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Historische Bildungsforschung Online

U. Wengenroth (Hrsg.): Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Geiss <mgeissife.uzh.ch>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Wolfgang Gippert). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Titel:Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen
Herausgeber:Wengenroth, Ulrich
Ort:Weilerswist
Verlag:Velbrück Wissenschaft
Jahr:
ISBN:978-3-942393-38-6
Umfang/Preis:263 S.; € 25,90

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-u-Kult von:

Alban Frei, Institut für Geschichte, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich
E-Mail: <alban.freihistory.gess.ethz.ch>

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Wissen ist für eine Gesellschaft, die Wissen zu ihrem Referenzpunkt erklärt, konstitutiv. Ohne zwingend die soziologische Diagnose einer Wissensgesellschaft zu teilen, besteht gegenwärtig Konsens über die Dringlichkeit einer Selbstreflektion des Wissenschaftsbetriebes im Besonderen, sowie von Wissen in der Gesellschaft im Allgemeinen. Davon zeugt die Häufung von Kompetenzzentren, Lehrstühlen, Forschungsprojekten und Tagungen, die sich dem Wissen und seiner gesellschaftlichen Funktion, historischen Gewordenheit oder ökonomischen Valorisierung annehmen.[1] Davon zeugen auch zahlreiche Publikationen, die Wissen im Titel tragen und sich um Analyse und Präzisierung des diffusen Gegenstandes bemühen. Zu diesen zählt der von Ulrich Wengenroth verantwortete Sammelband „Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen“. Anstelle von Wissensgesellschaft verwenden die meisten Autorinnen und Autoren den Begriff der reflexiven Modernisierung, der grosso modo den Zeitraum ab den 1970er-Jahren beschreibt. Reflexive Moderne ist deshalb ein geeigneter Begriff, weil er anders als Post-, Spät-, Zweit-, oder stochastische Moderne (die alle in dem Sammelband ebenfalls Verwendung finden) die konstitutive (Selbst-)Reflexion des Wissens beinhaltet.[2] Mit dieser Reflexion ist das spätmoderne Wissen um die Pluralität, Heterogenität und Brüchigkeit von Wissen gemeint. In diesem Sinne ist auch der mehrdeutige Titel „Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen“ zu verstehen, den man nicht als Diskurs über geographische oder politische Grenzen missverstehen sollte. Der Sammelband verhandelt also „Die reflexive Modernisierung des Wissens“, wie der einführende Beitrag Ulrich Wengenroths im Untertitel verspricht. Die größtenteils lesenswerten Beiträge adressieren verschiedene Formen von Wissen (Fritz Böhle und Stephanie Porschen, Peter Wehling), die Folgen des begrenzten Wissens für Risikopolitik, Wirtschaft und politische Entscheidungsfindung (Ulrich Wengenroth, Stefan May, Cordula Kropp, Reiner Keller), sowie die heterogenen Wissensformationen, welche die Grenzziehungen der reflexiven Moderne temporär zu stabilisieren vermögen (Stefan Böschen und Oliver Dimbath, Willy Viehöver, Peter Wehling und Fabian Karsch).

Die Kategorisierung von Wissen ist seit dem Aufkommen der Wissenssoziologie und der Wissensgeschichte etwas in den Hintergrund geraten. Mit dem Anspruch, die Verengung des wissenschaftsforschenden Blickwinkels aufzuweichen, gerieten „Populärwissen“, „Alltagswissen“ oder „Erfahrungswissen“ zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit und verdrängten damit das bis dahin primär behandelte wissenschaftliche Wissen. Dieser Tradition lässt sich der Beitrag von Fritz Böhle und Stephanie Porschen zuordnen, der sich der „Verwissenschaftlichung von Erfahrungswissen“ widmet. Wissenschaftliches Wissen erfahre zwar nach wie vor eine hohe gesellschaftliche Anerkennung und sei dementsprechend wirkmächtig. Daneben finde aber eine „neue Anerkennung von Erfahrungswissen“ (S. 165) statt, die sich im fortschreitenden Verwissenschaftlichungsprozess niederschlage. Die „sinnlich-körperliche Erfahrung als Grundlage von Wissen“ (S. 155) sei in den heterogenen Wissensordnungen quasi rehabilitiert und trage dergestalt zu einer „reflexiven Verwissenschaftlichung“ (S. 184) bei.

