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Historische Bildungsforschung Online

A. Busch u.a. (Hrsg.): Französisch-Deutsche Kulturräume um 1800

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Geiss <mgeissife.uzh.ch>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Wolfgang Gippert). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Titel:Französisch-Deutsche Kulturräume um 1800. Bildungsnetzwerke – Vermittlerpersönlichkeiten – Wissenstransfer
Reihe:Berliner Intellektuelle um 1800 2
Herausgeber:Busch, Anna; Hengelhaupt, Nana; Winter, Alix
Ort:Berlin
Verlag:BWV Berliner Wissenschaftsverlag
Jahr:
ISBN:978-3-8305-3012-1
Umfang/Preis:312 S.; € 39,00

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-u-Kult von:

Claudia Mäder, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich
E-Mail: <cmaederife.uzh.ch>

Frankreich und Deutschland, Erbfeinde und Busenfreunde, Hochachtung und Geringschätzung – nur wenige Länder dürften eine ähnlich traditionsreiche Spannungsbeziehung vorzuweisen haben wie die Nachbarn am Rhein. Es erstaunt daher nicht, dass sich die seit geraumer Zeit prosperierende Kulturtransferforschung in den 1980er-Jahren rund um das Verhältnis dieser beiden Länder zu entspinnen begonnen hatte.[1] Hat sich die Erforschung von Austauschprozessen und Netzwerkbildungen seither längst auf andere Länder und Weltregionen ausgebreitet und in neuere Ansätze (histoire croisée, entangled history) ausdifferenziert, ist doch der Kulturraum zwischen Deutschland und Frankreich einer geblieben, den Historikerinnen und Kulturwissenschafter gerne zu Untersuchungszwecken betreten. So auch eine Reihe von deutschen und französischen Nachwuchswissenschaftern, die sich 2011 zu einem Forschungsatelier unter dem Titel: „Französisch-deutscher Kulturtransfer im langen 18. Jahrhundert. Probleme, Methoden, Perspektiven“ zusammengefunden und Ergebnisse ihres Austauschs nun im vorliegenden Sammelband publiziert haben.

Mit dem Ziel, Rezeptionsphänomene, Aneignungs- aber auch Abgrenzungsbestrebungen im französisch-deutschen bzw. deutsch-französischen Kulturtransfer aus interdisziplinärer Perspektive zu beleuchten, und dem Anspruch, mithilfe von Textgattungen, die über kanonische Werke hinausgehen, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen sowie die häufig angenommene Dominanz des Modells Frankreich differenziert zu betrachten, versammelt der Band sechzehn Beiträge. Gegliedert sind sie in drei Sektionen – „Wissenschafts- und Bildungsnetzwerke“, „Mittlerpersönlichkeiten“ und „Reisen“ – und sie spielen großmehrheitlich auf ausschließlich deutsch-französischem Terrain: Dieses bleibt in den Augen der Herausgeberinnen ein „besonders ergiebiges“ (S. 14) Feld.

Die ersten beiden Texte der Sektion „Bildungsnetzwerke“ zeigen die Berliner Akademie der Wissenschaften als Treffpunkt von deutschen und französischen Philosophen und Aufklärern. Während Anne Baillot anhand zweier französischer Skeptizisten die unterschiedlichen Karrieremöglichkeiten aufzeigt, die frankophonen Intellektuellen bei betriebener oder unterlassener Netzwerkpflege im institutionellen Gefüge der Akademie offenstanden, ist Cécile Lambert bemüht, (auch) auf die Grenzen der Offenheit hinzuweisen. Am Beispiel der wenig freundlichen Rezeption des Radikalmaterialisten und Atheisten Julien Offray de La Mettrie legt sie dar, dass Netzwerke von vielschichtigen Affinitäten strukturiert wurden und moralische, ethische oder religiöse Kompatibilität mit den Gepflogenheiten des Rezeptionslandes ein entscheidender Faktor für das Gelingen eines Transferprozesses war.

