werdens ihre Wurzeln haben.

Schließlich sind viele der Artikel von der Forderung nach internationalen Vergleichen, der Auflösung ethnozentrischer Perspektiven und der Untersuchung transnationaler Verflechtungen durchzogen. Besonders deutlich wird dies in den beiden abschließenden Aufsätzen. Sebastian Conrads Blick auf die Bedeutung des Konfuzianismus für den modernen japanischen Arbeitsbegriff ist ein gelungener Angriff auf die nationale Engführung einer geistesgeschichtlichen Konstruktion langer Linien, die den wirtschaftlichen Erfolg Japans einseitig mit einem konfuzianischen Arbeitsethos erklärt. Differenziert und überzeugend betont Conrad westliche Einflüsse auf die Gestaltung der japanischen Arbeitsbeziehungen ebenso wie die Wandelbarkeit historischer Erzählungen, in denen der Konfuzianismus wechselnd sowohl als förderlich als auch als Hindernis für die Modernisierung der japanischen Wirtschaft wahrgenommen wurde. Andreas Eckert bläst in seiner Analyse neuer globalgeschichtlicher Trends in ein ähnliches Horn, wenn er besonders hervorhebt, dass es bei der „Globalisierung“ der Labour History nicht in erster Linie auf eine Übertragung bekannter Linien der westlichen Arbeitergeschichte auf andere Erdteile, sondern auf eine Einübung des globalen Blicks ankommt, der beispielsweise auch die Bedeutung globaler Tauschbeziehungen für die europäische Geschichte neu entdeckt. Solche Forderungen mögen letztlich niemanden überraschen; sie liegen ganz im Trend der deutschen Geschichtswissenschaft und der internationalen Labour History. Es ist bezeichnend, dass sie vor allem von den jüngeren Autoren des Bands erhoben werden.

Insgesamt gibt der Band vielleicht gerade damit einen gelungenen Überblick über den Stand der deutschen Forschung zur Geschichte der Arbeit, ihrer Tendenzen und Probleme, aber auch ihrer Potenziale.[3] Deutlich wird: Historikern und Historikerinnen, die sich für Arbeit in ihrer historischen Dimension interessieren, wird die Arbeit nicht ausgehen. Ein deutscher Rezensent sollte zurückhaltend sein, wenn er die Wirkung der Beiträge auf das intendierte englischsprachige Publikum abschätzt. Viele Leserinnen und Leser haben die Artikel jedenfalls verdient, gerade auch in Deutschland.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Jürgen Kocka, Drohende Geschichtslosigkeit, in: Mitbestimmung 11/12 (2007), S. 52–55; ders. / Claus Offe (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt am Main 2000.
[2] Werner Conze, Arbeit, in: ders. / Otto Brunner / Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 1, Stuttgart 1972, S. 154–215.
[3] Vgl. dazu jetzt auch Kim Christian Priemel: Heaps of Work. The Ways of Labour History, in: H-Soz-u-Kult, 23.01.2014, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2014-01-001> (10.02.2014).

ZitierweiseJörg Neuheiser: Rezension zu: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Work in a Modern Society. The German Historical Experience in Comparative Perspective. Oxford 2013, in: H-Soz-Kult, 12.02.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-107>.

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