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A. Koller: Imperator und Pontifex

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Gorißen <stefan.gorissenuni-bielefeld.de>
Autor(en):
Titel:Imperator und Pontifex. Forschungen zum Verhältnis von Kaiserhof und römischer Kurie im Zeitalter der Konfessionalisierung (1555–1648)
Reihe:Geschichte in der Epoche Karls V. 13
Ort:Münster
Verlag:Aschendorff Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-402-13994-3
Umfang/Preis:X, 494 S.; € 69,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Tobias Daniels, Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom
E-Mail: <tobiasdanielsgmx.net>

Mit der zu besprechenden Studie wurde der seit langem am Deutschen Historischen Institut in Rom wirkende und für das Editionsunternehmen der „Nuntiaturberichte“ verantwortlich zeichnende Verfasser, der zugleich Band 10 der dritten Abteilung der Nuntiaturberichte vorgelegt hat[1], an der Universität Wien habilitiert. In drei Sektionen (I. Kaiser und Papst, II. Rom und die habsburgischen Erbländer, III. Die päpstlichen Nuntien im Reich) beleuchtet der Autor die Beziehungen zwischen Kurie und Kaiserhof zwischen dem Augsburger Religionsfrieden und dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, also einer Zeit höchster konfessionell bedingter religionspolitischer Spannung, in der die römische Kurie das Reich „im Zustand der Anarchie“ (S. 2) sah.

Koller greift in seiner fundierten Darstellung auf die teils von ihm selbst erschlossene Korrespondenz der päpstlichen Gesandten (Nuntien und Legaten) mit dem römischen Staatssekretariat sowie weitere edierte Quellen (wie beispielsweise die Hauptinstruktionen) und unediertes Quellenmaterial zurück. Methodisch kommen vielfältige Ansätze zum Tragen, von der Prosopographie über die Diplomatie-, Behörden-, Mentalitäts-, Mikro- und Alltagsgeschichte bis hin zu Fragen der politischen Symbolik, des Zeremoniells und der Rhetorik.

In der ersten – grundsätzlich chronologisch geordneten – Sektion führt Koller seinen Leser vom Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Kurie und Kaiser zu Zeiten Karls V. (Stichwort: Passauer Vertrag) über die Wiederaufnahme der Beziehungen mit der Nuntiatur des Stanislaus Hosius bis hin zu der intensiven Orientierung auf das Reich unter Papst Gregor XIII., der 1573 in Rom eine eigens mit den Angelegenheiten des Reichs betraute Kardinalskongregation (die Congregatio Germanica) sowie im Reich die Nuntiaturen in Graz (Innerösterreich, 1580) und Köln (1584) ins Leben rief. Die Nuntiaturberichte geben Einblick nicht nur in Einflussgruppen am Kaiserhof, wie etwa die spanische Partei um Maria von Österreich, sondern auch in die Ämterstruktur des Hofes in personeller und mikrogeschichtlicher Perspektive. Vom Konflikt um die Obödienzformel Rudolfs II. gegenüber dem Heiligen Stuhl (würde er – was die Kurie wollte – obedientissimus sein oder – wie er es wollte – lediglich obsequentissimus?) wird der Leser nach Borgo Val di Taro gebracht. Am Beispiel dieser Belehnungsfrage erläutert Koller, wie der Nuntius am Kaiserhof als Unterhändler für nepotistische Politik des Papstes Gregors XIII. agierte. Das geheimpolitische Wirken eines Nuntius führt er am Beispiel der Mission des Traiano Mario nach Graz und Prag im Jahr 1579 vor. Ausgehend von einer Beschreibung der Prioritätsstufen päpstlicher Politik um 1600 („Verbreitung und Festigung des katholischen Glaubens, Wiederherstellung der päpstlichen Autorität, Wiedererlangung der kirchlichen Jurisdiktion und Immunität, Reform der Geistlichen und der kirchlichen Disziplin“; S. 140) führt Koller dann den Nachweis, dass dem Heiligen Stuhl in jener Zeit kein „militante[r], kriegstreibende[r] Katholizismus im Kampf gegen die protestantische Heterodoxie“ (S. 153) unterstellt werden könne. Ein wichtiges Thema war im Pontifikat Pauls V. Borghese (1605–1621) hingegen die Sukzession Ferdinands von Innerösterreich. Wie Koller zeigen kann, nutzten hier die Nuntien auch protokollarische und zeremonielle Fragen, um zu ihren diplomatischen Zielen zu kommen, allerdings in diesem Fall mit geringen Erfolgen. Erfolgreicher war hingegen die päpstliche Reichspolitik im kurzen Pontifikat Gregors XV. Ludovisi (1621–1623), während der das Fortbestehen der Kölner Nuntiatur sowie die Übertragung der pfälzischen Kurwürde an den katholischen Fürsten Maximilian I. von Bayern (Regensburg, 1623) gesichert wurde. Der für ausufernden Nepotismus bekannte Nachfolgepapst Urban VIII. Barberini hingegen lehnte sich stark an Frankreich an und verspielte somit ein Gutteil von dem Ruf des Papstes als communis pater. Trotz der erfolgreichen Friedensvermittlung durch den Nuntius Fabio Chigi 1648 in der „Heimat des Regens“ Münster (Nimborum patria, dichtete er selbst; S. 199) konnte der Heilige Stuhl seine internationale Reputation letztlich nicht wiederherstellen, da Papst Innozenz X. den Westfälischen Frieden ablehnte.

