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Zeitgeschichte (nach 1945)

T. Kroll u.a. (Hrsg.): Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Titel:Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland. Verschiebungen im politischen Feld der 1960er und 1970er Jahre
Herausgeber:Kroll, Thomas; Reitz, Tilman
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-30045-9
Umfang/Preis:270 S., 3 Abb.; € 44,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
D. Timothy Goering, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
E-Mail: <timothygoeringgmail.com>

Als Walter Jens vor einigen Monaten starb, erklang erneut ein Schwanengesang über das Ende des öffentlichen Intellektuellen.[1] Auch wenn Jens im Sammelband „Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland“ nicht vorkommt – er hätte vorkommen können. Denn man kann ihn wohl als typischen Repräsentanten einer bestimmten Intellektuellenrolle in der Bundesrepublik bezeichnen. Schriftsteller, sagte Jens in einer Rede von 1974, könnten „ihrem politischen Auftrag in dieser Gesellschaft nur dann gerecht werden […], wenn sie jene Versprechungen der großen bürgerlichen Revolution, die liberale Freiheits- und die sozialistische Gleichheitsverheißung, einklagen, die nicht abgegolten, sondern verraten worden sind“.[2] Die Vorstellung gerade des Schriftstellers als eines öffentlichen Akteurs, der durch aufsehenerregende Interventionen für Freiheit kämpft, war und ist eines der dominierenden Modelle des Intellektuellen. Die Intellektuellenforschung kennt aber viele verschiedene Typen und hebt vor allem eine chronologische Entwicklung hervor: Der Intellektuelle des frühen 19. Jahrhunderts war ein ganz anderer Akteur als der „Gelehrtentypus“ des Kaiserreichs, und der „anti-intellektuelle Intellektuelle“ (Theodor W. Adorno) der Weimarer Republik scheint andere Merkmale aufzuweisen als der liberale Intellektuelle der Bundesrepublik. Stellt der westdeutsche Intellektuelle in den 1960er- und 1970er-Jahren einen neuen Typus dar? Wenn ja, was waren seine hervorstechenden Charakterzüge und sein kulturelles Kapital? Wie verhielt sich der Intellektuelle in der Bundesrepublik zu den universitären Institutionen?

Solchen Fragen nähert sich der Sammelband des Historikers Thomas Kroll und des Wissenssoziologen Tilman Reitz. Die Beiträge basieren größtenteils auf einer interdisziplinären Tagung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im September 2011.[3] Erklärtes Ziel des Bandes ist es, das Feld der Intellektuellen der 1960er- und 1970er-Jahre unter drei Aspekten zu analysieren: Erstens sollen „ideengeschichtliche (Selbst-)Verortung, institutioneller Hintergrund, Strategien öffentlicher Einflussnahme“ (S. 12) sichtbar gemacht werden; zweitens werden „Intellektuelle in den Blick genommen, die in den 1960er und 1970er Jahren keine Hauptrolle in der Öffentlichkeit spielten“ (ebd.); und schließlich versuchen die Autorinnen und Autoren „auch entgegen verfestigten kulturellen und wissenschaftlichen Mustern neu zu bestimmen, welche Ziele die Intellektuellen in ihren Kontexten verfolgten und was sie bewirkt haben“ (S. 13). Dabei werden die interdisziplinären Ansätze des Bandes hervorgehoben, besonders die „erste[n] (in vielerlei Hinsicht tastende[n]) Versuche einer Zusammenarbeit“ zwischen Wissenssoziologie und Geschichtswissenschaft (S. 14).

Im ersten Themenkomplex, der sich mit der „Theorie der Intellektuellen“ auseinandersetzt, finden sich zwei Beiträge, die analytische Werkzeuge an die Hand geben wollen. Wolfgang Eßbach ruft dazu auf, bei der Beschäftigung mit Intellektuellen die „Selbstbefragung“ nicht zu vergessen, „handelt es sich doch bei dieser Soziologie um eine Form von Kollegialität“ (S. 23). Zur adäquaten Auseinandersetzung mit Intellektuellen kämen das „weite Meer der Ideengeschichte“ und das „Aktionsfeld der Klassenanalyse“ hinzu (S. 40). Ingrid Gilcher-Holtey bietet in ihrem Beitrag eine Art Intellektuellen-Landkarte an, die im Dickicht der konkurrierenden analytischen Konzeptionen Orientierung geben soll. Sie erläutert Begriff und Konzept des „allgemeinen Intellektuellen“, „öffentlichen Intellektuellen“, „aktivistischen Intellektuellen“, „spezifischen Intellektuellen“ und schließlich des „Bewegungsintellektuellen“. Dieser „neue[...] Typus des Intellektuellen“ sei jemand, „der sich nicht über Wertsetzung und Dramatisierung von Leitideen definierte, sondern in und durch seine Aktionen“ (S. 50).

