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Alte Geschichte

A. M. Smith II: Roman Palmyra

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Roman Palmyra. Identity, Community, and State Formation
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-986110-1
Umfang/Preis:XVII, 293 S.; £55.00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Michael Sommer, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg
E-Mail: <michael.sommeruni-oldenburg.de>

Schon für die Römer hatte die syrische Oasenstadt Palmyra einen entschieden exotischen Touch. Wer als römischer Tourist wie Hadrian das „Venedig im Sand“ (Ernest Will) besuchte, konnte sich dem Faszinosum des kulturellen Zwielichts, das die Stadt durchleuchtete, kaum entziehen. Die spätantike Historia Augusta zeichnet ein phantasievolles Bild von der orientalischen Wüstenkönigin Zenobia, die das mächtige Rom herausgefordert habe. Und noch viel später eignete sich der panarabische Nationalismus Zenobia und ihre Stadt an.[1]

Doch Palmyra war kein Ort aus Tausendundeiner Nacht, sondern ein Fernhandelsknotenpunkt, der seinen Platz im postseleukidischen Vorderasien hatte, seit dem 1. Jahrhundert als Teil der römischen Provinz Syria, aber mit beträchtlichem Eigengewicht: politisch, kulturell und ökonomisch. Seit Fergus Millar vor 20 Jahren die Provinzen des römischen Nahen Ostens und ihre Kultur auf die Agenda altertumswissenschaftlicher Forschung stellte[2], hat sich eine stattliche Reihe gelehrter Studien mit der Stadt beschäftigt, die zu ihrer Glanzzeit große Teile des römischen Orienthandels dirigierte: mit dem von ihr errichteten „Sonderreich“[3], mit Religion[4], politischen[5] und sozialen Strukturen.[6] Erst unlängst legten die in der sogenannten Hellenistischen Stadt arbeitenden Archäologen um Andreas Schmidt-Colinet die Früchte ihrer Arbeiten in einer umfassenden zweibändigen Publikation vor.[7] Die Zahl der älteren Publikationen und solcher Werke, die Palmyra als Teil thematisch übergreifender Darstellungen behandeln, ist so groß, dass sie hier unmöglich alle erwähnt werden können.

Warum also noch ein Buch über Palmyra? Andrew M. Smith, aus dessen an der University of Maryland eingereichten Doktorarbeit das hier anzuzeigende Werk hervorgegangen ist, gibt gleich im einleitenden Kapitel Auskunft über seine Beweggründe, der Palmyra-Bibliographie noch eine weitere Studie hinzuzufügen: Identity und community sind die zentralen Begriffe, um die seine Studie kreist. Mit Zdzisław Mach definiert Smith identity als „action, ‚or rather interaction, in the process of exchange of messages which we send, receive, and interpret until a general, relatively coherent image is achieved‘“ (S. 9). Nicht a priori vorhanden sei Identität, sondern sozial konstruiert – im Dunstkreis von Machtbeziehungen (S. 10). Zwar befindet sich Smith damit auf der Höhe der kulturwissenschaftlichen Forschung, wirklich neu ist sein Paradigma aber nicht. Eher erscheint die seit 20 Jahren andauernd gestellte Frage nach Identität etwas ausgelutscht.

Interessanter ist da schon der zweite von Smith in die Debatte geworfene Begriff: community. Hier hätte man die klassische soziologische Debatte zum Gemeinschaftsbegriff – von Tönnies über Durkheim bis Weber – trefflich rekapitulieren können; Smith hingegen gelangt ohne weitere Umschweife zu seiner Definition: „Community may then be regarded as the sum of the various individuals and groups comprised therein and of the boundaries generated by their interaction“ (S. 11). Die spannende Frage für Palmyra lautet, wie man es in der Oase schaffte, buchstäblich aus dem Nichts des Wüstensands eine Gemeinschaft zu zimmern, die in der Lage war, in dem Moment, als es darauf ankam, als politischer Akteur aufzutreten.

