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Europäische Ethnologie und Hist. Anthropologie

M. Tauschek (Hrsg.): Kulturen des Wettbewerbs

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Beate Binder <h2466g6yrz.hu-berlin.de>

Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/

Titel:Kulturen des Wettbewerbs. Formationen kompetitiver Logiken
Reihe:Kieler Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte 10
Herausgeber:Tauschek, Markus
Ort:Berlin
Verlag:Waxmann Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8309-2727-3
Umfang/Preis:322 S.; € 29,90

Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-u-Kult von:
Kerstin Poehls, Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie, Universität Hamburg
E-Mail: <kerstin.poehlsuni-hamburg.de>

Wettbewerb zeichnet sich aus durch ein komplexes Zusammenspiel expliziter Regeln und informeller Standards, Erwartungen an inszenatorische Qualitäten und eine entsprechende Performanz der Wettbewerbsteilnehmer. Das führte jüngst die Debatte um den so genannten „Dopingbericht“[1] eindrücklich vor Augen. Mehr noch machten aber die Kommentare ehemaliger AthletInnen, Funktionäre und Sportpolitiker eines deutlich: Wettbewerb – und Sport als nur eine seiner Spielarten – ist von moralischen Anforderungen durchzogen, die auf die Selbstwahrnehmung soziokultureller Milieus sowie auf gesellschaftsprägende Verhaltenskodizes verweisen.

Anstatt bei der allgemeinen Überlegung zu verharren, Wettbewerb – fair, unfair oder sonst wie beschaffen – sei womöglich anthropologische Konstante, lohnt ein Blick in Publikationen, die in einem zeitlichen Kopf-an-Kopf-Rennen Anfang 2013 erschienen sind. Dietmar J. Wetzel analysiert in seiner Habilitationsschrift[2] vier prominente Felder, anhand derer sich gegenwärtige Modi neoliberalen Wettbewerbs erkennen und deuten lassen: Neben dem Feld der Bildung – in dem er vor allem die so genannte Exzellenzinitiative in den Blick nimmt – greift er den Hochleistungssport mit Fokus auf Doping auf, untersucht Onlinedating als Alltagspraxis im Feld der Liebe und das Agieren von Großbanken auf den Finanzmärkten. Diese Felder dienen ihm dazu, aus kultursoziologischer Warte den kritischen Blick für Wettbewerbe und gegenwärtige Ausprägungen der Marktgesellschaft zu schärfen. Wetzels Überlegungen sind stringent formuliert und die Felder, denen er sich widmet, ebenso naheliegend wie relevant.

Komplementär dazu verhalten sich die 15 Beiträge des von Markus Tauschek herausgegebenen Sammelbandes, der aus einer interdisziplinären Tagung an der Universität Kiel von 2011 hervorgegangen ist. Komplementär sind sie erstens, weil auch hier neoliberale Strukturen und individuelle Handlungsweisen betrachtet werden, die freilich in weniger offensichtlichen Austragungskontexten von Wettbewerb ausgemacht werden. Und zum zweiten sind sie komplementär, da historische Studien hier vermeintlich gegenwartsspezifische Besonderheiten von Wettbewerb auf anregende Weise in Zweifel zu ziehen vermögen.