Um eine andere Kategorie von Wissen geht es Peter Wehling in seinem Beitrag „Gibt es Grenzen der Erkenntnis? Von der Fiktion grenzenlosen Wissens zur Politisierung des Nichtwissens“. Das Nichtwissen werde in der reflexiven Moderne nicht nur thematisiert, sondern als inhärenter Teil des wissenschaftlichen Wissens akzeptiert. Nichtwissen sei „eine der tragenden Säulen der modernen Wissensordnung“ (S. 112) und deshalb auch Gegenstand politischer Aushandlungsprozesse, was sich beispielsweise bei Risikotechnologien wie der Atom- oder Gentechnologie nachvollziehen lasse.

Mit dem Wissen um die Begrenztheit des Wissens und den daraus resultierenden Folgen für die Risikopolitik befassen sich auch andere Beiträge. Stefan May verbindet die Hochkonjunktur des Risikodiskurses mit dem Verlust des modernen Vertrauens in die Reliabilität des Wissens. Die durch Expertisen nicht mehr endlich treffbaren Entscheidungen hingen nunmehr von politischen Agenden ab: Es sei die politische Terminsetzung, welche dem potenziell endlosen Spiel von Expertise und Gegenexpertise ein Ende setze. Es komme dadurch zu einer „Remoralisierung der Wissenschaft“, die Entscheidungsfindungen im Bereich von Risikotechnologien zu einer „konfessionellen Frage“ (S. 256) werden lasse. Um den Status von Expertenwissen in der reflexiven Moderne geht es auch in Cordula Kropps Text, dessen Hauptargument darauf hinaus läuft, dass ein vielstimmiges und plurales Wissen die Expertise von der tatsachengestützten Handlungsanweisung zum Aufzeigen von Handlungsperspektiven transformiere. Dieses „Reflexivwerden der Expertise“ (S. 238) demonstriert Kropp am Beispiel der wissenschaftlichen Politikberatung im Agrarbereich. Diese reflexive Brüchigkeit von Wissen demonstriert im weiteren Sinne auch der zweite Beitrag von Ulrich Wengenroth über den Wandel der Technikwissenschaften in der reflexiven Moderne. Mit diesem Wandel einher gehe eine Verschiebung „von der unsicheren Sicherheit zur sicheren Unsicherheit“, wie der Titel des Beitrages bereits ankündigt. Durch das explizite Thematisieren der Unsicherheiten technischen Wissens, werden katastrophenanfällige vermeintliche Sicherheiten zum „gewussten Risiko“ (S. 208) transformiert, das sich wiederum politisch abwägen lasse. Die von Wengenroth thematisierten Technikwissenschaften erweisen sich bei diesen Überlegungen als gutes Beispiel, weil der Ingenieur als deren Prototyp bereits in der als Kontrastfolie dienenden „Ersten“ Moderne eine Grenzfigur zwischen szientistischer Wissenschaftsgläubigkeit und praktischer Bastelei war, an der sich die Transformation von Wissen nachvollziehen lässt. Den um 1970 feststellbaren Wandel der Wissensdiskurse thematisiert schließlich auch Reiner Keller in seiner stark an Foucault orientierten Analyse. Keller konstatiert darin unter anderem eine „radikalisierte Ökonomisierung“ sowie datenverarbeitungsbedingte Veränderungen in der Kommunikation, die „zur Erosion der einfach-modernen wissenschaftlichen Diskursordnung“ geführt hätten (S. 31).

