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Mittelalterliche Geschichte

J. R. Lyon: The Sibling Bond in German Politics, 1100–1250

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:Princely Brothers and Sisters. The Sibling Bond in German Politics, 1100–1250
Ort:Ithaca
Verlag:Cornell University Press
Jahr:
ISBN:978-0-8014-5130-0
Bemerkungen:Abb. u. Karten
Umfang/Preis:Hardcover; 294 S.; € 53,25

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Benjamin Müsegades, Historisches Institut, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
E-Mail: <muesegadebuni-greifswald.de>

Die mediävistische Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat hochadeligen Familien großes Interesse entgegengebracht. Der Fokus lag hierbei auf dem Hoch- und Spätmittelalter.[1] Angefangen mit der grundlegenden Studie von Karl-Heinz Spieß zum südwestdeutschen nicht-fürstlichen Hochadel im Spätmittelalter[2] standen vor allem die Dynamiken und Aushandlungsprozesse innerhalb der Gesamtfamilie im Fokus. Jörg Rogge und Cordula Nolte haben diesen Ansatz für die Untersuchung der Wettiner und Hohenzollern operationalisiert.[3] Für das Hochmittelalter untersuchte etwa Tobias Weller die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert.[4]

Die Beziehungen unter Geschwistern in hochadligen Familien stellten in den erwähnten Arbeiten stets nur einen Teilaspekt dar. Eine gesamte Monographie widmet hingegen Jonathan Lyon der Frage, wie Brüder und Schwestern aus den führenden Familien der Stauferzeit miteinander interagierten. Hierfür nimmt er für den Zeitraum von 1100 bis 1250 neben den Staufern selbst die Welfen, Wettiner, Askanier, Ludowinger, Zähringer, Wittelsbacher, Babenberger und Andechs-Meranier in den Blick. Seiner Untersuchung voran stellt er in der Einführung die These, „that noblemen – and to a lesser extent noblewomen – routinely relied on the cooperation and support of their siblings as they sought to maintain or expand their power and influence within the competitive political environment of the German kingdom“ (S. 4).

Im ersten Kapitel erläutert er konzise die Ursprünge und Entwicklungen der verschiedenen hochadligen Familien bis zur Stauferzeit. Anschließend nimmt er unter dem Titel „Forging the Bonds between Siblings“ Herrschaftsnachfolge und Abschichtung in den geistlichen Stand als „Karriere-Optionen“ für die einzelnen Söhne in den Blick. Hierbei hebt Lyon hervor, dass Brüder in Erbfällen darum bemüht waren, miteinander zu kooperieren, nicht zuletzt, weil selten nur einer von ihnen alleine regierte. Vor allem aus den überlieferten Urkunden zieht er den Schluss, dass auch die in den geistlichen Stand getretenen Söhne weiterhin in ihre Familien integriert waren. Für die Schwestern geht Lyon, davon aus, dass sie einen weniger engen Kontakt zu ihren Geschwistern pflegten, da sie heiratsbedingt den Großteil ihres Lebens in der Regel außerhalb des Machtbereichs der jeweiligen Linie verbrachten. Lyon legt seine Ergebnisse überzeugend dar, jedoch bindet er die einschlägige Studie Gerhard Streichs, die sich detailliert mit der Rückkehr adliger Söhne aus dem Kleriker- in den Laienstand beschäftigt, bedauerlicherweise nicht in seine Überlegungen mit ein.[5]

Das nachfolgende Kapitel widmet sich für die Mitte des 12. Jahrhunderts ausführlich der ersten, besonders kinderreichen Generation in den untersuchten Familien. Jonathan Lyon beschreibt wie Brüder zusammen Klöster fundierten, sich gemeinsam am Kaiserhof aufhielten oder auf anderen Gebieten kooperierten. Anschließend nimmt er das Handeln der jeweiligen Brüder-Konstellationen unter den Bedingungen der Auseinandersetzung zwischen Friedrich Barbarossa und Heinrich dem Löwen in den Blick. Aufgrund der an die einzelnen Mitglieder der hochadligen Familien in dieser Zeit verliehenen honores sowie der in den jeweiligen Häusern meist praktizierten gemeinschaftlichen Herrschaftsausübungen durch mehrere Brüdern sieht Lyon die Jahre um die Absetzung Heinrichs 1180 als Höhepunkt der sich in der Stauferzeit nachweisbaren geschwisterlichen Kooperation: „At this moment, more so than any other in the twelfth or thirteenth century, the political efficacy of sibling solidarity was on full display“ (S. 119). Für die Zeit von circa 1180 bis 1210 konstatiert Lyon im nachfolgenden Kapitel hingegen eine zurückgehende Kooperation zwischen Brüdern, die jedoch keinesfalls zu einer Zunahme von Konflikten in den einzelnen Familien geführt habe.

