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Zeitgeschichte (nach 1945)

R. J. McMahon (Hrsg.): The Cold War in the Third World

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Titel:The Cold War in the Third World
Reihe:Reinterpreting History: How Historical Assessments Change Over Time
Herausgeber:McMahon, Robert J.
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-976869-1
Umfang/Preis:229 S.; € 20,44

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Bernd Greiner, Hamburger Institut für Sozialforschung
E-Mail: <Bernd_Greinerhis-online.de>

Die „Dritte Welt“ wurde nach 1945 zum Schauplatz weltumspannender Auseinandersetzungen, weil Moskau und Washington einen Alleinvertretungsanspruch auf die Moderne angemeldet hatten. Der paternalistischen Tradition des Kolonialismus verpflichtet, drängten sie sich als Patrone auf, die ihre Schutzbefohlenen auf den richtigen Weg bringen, genauer gesagt zur Nachahmung des eigenen Gesellschaftsmodells animieren wollten. Andererseits ließen sich bemerkenswert viele Adressaten aus freien Stücken auf diesen Wettbewerb ein, nicht zuletzt, weil sie sich ihrerseits dem Fortschrittsideal verschrieben hatten. Diese vielfach verschränkte Geschichte zu entwirren und insbesondere den Folgen auf die Spur zu kommen, gehört zu den größten Herausforderungen der zeithistorischen Forschung. Wie weit man mittlerweile gediehen ist, zeigt ein jüngst von Robert J. McMahon vorgelegter Sammelband.

Auf überzeugende Weise wird herausgearbeitet, dass der vierzigjährige Friede auf der nördlichen Halbkugel mit einer Vielzahl von Kriegen im „globalen Süden“ einherging, wenn nicht erkauft wurde. Auch wenn vielerorts nicht ideologische Präferenzen, sondern der Wille zur Unabhängigkeit von alten Kolonialmächten oder schlicht lokale Streitereien den Ausschlag gaben, so ließen die USA und die UdSSR kaum eine Gelegenheit zur militärischen Parteinahme aus – sei es um der schieren Machtprojektion willen, sei es im Bestreben, die andere Seite noch nicht einmal im hintersten Winkel der Welt zum Zug kommen zu lassen. Dass zahlreiche Kriege, die sich andernfalls schnell erschöpft hätten, in der Folge intensiviert oder gar auf Dauer gestellt wurden, ist kaum zu bestreiten. Indochina und Korea standen am Anfang, in die erste Entspannungsphase zwischen 1963 und 1965 fiel der amerikanische Krieg in Vietnam, während der Detente der 1970er-Jahre eskalierten die Stellvertreterkriege in Afrika, Lateinamerika und Asien, bis schließlich die sowjetische Intervention in Afghanistan den Boden für eine neuerliche Eiszeit in den Ost-West-Beziehungen bereitete. In allen Fällen ging es um das Bemühen, die Bastion des weltpolitischen Konkurrenten von den Rändern her zu untergraben und möglicherweise zu Fall zu bringen. Wie viele Menschen in kleinen Kriegen ihr Leben hergeben mussten, auf dass der große Krieg verhindert würde, kann allenfalls geschätzt werden. Wahrscheinlich waren es an die 20 Millionen.

