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Europäische Geschichte

L. M. Danforth u.a.: Children of the Greek Civil War

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):;
Titel:Children of the Greek Civil War. Refugees And The Politics Of Memory
Ort:Chicago
Verlag:University of Chicago Press
Jahr:
ISBN:978-0-226-13599-1
Umfang/Preis:329 S.; $ 25.00

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Stefan Troebst, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig
E-Mail: <troebstuni-leipzig.de>

In den Jahren 1948 und 1949 sind rund 28.000 Kinder zwischen drei und vierzehn Jahren aus den Bürgerkriegsgebieten Griechenlands von den republikanischen „Regierung des Berges“, d. h. der kommunistischen Kriegspartei, in die benachbarten Staaten Albanien, Jugoslawien und Bulgarien evakuiert worden. Dies geschah teils gegen den Willen von Eltern(teilen) bzw. Erziehungsberechtigten, mehrheitlich aber wohl mit deren Zustimmung. Ein Teil der Evakuierten gelangte nach Rumänien, wohingegen die Mehrzahl nach Ungarn gebracht wurde. Von dort wurden wiederum viele weiter in die Tschechoslowakei, nach Polen sowie in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands geschickt. 1950 waren die Kinder und Jugendlichen – je zur Hälfte Griechen und Makedonier sowie einige Aromunen, Arvaniten und Albaner – über sämtliche Volksdemokratien, die neue DDR sowie Jugoslawien verteilt. Kinderheime, Schulen, Lehrlingswohnheime und Betriebe von Radebeul in der DDR und Wałbrzych in Polen bis Fehérvárcsurgó in Ungarn und Belogradčik in Bulgarien waren in der Folgezeit mit der Notwendigkeit konfrontiert, die heranwachsenden Nachkommen von analphabeten Bergbauern in einen nationalsprachlichen, häufig urbanen sowie jetzt dezidiert „sozialistischen“ Alltag zu integrieren. Denn die Erwartung einer Wiederaufnahme des Griechischen Bürgerkriegs, in welche die jugendlichen Flüchtlinge als „Stalins Janitscharen“ eines Tages aktiv eingreifen sollten, erfüllte sich nicht. Während die UdSSR die kommunistischen Partisanen ohnehin nur passiv unterstützt hatte, fiel deren aktive Unterstützung mit Waffen, Militärtechnik, medizinischer Hilfe und Rückzugsmöglichkeiten seitens Jugoslawiens in der Folge des Bruchs zwischen Belgrad und Moskau weg. Im Herbst 1949 flohen die Reste der Partisanenarmee über die Nordgrenze Griechenlands nach Albanien – der Krieg war zu Ende und eine Fortsetzung fand nicht statt.

Da die Bemühungen der neuen Vereinten Nationen um Rückführung der Flüchtlingskinder im beginnenden Kalten Krieg fast völlig erfolglos blieben, wuchsen die zumeist aus Gebirgsdörfern kommenden Kinder und Jugendlichen in den Städte Niederschlesiens, des Elbtals, der Puszta, der Wallachei oder Mährens in den folgenden zwei Jahrzehnten zu Erwachsenen heran. Allerdings übersiedelten die meisten Makedonier unter ihnen in den 1960er und 70er Jahren nach Jugoslawien, in die dortige Teilrepublik Makedonien. Die Griechen hingegen konnten erst ab 1982 unter der sozialistischen Pasok-Regierung Andreas Papandreous wieder in ihre Heimat zurückkehren – eine Möglichkeit, welche viele, aber nicht alle nutzten. Entsprechend gibt es in Zgorzelec und Budaörs, in Šumperk und Oneşti bis heute größere Gruppen von Griechen mit eigenen Vereinen, Medien und Netzwerken.