Es folgt eine Darstellung der Interaktion zwischen den Mitgliedern der beiden Ende des 12. bis Mitte des 13. Jahrhunderts lebenden Generationen der Andechs-Meranier, bei denen erneut vor allem die brüderliche, aber auch andere verwandtschaftliche Arten der Kooperation hervorgehoben werden. Für das Ende des Untersuchungszeitraums sieht Jonathan Lyon, unter anderem bedingt durch die geringe Zahl überlebender Söhne sowie den sich durchsetzenden Verzicht auf eine gemeinsame Herrschaft mehrerer Brüder, einen sich langsam vollziehenden Bruch in der bis Ende des 12. Jahrhunderts vorherrschenden geschwisterlichen Kooperationspraxis. Eine kurze Zusammenfassung, eine Zusammenstellung der Stammbäume der untersuchten Häuser sowie das Quellen- und Literaturverzeichnis und ein detailliertes Register runden den Band ab.

Der Wert von Lyons Studie liegt vor allem darin, dass sie einen neuen Blickwinkel auf die Reichsgeschichte in der Stauferzeit eröffnet. Der vergleichende Fokus auf die Brüderbeziehungen innerhalb der führenden Häuser im hochmittelalterlichen Reich ist durchaus innovativ. Aus Mangel an für Familienbeziehungen besonders aussagekräftigen Quellen wie Hausverträgen, die in größerer Zahl erst für das Spätmittelalter überliefert sind, macht er vor allem Urkunden und historiographische Werke, jedoch auch literarische Texte und Siegel für seine Untersuchung nutzbar. Erfreulicherweise greift er auch auf ungedruckte Quellen aus insgesamt 15, meist deutschen Archiven und Bibliotheken zurück. Die brüderliche Kooperation in den einzelnen Familien und ihre Rolle für die Reichsgeschichte im 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kann er auf dieser Grundlage überzeugend darlegen. Durch den Ansatz, sich nicht auf einzelne Häuser zu beschränken, kommt er zu verallgemeinerbaren Ergebnissen, die nachvollziehbar und sprachlich ansprechend dargestellt sind. Die Entwicklungsstufen in den Brüder-Beziehungen, von einer engen Kooperation bis in die letzten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts hin zu einer langsamen Erosion bis zum Ende der Regierungszeit Friedrichs II., kann Lyon überzeugend belegen.

Trotzdem finden sich in der Arbeit kleinere Mängel. Urkunden und insbesondere deren Zeugenreihen sind zweifellos eine der herausragenden Quellen für die Rekonstruktion der personellen Komponenten hochmittelalterlicher Reichsgeschichte. Jedoch sind ihrem Aussagewert Grenzen gesetzt. Die Wortwahl in den Schriftstücken dürfte in der Regel nicht durch die jeweiligen, der lateinischen Sprache in der Regel nicht kundigen hochadligen Familienmitglieder, sondern in nicht geringem Maße durch das Kanzleipersonal der einzelnen Herrscher bestimmt gewesen sein. Ob aus der mehrmaligen Bezeichnung als nepos noster in einer Urkunde der Andechs-Meranier Berthold und Meinhard III. aus dem Jahr 1234 etwa eine beabsichtigte Betonung der Blutsbeziehung der beiden ableitbar ist (S. 190), dürfte zumindest diskussionswürdig sein. Eher spekulativer Natur ist der Schluss, dass der starke Geburtenrückgang in den untersuchten Häusern gegen Ende des 12. Jahrhunderts durch eine Art gezielte Geburtenkontrolle zustande kam (S. 122, 235). Eine solche Maßnahme ist gerade unter dem Gesichtspunkt des stets über den einzelnen Häusern hängenden Damoklesschwerts des Erlöschens der männlichen Linie aufgrund fehlender legitimer Söhne eher unwahrscheinlich.

Trotz dieser Kritikpunkte hat Jonathan Lyon eine Studie vorgelegt, die die Forschung zur Stauferzeit durch ihren vergleichenden Ansatz bereichert. Seine Untersuchung der bisher weitestgehend ignorierten Brüderbeziehungen hilft, ein neues Licht auf einzelne Aspekte der Reichsgeschichte zu werfen. Es bleibt zu hoffen, dass er vermag, mit seiner Arbeit zu weiteren Studien anzuregen.

Anmerkungen:
[1] Siehe für das Frühmittelalter jedoch etwa Gerd Althoff, Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindung im früheren Mittelalter, Darmstadt 1990.
[2] Karl-Heinz Spieß, Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters. 13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts, Stuttgart 1993.
[3] Jörg Rogge, Herrschaftsweitergabe, Konfliktregelung und Familienorganisation im fürstlichen Hochadel. Das Beispiel der Wettiner von der Mitte des 13. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts, Stuttgart 2002; Cordula Nolte, Familie, Hof und Herrschaft. Das verwandtschaftliche Beziehungs- und Kommunikationsnetz der Reichsfürsten am Beispiel der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach (1440–1530), Ostfildern 2005.
[4] Tobias Weller, Die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert, Köln 2004.
[5] Gerhard Streich, “aus der Kutt‘ gesprungen“. Die Rückkehr hochadliger Kleriker und Mönche in den Laienstand, in: Peter Aufgebauer / Christine van den Heuvel (Hrsg.), Herrschaftspraxis und soziale Ordnung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Ernst Schubert zum Gedenken, Hannover 2006, S. 405–433.

ZitierweiseBenjamin Müsegades: Rezension zu: Lyon, Jonathan R.: Princely Brothers and Sisters. The Sibling Bond in German Politics, 1100–1250. Ithaca 2013, in: H-Soz-u-Kult, 24.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-058>.

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