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Alte Geschichte

G. W. Adams: Marcus Aurelius in the Historia Augusta

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Marcus Aurelius in the Historia Augusta and Beyond
Ort:Lanham
Verlag:Lexington Books
Jahr:
ISBN:978-0-7391-7638-2
Umfang/Preis:IX, 333 S.; $ 80,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
E-Mail: <lambreuni-koblenz.de>

Das Projekt der Kommentierung der Historia-Augusta kommt nur schleppend voran[1], so dass sich unterhalb dieser Größenordnung Kommentarwerke kleineren oder mittleren Umfangs etablieren.[2] Hierzu zählt auch die Publikation von Geoff W. Adams über die Biographie Kaiser Marc Aurels in der Historia Augusta. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht ein historischer Kommentar dieser Vita, aus dem einige allgemeine Aspekte ausgegliedert sind, die in gesonderten Kapiteln erörtert werden. Dabei geht es Adams primär um die Charakterisierung Marc Aurels in der Historia Augusta und anderen Quellen, also um die Belege für die guten und die schlechten Eigenschaften des Kaisers. Den augenscheinlich komplizierten Aufbau des Marc-Aurel-Bildes in der Historia Augusta mit schroffen Wechseln zwischen der breit ausgeführten positiven Darstellung und den in den Kapiteln 15, 20 und 29 behandelten vitia vergleicht Adams mit den Charakterisierungsschemata der Viten Suetons[3], die der spätantike Biograph nicht mit gleicher Souveränität zu handhaben weiß. Bei „guten“ Kaisern seien negative Charakteristika vereinzelt mitten in die Vita eingestreut (vgl. S. 28f. u. 39), der Autor verfolge dabei die Absicht „to ‚humanize‘ the main character with the purpose of making each portrayal seem more impartial“ (S. 43; vgl. S. 128), wenngleich die Darstellung Marc Aurels in der Historia Augusta von einem vergleichsweise „distinctive approach“ (S. 14) getragen sei.

Damit zusammenhängende Probleme der Strukturierung der Biographie Marc Aurels führt Adams im ersten Kapitel „The Vita Marci Antonini Philosophi and the Historia Augusta“ näher aus. Er gibt einen kurzen Abriss über die mit Cornelius Nepos, Curtius Rufus, dem taciteischen Agricola, den Parallelbiographien Plutarchs und den Caesarenviten Suetons erfassbare biographische Tradition und die von ihren Vertretern verfolgten Absichten, um vor diesem Hintergrund die Biographie Marc Aurels in der Historia Augusta als historische Quelle und die Quellen dieser Biographiensammlung zu würdigen. Sodann richtet Adams die Aufmerksamkeit auf die Struktur der Marcus-Vita, die er, wie vorher die Sueton-Viten, im Vergleich mit den Biographien der Historia Augusta von Herrschern aus dem Umkreis Marc Aurels graphisch veranschaulicht, um die positive und negative Charakterisierung von Kaisern und den hieraus ableitbaren Viten-Aufbau vergleichen zu können. Die Kapitel 15–19 der Marcus-Vita behandelt er als Interpolation und gliedert sie aus der Biographie aus, eine vieldiskutierte Frage, die auch anders beantwortet werden kann.[4]