Ein Zeitsprung von fünfzig Jahren führt zum Beitrag von René-Marc Pille, der die These, dass das Französische um 1800 tonangebend war, insofern unterwandert, als er mit Adelbert von Chamisso einen Literaten ins Zentrum rückt, der das Französische zugunsten des Deutschen aufgegeben hatte. Wenngleich die Kontaktfreude, die der Franzose in seiner Wahlheimat entwickelte, zu einem gebildeten Netzwerk führte, wirkt der Text mit seinen psychologischen Mutmaßungen über die Hintergründe des Sprachwechsels etwas fremd in der Sektion, die Bildungseinrichtungen als „Instrument[e] des Kulturtransfers“ (S. 21) zu untersuchen verspricht. Solchen Institutionen wenden sich die letzten beiden Arbeiten wieder direkter zu – wenn auch nur scheinbar: Sowohl Pauline Pujo, die den Geschichtsunterricht an ausgewählten écoles centrales untersucht, als auch Mathilde Lerenard, die die Vermittlung der französischen Aufklärung an preußischen Gymnasien bespricht, fokussieren weniger auf die Schulen denn auf das Wirken einzelner Persönlichkeiten.

Standen damit praktisch schon in allen Beiträgen des ersten Abschnitts Personen im Zentrum, tun sie dies in der zweiten Sektion auch theoretisch: Hier ist Ziel, „Nahtstellen zwischen den Kulturen […] beispielhaft am individuellen Beitrag einzelner Mittler“ (S. 105) offenzulegen. Eine Reihe von Texten ist dabei äußerst prominenten Figuren gewidmet, wobei deren Wirken anknüpfend an bestehende Forschung nach neuen Ansätzen untersucht werden soll. Vor diesem Hintergrund beleuchtet Catriona Seth die Rolle der Poesie in der Beziehung zwischen Voltaire und Friedrich II., deren zwistreiches Ende sie auf die ambivalente Haltung des Königs als Dichter und Herrscher zurückführt. Diesem Beispiel eines gescheiterten Transfers zwischen Politik und Kunst steht mit David Blankensteins Beitrag ein geglücktes gegenüber: Detailreich zeigt er auf, wie Alexander von Humboldt, seit 1805 Kammerherr des Königs, in Paris dank seines enormen Beziehungsnetzes erfolgreich als Kunstförderer für Preußen agierte. Nicht um Strukturen, sondern um Ereignisse geht es sodann bei Nana Hengelhaupt, die Fichtes Stellungnahme für die Französische Revolution und den Philosophen als „Vermittler zwischen deutscher Theorie und französischer Praxis“ (S. 189) präsentiert. Ob das „besonders ergiebige“ deutsch-französische Feld im Bereich der Vermittlerfiguren nicht mehr Innovationspotential birgt, darf zumindest gefragt werden.

Angezapft wird dieser Reichtum bei Héloïse Parbeau und Maïwenn Roudaut, die mit Christian Wilhelm von Dohm einen „noch nicht ausreichend gewürdigte[n]“ (S. 18) Diplomaten ins Zentrum ihrer Betrachtungen rücken, und besonders einprägsam bei Anna Busch, deren Beitrag zum übersetzenden und schreibenden Verleger-Juristen Julius Eduard Hitzig die mehrschichtige Transferleistung einer facettenreichen Figur verfolgt. Zunächst als Übersetzer von Madame de Staëls ‚De l’Allemagne‘ zum Importeur französischer Ideen und Verfechter deutscher Besonderheit gleichermaßen geworden, fungierte Hitzig später durch die Forderung von Autorenrechten nach französischem Vorbild als progressiver Mittler, um zuletzt als Herausgeber juristischer Fachzeitschriften durch kritische Rezeption der französischen Rechtssprechung aufzufallen. Deutlich geht aus diesen Wendungen hervor, dass „Austausch“ nicht notgedrungen „Annäherung“ bedeutete, sondern „mitunter ganz bewusste Abgrenzungsbestrebungen und Entfremdungen“ (S. 149) einen Transferprozess begründeten.

Die dritte Sektion ist dem „Wissenstransfer durch Reisen“ gewidmet und verspricht unter anderem die Öffnung hin zu einer globalen Dimension. Die ersten drei Texte bleiben freilich dem deutsch-französischen Raum verhaftet und jene von Sylva van der Heyden (zu deutschen Kupferstechern in Paris) und Azélie Fayolle (zu Erziehungs- und Bildungsreisen in Romanen) auch wohlbekannten Themen. Eine Erweiterung erfährt die Reisethematik bei Selma Jahnke. Überzeugend verknüpft sie den Parisaufenthalt der Schriftstellerin Helmina von Chézy mit Fragen nach nationalen und geschlechtlichen Stereotypen und legt dar, wie die deutsche Autorin einerseits von ihrem Frankreichaufenthalt profitiert, sich andererseits aber ostentativ von der französischen „Künstlichkeit“ abgegrenzt hat, um ihre deutsche „Natürlichkeit“ hervorzuheben und so weiter ins heimatliche Geschlechtermodell zu passen.