Einen Schritt weiter gehen die Beiträge von Stefan Böschen und Oliver Dimbath und von Willy Viehöver, Peter Wehling und Fabian Karsch, die sich um eine Analyse der komplexen, heterogenen Wissensgefüge der reflexiven Modernisierung bemühen. Böschen und Dimbath schlagen dabei den Begriff der „Wissensfiguration“ vor, über welchen sich „Prozesse der Konstitution und Transformation unterschiedlicher Wissensordnungen“ (S. 57) analysieren ließen. Die Tragfähigkeit dieses Konzept veranschaulichen die Autoren an zwei gut gewählten Fallstudien im Bereich der Chemiepolitik und der Biopatentierung. Die akteursgebundenen Wissensfigurationen lenken den Blick letztlich auf die Grenzauflösung der Funktionssysteme Wissenschaft – Politik – Wirtschaft und legen den Blick frei auf die temporären, heterarchischen und divergenten Wissensordnungen der reflexiven Moderne. In vergleichbarer Art und Weise versuchen Viehöver, Wehling und Karsch in einem der aufschlussreichsten Beiträge des Sammelbandes den Grenzen des Wissen beizukommen. Die Autoren zeigen mit Hilfe des an anderer Stelle von Peter Wehling eingeführten Begriffs des „Wissensregimes“ Grenzziehungen auf, die das brüchige Wissen bloß noch als „fragile und temporäre Kompromisse“ (S. 124) zu stabilisieren vermögen. Unter Wissensregime verstehen die Autoren einen „stabilisierten Zusammenhang von Praktiken, Regeln, Prinzipien und Normen“ (S. 123) welche identisch oder „eng verkoppelt“ mit „Grenzziehungsregimen“ seien. Wie unterschiedlich diese Regime im Bewusstsein prekärer Wissensbestände temporäre Grenzen stabilisieren können, wird am Beispiel der wissenschaftlich-ethisch-juristischen Debatte um den Beginn des menschlichen Lebens einerseits und an der wissenschaftlich-kriminalistisch-juristischen Aushandlung um Doping im Spitzensport andererseits veranschaulicht. Beide Unterscheidungen erscheinen zuletzt fragil und können nur durch eine Gemengelage verschiedener Wissensformen eine temporär akzeptierte Grenze stabilisieren.

Mit diesen Überlegungen stellt sich im vorliegenden Sammelband nicht nur das Wissen als brüchig dar, sondern auch dessen Grenzen. Die versammelten Beiträge sind allesamt um die Ausdifferenzierung der Pluralität des reflexiv-modernen Wissens bemüht. Dies geschieht entweder über Begriffsarbeit, die Herausarbeitung der Funktionen von Wissen oder auch über Wissenskategorisierungen. Diese Bestrebungen, Klarheit in die komplexen spätmodernen Wissensordnungen zu bringen, sind grundsätzlich zu begrüßen. Bei den Kategorisierungsversuchen stellt sich allerdings die Frage, ob es angesichts der heterogenen Gemengelage an Wissen nicht konsequenter wäre, auf jene zu verzichten und stattdessen die Vermischungsformen von Erfahrungs-, Nicht-, oder wissenschaftlichem Wissen zu thematisieren, so wie das die Beiträge von Stefan Böschen und Oliver Dimbath sowie von Willy Viehöver, Peter Wehling und Fabian Karsch vorführen. Wissen und Grenzen sind im Prozess der reflexiven Modernisierung prekär geworden und lassen sich nur noch temporär und situativ stabilisieren. Die Diagnose der Pluralisierung von Wissen und Grenzen durchzieht denn auch sämtliche Beiträge dieses homogenen Sammelbandes. Wenn man einen Kritikpunkt an diesem sorgfältig zusammengestellten Buch anbringen kann, so just diese Einstimmigkeit in der Diagnose der Pluralität des Wissens. Etwas mehr Kontroverse hätte dem Gesamteindruck zweifellos nicht geschadet.

Anmerkungen:
[1] Verwiesen sei hier etwa auf die Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (<www.wissenssoziologie.de/>, 08.08.2013), das Berliner Zentrum für Wissensgeschichte (<www.wissensgeschichte-berlin.de/kooperation>, 08.08.2013) und das Zentrum Geschichte des Wissens von ETH und Universität Zürich (<www.zgw.uzh.ch/>, 08.08.2013).
[2]vgl. Ulrich Beck / Christoph Lau (Hrsg.), Entgrenzung und Entscheidung. Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung?, Frankfurt am Main 2004.

ZitierweiseAlban Frei: Rezension zu: Wengenroth, Ulrich (Hrsg.): Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen. Weilerswist 2012, in: H-Soz-u-Kult, 26.08.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-103>.

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