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Neuere Geschichte

U. von Berg: Patriotische Salons in Berlin

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Daniel Menning <daniel.menninguni-tuebingen.de>
Autor(en):
Titel:Patriotische Salons in Berlin. 1806–1813
Ort:Göttingen
Verlag:Wallstein Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-835-31030-8
Umfang/Preis:264 S.; € 24,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Hannah Lotte Lund, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Berlin
E-Mail: <LotteLenyagmx.de>

„Nirgends findet man eine so feine Vermischung der Stände, so mannigfache gelehrte und erfahrene Menschen und dabei ein so angenehmes und billiges Leben.“[1] Diese Beschreibung des Berliner geselligen Lebens eines Dichters an einen Freund, die in der Hochphase der Aufklärung oder zumindest der sogenannten Salonzeit Berlins der 1790er-Jahre geschrieben scheint, stammt tatsächlich aus dem Jahr 1809. In der traditionellen Salon-Forschung wird dem Phänomen ständeübergreifender „freier Geselligkeit“ (Friedrich Schleiermacher) meist mit 1806, dem Weggang oder Tod „berühmter Salongäste“ ein Ende gesetzt – tatsächlich existierten die gemischtgeselligen Strukturen in Berlin, unter veränderten Vorzeichen, aber weiter. Das Vorhaben Urte von Bergs, Salons aus der Zeit der Befreiungskriege zum Gegenstand einer Monographie zu machen, ist daher ebenso notwendig wie verdienstvoll. Als Biographin zweier lang vergessener Protagonisten der zeitgenössischen intellektuellen Kreise, Theodor von Hippel und Caroline von Berg, war Urte von Berg prädestiniert, vergessene Biographien auszugraben und in den historischen Kontext wiedereinzuschreiben.[2]

In ihrem neuesten Buch nimmt sie drei Frauen in den Blick, die zwischen 1806 und 1813 in Berlin ein offenes Haus führten und ihre gute Vernetzung und den geselligen Rahmen für politische Einflussnahme zur Verfügung stellten bzw. selber dafür nutzten: Gräfin Luise von Voss, die Beamtentochter Amalie von Beguelin und Elisabeth von Stägemann, aus dem Königsberger Bürgertum stammend. Die Auswahl ist gut begründet, wenn auch andere, im Buch erwähnte Gastgeberinnen ebenso eine Diskussion verdient hätten, beispielsweise Luise von Radziwill, Schwester des prinzlichen Salongastes Louis Ferdinand von Preußen, Gattin des preußisch-polnischen Politikers und Künstlers Anton von Radziwill und selbst hochbegabte Salonière. Mit den drei Protagonistinnen aber werden drei kluge und hochgebildete Frauen vorgestellt, die im selben Umfeld und zum Teil mit denselben Gästen verschiedene Formen politischen Engagements lebten. Luise von Voss empfing beispielsweise im Palais in der Wilhelmstraße und auf dem Landgut in Mecklenburg Personen vom Hof ebenso wie Dichter, Gelehrte und Künstler. Bei dem gewählten Fokus auf den Jahren nach 1806 wird ihr Salon, neben der Literaturdiskussion, wesentlich als unterstützendes Netzwerk für den Militärputsch des Majors von Schill 1809 diskutiert. Amalie von Beguelin, Gattin des Finanzpolitikers Heinrich von Beguelin, stellte ihren Salon für „geheime politische Beratungen“, besonders zwischen Hardenberg und Gneisenau, zur Verfügung (S. 254), Elisabeth von Stägemann schuf gemeinsam mit ihrem Mann, dem Dichter und Staatsmann Friedrich August von Stägemann in ihrem Salon, der als bürgerlich patriotisch gekennzeichnet wird, ein Forum für preußische Reformer.