Der zweite Themenkomplex des Bandes ist überschrieben mit „Politische Ideen und Gesellschaftsentwürfe“ und enthält drei Beiträge. Patrick Wöhrle untersucht die Technokratie- und Konservatismusdebatte der 1960er- und 1970er-Jahre anhand der Positionen von Helmut Schelsky, Arnold Gehlen und Jürgen Habermas; er warnt davor, mit einer vereinfachten Links-Rechts-Schablone Intellektuelle vorschnell zu kategorisieren. Christoph Henning setzt mit der steilen These ein, dass der „Marxismus eigentlich keine Gesellschaftsentwürfe kennt“ (S. 72) und dass sich zum „Thema der Zukunftsgesellschaft bei Marx und Engels“ kaum etwas finde (S. 74).[4] Wie „diese Lücke in den 1960er Jahren mit einer ‚Politik des Subjekts’ gefüllt wurde“ (S. 72), wird im weiteren Verlauf diskutiert. Einen überaus interessanten Beitrag liefert Regina-Maria Dackweiler, die danach fragt, welche Rolle der Typus des Intellektuellen für die Feministinnen in der Entstehungszeit der Neuen Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre spielte. „Es handelt sich bei dieser feministischen Intellektualität“, so Dackweilers These, „die sich selbst so nicht bezeichnet(e), implizit um einen Gegenentwurf zum Intellektuellen als demjenigen, der jemand ist und der deshalb Autorität nach innen und außen zugeschrieben bekommt“ (S. 92).

Sieben Aufsätze sind dem dritten Themenkomplex zugeordnet, betitelt mit „Die Organisation der Intellektuellen: Institutionen, Denkschulen, Vernetzungsmedien“. Thomas Kroll geht in seinem exzellenten Beitrag auf drei linksprotestantische Intellektuelle ein: Dorothee Sölle, Jürgen Moltmann und Helmut Gollwitzer. In ihren Schriften und Aktionen erkennt Kroll den „Versuch einer neuen Definition des Verhältnisses von Politik, Kirche und Intellektuellen“ (S. 122). Jens Hacke setzt sich mit Ralf Dahrendorf und der FDP auseinander. „Noch heute erinnert man sich nostalgisch an die Zeiten, als die FDP attraktiv für Intellektuelle war“, schreibt Hacke, „und sogar einen Rudolf Augstein zum Parteieintritt bewegen konnte“ (S. 135). Insgesamt resümiert er aber: „Dahrendorf als Politiker, das ist die Geschichte eines Scheiterns.“ (S. 124)

Olaf Blaschke und Andreas Ziemann legen das Hauptaugenmerk auf die Medien. Während Blaschke die Bedeutung der Verlage als „Katalysatoren von Disziplinbildungsprozessen und Subdisziplinprofilierungen, von Schulen, von Tendenzen und von Unterscheidungen“ hervorhebt (S. 140), konzentriert sich Ziemann auf den „medienbedingten Wandel intellektueller Praxis“ und wirbt für die Berücksichtigung des „(Film-)Intellektuellen“ (S. 166).

Tilman Reitz, Gregor Kritidis und Tobias Freimüller stellen wissenssoziologische Überlegungen zu akademischen Schulbildungen an. Reitz geht auf die Frankfurter und die Münsteraner Schule der Sozialphilosophie ein. Kritidis wendet sich Wolfgang Abendroth und Peter von Oertzen beziehungsweise der Marburger und der Hannoverschen Schule zu. Freimüller schildert die Bedeutung und Rolle von Alexander Mitscherlich sowie die Gründung des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts.