In seiner Einführung benennt Markus Tauschek die Ziele des vielstimmigen Bandes: Es geht darum, das Handeln von WettbewerberInnen besser zu verstehen (S. 20), das performative Moment von Wettbewerben – die charakteristischen Standards, die Inszenierung, die Rituale – zu erfassen und zu ordnen (S. 22) und auch die Hybridität vieler Wettbewerbe in den Fokus zu rücken, also die ihnen eigentümliche Verquickung von Leistungs- und Unterhaltungselementen (S. 23). Wenngleich die Einzelbeiträge letztlich wohl doch am ehesten durch die allgemeinste Definition von Wettbewerb zusammengehalten werden – als einer Situation nämlich, „in der mehr Wünsche oder Bedürfnisse vorhanden sind, als befriedigt werden können“ (S. 292) –, so umreißt und klärt Tauschek mittels verbindender Forschungsleitfragen und Begriffsklärungen doch übergreifende kulturwissenschaftliche Perspektiven. Wettbewerb, so Tauschek, sei kein analytischer Begriff. Er betont nachdrücklich, dass kompetitives und unternehmerisches Selbst keineswegs deckungsgleich seien (S. 14), und plädiert anschließend an eine Auseinandersetzung mit Georg Simmels Überlegungen zu Konkurrenz dafür, von kompetitiven Formaten, Praktiken und Mustern zu sprechen (S. 17). Der Band geht folglich der Frage nach, wie sich diese alltäglich vollziehen und in Selbstdeutungen von Akteuren eingelagert sind (S. 12). Zugleich interessieren eigenwillige Aneignungen, Protest und Tendenzen, die sich gegenläufig zu den Logiken von kompetitiven Wettbewerben verhalten (S. 13). Die sich anschließenden 15 Beiträge blicken von der Antike über die Weimarer Republik in die Gegenwart, von einer österreichischen Kleinstadt bis nach Chile, von Elternschaft zu Mixed Martial Arts – es seien drei der anregenden Beispiele herausgegriffen:

Ignacio Farías untersucht mittels teilnehmender Beobachtung das Vorgehen von Mitarbeitern zweier Architekturbüros in Architekturwettbewerben. Aufschlussreich sind seine Schilderungen insofern, als er die Wettbewerbssituation nicht als „gegebenes Prinzip“ (S. 173) fasst, ihn vielmehr die interne Verständigung der Akteure über den Kern des Wettbewerbs interessiert. Spezifisch für das Feld der Architektur sei dabei, dass Wettbewerbe nicht zwingend Sieger hervorbringen, sie sogar von der Jury für nichtig erklärt werden können. Farías zeigt auf, dass die Wettbewerbsleistung der Architekten in ihrer Interpretationsarbeit (S. 180) – also der Offenlegung der häufig nicht artikulierten Bewertungskriterien – und dem Umgang mit lückenhaften Informationen besteht. Geprägt ist die architektonische Arbeit am Wettbewerbsbeitrag durch das Spannungsverhältnis zwischen architektonischen Autonomieidealen einerseits und den ökonomischen, räumlichen, sozialen etc. Rahmenbedingungen des zu erstellenden Entwurfs andererseits.

Mila Ganeva rückt eine kurzlebige, aber intensive Phase öffentlicher Faszination für Schönheit in der Weimarer Republik in den Blick – sie sieht in „Schönheitskonkurrenzen“ und deren medialer Repräsentation einen Aushandlungsort für Geschlechterkonstellationen und Brennpunkt vielfältiger Wirtschaftsinteressen (S. 110) gleichermaßen. Für sie offenbaren die Schönheitswettbewerbe des frühen 20. Jahrhunderts die gesellschaftlichen Ambivalenzen jener Zeit, da sie zum einen der sich beschleunigenden Suche nach Neuheiten und Spektakel Rechnung tragen und in ihnen auch der inhärente Wettbewerbscharakter der Moderne Ausdruck fände. Zum anderen unterminiere aber gerade dies – zumal der Fokus auf Äußerlichkeiten (der Badeanzug!) verbunden mit überkommenen Attributen (die Krone für die Siegerin!) liegt – die Modernität der Neuen Frau (S. 112).

Die mediale Inszenierung von und Kritik an Kampfsportveranstaltungen der Mixed Martial Arts wählt Sebastian Kestler-Joosten zum Gegenstand und beleuchtet, wie populäre Unterhaltung, ökonomische Mechanismen und sportlicher Wettkampf hier in eins gehen. Noch pointierter als Ganeva zeigt er auf, dass das einzelne Sportereignis gar nicht von seiner medialen Repräsentation zu trennen ist (S. 220). Hier rückt Kestler-Joosten auch ins Blickfeld, wie Körperlichkeit – die „Schmerztoleranz“ der Kämpfer oder ihr so genanntes „Gewichtsmanagement“ vor dem eigentlichen Zweikampf (S. 225 bzw. S. 230) – zum inszenatorischen Bestandteil des Wettbewerbs und Thema medialer Wertediskurse (S. 221) werden.