Obwohl die Salons der drei Frauen die Gliederung vorgeben, kann der Titel des Buches insofern irreführend sein, als hier weniger eine Beschreibung des jeweiligen geselligen Lebens, als vielmehr ein dicht gewebtes Zeitbild dieser widersprüchlichen acht Jahre geboten wird, das nicht nur durch die Erzählperspektive, sondern ebenso durch Auswahl und Zusammenstellung der Zitate und Illustrationen besticht. Überzeugend ist der Ansatz des vielstimmigen Buches, die Entwicklung des Patriotismus beziehungsweise Nationalgefühls in seinen unterschiedlichen Ausgestaltungen exemplarisch an Beziehungen zwischen Salonièren und ausgewählten Gästen zu behandeln. Zu Recht weist von Berg darauf hin, dass „politische Romantik“ sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen konnte und oft von unerwarteter Seite vertreten wurde.

Nicht erwähnt, allerdings auch noch kaum untersucht, ist das Fortbestehen einiger jüdischer Salons nach 1806, deren Gastgeberinnen weiterhin international agierten, beziehungsweise das Nebeneinander dieser Tendenzen im Berlin der Besatzungszeit. Salongäste wie Wilhelm und Alexander von Humboldt oder Friedrich Schleiermacher haben nachweislich die Breite der geselligen Angebote der Stadt genutzt und sie – oft unterschiedlich – kommentiert. Wünschenswert, aber nach Anlage und Umfang des Buches so nicht machbar, wären auch und gerade wegen der Überschneidungen der gesellschaftlichen Kreise, ausführlichere Informationen zu den drei Protagonistinnen, ihren politischen und literarischen Interessen über Hinweise auf ihre umfassende Bildung hinaus. Im Fall der Gräfin von Voss, Tochter der Salonfrau und Hofdame Caroline von Berg, deren erste und großartige Biographie Urte von Berg geschrieben hat, verwundert, dass Bestände, die sie zur Beschreibung der Mutter mit Feingefühl für den Ton der Zeit ausgewertet hat (wie der Familienteilnachlass in Weimar), hier nicht zum Einsatz kommen, um die Tochter näher zu charakterisieren, die keineswegs erst ab 1806 Gäste empfing, und deren feiner Sinn für Ironie, etwa in Bezug auf das nationalpatriotische Engagement ihres Gatten, vielleicht so hätte mehr zur Geltung kommen können.

Während die Untersuchung patriotischer Entwicklungen und Aktionen bei von Berg nachhaltig überzeugt, sind einzelne Wertungen durchaus streitbar. In den von ihr gewählten Zeitabschnitt fällt die 1811 gegründete Deutsche Tischgesellschaft, eine patriotische Vereinigung deutscher Männer, unter explizitem Ausschluss von Frauen, Franzosen und Juden gegründet und deswegen gelegentlich als Gegenentwurf zum Salon bezeichnet.[3] Der Einfluss der Tischgesellschaft ist in der Forschung umstritten, unumstritten ist die deutlich antisemitische Tendenz in einigen der gehaltenen Tischreden. Von Berg weist zu Recht darauf hin, dass viele Mitglieder der Tischgesellschaft Gäste der Salons gewesen sind, und dass der explizite Patriotismus wohl der primäre Attraktivitätsfaktor gewesen ist – „wieweit sie auch antijüdisch dachten, war wohl von Person zu Person verschieden“ (S. 236). Problematisch ist ein Folgesatz: „Die Berliner Juden waren in den Bereichen Wirtschaft und Kultur derart erfolgreich, dass latente antijüdische Ressentiments und Vorurteile verständlich erscheinen.“ Historisch erklärbar vielleicht, verständlich wohl kaum. Auch die Einordnung Achim von Arnims als Befürworter der Reformen und Judenemanzipation ist fraglich, insbesondere im Hinblick auf sein hier nicht erwähntes Duell mit Moritz Itzig und seine Tischrede über die „Kennzeichen des Judentums“, mit der er es keineswegs „im Eifer des Gefechts […] übertrieb“, sondern einen Beispieltext des frühen Antisemitismus schrieb (S. 236).