Des Mittels der Evakuierung von Kindern aus der Kampfzone und ihrer anschließenden Erziehung gemäß eigener ideologischer Grundsätze bediente sich im Griechischen Bürgerkrieg aber nicht nur die kommunistische sondern auch die prowestlich-bürgerliche Kriegspartei. Unter der Ägide der griechischen Königin Friederike, einer Enkelin Kaiser Wilhelms II., wurden von 1947 an 54 sogenannte „Kinderstädte“ (paidopoleis) für ca. 18.000 Kriegswaisen, Kinder aus „banditengeplagten“ (andartopliktoi) Landesteilen sowie für im Land dislozierte Kinder eingerichtet, in denen ein strenges Regiment einschließlich griechisch-nationalistischer Indoktrinierung auch und gerade von nicht-griechisch(sprachig)en Kindern wie Makedoniern herrschte. Auch hier war im Einzelfall schwer zu entscheiden, ob es sich um freiwillige oder erzwungene Beteiligung handelte, ob Elternteile zustimmten oder nicht. Dieser Vorgang wurde vonseiten der Athener Regierung als „Kinderschutz“ (paidofylagma) bzw. „Kinderrettung“ (paidososimo) bezeichnet.1950 wurden die meisten „Kinderstädte“ aufgelöst und die Insassen sukzessive in ihre zumeist nordgriechischen Heimatorte repatriiert. 14 blieben weiterhin bestehen.

Der auf den Balkan spezialisierte Ethnologe Loring M. Danforth vom Bates College in den USA und seine niederländische Kollegin Riki Van Boeschoten von der Universität von Thessalien im griechischen Volos haben in langjähriger Feld- und Archivforschung sowie mittels lebensgeschichtlicher Interviews Lebensläufe und Traumata, Karrieren und Schicksale der evakuierten Kinder des Griechischen Bürgerkrieges nachgezeichnet. Entsprechend stellt ihr Buch ein Kaleidoskop aus drei unterschiedlichen Genres dar, die zugleich die drei Hauptteile ausmachen. Der erste Teil – „Histories“ – behandelt dabei die Geschichte der Evakuierung der Kinder und ihre Aufnahme in den Zielländern bzw. den „Kinderstädten“. Der zweite Teil – „Stories“ - besteht aus den paradigmatischen Lebensgeschichten von vier nach Osteuropa evakuierten und drei in den „Kinderstädten“ untergebrachten Kindern. Und der dritte Teil – „Ethnographies“ – vertieft in drei Kapiteln eine Reihe von zuvor angesprochenen Aspekten bzw. eröffnet zusätzliche Perspektiven. Dazu gehören erstens die massiven Integrationsprobleme fast aller Rückkehrenden, die vor allem auf den unterschiedlichen Bildungsstand und Lebensstandard in den ostmitteleuropäischen Aufnahmeländern verglichen mit Nordgriechenland bzw. im Falle der Makedonier mit dem jugoslawischen Makedonien. Desgleichen werden zweitens die unterschiedlichen Erinnerungsgemeinschaften thematisiert – diejenige aller Flüchtlingskinder ungeachtet von Sprache und Ethnonym, die ethnokulturell separierten von Griechen und Makedoniern, diejenigen derer, die in jeweils ein Aufnahmeland kamen, sowie die regional basierten und zumeist nach größeren Dörfern in der Herkunftsregion benannten. Ein eindrückliches Beispiel für den engen Zusammenhalt über Jahrzehnte hinweg ist die Aussage einer heute im makedonischen Skopje lehrenden Mathematikprofessorin, die aus ihrer nordgriechischen Heimat nach Volkspolen evakuiert worden war, wo sie gemeinsam mit anderen makedonischen und griechischen Flüchtlingskindern aufwuchs und ihre Ausbildung erhielt. Mit drei ihrer griechischen Schicksalsgenossinnen, die heute in Bulgarien und Kanada leben, hält sie seit vierzig Jahren Briefkontakt. Den Buchautoren sagte sie im Interview: „[In English.] We didn’t miss our parents that much. All the children were my brothers and sisters, all together. Because there were so many of us, we were strong. We survived; we remained normal. [Switches to Greek.] I can talk to those girls about what we went through, and they understand. Nobody else does. You just can’t open your heart to anyone.” (227). Und drittens werden etliche Manifestationen dieser Erinnerungsgemeinschaft(en) behandelt, nämlich eine Organisation von Makedoniern, die „Združenie na decata begalci od Egejskiot del na Makedonija“ (Vereinigung der Flüchtlingskinder aus dem Ägäischen Teil Makedoniens) mit Sitz in Skopje und Untergliederungen in Rumänien, Ungarn, Polen, der Tschechischen Republik, Kanada und Australien, und eine rivalisierende von Griechen, die „Pan-Macedonian Association USA, Inc.“, die überdies in Griechenland und Südafrika sowie ebenfalls in Australien und Kanada aktiv ist. Beide werden von der Geschichtspolitik der Regierungen in Skopje und Athen massiv instrumentalisiert. Ein gesonderter Abschnitt ist Nicholas Gages auch ins Deutsche übersetztem Erfolgsroman „Eleni“ aus dem Jahr 1983 samt politischen Wirkungen gewidmet, da hier Bürgerkrieg und Kinderevakuation in einem an der Grenze zu Albanien gelegenem Dorf thematisiert werden. Und eben dieses Dorf Lia nahe Konitsa wird als einer der zentralen lieux de mémoire der die nationale Erinnerung bis zum Ende der Junta-Herrschaft 1974 dominierenden monarchistischen Bürgerkriegspartei analysiert – eine nationalgriechisch-geschichtspolitische Vereinnahmung, die nicht auf die Zustimmung aller Dorfbewohner stößt.