Die letzten beiden Aufsätze des Bandes überschreiten dann die deutsch-französischen Grenzen. Philipp Krämer untersucht das Bild, das sich deutsche und französische Missionare von unterschiedlichen Kreolsprachen machten. Die Ähnlichkeit dieser unabhängig voneinander in verschiedenen Weltgegenden entstandenen Berichte führt er auf einen innereuropäischen Kulturtransfer zurück, der die universalistische Grundeinstellung, die sich in den Beschreibungen der Missionare spiegelt, zu einem „gesamteuropäische[n] ‚Acquis‘“ (S. 293) hat werden lassen. Obschon wenig revolutionär, ist diese Erkenntnis durch den Einbezug größerer Zusammenhänge erfrischend. Dass „um 1800“ ein Bewusstsein für derart globale Bezüge bestand, macht Alix Winter deutlich, die anhand einer von zeitgenössischen Freihandelstheorien inspirierten Reportage über den weltweiten Baumwollhandel zeigt, wie intensiv das Zusammenwachsen der Welt schon in der Presse des frühen 19. Jahrhunderts thematisiert wurde.

Wenn dieser letzte Text mit überraschenden Aspekten – etwa der frühen Wahrnehmung globaler Umweltprobleme – aufwartet und demnach die Grenzen des Bekannten in jeder Hinsicht überschreitet, kann man dies für das Gesamt des Bandes nicht behaupten. Zwar werden gemäß der Zielsetzung ganz unterschiedliche Verflechtungen ans Licht gebracht, der Anspruch, das gut bestellte Feld mit neuen Ansätzen und nicht-kanonischen Texten zu bereichern, wird aber bei der Dichte an bekannten Themen und prominente(ste)n Personen nur teilweise eingelöst. Da der allenthalben durchdringende Fokus auf solche (auch weniger bekannte) Persönlichkeiten in mehreren Fällen ohne Verknüpfung mit übergeordneten Fragestellungen und Entwicklungen auskommt, verdichten sich die diversen Arbeiten nur selten zu einem größeren Mosaik und der Band erscheint damit insgesamt als Sammelsurium kenntnisreich aufbereiteter und sorgfältig präsentierter Einzelfallstudien. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die eher beliebige Kategorisierung der Texte, hätte doch letztlich fast jeder Beitrag in fast jeder Sektion Platz finden können – welche Figur (Sektion 2) hätte ihre Transferleistung ohne Netzwerk (Sektion 1) und Bewegung (Sektion 3) erbringen wollen? Erreicht hingegen wird gerade durch die lose chronologische wie thematische Bindung der einzelnen Texte die angestrebte Ausdifferenzierung des gesamten Themenkomplexes: Dass Frankreich kein unangefochtenes Modell war, sprich Transfers in verschiedene Richtungen und zu unterschiedlichen Zwecken betrieben wurden, macht die Vielfalt der versammelten Arbeiten eindrücklich klar.

Anmerkung:
[1] Als Gründungsdokument der Forschungsrichtung gilt ein auf franko-deutsche Verflechtungen bezogener Aufsatz aus dem Jahr 1985 (Michel Espagne / Michael Werner, Deutsch-Französischer Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert: Zu einem neuen interdisziplinären Forschungsprogramm des C.N.R.S., in: Francia 13 (1985), S. 502–510.), dem zahlreiche Einzelstudien und Sammelbände nachfolgten, vgl. etwa Hans-Jürgen Lüsebrink / Rolf Reichardt (Hrsg.), Kulturtransfer im Epochenumbruch: Frankreich – Deutschland 1770 bis 1815, Leipzig 1997.

ZitierweiseClaudia Mäder: Rezension zu: Busch, Anna; Hengelhaupt, Nana; Winter, Alix (Hrsg.): Französisch-Deutsche Kulturräume um 1800. Bildungsnetzwerke – Vermittlerpersönlichkeiten – Wissenstransfer. Berlin 2012, in: H-Soz-u-Kult, 30.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-199>.

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