Auf diese Frage hat die Forschung gegensätzliche Antworten gefunden: Während Maurice Sartre Palmyra als „cité grecque“ und seine Institutionen als die einer griechischen Polis begriffen hat, haben andere – vor allem Ted Kaizer und dieser Rezensent selbst – stets die tribale Struktur der palmyrenischen Gesellschaft betont.[8] Smith hingegen vermeidet es, sich klar festzulegen: Für ihn spiegelt Palmyra zwar die Strukturen einer Polis „in most respects“, zeige andererseits aber auch „clear influences from societies further east“ (S. 15). Palmyra habe sich in eine „hybrid form of the Greek polis“ entwickelt (S. 183).

Es ist diese zwanghafte Suche nach „östlichen“ und „westlichen“ Merkmalen, mit der sich Smith analytisch selbst im Weg steht. Wer in „Orient“ und „Okzident“ ein Antithesenpaar sieht, aus dem die Palmyrener im Baukastensystem ihre Gesellschaft zusammenfügten, verkennt, dass spätestens seit Alexander dem Großen der Westen im Osten angekommen war – und umgekehrt. Die Palmyrener als eine Gesellschaft zu begreifen, die sich sukzessive immer mehr „Roman ideals and norms“ aneigneten, zugleich aber „certain indigenous and eastern habits“ beibehielten (S. 132), geht vermutlich haarscharf an der Realität vorbei.

Trotz dieser fragwürdigen Prämisse hat Smith ein lesenswertes Buch vorgelegt. Erstens gehört es zu den wenigen einschlägigen Studien, die sich dem Phänomen Palmyra überhaupt auf breiter theoretischer Grundlage nähern. Das ist verdienstvoll, gerade weil Smith sich auf diese Weise angreifbar macht. Er entzieht sich aber so dem Positivismusvorwurf, der noch immer einen Großteil der Zunft treffen muss. Damit zusammen hängt das zweite Verdienst seiner Arbeit: Smith beobachtet genau und kommt in vielen Details zu Neubewertungen, denen man sich stellen sollte. So gehört seine nuancierende Bewertung der „vier Stämme“ zum Besten, was zu diesem Problem geschrieben worden ist (S. 132–143). Auch seine Ausführungen zu Frauen, Sklaven, Familie und Freundschaft wird man mit Gewinn lesen. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was Smith zur Diskussion stellt – einen wichtigen Beitrag zur Palmyra-Forschung hat er mit seinem Buch fraglos geleistet.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa noch Yasmine Zahran, Zenobia between reality and legend, Oxford 2003.
[2] Fergus Millar, The Roman Near East. 31 BC – AD 337, Cambridge, Mass. 1993.
[3] Udo Hartmann, Das palmyrenische Teilreich, Stuttgart 2001; Michael Sommer, Der Löwe von Tadmor. Palmyra und der unwahrscheinliche Aufstieg des Septimius Odaenathus, in: Historische Zeitschrift 287 (2008), S. 281–318.
[4] Lucinda Dirven, The Palmyrenes of Dura-Europos. A study of religious interaction in Roman Syria, Leiden 1999; Ted Kaizer, The religious life of Palmyra. A study of the social patterns of worship in the Roman period, Stuttgart 2002.
[5] Maurice Sartre, Palmyre, cite grecque, in: Annales Archéologiques Arabes Syriennes 43 (1996), S. 385–405.
[6] Jean-Baptiste Yon, Les notables de Palmyre, Beyrouth 2002.
[7] Andreas Schmidt-Colinet / Waleed al-As‘ad, Palmyras Reichtum durch weltweiten Handel. Archäologische Untersuchungen im Bereich der hellenistischen Stadt, 2 Bde., Wien 2013.
[8] Sartre, Palmyre; Kaizer, Religious life, S. 43–66; Michael Sommer, Roms orientalische Steppengrenze, Stuttgart 2005, S. 170–183.

ZitierweiseMichael Sommer: Rezension zu: Smith II, Andrew M.: Roman Palmyra. Identity, Community, and State Formation. Oxford 2013, in: H-Soz-u-Kult, 14.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-038>.

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