Der Probleme der Marcus-Vita als historischer Quelle ist sich Adams durchaus bewusst, wenn er die Frage nach dem unbekannten Verfasser und nach der meist um 395 n.Chr. angesetzten Entstehungszeit der Historia Augusta aufwirft sowie im Anschluss an Friedrich Leo[5] das Verhältnis von – historisch relevanter – Chronologie und – aus eher literarischen Gründen interessierender – Charakterzeichnung in biographischen Darstellungsformen anspricht. Der zweite Gesichtspunkt ist für das Bild des Marc Aurel in der Historia Augusta gewiss wichtiger; es spricht aber doch für eine in der Konzentration auf die kaiserlichen virtutes und vitia unnötige Selbstbeschränkung bei der Interpretation, wenn für Strukturfragen letztlich weder bei Sueton noch in der Historia Augusta neben den Eigenschaften des Kaisers die mit diesen verbundenen Politikfelder in ihrer Kombination mit chronologischer und systematischer Darstellungsweise sonderliche Berücksichtigung finden. Adams blendet damit wichtige Elemente aus, die den Strukturbefund und auch die Darstellung des Kaisers, auf die es ihm ankommt (vgl. S. 27), in verschiedene Ebenen aufzugliedern helfen und weitere Möglichkeiten bieten, das Kaiserbild und die Intentionen des Autors differenziert zu erfassen. Wenn Adams aufgrund seines Urteils über die Darstellung der Eigenschaften des Kaisers unter Berücksichtigung weiterer Überlieferung der Marcus-Vita einiges an historischer Zuverlässigkeit zuerkennt (vgl. S. 9, 39f. u. 42), obgleich ihr Verfasser sich in der Strukturierung von virtutes und vitia von den Vorläufern abkehre, so erscheint sein Urteil zwar keineswegs als falsch, aber doch als unzureichend abgesichert; dies gilt umso mehr, als er feststellt, dass der Biograph gegenüber Sueton „lacked a similar degree of subtlety in the Vitae“ (S. 6). Das Historische stellt sich eben nicht losgelöst in Herrschertugenden dar, sondern auch in – historisch relevanten – Situationen, bei denen diese Eigenschaften sich bewähren oder auch nicht.

Die Ebene der Entstehungszeit der Historia Augusta an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert ist für Adams lediglich für Quellenfragen von Belang, er betrachtet kaum die ideologische Frage nach dem zeitgenössischen Interesse in (nichtchristlichen?) senatsfreundlichen Kreisen der Spätantike an einem bestimmten Bild des Kaisers, wie es an den Tendenzen dieser Kaiserbiographien seit Werner Hartke[6] und Johannes Straub sowie Ronald Syme immer wieder diskutiert worden ist. Adams stellt lediglich allgemein fest, die Historia Augusta richte sich an „the social élites“, was für das prosenatorische Verhalten Marc Aurels in der Historia Augusta „highly significant“ sei (S. 26), diskutiert dies aber nicht an Einzelheiten. Insofern konzentriert er sich, eher positivistisch verfahrend, auf den äußeren Befund der Darstellung des kaiserlichen Charakters. Dabei wird im knappen Vergleich diverser Viten der Historia Augusta diesen allgemein „a moralizing tendency“ (S. 39) und der Marcus-Vita „a definite degree of partiality“ (S. 43) zuerkannt. Um diese Tendenzen zu erfassen, verweist Adams auf den Vergleich mit anderen literarischen Quellen zum selben Thema.

Das zweite Kapitel enthält den historischen Kommentar zur Marcus-Biographie unter Ausschluss der Kapitel 15–19, die als Interpolation in einem separaten dritten Kapitel kommentiert werden. Hinter der Kommentierung steht das Ziel, anhand der Darstellung des Kaisers für die Marcus-Vita „its usefulness as a historical source“ (S. 42) und „the reliability of the account presented by the biographer“ (S. 55) zu dokumentieren, eine Absicht, die bereits die von Adams häufig herangezogene Studie Joseph Schwendemanns[7] verfolgte. Inhaltlich richtet sich der Kommentar an den im ersten Kapitel umrissenen Grundsätzen aus. Daher stehen die Diskrepanzen zwischen der weit überwiegend positiven Darstellung der Eigenschaften Marc Aurels und den wenigen klaren, im Verlauf der Vita wie im Gefüge der Interpolation an auffälligen Stellen untergebrachten Negativa im Vordergrund; sie werden mit möglicher positiv verpackter leiser Kritik etwa an zu großer Nachgiebigkeit Marc Aurels in Passagen mit untadeliger Charakterisierung des Kaisers in Beziehung gesetzt. An verschiedenen Stellen werden Eigenschaften Marc Aurels durchaus mit bestimmten Ereignissen in Zusammenhang gesetzt und die Bewertungen des Biographen kritisch betrachtet, damit also an Einzelheiten ein Verfahren verwendet, das bei der Strukturierung der Vita im Ganzen und ihrer zusammenhängenden Deutung zu kurz kommt. Das bei jeder Gelegenheit bewiesene senatsfreundliche Verhalten Marc Aurels bringt Adams im Detail allerdings nicht mit Dispositionen des Verfassers der Biographie in Zusammenhang, die dessen eigener spätantiken Gegenwart entstammen könnten; auch hier vermisst man daher Hinweise, die für eine Gesamtinterpretation der Vita im Lichte ihrer Entstehungszeit gewiss wichtig wären.