Arnold Gehlen hat einst von Persönlichkeiten als „Institutionen in einem Fall“ gesprochen.[5] So geht es im Themenkomplex „‚Institutionen in einem Fall’: Öffentliche Intellektuelle“ in drei Beiträgen schließlich um besonders einflussreiche Intellektuelle. Thomas Bieberich vergleicht Jürgen Habermas’ (Selbst-)Verständnis des Intellektuellen mit seiner Gesellschaftstheorie. In einem sehr anregenden Aufsatz verfolgt Reinhard Mehring die Rolle von Carl Schmitt als „Diskurspartisan“ in der Bundesrepublik. Schmitt war, so Mehring, ein „institutionell, disziplinär, politisch, ökonomisch und auch religiös ‚freischwebender’ Intellektueller mit akademischen Netzwerken und publizistischen Möglichkeiten“ (S. 242). Der Band endet mit einem Beitrag von Jens Ewen, der Ambivalenzen im Werk Hans Magnus Enzensbergers aufdeckt, die in dessen Verständnis vom Schriftsteller als Intellektuellen enthalten sind.

Insgesamt lässt der Sammelband einige der üblichen Schwächen dieser Gattung erkennen. Trotz des Versuchs, in der Einleitung einen konzeptionellen Rahmen für alle Beiträge zu schaffen, zeichnet sich der Band eher durch eine ideenreiche Vielfalt aus. Das angestrebte Ziel, diejenigen Intellektuellen zu Wort kommen zu lassen, die „keine Hauptrolle in der Öffentlichkeit spielten“ (S. 12), wird nur in wenigen Beiträgen eingelöst. Und die angestrebte Synthese zwischen Wissenssoziologie und Geschichtswissenschaft kommt mehr einer Arbeitsaufteilung als einer Zusammenarbeit gleich. Doch die Stärken des Bandes sind nicht zu übersehen: Mosaikartig dokumentieren die Beiträge einen beeindruckenden Formenreichtum biographischer und ideengeschichtlicher Perspektiven auf Intellektuelle der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Forschung macht mit diesem Band einen weiteren Schritt in die Richtung, das intellektuelle „Feld“ der Bundesrepublik auszuloten. Es wird deutlich, wie umstritten die Figur des Intellektuellen in den untersuchten Jahren tatsächlich war. Sowohl Konservative wie auch Linke betrachteten den Intellektuellen als legitimen Akteur der Gesellschaft, schrieben ihm aber jeweils ganz andere Eigenschaften zu. Ob damit das Kennzeichnende des „‚neuen’ Intellektuellen der 1960er und 1970er Jahre“ (S. 10) diese Umstrittenheit seiner Funktion und Position war, wird als Schlussfolgerung nahegelegt, auch wenn sie nicht die einzig mögliche ist – der Sammelband lässt sich nicht auf eine These reduzieren. Manche Fragen bleiben also offen. Anstöße sind in diesem Band dennoch reichlich enthalten.

Anmerkungen:
[1] Siehe z.B.: Wo sind die großen Denker hin?, 23.06.2013, <www.focus.de/kultur/buecher/literatur-wo-sind-die-grossen-denker-hin_aid_1023609.html> (06.08.2013).
[2] Walter Jens, Phantasie und gesellschaftliche Verantwortung. Zur literarischen Situation in der Bundesrepublik, in: ders., Republikanische Reden, München 1976, S. 81–92, hier S. 91.
[3] Siehe den Flyer der Tagung: <www.jenacenter.uni-jena.de/jenacentermedia/Downloads/Intellektuelle+BRD+Flyer.pdf> (06.08.2013). Vgl. auch den Bericht von Günter Platzdasch, Am Grabmal des Intellektuellen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2011, S. N4, (ebenso auf: <www.jenacenter.uni-jena.de/Presse/Aktuell/IntellektuelleFAZ.html> (06.08.2013)).
[4] Als Einwand fällt einem zum Beispiel Marx' bekannte „Kritik des Gothaer Programms“ (1875) ein, die einen recht spezifischen Zukunftsentwurf enthält (siehe: Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 19, 3. Aufl. Berlin [Ost] 1973, S. 11–32).
[5] Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft, Hamburg 1957, S. 118.

ZitierweiseDaniel Timothy Goering: Rezension zu: Kroll, Thomas; Reitz, Tilman (Hrsg.): Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland. Verschiebungen im politischen Feld der 1960er und 1970er Jahre. Göttingen 2013, in: H-Soz-Kult, 10.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-142>.

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