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Geschichte allgemein

V. Akudowitsch: Der Abwesenheitscode

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Frank Hadler <hadleruni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Der Abwesenheitscode. Versuch, Weißrussland zu verstehen
Reihe:edition suhrkamp 2665
Ort:Berlin
Verlag:Suhrkamp Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-518-12665-3
Bemerkungen:Aus dem Russischen von Volker Weichsel. Mit einem Nachwort von Martin Pollack
Umfang/Preis:204 S.; € 15,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Rayk Einax, Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: <Rayk.Einaxgeschichte.uni-giessen.de>

Seinen Essay über das zurückhaltende und widersprüchliche Wesen der Weißrussen – zumindest wenn es um ihr nationales Sentiment und die daraus abgeleiteten Identität geht – hat der Philosoph Valentin Akudowitsch das erste Mal 2007 auf Weißrussisch veröffentlicht. Damals lautete der Untertitel noch „Grundlagen der weißrussischen Mentalität“. Dagegen lebt die verwirrende Headline „Der Abwesenheitscode“ in der nun vorliegenden deutschen Übersetzung fort. Dieser Begriff steht offenbar für all das, woran es den Weißrussen in Bezug auf ihre historische Herkunft oder – pathetisch – auf ihr „Nationalgefühl“ vermeintlich mangelt. Gleichwohl bliebe festzuhalten, dass auch der weiß- bzw. belarussische Staat den ausgetretenen Pfaden traditioneller Nationalgeschichtskonzeptionen folgt und Geschichtsbilder popularisiert, die zum einen um eine großartige mittelalterliche Vergangenheit im Fürstentum Polock oder im frühneuzeitlichen polnisch-litauischen Staatswesen kreisen, und sich zum anderen auf den heldenhaften Sieg der „Partisanenrepublik“ Weißrussland an der Seite der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zentrieren.[1] Die Bevölkerung scheint hingegen – bis auf Weiteres – multiple Identitäten zu entwickeln, die mit den herkömmlichen Kriterien vermutlich gar nicht erfassbar sind.[2]

Akudowitsch verortet die Schlüsselpunkte der Debatte zurück ins 19. Jahrhundert, als die „Nation“ überall in Europa zunehmend an die Stelle der bis dahin in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschenden religiösen Bindungen und Weltdeutungen getreten sei. Die Moderne habe gleichzeitig danach verlangt, die Nation als „imaginierte Gesellschaft“ in möglichst langer Rückschau geschichtlich zu legitimieren.[3] Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1989/91 hätte demgemäß auch unter den Intellektuellen des Landes Hoffnungen auf ein „nationales Erwachen“ genährt. An dieser Stelle setzt Akudowitsch an und verurteilt die weit verbreiteten Schimären einer unteilbaren belarussischen Nation, denen er selbst einmal nachhing, zum Scheitern.

In der Folge streift Akudowitsch, beginnend mit der Französischen Revolution, in kleineren Sequenzen durch die Geschichte des Raumes, der 1991 in der Republik Belarus aufgegangen ist. Was die Frühformen nationaler Selbstvergewisserung im 19. Jahrhundert anbetrifft, so weist er einerseits darauf hin, dass sich die Vordenker weißrussischer Identität vorrangig an Herder bzw. an einer sprachlichen Teleologie von Nationen orientierten, und dass die weißrussische Ethnogenese auf der anderen Seite ohne religiöse Einflüsse – sei es seitens einer (autokephalen) orthodoxen oder seitens der katholischen Kirche – vonstatten gegangen war. Dagegen sei es historisch sehr viel entscheidender gewesen, dass sich im Russländischen Imperium der Ort der belarussischen Nationsbildung auf dem Dorf befunden habe, dem die wenigen intellektuellen „Außenseiter“ entstammten.[4] Somit lasse sich die weißrussische Nation – sofern dies überhaupt möglich ist – im Grunde als bäuerlich lokalisieren bzw. charakterisieren. Im 20. Jahrhundert dann sei diesen dörflichen Traditionen als Folge von Kollektivierung, Industrialisierung und Urbanisierung ein katastrophales Schicksal beschieden gewesen.[5]