Ebenso deutlich wird in diesem Sammelband, dass die „Dritte Welt“ seitens ihrer Patrone in Ost und West als Laboratorium der Modernisierung behandelt wurde. Beflügelt von einer überzogenen Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit, verrannte man sich in die Idee eines weltweit adaptierbaren Modells. Diese Seite der Geschichte ist ebenso bekannt wie der Preis, der für die Vision der schönen neuen Welt gezahlt wurde – der Versuch, Bauern aus traditionellen Lebenswelten herauszuführen, mit moderner Landwirtschaft vertraut zu machen und zugleich gegen sozialrevolutionäre Agitation beziehungsweise gegen die Versuchungen kapitalistischen Wirtschaftens zu immunisieren, mündete vielerorts in einen Krieg gegen die Landbevölkerung. Auf schnellen Erfolg und propagandistischen Mehrwert fixiert, setzten die USA wie die UdSSR durchweg Prioritäten mit kurzem Verfallsdatum – vorrangig im südlichen Asien sowie im Nahen und Mittleren Osten und stets zu Lasten Afrikas und Lateinamerikas. Nicht die wirtschaftliche oder soziale Bedürftigkeit eines Landes gaben den Ausschlag für das Engagement. Im Mittelpunkt standen strategische Erwägungen: Die geopolitische Lage eines Landes, Art und Umfang seiner militärisch relevanten Rohstoffvorkommen, schließlich das Kalkül, die konkurrierende Hegemonialmacht verdrängen oder zumindest auf Abstand halten zu können. Überdies wurde der größte Teil der Auslandshilfe für Waffenlieferungen oder andere militärische Projekte aufgewendet – wobei die USA mit 95 Prozent im Jahr 1954 einen Spitzenwert verbuchten, der von den Sowjets zu keiner Zeit auch nur annähernd erreicht wurde.

So sehr sich die Supermächte als „Masters of the Universe“ gefielen, so wenig wurde der Kalte Krieg von ihnen alleine bestimmt. Die Vorstellung von Herrschaft und Unterwerfung – von übermächtigen Befehlsgebern in den Zentren und ohnmächtigen Befehlsempfängern an der Peripherie – erscheint angesichts des vorliegenden Sammelbandes wie eine Verweigerung gegenüber dem Offensichtlichen. In Schlüsselregionen der Dritten Welt gaben selbstbewusste Eliten mit einem ausgeprägten Willen zur Macht den Ton an. Nach Jahrhunderten kolonialer Herrschaft waren sie wenig geneigt, alte gegen neue Abhängigkeiten einzutauschen. Im Gegenteil. Sie fühlten sich historisch im Aufwind, dazu berufen, anstelle der verbrauchten Kolonialmächte und ihrer Nachlassverwalter in Moskau und Washington die Zukunft zu gestalten – daher auch die Neigung, nationale Souveränität im Zweifel mit nationalistischen Übersteigerungen zu behaupten.

Gerade Verbündete oder Umworbene in der Dritten Welt, die über strategische Rohstoffe verfügten oder von geopolitischem Interesse waren, verstanden sich auf ein virtuoses Nutzen von Handlungsspielräumen. Indira Gandhi führt die Reihe berühmter Beispiele an, dicht gefolgt von Gamal Abdel Nasser, der seinen Großmachtphantasien umso näher kam, je gewiefter er Ost und West gegeneinander ausspielte. Sie und Ihresgleichen demonstrierten ein um das andere Mal, wie einfach es war, den Antagonismus der Supermächte zum eigenen Vorteil auszubeuten. In der Regel reichten Solidaritäts- und Treueschwüre, um in den Genuss großzügiger Wirtschafts- oder Militärhilfe zu kommen. Auch die Drohung der vermeintlich „Schwachen“, ein ideologisches Lager zu verlassen oder die Schutzmacht als unzuverlässig bloßzustellen, konnte verlässlich zur Erpressung der „starken Seite“ eingesetzt werden. Eben weil die „Starken“ manipulierbar waren, ist vielfach eine „Tyrannei der Schwachen“ zu beobachten. In einem wenig schmeichelhaften, aber zutreffenden Bild gesprochen: Überraschend oft wedelte der Schwanz mit dem Hund.