Im Nachwort geht von Berg in wenigen Zeilen darauf ein, was den Reiz, aber auch die Problematik jeglicher Salonforschung ausmacht, die Mündlichkeit des Phänomens, das Momenthafte der Kommunikation, die in Briefen eventuell weitergeführt, nie aber abgebildet wird. „Briefe, so kostbar sie sind, stellen stets Stilisierungen dar“ (S. 253), die wenigen Memoiren(fragmente) der Gastgeberinnen sind ebenfalls als Quellen nur mittelbar nutzbar, generell sind Primärquellen dieser Zeit und dieses Personenkreises besser als aus der jüdischen Geselligkeitsgeschichte, aber oft nur bruchstückhaft überliefert. Diese berechtigte Quellen-Vorsicht steht in gewissem Widerspruch zu einigen überdeutlichen Wertungen im Text, die nicht nötig gewesen wären. Die Frage, inwieweit halböffentliche Geselligkeit und „Salon-Gespräche“ zur Entwicklung einer politischen Haltung oder Strömung beitragen, ist berechtigt und auch aus heutiger Perspektive interessant. Allerdings könnte durch die Einleitung der Eindruck entstehen, als wären Salons um 1809 grundsätzlich der nationalen Befreiung gewidmet. Dass Königin Luise „als Schutzpatronin der Salons angesehen“ (S. 8) wurde, mag für ihre Hofdame Caroline von Berg zutreffen, aber nicht notwendig für alle. Bei der Betonung der „verbindlichen Leitbilder der Salonkultur um 1800“ (ebd.) wird die Anlehnung an die klassische Untersuchung von Petra Wilhelmy deutlich, bei der sich von Berg im Nachwort auch explizit bedankt.

Angesichts der vorliegenden Ergebnisse der kritischen Salonforschung wäre eine Hinterfragung des Salon-Begriffs oder zumindest ein Hinweis darauf, dass die historischen Gastgeberinnen andere Begriffe für ihre Treffen fanden oder auf Definitionen ganz verzichteten, wünschenswert gewesen. Der hier vermittelte Eindruck, es hätte sich bei Berliner Salons um absichtsvolle Gründungen nach vorgegebenem Modell gehandelt, widerspricht dem tatsächlichen Experiment-Charakter des Phänomens. Salon ist für die Zeit um 1800 ein Begriff der Forschung. Lohnender als ein Festhalten an „Salon“-Definitionen scheint, gerade im Hinblick auf die feinen Brüche, die das Buch abbildet, die Verschiebungen im geselligen Gefüge Berlins, Veränderungen in der Einladungspolitik oder im „Umgangston“ zwischen denselben Protagonisten als Indikator für gesamtgesellschaftlichen Stimmungswandel zu lesen. Ein Vergleich sogenannter jüdischer und sogenannter patriotischer Salons, in denen vielfach dieselben Gäste verkehrten, bleibt ein Desiderat. Insofern aber Buch und Titel darauf abzielen, gute Werbung zu machen für die weitergehende Erforschung dieses für die kulturelle und politische Entwicklung Preußens entscheidenden Jahrzehnts, ist es nachhaltig erreicht.

Anmerkungen:
[1] Clemens Brentano an Friedrich von Savigny, 22.12.1809, zitiert bei von Berg, S. 225.
[2] Vgl. besonders Urte von Berg, Caroline Friederike von Berg – Freundin der Königin Luise von Preußen. Ein Portrait nach Briefen, Göttingen 2008.
[3] Zuletzt bei Marco Puschner, Antisemitismus im Kontext der Politischen Romantik. Konstruktionen des „Deutschen“ und des „Jüdischen“ bei Arnim, Brentano und Saul Ascher, Tübingen 2008, S. 269.

ZitierweiseHannah Lotte Lund: Rezension zu: von Berg, Urte: Patriotische Salons in Berlin. 1806–1813. Göttingen 2012, in: H-Soz-u-Kult, 06.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-132>.

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