Zu Beginn des dritten Kapitels diskutiert Adams zunächst die Gründe für die Aussonderung der Kapitel 15–19 als Interpolation: Er nennt hauptsächlich Wiederholungen, aber auch Unterschiede zwischen der eigentlichen Marcus-Vita und der Interpolation, beispielsweise in der Zeichnung des Commodus, ferner die Verbindung zwischen dem Text der Interpolation und Passagen bei Eutrop, sodann den passenden Anschluss von Kapitel 20,1 an den Abschnitt 14,8. Befremdlich aber wirkt der Versuch, die im Kapitel 19,12 enthaltene direkte Diokletian-Anrede als Argument für die vom anerkannten Bestand der Marcus-Vita in der Historia Augusta abweichende Datierung der Interpolation auf die Jahre 284–305 heranzuziehen: Dabei gilt es zu bedenken, dass es in anderen Viten der Historia Augusta weitere solcher Invokationen gibt (vgl. S. 179, Anm. 63), die offenkundig als Datierungshinweise für das Gesamtwerk keine Rolle spielen.

Von einiger Bedeutung ist das an den Kommentar anschließende Kapitel über „Marcus Aurelius’ General Representation in the Historia Augusta“, weil es Einzelfeststellungen der Kommentierung zu einer zusammenfassenden Gesamtdarstellung bündelt und die Marcus-Vita in den Kontext der Biographiensammlung einordnet. Mit der Einschätzung, Teile dieser Vita dienten der „glorification of the main character rather than historical accuracy“ (S. 187), schränkt Adams die andernorts getroffene Feststellung weitgehender historischer Zuverlässigkeit der Marcus-Biographie ein. Selbstverständlich ist die Frage berechtigt, ob nicht Lucius Verus, Commodus und auch Marc Aurels Ehefrau Faustina stark ins Negative verzeichnet sind, damit die Hauptperson umso positiver erstrahlt.[8] Hier wären also die Nachrichten über weitere negativ gezeichnete Personen und ihre Viten in die Interpretation einzubeziehen, um die Einschätzung Marc Aurels in der Historia Augusta auf eine historisch zuverlässige Grundlage zu stellen, gegebenenfalls auch die Marcus-Vita mit den Biographien anderer positiv beurteilter Herrscher zu vergleichen. Adams begnügt sich mit kurzen Ausführungen und zieht neben Passagen aus Biographien der Historia Augusta der Zeitgenossen Marc Aurels zur Untermauerung des für diesen Kaiser entwickelten kohärent positiven Bildes vor allem Stellen aus anderen Viten heran, in denen der princeps erwähnt wird. Für die Anordnung der Kapitel 20 und 29 mit ihren negativen Urteilen über Marc Aurel liefert Adams mit der Berufung auf die Strukturierungspraxis Suetons bei „guten“ Kaisern als Vorbild für Kapitel 20 sowie der Komposition „in an increasingly unsystematic format“ (S. 203) im Kapitel 29 unterschiedliche Erklärungen, die im Vergleich zueinander widersprüchlich wirken.

Das letzte Kapitel über „Marcus Aurelius in the Third and Fourth Centuries AD“ gilt abschließenden Überlegungen zu Cassius Dio, Herodian, Aurelius Victor, der Epitome de Caesaribus sowie Eutrop und damit möglichen Quellenbezügen des Verfassers der Marcus-Biographie. Den zusammenfassenden Schlussfolgerungen als letztem Abschnitt folgt der lateinische Text der Marcus-Vita[9] mit gegenübergestellter englischer Übersetzung. Das Literaturverzeichnis enthält auch zahlreiche französisch- und deutschsprachige Titel; letztere bestehen vorwiegend aus älterer Literatur und weisen in den bibliographischen Angaben zahlreiche Druckfehler auf, doch fehlen auch einige wichtige Publikationen, hauptsächlich aus jüngerer Zeit.[10]