Eine der Stärken des Bandes liegt gerade in dieser Kombination alltagsweltlich weit auseinanderliegender sozialer Milieus und kultureller Felder – der Band fordert zum Vergleichen heraus: Von gegenwärtigen Finanz-, Sport- und Liebeswelten (Dietmar J. Wetzel) und Wirtschaftstheorie prägenden Bildern antiker Wettbewerbsmodi (Christoph Ulf) ist der Bogen gespannt über den musikalischen Kompositionswettbewerb „Prix de Rome“ (Dorothea Trebesius) hin zu Sabine Eggmanns Auseinandersetzung mit der universitären Produktion kulturwissenschaftlichen Wissens im Modus der Konkurrenz, ferner Talentshows (Sabine Frizzoni), Stadtmarketing und die konkurrenzbedingte Eventisierung urbaner Kultur(en) etwa im Rahmen der „Kulturhauptstadt Europas“ (Daniel Habit) sowie der Schule als sozial regulierendem Raum (Nils Lindenhayn sowie Andreas Schmidt). Wenn hier die „Suche nach dem idealen Bauernhoftyp“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Sabine Imeri) neben einem Einblick in die praktische Ausrichtung eines Wettbewerbs und die hinter den Kulissen stattfindenden Überlegungen der Ausrichter (hier: der Körber-Stiftung, vertreten durch Matthias Mayer) steht, dann regt das zur kulturwissenschaftlichen Suche nach weiteren „Formationen kompetitiver Logiken“ abseits des Offenkundigen an.

Zugleich aber offenbart die Zusammenschau, dass nicht alle hinzugezogenen Beispiele gleichermaßen plausibel sind. So leuchtet es ohne Weiteres ein, die soziale Kampfarena „Elternschaft“ zu thematisieren – Helikopter-Eltern und Tiger Mums in den populären Medien werfen die Frage nach den kompetitiven Praktiken im Umgang mit Kindern oder vielmehr unter Eltern quasi täglich aufs Neue auf –, doch bleiben nach der Lektüre von Timo Heimerdingers Beitrag Zweifel, ob Geburtsanzeigen oder Autoaufkleber hier wirklich die aussagekräftigsten Erkenntnisquellen sind. Auch der von einer alleinselbstständigen Trainerin empfundene, als neoliberal charakterisierte Wettbewerbsdruck, den Ove Sutter ins Zentrum seiner Ausführungen stellt, hätte noch stärker auf alltägliche berufliche Konkurrenzsituationen bezogen werden können – die autobiographische Erzählung seiner Protagonistin über ihr Erwerbsleben hängt seltsam in der Luft, als spräche sie „kompensatorisch“ (S. 314) allein zu sich selbst.

Doch gerade dass die Leitkategorie des Kompetitiven hier „durchdekliniert“ wird, macht den Reiz des Bandes aus, dessen Beiträge zumeist sehr konzise formuliert sind und anregend argumentieren. Insofern sei er all jenen empfohlen, die ihren Blick für gesellschaftlichen Alltag mittels empirisch gesättigter Überlegungen zu zeit- und milieuspezifischen Modi des Wettbewerbs schärfen wollen.

Anmerkungen:
[1] Forschungsprojekt „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“, Berichte unter: <www.bisp.de/DE/WissenVermitteln/Aktuelles/Nachrichten/2013/DiD_Berichte_2013_0508.html> (17.10.2013).
[2] Dietmar J. Wetzel, Soziologie des Wettbewerbs. Eine kultur- und wirtschaftssoziologische Analyse der Marktgesellschaft, Wiesbaden 2013.

ZitierweiseKerstin Poehls: Rezension zu: Tauschek, Markus (Hrsg.): Kulturen des Wettbewerbs. Formationen kompetitiver Logiken. Berlin 2013, in: H-Soz-u-Kult, 31.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-087>.

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