Dass viele Gesellschaften in der „Dritten Welt“ im Ringen um den „richtigen Weg“ bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren buchstäblich verwüstet auf der Strecke blieben, verbucht der vorliegende Band nicht allein auf dem Konto des Kalten Krieges. Zu Recht. Unabhängig von der politischen Großwetterlage forderte ein seit den frühen Tagen des Kolonialismus etabliertes Welthandelssystem seinen Preis: Rohstoffe werden billig, Fertigprodukte teuer gehandelt. Aus dieser Falle der „terms of trade“ konnten sich nur wenige Entwicklungsländer befreien. Die Mehrheit war entweder von der technologischen Entwicklung – die bekanntlich mit einem steten Preisverfall bei Rohstoffen einherging – überfordert; oder rannte mit kontraproduktiven Mitteln dagegen an. Sich neue Einnahmequellen durch einen forcierten Abbau von Rohstoffen zu erschließen, führte in der Regel zum Raubbau an natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen: Entwaldung und großflächige Bodenerosion im ersten, Landflucht und Massenelend in den Städten im letzten Schritt.

Zur Überwindung ihrer Strukturdefizite hatten viele Entwicklungsländer, ermutigt durch die Niedrigzinspolitik der Zeit, in den frühen 1970er-Jahren zum Teil enorme Anleihen aufgenommen; andere stabilisierten auf diesem Weg korrupte Clans und marode Herrscherhäuser. Zehn Jahre später sollte sich zeigen, dass man weniger in die wirtschaftliche Zukunft investiert als diese Zukunft vielmehr verpfändet hatte. Infolge einer weltweiten Rezession fielen die Weltmarktpreise für Rohstoffe zwischen 1980 und 1982 im Schnitt um 40 Prozent, viele Rohstoffexporteure büßten in jenen Jahren die Hälfte ihres Staatsaufkommens ein. Das von Washington und London in der internationalen Finanzwelt durchgesetzte Diktat des Monetarismus verschärfte die Krise in der Dritten Welt auf seine Weise. Um Schulden stornieren, geschweige denn neues Geld aufnehmen zu können, mussten ausgerechnet die von der Krise am meisten geschüttelten Staaten ihre „Markttauglichkeit“ unter Beweis stellen: Haushalte sanieren, öffentliche Dienstleistungen privatisieren und den Kreditgebern eine rasche Tilgung in Aussicht stellen. Dass dergleichen auf dem Rücken einer bedürftigen Bevölkerung ausgetragen wurde, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Andererseits wird am Beispiel dieser Schuldenkrise auch deutlich, dass ein Gutteil der Malaise in der Dritten Welt unmittelbar auf das Konto des Kalten Krieges ging. Genauer gesagt: der massiven Aufrüstungspolitik unter Ronald Reagan geschuldet war. Weil die USA die Grenzen ihrer Neuverschuldung erreicht hatten und Reagan obendrein mit dem Versprechen von Steuersenkungen bei seinen Wählern im Wort stand, kamen zur Finanzierung neuer Waffensysteme nur die internationalen Finanz- und Kapitalmärkte in Frage. Auf diesen bediente sich die US-Regierung ohne Rücksicht auf Dritte, sie fegte den weltweiten Kreditmarkt faktisch leer. Mit dem Ergebnis, dass die Zinsen nach oben schossen und von vielen Entwicklungsländern nicht mehr bedient werden konnten. 1978 belief sich die Schuldenlast aller Entwicklungsländer einer Schätzung der OECD zufolge auf 340 Milliarden Dollar; vier Jahre später waren es 626 Milliarden Dollar. Sich um alternative Finanzierungsquellen zu kümmern, war sinnlos. Internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfond, von großen Privatbanken gar nicht zu reden, hatten das Geld noch teurer gemacht als jede Staatsbank.

Diesen breiten Horizont eröffnet zu haben, ist das wesentliche Verdienst des Sammelbandes von Robert J. McMahon. Das Werk bilanziert auf eingängige Art und Weise den Stand aktuellen Wissens und markiert zugleich die Desiderata künftiger Forschungen. Mehr kann und sollte man nicht erwarten.

ZitierweiseBernd Greiner: Rezension zu: McMahon, Robert J. (Hrsg.): The Cold War in the Third World. Oxford 2013, in: H-Soz-u-Kult, 18.01.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=20627>.

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