Neben solchen Reminiszenzen an die jüngere und ältere Vergangenheit setzt sich Akudowitsch prinzipiell mit dem historischen Verhältnis Weißrusslands zu Russland bzw. mit der – aus seiner Sicht – fatalen Rolle Russlands für die Geschichte des Landes auseinander. An dieser Stelle wird auch das essentialistische Geschichtsverständnis des Philosophen deutlich. Es ergeht sich in fatalistischen Tönen über den „Kampf der Kulturen“, der die „Vernichtung der weißrussischen Sprache“ nach sich zog (S. 89ff.). Es mutet darüber hinaus seltsam an, welche Kronzeugen für die Entfremdung von der weißrussischen Kultur bzw. für deren Russifizierung – ohne jegliche Begründung – ins Feld geführt werden: Dmitrij Šostakovič und Aleksej Kosygin (S. 87). Ungeachtet dieser bis zum Ende des 20. Jahrhunderts fortdauernden Russifizierungspraxis hätten sich die Weißrussen jedoch im Kern traditionell an europäischen Werten orientiert, wobei unklar bleibt, welches „Europa“ konkret gemeint ist.

Ein weiterer zentraler Topos in Akudowitschs Essay lässt sich in der These ausmachen, dass all die historischen Brüche, denen Weißrussland seit 1917 bis hin zum Zerfall der Sowjetunion ausgesetzt war, unter den Belarussen in einem scheinbar bedingungsloses Bedürfnis nach sozialer Sicherheit resultieren.[6] Dieses habe sich quasi zur höchsten Staatsräson, damit aber auch zur Conditio sine qua non weißrussischer Identität entwickelt. Die damit untrennbar verbundene Mentalität erschwere die Etablierung anderer Prinzipien, wie etwa das der „Freiheit“. Vor diesem Hintergrund versucht Akudowitsch der marginalisierten (nationaldemokratischen) Opposition ins Gewissen zu reden, die er an dieser Stelle insbesondere durch Zjanon Paz’njak verkörpert sieht.[7] Deren Konzentration auf den Status der belarussischen Sprache unterscheide die Oppositionellen zwar in markanter Weise vom gegenwärtigen Regime, zeuge aber darüber hinaus wegen ihrer einseitig-larmoyanten Selbstbespiegelung von politischem Realitätsverlust und gesellschaftlicher Einflusslosigkeit. Das „Soziale“ in der Politik von Staatspräsident Lukašenka bzw. dessen „Fleischwurstideologie“ (S. 158) seien momentan die einzige reale Option, um staatliche Souveränität hinreichend zu legitimieren. Während er Vorstellungen einer (baldigen) belarussischen „Wiedergeburt“ absurd nennt, plädiert Akudowitsch für den nüchternen Blick auf die Realität und die Erarbeitung praktischer Optionen. Diese würden auch gebieten, künftig einem Staatsbürgernationalismus vor einem Ethnonationalismus den Vorzug zu geben, oder, wie es Elena Temper unlängst erörtert hat, den Aufbau einer „politischen Nation“ anzustreben.[8]

In diesem Sinne ist das Buch letztlich als die individuelle Geschichte einer Trennung von Illusionen aufzufassen. Befürwortet wird eine Haltung, sich uneingeschränkt zu historischen Verwerfungen, zur sowjetischen Vergangenheit und zu nationaler Uneindeutigkeit zu positionieren. So werden oft kolportierte Heldennarrative, darunter der Partisanenmythos des Zweiten Weltkriegs in Frage gestellt.[9] Kursorisch im Aufbau, vermitteln die als Lektionen daher kommenden Abschnitte des Buches teilweise recht einseitige Sichtweisen. Auch ist die Argumentation an manchen Stellen nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Mitunter gleitet die Darstellung auch ins Apodiktisch-Sybillinische ab, wenngleich dies in einem Essay ein probates Stilmittel sein mag. So heißt es beispielsweise: „Kommunismus und Nationalismus sind bereits von der Idee her Antipoden. Dieser tödliche Antagonismus musste eines Tages zu einem offenen Kampf führen, wie es ja in den dreißiger Jahren dann auch geschah.“ (S. 55) – gemeint ist hier im Übrigen der „Große Terror“ unter Stalin sowie speziell in diesem Zusammenhang die massenhafte Ausmerzung der weißrussischen Intelligenz.[10] Auf der anderen Seite erfrischt der unprätentiöse, sezierende Blick, mit dem Akudowitsch den Stand der nationalen Identitätsbildung sowie die aktuellen Befindlichkeiten in Weißrussland erörtert. Streitbar im Inhalt, kurzweilig und bedenkenswert in der Lektüre, spricht den Leser eine authentische Stimme aus der EU-Peripherie an – hoffentlich findet sie Gehör.