In der zweiten Sektion wird die Korrespondenz der Nuntien im Hinblick auf die Beschreibung der habsburgischen Erbländer durch die Gesandten befragt: In dem hussitisch geprägten Böhmen hatte ein Nuntius schon einmal den Eindruck, hier gebe es gar keinen Katholiken, die Lausitzen schienen angefüllt mit ogni sorte d’heresia (S. 217), und Ungarn schließlich sei „von Türken und Häretikern umgeben“ gewesen (S. 242). Um dem entgegenzuwirken, förderten die Nuntien unter anderem als Mittlergestalten auch die italienischen Fratres in Konventen nördlich der Alpen, wie Koller im abschließenden Kapitel der Sektion belegt.

In der dritten und letzten Sektion kommen schließlich die Nuntien selbst in den Blick: Ausgehend von den Hauptinstruktionen, wird detailliert das Aufgabenprofil eines „idealtypischen“ Nuntius in der Zeit nach dem Konzil von Trient (also der Zeit der so genannten „Reformnuntiaturen“) herausgearbeitet. Anschließend untersucht Koller in einem prosopographischen Kapitel den Karriereverlauf der päpstlichen Nuntien am Kaiserhof im zeitlichen Rahmen von 1559 bis 1655 – zum Kardinal brachte es nur knapp die Hälfte (manch einer überlebte die Nuntiatur nicht). Exemplifiziert werden die übergreifenden Betrachtungen an den biographischen Skizzen zu den zwei Nuntien Bartolomeo Portia und Ottaviano Santacroce. Nachfolgend rekonstruiert Koller aus zwei höchst aussagekräftigen (und folgerichtig im Anhang edierten) Quellen, dem Abschlussbericht von Santacroces Sekretär aus dem Jahr 1581 und einem normativen Text für die familia eines Nuntius in Wien, minutiöse Informationen zur Instruierung der Nuntien und zu den praktischen Aspekten für die Durchführung der Gesandtschaften. (Dabei geht es bis hin zum Einkauf von Fisch in Wien und den vielfach zu zahlenden Trinkgeldern.) Hier, wie auch in einem Kapitel zum „Nuntienalltag“ werden sowohl Überlegungen zum Haushalt des Nuntius als auch zur Erfahrung und Beschreibung des Fremden (die Nuntien waren fast ausschließlich Italiener) angestellt. Den Abschluss des Bandes bildet ein Kapitel zu der Leichenrede des Jesuiten Johannes Vivarius auf den Nuntius Santacroce, die Koller ediert, in Übersetzung darbietet und hinsichtlich der rhetorischen Mittel analysiert.

Koller legt eine handwerklich einwandfreie, aus tiefer Quellen- und bester Methodenkenntnis schöpfende und durch ein zuverlässiges Register erschlossene Darstellung vor, die fundamental für das Studium des frühneuzeitlichen Nuntiaturwesens ist. Der Autor versteht es immer wieder, den Bogen von ins Thema (und seine archivalische Erschließung) einführenden Bemerkungen bis zur Nahanalyse der Quellen zu spannen. Somit eignet sich der Band sowohl als Basislektüre als auch zum Studium von Spezialproblemen der europäischen Politik des Papsttums sowie zum Kaiserhof in der Frühen Neuzeit.

Anmerkung:
[1] Nuntiaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Aktenstücken, Bd. 10: Nuntiaturen des Orazio Malaspina und des Ottavio Santacroce. Interim des Cesare dell’Arena (1578–1581). Bearb. von Alexander Koller, Berlin 2012.

ZitierweiseTobias Daniels: Rezension zu: Koller, Alexander: Imperator und Pontifex. Forschungen zum Verhältnis von Kaiserhof und römischer Kurie im Zeitalter der Konfessionalisierung (1555–1648). Münster 2012, in: H-Soz-u-Kult, 10.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-022>.

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