Die Perspektivwechsel in den drei Teilen des Buches machen es nicht leicht lesbar und bedingen etliche Überschneidungen. Auch macht sich der Umstand bemerkbar, dass beide Autoren keine Zeithistoriker sind – sonst wäre ein Fehler wie eine „Invasion Finnlands durch Nazi-Deutschland 1939“ (28) bemerkt sowie das das Leben der Flüchtlingskinder im sowjetischen Machtbereich dominierende und von den griechischen Exilkommunisten gesteuerte und in Budapest ansässige Zentralkomitee der politischen Flüchtlinge Griechenlands (Kentriki Epitropi Politikon Prosfygon Elladas – KEPPE) nicht nur gestreift worden. Auch weist das Literaturverzeichnis einige Lücken auf [1], wie überdies ein deutschsprachiger Memoirenband, welcher der von den Autoren im Mai 2001 im griechischen Alexandropoulis interviewte Zeitzeuge Kostas Tsimoudis bereits drei Jahre zuvor veröffentlicht hatte, nicht herangezogen wurde. [2] Mehrheitlich aufschlussreich sind die Kartenskizze sowie vor allem die Fotografien.

„Children of the Greek Civil War“ ist bei aller Kaleidoskophaftigkeit eine grundlegende Studie horizonterweiternden Charakters, die gleich zwei der tiefen Erinnerungsgräben, welche die Gesellschaft Griechenlands durchziehen, markiert: Zum einen die Kluft zwischen den „Siegern“ und den „Verlierern“ des Bürgerkriegs, in Folge derer die Letzteren bis 1974 aus dem offiziellen Gedächtnis der Nation getilgt worden sind, bevor das einsetzte, was als die „Revanche der Verlierer“ bezeichnet wurde – allerdings ohne dass die teils erzwungene Evakuierung der Kinder selbstkritisch thematisiert worden wäre. Und zum anderen ist es die im öffentlichen Raum Griechenlands weiterhin eifernd propagierte Sicht, dass es im Lande keine makedonische Minderheit, sondern lediglich „slavophone Griechen“ gebe. Dass diejenigen Sprecher des Makedonischen, die sich dieser Ansicht nicht angeschlossen haben, im Zuge des Bürgerkriegs mehrheitlich geflohen und anschließend ausgebürgert worden sind, nimmt sich in dieser hellenozentrischen Perspektive als Gewinn für die „Reinheit der Nation“ aus. Das weiterhin unaufgearbeitete Bürgerkriegs- und Makedonier-Trauma der griechischen Gesellschaft ist, wie Adamantios Skordos unlängst gezeigt hat, auch der Grund für die kollektive Makedonien-Hysterie in Athen und Thessaloniki bezüglich der Staatswerdung der benachbarten Republik Makedonien 1991 [3]. Die Schatten des Bürgerkriegs reichen also bis in die Gegenwart, ja, drohen überdies, auch die nähere Zukunft zu verdunkeln. Dennoch gibt es Grund zu vorsichtigem