Der von Adams vorgelegte historische Kommentar zur Marcus-Vita der Historia Augusta ist ein brauchbares Hilfsmittel zur Erschließung wichtiger Dimensionen dieses Textes. Die geäußerte Kritik bezieht sich – neben Einzelheiten – grundsätzlich auf Ebenen möglichst vollständiger Erfassung der Struktur- und Gestaltungselemente mit Auswirkungen auf alle relevanten historischen Deutungsebenen, die bei Adams – wohl auch aufgrund umfangmäßiger Beschränkungen – zu kurz kommen und teilweise allenfalls überblicksartig angesprochen werden. Hier ließe sich unter Einschluss der Untersuchung literarischer Abhängigkeiten und der Interessen des Verfassers die Interpretation der Marcus-Vita mit Auswirkungen auch auf historisch relevante Aspekte vervollständigen.

Anmerkungen:
[1] In den letzten zwei Jahrzehnten sind vier Kommentare erschienen: zu den Maximini Duo (Adolf Lippold, Kommentar zur Vita Maximini Duo der Historia Augusta, Bonn 1991), zu Maximus und Balbinus (Hartwin Brandt, Kommentar zur Vita Maximi et Balbini der Historia Augusta, Bonn 1996), Antoninus Pius (Sabine Walentowski, Kommentar zur Vita Antoninus Pius der Historia Augusta, Bonn 1998) und Hadrian (Jörg Fündling, Kommentar zur Vita Hadriani der Historia Augusta, 2006).
[2] So die 1992 begonnene, inzwischen sechs Bände umfassende und ebenfalls noch Lücken aufweisende lateinisch-französische Ausgabe der Historia Augusta mit Kommentar, die im Rahmen der „Collection des Universités de France“ bei Budé erscheint.
[3] Zu Besonderheiten der Domitian-Vita Suetons vgl. Geoff W. Adams, Suetonius and His Treatment of the Emperor Domitian’s Favourable Accomplishments, in: Studia humaniora Tartuensia 6 (2005), Section A 3 (<www.ut.ee/klassik/sht/2005/adams1.pdf> [27.05.2013]); anders Ulrich Lambrecht, Suetons Domitian-Vita, in: Gymnasium 102 (1995), S. 508–536.
[4] Vgl. etwa Jörg Fündling, Marc Aurel, Darmstadt 2008, S. 180 (von Adams nicht herangezogen).
[5] Vgl. Friedrich Leo, Die griechisch-römische Biographie nach ihrer literarischen Form, Leipzig 1901.
[6] Vgl. Werner Hartke, Römische Kinderkaiser, Berlin 1951; von Adams nur in Form englischsprachiger Rezensionen zur Kenntnis genommen.
[7] Vgl. Joseph Schwendemann, Der historische Wert der Vita Marci bei den Scriptores Historiae Augustae, Heidelberg 1923.
[8] Vgl. hierzu Stefan Priwitzer, Faustina minor – Ehefrau eines Idealkaisers und Mutter eines Tyrannen, Bonn 2009 (von Adams nicht herangezogen).
[9] Adams folgt im Wesentlichen der Ausgabe von Ernst Hohl (Scriptores historiae Augustae, Bd. 1, Leipzig 1955), arbeitet jedoch auch einige Emendationen von David Magie (The Scriptores historiae Augustae, Bd. 1, Cambridge, Mass. u.a. 1921) ein, die freilich nicht gekennzeichnet werden.
[10] Neben den in Anm. 4 und 8 genannten Titeln vor allem Albrecht Dihle, Die Entstehung der historischen Biographie, Heidelberg 1987; Dennis Pausch, Der Philosoph auf dem Kaiserthron, der Leser auf dem Holzweg? Marc Aurel in der Historia Augusta, in: Millennium-Jahrbuch 4 (2007), S. 107–155.

ZitierweiseUlrich Lambrecht: Rezension zu: Adams, Geoff W.: Marcus Aurelius in the Historia Augusta and Beyond. Lanham 2013, in: H-Soz-u-Kult, 01.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-003>.

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