Anmerkungen:
[1] Einen etwas anderen Ansatz verfolgt unter anderem der Sammelband Thomas M. Bohn / Victor Shadurski (Hrsg.), Ein weißer Fleck in Europa … Die Imagination der Belarus als Kontaktzone zwischen Ost und West, Bielefeld 2011. Grundlegend zur belarussischen Geschichte sind: Nicholas P. Vakar, Belorussia. The Making of a Nation. A Case Study, Cambridge/Ma. 1956; Jan Zaprudnik, Belarus. At a Crossroads in History, Boulder/Co. 1993; David Marples, Belarus. From Soviet Rule to Nuclear Catastrophe, New York 1996; Ders., Belarus. A Denationalized Nation, Amsterdam 1999; Dietrich Beyrau / Rainer Lindner (Hrsg.), Handbuch der Geschichte Weißrußlands, Göttingen 2001.
[2] Nelly Bekus, Struggle over Identity. The Official and the Alternative „Belarusianness“, Budapest 2010.
[3] Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Geschichte eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt am Main 1996.
[4] Vgl. auch Darius Staliūnas, Making Russians. Meaning and Practice of Russification in Lituania and Belarus after 1863, Amsterdam 2007.
[5] Grundlegend zur Urbanisierung siehe Thomas M. Bohn, Minsk – Musterstadt des Sozialismus. Stadtplanung und Urbanisierung nach 1945, Köln 2008. Siehe außerdem Diana Siebert, Bäuerliche Alltagsstrategien in der Belarussischen SSR (1921–1941). Die Zerstörung patriarchalischer Familienwirtschaft, Stuttgart 1998.
[6] Zum Zweiten Weltkrieg siehe unter anderem Bernhard Chiari, Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941–1944, Düsseldorf 1998; Christian Gerlach, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999; Alexander Brakel, Unter Rotem Stern und Hakenkreuz: Baranowicze 1939 bis 1944. Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung, Paderborn 2009; Petra Rentrop, Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez, Berlin 2011.
[7] Vgl. Astrid Sahm, Die weißrussische Nationalbewegung nach der Katastrophe von Tschernobyl (1986–1991), Münster 1994.
[8] Elena Temper, Belarus verbildlichen. Staatssymbolik und Nationsbildung seit 1990, Wien 2012, S. 270.
[9] Siehe auch Bogdan Musial (Hrsg.), Sowjetische Partisanen in Weißrussland. Innenansichten aus dem Gebiet Baranoviči 1941–1944. Eine Dokumentation, München 2004; Ders., Sowjetische Partisanen 1941–1944. Mythos und Wirklichkeit, Paderborn 2009.
[10] Vgl. Anna Kaminsky (Hrsg.), Erinnerungsorte an die Opfer des Kommunismus in Belarus, Berlin 2011. Zur Geschichte der Sowjetrepublik siehe Ivan S. Lubachko, Belorussia under Soviet Rule 1917–1957, Lexington 1972.

ZitierweiseRayk Einax: Rezension zu: Akudowitsch, Valentin: Der Abwesenheitscode. Versuch, Weißrussland zu verstehen. Berlin 2013, in: H-Soz-u-Kult, 29.08.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-114>.

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