Optimismus: Den einen haben Danforth und Van Boeschoten in ihrem Buch deutlich benannt, nämlich den im doppelten Wortsinne transnationalen Zusammenhalt der heute betagten Flüchtlingskinder untereinander – über Sprach- wie Staatsgrenzen hinweg. Und zum anderen sind es mittlerweile nicht mehr nur auswärtige Migrationswissenschaftler, die sich mit den so unterschiedlichen Schicksalen von Kindern im Griechischen Bürgerkrieg befassen, sondern zunehmend auch einheimische [4].

Anmerkungen:
[1] Georgi Daskalov, Meždu revanšizma na Atina, makedonizma na Belgrad i nichilizma na Sofija (Egejskite bežanci prez 40-te – 80-te godini na XX vek) [Zwischen dem Revanchismus Athens, dem Makedonismus Belgrads und dem Nihilismus Sofijas (Die ägäischen Flüchtlingen von den vierziger bis achtziger Jahres des 20. Jahrhunderts)], Sofija 2007; Tchavdar Marinov, Aegean Macedonians and the Bulgarian Identity Politics. Oxford 2004 (URL www.bak-services.com/dossiers/bg/marinov.pdf); Stefan Troebst / Anna Tutaj, Zerstrittene Gäste. Bürgerkriegsflüchtlinge aus Griechenland in Polen 1948-1988, in: Nordost-Archiv 14 (2005), S. 193-225; Pavel Hradečný, Řečká komunita v Československu. Její vznik a počáteční vývoj (1948-1953) [Die griechische Gemeinschaft in der Tschechoslovakei. Ihre Entstehung und anfängliche Entwicklung (1948-1953)], Praha 2000.
[2] Konstantinos Tsimoudis, Eine neugriechische Odyssee. Autobiographie, Alexandropoulis 1998.
[3] Adamantios Skordos, Griechenlands Makedonische Frage. Bürgerkrieg und Geschichtspolitik im Südosten Europas, 1945-1992, Göttingen 2012, vgl. dazu die Rezension von Heinz-Jürgen Axt in: H-Soz-u-Kult, 20.11.2012 <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-153>.
[4] Eftihia Vouthira u. a. (Hrsg.): „Ta opla para poda”. Oi politikoi prosfiges tou ellinikou emfiliou polemou stin anatoliki Evropi [„Die Waffen in Bereitschaft halten“. Die politischen Flüchtlinge des Griechischen Bürgerkriegs in Osteuropa], Thessaloniki 2005; Eirini Lagani / Maria Bontila (Hrsg.), „Paidomazoma” i „paidososimo”? Paidia tou emfyliou stin anatoliki kai kentriki Evropi [„Kinderverschleppung” oder „Kinderrettung“? Kinder des Bürgerkriegs in Ost- und Mitteleuropa], Thessaloniki 2012.

ZitierweiseStefan Troebst: Rezension zu: Danforth, Loring M.; Van Boeschoten, Riki: Children of the Greek Civil War. Refugees And The Politics Of Memory. Chicago 2012, in: H-Soz-u-Kult, 08.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=20455>.

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